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Rr. 232.

Marburg, Sonntag, 3. Oktober 1886.

XXL Jahrgang.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie b Annoncen-Bureaux vvn Haosenstein undVoole» in Frankfurt a. Al, Casi.l, Magdeburg unb Wen; Rudoli Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,M ünchen und Köln; (S. L. Taube und <o n rar.k'urt s. 3I?.r - rl n, Ha ncv r u. Paris.

Wöchentliche Vcilagen: Amtlicher Anzeiger f. Kreise Marburg u

Expedition Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

- Zllustricrtcs Sonntagsblatt.

Bestellungen auf die Oberhessische Zeitung nebst deren wöchentl. Gratis-Beilagen: Amtl. Anzeiger für die Kreise

Marburg und Kirchhain

und

Illustriertes Donntagsbiatt werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten sowie in Kirchhain von unserer Agentur (Herrn Buchbinder Rindt) und unserer Expedition für' hiesige Stadt noch fortwährend angenommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Okt. Die „Nordd. Allg. Ztg." hält ihre jüngste Ausführung Aufrecht, daß der Rücktritt des Fürsten von Bulgarien ein freiwilliger und nicht durch den Druck der fremden Mächte erzwungen gewesen sei. Der russische Druck sei der gewöhnte uild alte gewesen, welchen der Fürst vorausgeschen und provoziert hälte. Das bekannte Ant- worttclcgramm des Zaren sei ein aus einem schwer er­klärlichen Schritte des Fürsten hervorgerufenes Symptom eines alten Schadens gewesen, in welchem ein Motiv der Abdankung nicht zu finden sei. Unwahr sei es, daß der Fürst in der Handhabung der Strafgerechtigkeit behindert worden sei. Rußland habe allerdings hierauf bezügliche amtliche Wünsche kundgegeben, die, soweit sie bekannt wurden, von Drohungen nicht begleitet waren. Die Thä- tigkeit Deutschlands und Oesterreichs habe sich darauf be­schränkt, in vertraulicher and höflicher Form von sofortigen Hinrichtungen abzuraten. Außer der Verschwörung vom 21. August sei über andere Verschwörungen nichts erwiesen. Auch müßte der Fürst in einem Lande, wie Bulgarien, auf solche gefaßt sein; auch in anderen Ländern kämen dergleichen vor, ohne die Fürsten zu sofortiger Abdankung zu nötigen.

Kaiserswerth, 29. Sept. Die Kaiserin hat aus Anlaß der fünfzigjährigen Jubiläumsfeier des Diakonissen- werks in Kaiserswerth der Oberin und Witwe des Be- gründers der Anstalt, Frau Pastor Fliedner, ein von einem anerkennenden Handschreiben begleitetes Andenken, bestehend i in einem goldenen Frauen-Verdienstzeichen, dem Vorstande der Anstalt aber ein Geldgeschenk von IOC0 Mk. über­weisen lassen. Gleichzeitig erhielt, wie die „R. Pr. Ztg." ferner berichtet, eine der Anstalt seit beinahe vierzig Jahren angehörige Magd von der Kaiserin das goldene Dienst­botenkreuz und Diplom für vierzigjährige treue Dienste.

Würzburg, 29. Lept. Zu dem telegraphischen Be­richt über die Reise des Prinzen Luitpold und über den ersten Tag seines Aufenthaltes in seiner Geburtsstadt Würzburg tragen wir, nach der „M. A. Ztg.", folgende Einzelheiten nach: „Der Extrazug, der Se. Königl. Hoheit von Nürnberg nach der unterfränkischen Hauptstadt führte, brauchte nur zwei Stunden, da er nur einmal, in Neu­stadt a. d. Aisch, anhielt. Durch alle übrigen Stationen fuhr der Zug ohne Aufenthalt durch, doch wurde durch langsames Fahren innerhalb des Stationsbereiches den überall zahlreich versammelten Vertretern und Angehörigen der größeren Ortschaften, worunter wieder Kriegervercine, Feuerwehren, Lehrer mit Schuljugend, Turner, auch Geist­liche hervortraten, Gelegenheit zum Anblick ihres Regenten gegeben. Ter Empfang in Würzburg entsprach den ge­troffenen Anordnungen; die Ansprache des Bürgermeisters, Hofrats Dr Steidle, der bekanntlich der klerikal - patrio­tischen Partei angehört, erfreute besonders durch die Be­tonung des festen Vertrauens, welches Würzburg auf die Regentschaft von Anfang an gesetzt habe. Beim Einzug durch die reich- und geschmackvoll dekorierten Straßen traten gegen Augsburg und Nürnberg noch weilere Ver­stärkungen der Ehrcneskorte durch berittene Bürger und der Spalierbildung durch die Studentenschaft hervor. Die Zurufe der ebenfalls in der via triumphalis sich drängen­den Bevölkerung wareil nicht minder lebhaft wie in Augs­burg und Nürnberg, und trugen überall das deutliche Ge- a der Herzlichkeit, wenn auch ein ultramontanes Organ i Huldigungen den Wert der Aufrichtigkeit abspricht. Vor dem Residenzschloffe fand eine Ovation der Gesang­vereine statt, die einen von Regierungsrat Burkhard ge­dichteten, warmempfundenen Weihegruß vortrugen. Herr Burkhard wurde zur heutigen Hoftafel befohlen, welche Auszeichnung auch einigen Industriellen, u. a. dem Kom­merzienrat Holzwarth, zuteil wurde. Nach der Tafel be­suchte der Reichsverweser die Hochschule mit ihren Insti­tuten und die neue Kaserne. Bei der Begrüßung in der Universität hob der Rektor, Professor Dr. v. Urlichs, hervor, daß die Alma Julia durch die bayerische Herr­schaft aus den Banden des alten Obskurantismus befreit und zu hohem Aufschwung empvrgeführt worden sei. Ihre Lehrer- und Schülerzahl, noch mehr die Zahl ihrer In­stitute habe sich vervielfacht, und mit festem Vertrauen auf die fernere Fürsorge der Negierung gehe die Hochschule der Zukunft entgegen. Der Abend brachte eine Festvor­stellung im Stadtthealer, eingelcitet durch Prolog, worin Prinz Luitpold, dessen Wiege im hiesigen Residenzschloffe gestanden, das er heute als Regent des Landes bewohnt, warm gefeiert wurde. Die Krone der dem Prinz-Regenten dar­gebrachten Huldigungen bildete die Fest-Beleuchtung der Stadt und der Festung Marienberg. Nach oem Wohlgelungenen und Hervorragenden, was Augsburg und Nürnberg auch in

dieser Beziehung geboten, schien es kaum annehmbar, daß Würzburg noch mehr werde leisten können. Und doch ist dies geschehen, indem die Illumination an zahlreichen @e»- bäuden noch umfassender und schöner arrangiert war, be­sonders aber dadurch, daß der fein durchbrochene Turm der Marienkirche, die hochgelegene Feste Marienberg nebst dem „Käppele" und der zwischen Stadt und Festung vor- überziehende Mainfluß mit seinen lampiongeschmückten Dampfern und Gondeln, die sich zu einer Regatta ver­einigten, Beleuchtungsobjekte darboten, wie sie eben nur hier zusammentreffen. Der Anblick am Mainufer war zauberhaft; von der jenseitigen Höhe erstrahlten die Burg und die Kapelle im hohen Hintergründe in magischem Lichte, Raketen stiegen zum tiefblauen, sternbesäten Himmel auf, die Schiffe durchzogen langsam die goldenbeglänzte dunkle Flut, während Musikchöre patriotisch erhebende Weisen ertönen ließen — es war der würdigste Abschluß eines Festtages, wie ihn Würzburg seinem erlauchten Sobne schöner wohl kaum bieten konnte."

Stratzburg, 1. Okt. Wie die „Straßburger Post" meldet, ist der vielbesprochene Prozeß der Schwarzen Hand nun endgültig erledigt, da Schaller und Bergmann den auferlegten Eid gestern vor dem Oberlandesgericht Colmar geschworen haben. Darauf wurde sofort das Urteil gefällt, wonach die Kaiserliche Tabakmanufaktur das bisher von ihr gebrauchte Fabrikzeichen „Schwarze Hand" auigeben muß.

Ausland.

Wien, 1. Okt. Die hiesigen Blätter sprechen ihre Befriedigung über Tiszas Erklärungen aus. Das „Frem- denblatt" sagt: Die österreichischen Ziele sind identisch mit den Zielen der Signatarmächte des Berliner Vertrags. Tiszas Erklärungen fertigen ausreichend die Gerüchte über die Hinfälligkeit des österreichisch-deutschen Bündnisses ab. Die „Nene freie Preffe" sieht in den Erklärungen des ungarischen Miuisterprüsideuten ein klares, entschiedenes und gemeinverständliches Programm der gemäßigten, ge­rechten und friedlichen Politik Oesterreich-Ungarns, welches Programm im Interesse von ganz Europa gelegen sei: nämlich das der selbständigen Entwickelung der Balkackstaaten.

Petersburg, 28. Sept. Ueber den endlichen Aus­gang der bulgarischen Frage herrscht in den maßgebendsten russischen Regierungskreisen, ja, man kann sagen, bis zur höchsten Stelle hinauf die gleiche Unklarheit, wie sie sich so sichtbar in der>uropäischen Presse kundgibt. Man ist sich der Schwierigkeit der zum großen Teil durch persönliche Rücksichten und Empfindungen hcrvorgerufenen Lage wohl­bewußt, ist jedoch in völliger Unklarheit, wie diese Schwie­rigkeiten zu beseitigen seien. Auf die Sendung des Baron Kaulbars setzt man nicht allzu sanguinische Hoffnungen. Was soll auch eine einzelne Persönlichkeit in dem Lande, von dessen geringer Sympathie für Rußland man sich

Geschichtskalender.

3. Oktober.

1187. Saladin zieht als Sieger in Jerusalem ein.

1688. Ludwig xiv. erläßt eine Kriegserklärung gegen Kaiser und Reich; dritter Raubkrieg Ludwigs.

1735. Der Friede zu Wien beendet den von 1733 an ge­führten polnischen Erbfolgekrieg, infolge dessen Lothringen an Frankreich abgetr4en wird.

1813. General Z)o:k erstürmt bei Wartenberg gegen Ney den Uebergang über die Elbe, daher Jork von Warteu- berg genannt.

1866. Durch Königl. Patent wird Hannover dem preußischen Staate einverleibt.

4. Oktober.

1226. Franz von Assisi, der Stifter des Ordens- der Franziskaner-Mönche (fratres mtnores), stirbt zu Assisi.

1636. Die SchwedenunterBannererfechten einen entscheiden­den Sieg über die Sachsen und Kaiserlichen bei Wiltstock.

1705. Stanislaus Lesczinzky wird in Warschau als König von Polen gekrönt.

Wanda.

Von A- Gnevkow.

(Schluß)

Von Joseph und Michalek geführt suchten die Fremden dann auch das Gärtchen hinter dem Hause auf, als die Wittwe in der Hütte nicht zu finden gewesen, und als der Sohn hier seiner Mutter gegenüber stand, seiner armen ge­beugten Mutter, die so viel Angst, so viel Sorge um ihn gelitten, schlang die alte Frau ihre Arme mit einem Auf­schrei des Glückes um den Wiedergewonneuen, und barg ihr greises Haupt unter strömenden Thränen an seiner Brust.

O Mutterliebe, Mutterliebe, was galt es Dir, daß Dein Kind so lange auf Irrwegen getoanbelt, daß Du Dich kränk um ihn gehärmt in so viel traurigen und scklaflosen Nächten? Immer wieder und wieder drängte Mutier Maiinka den Sohn von sich fort, sah ihm ins Gesicht und beklagte sein bleiches Aussehen und liebkoste seine Wangen, seine Hände, als wäre er noch der kleine Knabe von ehedem, der sich schmeichelnd an ihre Knie legte.

Und in Josephs Seele begann unter den Liebkosungen der Mutter langsam der Schmerz um ein v rlorenes Glück zu ersterben. Leise legten sich darum die Schleier heimat­licher Erinnerungen, heimatliche Freuden drängten sich in den Vordergrund und aus der Umarmung der Mutter ging der junge Mann in die der Schwester über, die sich an ihn schmiegte.

Erst jetzt blickte Mutter Marinka auf die Fremden, die noch außer ihr und ihren Kindern in dem Gärtchen standen und auf die sie in ihrer HerMssreude gar nicht geachtet hatte. Fast erschreckt aber wa? sie, als sie sab, daß der alte Mann Thräne um Thräne mit der verkehrten Hand aus seinen Augen fortwischte, und sie horchte hoch auf, als er, auf sie zutretend, mit weicher, unendlich sanfter Stimme ein einziges Wort: „Marinka!* sagte.

Was nun aber auch die Zeit dazu gethan, das Aussehen der beiden Leute zu verändern, die sich einst in treuer Liebe angehört hatten, die Stimme hatte sie doch nie zu verändern vermocht, und mit großen, starren Augen blickte die alte Frau auf den Bauern, der vor ihr stand, ihr beide Hönde entgegenstreckte und noch einmal den Namen „Tiarinfa" wiederholte. Und dann schlangen sich die Finger der greifen Leute in einander, dann hatten sie sich so viel zu erzählen, so viel zu fragen, wie die jüngsten Liebesleute es nur haben konnten, und sie übertraten selbst Michalek und Jaguscha darin, die erst jetzt dazu kamen, ihr Wiedersehen zu feiern.

Freilich hatten die alten Leute auch lange, lange Jahre in der Erinnerung zu durchwandern, während der junge Bauer und fein Mädchen nur ein paar Wochen getrennt gewesen, und die langen Stunden, in denen hin und her erzählt wurde, waren auch nur peinlich für Joseph und Marzinna, die noch keine gemeinsamen Erinnerungen hatten, und die sich nur von Zeit zu Zeit einen scheuen Blick zu­warfen.

Später ging der Bauer dann zu dem Vater Michaleks seinem Vetter, hinüber, während Michalek, etwas herzklopfend bei Jaguscha zurückblieb.

Ein Jahr nach den eben geschilderten Erlebnissen war verflossen, als am zweiten Pfingstfeiertage die kleine Dort­kirche festlich mit Blumen und grünem Gewinde geschmückt erschien. Vor dem Altäre standen zwei Brautpaare, die durch Freud und Leid hindurch gedrungen waren und die ernsten ergreifenden Worte des Geistlichen verbanden für die Lebenszeit Joseph und Marzinna, Michalek und Jaguscha.

Was der alte Koski seinem Verwandten gesagt, ober wieviel Heiratsgut er Jaguscha aus seinen eigenen Mitteln verheißen hatte, erfuhren die jungen Leute niemals mit Be­stimmtheit. Es war ihnen genug, daß der Vater Michaleks mit heiterer Stirn etwa eine Stunde später in das Häuschen der Mutter Marinka kam und in die Heirat seines Sohnes mit dem Bettelmädchen willigte.

Um ein einsames Grab auf dem Friedhöfe Warschaus wehen die Zweige der Trauerweide, Blumen blühen in reicher Fülle darauf, Vögel fingen in dem laubigen Grün des alten Baumes und tief im Schatten der Erde ruht die irdische Hülle der toten Meisterstochter.