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Rr. 231

Marburg, Sonnabend, 2. Oktober 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an BerKagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- ULonnrmentS-Preis bei der Expedition 21/« M., bei drn Postämter 2 Ak. 50 8fg. kexcl. Bestellgeld). JnsertionSaebühr für bie «spaltene Zeile 10 Pfg. MMüMen für die Zeile 25 Pfg.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonutagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Oberhessische Zeitung nebst deren wöchentl. Gratis-Beilagen: Amtl. Anzeiger für die Kreise

Marburg und Kirchhain

und

Illustriertes Sonntagsblatt werden von allen Postansialten (auf dem Lande von den Landpostboten), sowie in Kirchhain von unserer Agentur (Herrn Buchbinder Rindt) und unserer Expedition für hiesige Stadt noch fortwährend angenommen.

Industrie und Landwirtschaft.

Den uraltenZug nach Westen" hat auch die letzte Volkszählung im Deutschen Reiche wieder erwiesen; was vor fünfzehnhundert und zweitausend Jahren ein unbe­stimmter Drang war, als sich die Völkermassen der Ger­manen nach dem Westen ergossen, das ist heute ein be­stimmter Plan, eine feste Absicht. Mehr und mehr schiebt sich die Bevölkerung aus dem vorwiegend Landwirtschaft treibenden Osten nach dem industriellen Westen, weil sie hofft, dort bessere Existenzbedingungen zu finden. Daher kommt es, daß die großen Jndustriebezirke sich mehr und mehr anfüllen, daß sie sich überfüllen, eine Kalamität, die teilweise schon eingetreten ist. Die Hunderttausend- Einwohner-Städtc nehmen, wie die Volkszählung ergieß*-, in einem Maße zu, das fast an amerikanische Verhälniffe gemahnen könnte. Wie in den früheren Zeiten die geseg­neten Provinzen des Römerreiches die Germanen lockten, so sind heute die großen Städte der Magnet, dem ein bedeutender Teil der Landbevölkerung und der Bewohner der kleinen Städte nicht Widerstand zu leisten vermag. Daß es mit den Segnungen der großen Städte und der Jndustriecentren durchaus nicht so bestellt ist, wie es sich die außerhalb dieser Kreise stehenden ausmalen, das ist eine bekannte Sache, welche eben nur diese nicht einsehen wollen, von der sie sich aber überzeugen muffen, wenn sie den verhängnisvollen Schritt von der stillen heimischen Scholle in das geräuschvolle Leben gethan. Es giebt doch Personen, welche in diesem Leben ihr Glück gemacht, das ist der Sporn, welcher sie treibt, die Hoffnung, welche sie wagen, aber leider nur in vereinzelten Fällen gewinnen läßt.

Großstadt und Jndustriebezirk ziehen Arbeitskräfte in Menge an, das Arbeitsangebot übersteigt dort in der Regel die Nachfrage weit. Wir wollen nicht gerade be­haupten, daß die deutsche Industrie eine allgemeine Ar­beiterüberfüllung aufzuweisen hat, die Geschäftskrisis schafft erst diese Fülle, aber wir können doch sagen, daß es hohe Zeit ist:Genug!" zu sagen. Der Abgang an in-

Geschichtskalender.

2. Oktober.

1685. Ludwig XIV. hebt das Religionsedikt von Nantes aus; grausame Verfolgung der Hugenotten.

1870.

2. Okt. Siegreiches Vorpostengefecht der DivisionKummer" bei Metz.

Wanda.

Bon A. Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Von dem Augenblicke an, wo Jaguscha den Brief ihres Geliebten erhalten hatte, kehrte der helle Sonnenschein in das Haus der Mutter Maiinka zurück und bald sang das Mädchen mit den Vögeln draußen um die Wette und auf ihren Wangen blühten die Rosen der Gesundheit auf.

Aber in dem Bauernhause bei Warschau währte die Sorge um das Leben Josephs noch fort und oft lag in der Stille ihres eigenen Stübchens Marzinna auf den Knieen vor ihrem Muttergottesbilde und erflehte Kraft und Heilung für den ihr ltebgewordenen Fremden. Sie hatte dabei eine herzliche Freundschaft für Michalek gefaßt, der ihr treulich in der Pflege bchülflich war und der sich auch dem alten Bauer durch Aufmerksamkeit und Fürsorge lieb machte. Seit der ersten Unterredung zwischen den Verwandten, in der Michalek seine Liebe zu Jaguscha bekannte, war niemals mehr die Rede von einer Verbindung zwischen ihm und Marzinna gewesen, ja der Bauer hatte das Gespräch hierüber abgebrochen, als er de« bittenden Blick seiner Tochter auf sich gerichtet sah.

dustriellen Arbeitern durch den Tov oder Arbeitsunfähigkeit wird in ganz gewaltigem Maße ersetzt, und es beginnt be­reits nicht mehr an Klagen zu fehlen, daß ältere Arbeiter jüngeren, kräftigeren Genossen weichen müssen. Stellen­weise ist auch schon ein direkter Ucberfluß an industriellen Arbeitern konstatiert. Wie soll das erst werden, wenn, bei andauernder Vervollkommnung der Maschinen, der Strom voni platten Lande nach den Jnduftriebezirken nicht nachläßt? Es wird eine entschiedene Ueberfluthung des Arbeitermarktes eintreten, die einen Rückschlag zur Folge haben muß. Während bei der Industrie Arbeits­kräfte brach liegen, mangeln sie in der Landwirtschaft; es stellte sich somit ein Verhältnis heraus, das nicht für die Dauer von Bestand sein könnte.

Die Arbeiterverhältnisse auf dem platten Lande und in kleinen Städten sind bekannt. Der Industriearbeiter hat doch immer Aussicht, eine gewisse Selbstständigkeit zu erlangen, dem Landarbeiter blüht wohl einesichere" Existenz, aber an irgend welche Fortschritte ist nicht zu denken. Es ist daher auch nicht zu verwundern, wenn diese Leute die Neigung haben, wenigstens ihren Kindern eine andere Existenz zu verschaffen, wenn es für sie nicht mehr möglich. Noch weit beachtenswerter ist aber die Lage jüngerer Grund- besitzersöhne auf dem Lande, die meistens nicht in ange­nehmer Lage sind, falls sie nicht eine reiche Heirat machen. Besonders diese Elemente, die vor allem dazu dienen sollten, den selbstständigen Bauernstand zu erweitern, das Einbe­ziehen des kleinen Grundbesitzes durch die großen Besitzungen zu verhindern, suchen nur zu oft die großen Städte auf, um ihre Stellung zu verbesfern, während man sich bemühen sollte, gerade sie daheim zu halten. Aber die Selbstständig­keit auf dem Lande! Es ist schwer, eine neue Hofstelle zu verlangen, viel schwerer, als die Errichtung eines kleinen eigenen Geschäftes. Diese Schwierigkeit kann aber nicht veranlassen, über die Frage zur Tagesordnung überzugehen; denn einzig und allein eine kräftige Verstärkung des Bauern­standes ist im Stande, den Zulauf nach den Jnduftriebezirken vor allzugroßer Ausdehnung zu bewahren. Eine geraume Reihe von Jahren ist die Frage schon hin und her erwogen, es hat auch an einzelnen Versuchen nicht gefehlt, aber im Ganzen harrt sie noch immer der Lösung. Und an ihre Lösung wird herangetreten werden müssen, denn Industrie ohne leistungsfähige Landwirtschaft kann ebenso wenig be­stehen, wie Landwirtschaft ohne auf der Höhe der Zeit stehende Industrie.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. Sept. Zu Ehren des Geburtstages der Kaiserin haben alle öffentlichen und viele Privat-Gebäude Flaggenschmuck angelegt, in den Wohlthätigkeitsanstalten fanden festliche Speisungen statt. Im Theater werden die Vorstellungen mit Festprologen ein geleitet. DerReichs- anzeigcr" publizirt die Dienstentlassung des Staatssekretärs des Reichsschatzamtes v. Burchard, welche derselbe auf sein Ansuchen erhalten hat. DerNordd. Allg. Ztg."

An einem sonnigen, Hellen Nachmittag schlug Joseph zum ersten Male mit klarem Bewußtsein die Augen auf, heftete sie starr und erstaunt auf seine Pflegerin und fragte stammelnd und unsicher, wo er sei.

Aber das Mädchen war schon zu sehr auf diese Frage vorbereitet gewesen, um den Krark-.n durch lange Unter­haltung aufzuregen und ihn auf alte Geschichten zu bringen. Sie blickte deshalb auch den Gesellen mit ihrem freundlichsten, liebreichsten Lächeln an, glättete ihm die Kissen und flüsterte ihm zu, daß er ruhig sein möge, weil er sich bei seinen besten Freunden befinde.

Von jenem Tage ab kehrten die Kräfte Josephs und auch seine Erinnerung für entschwundene Zeiten zurück und wahrend die alten Wunden aufs Neue zu bluten anfingen, während er sich Wandas Bild in seiner strahlenden Lieb­lichkeit vergegenwärtigte, empfand er doch wohlthnend die Fürsorge Marzinnas, die ihn unermüdlich pflegte und sich um ihn beschäftigte.

Als der alte Bauer vollständige Kunde von Josephs Vergangenheit, und zwar aus dessen eigenem Munde erhalten hatte, fuhr er für einige Stunden nach Warschau und ging zu dem Hause des Tischlermeisters Nowitzky. Er brachte der Familie, die sich auch um das Verschwinden Josephs gesorgt hatte, Nachricht von dessen Leben und Genesung und sprach schließlich seine Absicht aus, den Sohn seiner einstigen Geliebten bestimmen zu wollen, Landmann zu werden und bei ihm zu bleiben.

Wie leid eS dem Tischlermeister auch that, daß sein Handwerk etnetf so tüchtigen Arbeiter verlieren sollte, eS konnte ihm nach dem Vorgefallenen doch nichts mehr daran liegen, de« Geselle« in seinem Hause zu haben und er trug

wird aus Genua, 23. September, geschrieben: Der deutsche Kronprinz ist gestern mittag in Genua eingetroffen und durch das Personal des deutschen Konsulats am Bahnhof empfangen worden. Ter hohe Herr reiste in einem Salon­wagen und in streng privater Form. Er stieg imHotel des Genes" ab und unternahm, nachdem er gespeist hatte, eine Fahrt durch die Stadt und um die Umwallung. Er besichtigte das Viktor Emanuel-Denkmal, besuchte die Kunst­handlung von Jffel und reiste nach wenigen Stunden nach San Margeritha weiter. Wo der Kronprinz erkannt wurde, wurde er mit Sympathie begrüßt. An der Station Brignole hatten sich zahlreiche Badegäste versammelt, deren Grüße und Zurufe der Kronprinz freundlich erwiderte. TerK. Ztg." wird von hier geschrieben: Es ist eine in näher stehenden Kreisen bekannte Thatsache, daß der Fürst Alexander von Bulgarien, oder wie er jetzt heißt, der Prinz Alexander von Battenberg, der am hiesigen Hofe stets persona grata war, auch jetzt noch sich einer be­sonderen persönlichen Teilnahme des Kaisers und des Kronprinzen erfreut. In diesen höchsten Kreisen macht man, wie uns versichert wird, dem Fürsten keineswegs den Vorwurf der Fahnenflucht, sondern läßt im Gegenteil dem persönlichen Mute des Fürsten alle Anerkennung ange­deihen, und wenn die klar auf der Hand liegenden poli­tischen Jntereffen es geboten erscheinen ließen, daß gerade seine Person als Opfer für die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens preisgegeben wurde, so hat man es ihm um so höher angerechnet, daß er das kaum mißzu­deutende Antwortschreiben des Kaisers von Rußland mit seiner Abdankung beantwortet hat. In ähnlicher Weise, wie es bei der allgemeinen Bauverwaltung geschieht, be­absichtigt der preußische Kultusminister, von allen größeren interessanten Universitäts - Bauten in den verschiedenen Stadien ihrer Ausführung photographische Aufnahmen fertigen zu lassen, sofern dies vom Universitäts - Bau- beamteu in Uebereinstimmung mit dem zuständigen Rr- gierungsbaurate für wünschenswert erachtet wird, und je ein Exemplar der Aufnahme der bautechnischen Samm­lung des Kultusministeriums, der (Sammlung für das Bauwesen im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, den technischen Hochschulen in Berlin, Aachen und Hannover und dem hiesigen Architekten - Vereine zu überweisen. Wo es nach Lage des Falles angezeigt erscheint, soll die Auf­nahme nach dem Meßbildverfahren (Photogrammetrie) be­wirkt werden. Zu diesem Behufe wird der Minister ge­gebenen Falles die Mitwirkung der hiesigen Meßbildanstalt veranlassen, deren Vorsteher der Erfinder des Verfahrens, Regierungs- und Baurat vr. Meydenbauer, ist. DieBerl. Pol. Nachr." schreiben, daß die Kommission zur Durchführung des 100 Millionen - Gesetzes rüstig an der Arbeit ist.War ihre Augustsitzung", schreibt die offiziöse Korrespondenz,neben der Erledigung der vor­liegenden Güterankaufsfragen vor allem der Erledigung der formalen Seite ihrer Geschäftsführung gewidmet und ist damit die Vorbedingung für ein regelmäßiges, ersprieß- deshalb dem scheidenden Bauer nur einen Gruß für Joseph, einen Segensspruch für die Zukunft des jungen Mannes auf.

Nach der vollständigen Genesung des Gesellen gestattete man erst Michalek zu ihm zu gehen, denn mau fürchtete noch immer zu viel von einer etwaigen Aufregung. Als die Thür zu dem Krankenzimmer aufging, in dem der junge Manu noch immer war, als Michalek auf der Schwelle erschien, stieß Joseph einen Schrei deS Erstaunens aus, ließ aber gleich darauf sein Haupt mit einem müden Lächeln an die Brust des Jugendgefährten sink-n. Und wie er hier so ruhig, so ohne alle Worte lehnte, zog die Sehnsucht nach der Heimat, nach der Mutter und Schwester mit voller Kraft in seine Seele ein, er machte sich von seinem Freunde loS und bat den alten Bauern, der gerührt auf die jungen Leute blickte, ihn bald nach Hause zu senden.

Rosen, Flieder und Jasmin blühten in dem Gärtchen der Mutter Marinka und sandten ihre Düfte zu der alten Frau, die spinnend auf einem Bänkchen unter dem Apfel­baume saß. Jaguscha sah bald im Hause nach dem Rechte« und begoß dann wieder die Blumen im Garten, die sehn- süchttg nach einer Erfrischung lechzten. Es war eben Sonntag und da konnten die Frauen ausruhen von harter Arbeit, konnten in der eigenen Häuslichkeit schalten und nach Gut­dünken thun, was ihnen gerade einfiel.

Langsam war ein großer, bequemer Korbwagen von der Chaussee aus in die Dorfstraße eiugebogen und hielt vor der Hütte der Mutter Marinka.

Der Bauer Koski, seine Tochter, Michalek und Joseph stiegen von demselben herunter und wenn das Gesicht des letzteren auch noch bleich und krankhaft erschien, ein Lächeln der Freude spielte doch um seine Lippen und mit zitternder Hast spähte er nach den Seine«. (Schluß folgt.)