Rr. 230.
Marburg, Freitag, 1. Oktober 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Betttogen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Lbonnetnents-BreiS bei bet Expedition 2’/< Mk.. bei den Postämter 2 Mk. 50 Bfg. (erd. Bestellgeld). Znsertionssebadr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reficmen für bie Zeile 25 Pfg.
GiitlhkUllil' Aitmis.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
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3um bevorstehenden vierten Quartal I ersuchen wir die Bestellungen auf die I
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Marburg und Kirchhain
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Deutsches Reich.
Berlin, 29. Sept. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des Unterstaatssekretär Lukanus zum Wirklichen Geheimrat mit dem Prädikate Exzellenz. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Verschiedene hiesige Blätter bringen in den letzten Tagen Notizen über Verhandlungen, welche zwischen der Staatsregierung und Delegierten derjenigen Privatbahnen, deren Verstaatlichung augenblicklich im Gange, gepflogen worden sind. Es werden daran Bemerkungen über Aeußerungen geknüpft, welche bei den Verhandlungen angeblich seitens eines der Reffortminister —
Geschichtskalender.
1. Oktober.
1529. Bis zum 3. (vergebliches) Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingly zu Marburg.
1684. Pierre Corneille (geb. den 6. Juni 1606 zu Rouen), Frankreichs berühmter Tragiker, stirbt.
1756. König Friedrich H. von Preußen siegt über die Oesterreicher bei Lowositz.
1761. Der österr. Feldmarschall Laudon erobert Schweidnitz. 1791. Die französische legislative Nationalversammlung wird eröffnet.
1813. Die Auflösung des Königreichs Westfalen wird von den Verbündeten proklamiert.
Wanda.
Von A- Gnevkow.
'(Fortsetzung.)
Nur undeutlich vermochte er zuerst die Szene zu erkennen, die sich seinem Auge darbot und auch dann noch, als er das Bett gewahrte, auf dem augenscheinlich ein Kranker lag, als er das Mädchen sah, das mit vornübergebeugtem Kopfe ängstlich den Athemzügen des Kranken zu lauschen schien, und als er die straffe Figur eines alten Mannes bemerkte, die in einer zweiten Thür stand und aufmerksam auf die Gruppe blickte, konnte er sich vor maßlosem Erstaunen nickt erholen und blieb wie angewurzelt an der Schwelle stehen.
Niemals hatte er daheim gehört, daß außer dem Oheim und der Kousine noch Verwandte aus dem Bauernhöfe weilten und doch wollte cs ihm dünken, als ob die Teil- nähme, die man hier einem Kranken gewährte, viel von wärmerer Zuneigung an sich hatte.
Lautlos machte er noch einige Schritte vorwärts und war nun erst im Stande, dem Liegenden voll in das Gesicht sehen zu können.
„Joseph Kowalsky!" schrie er da plötzlich auf und
des Ministers der öffentlichen Arbeiten — gefallen sein soll, Wir sind demgegenüber in der Lage und halten es nicht für überflüssig, zu konstatieren, daß an jenen Verhandlungen kein Minister persönlich teilgenommen und ebenso, daß insbesondere auch der Minister der öffentlichen Arbeiten mit keinem der Delegierten der Bahnen überhaupt eine Unterredung gehabt hat. Die Besprechungen haben vielmehr, wie in früheren Fällen, lediglich zwischen Kommiffarien der beiden Reffortminister — der öffentlichen Arbeiten und der Finanzen — und den Bahndelegierten stattgefunden. — Die „Kreuz - Zeitung" schreibt: Die Berichte von größeren Dislokationen der französischen Kavallerie durchlaufen alle Zeitungen. Es scheint Pflicht zu sein, daran zu erinnern, daß dies keine neuen Verschiebungen, sondern dieselben Aenderungen der Standquartiere sind, welche bereits im Frühjahr allgemeines Aufsehen erregten. Dieselben wurden damals bereits dekretiert und kommen jetzt erst zur Ausführung. Es handelt sich um eine Verstärkung der Ostgrenze durch Kavallerie. Es sind etwa drei Regimenter in die Front und zwei in die zweite Linie von dem Rayon um Paris aus dislociert worden. Da deutscherseits dieser Verschiebung damals schon die nötige Aufmerksamkeit gewidmet wurde, so ist kein Grund vorhanden, sich über diese Angelegenheit zu beunruhigen.
Leipzig, 29. Sept. Die Einweihung der Börse fand heute in Anwesenheit des Königs, der Minister der Finanzen und des Innern, des Generaldirektors der sächsischen Staatsbahnen und der Spitzen der Behörden statt. Nachdem der König mit dreifachem Hoch begrüßt worden war, hielten der Konsul, Direktor Wachsmuth, der Oberbürgermeister Dr. Georgi und der Börsenvorstand Banquier Becker Ansprachen. Bei dem Dejeuner drückte der König seine große Befriedigung über Bau und Einrichtungen der Börse aus.
Ausland.
Wie«, 29. Sept. Der Reichsrat begann heute wieder mit seinen Sitzungen. Zm Abgeordnetenhause fragte Heilsberg den Ministerpräsidenten Graf Taaffe, ob er geneigt sei, durch eine unzweideutige Erklärung die Gerüchte bezüglich des österreichisch - deutschen Bündnisses als eine müßige Erfindung zu bezeichnen.
Toulouse, 29. Sept. Ministerpräsident Freycinet empfing die Deputaten und die Senatoren des Departements und sagte in einer Ansprache zu denselben, die Einigung der republikanischen Parteien, woran dieselben arbeiten, sei ein Ziel, welches zu erreichen er aufs lebhafteste wünsche und dessen Verwirklichung von günstigster Bedeutung für Frankreich sein werde. General Hanrion stellte das Offizierkorps vor und sagte, dasselbe sei von
während das Mädchen sich mit flammendem Gesichte, zürnenden Augen zu dem unliebsamen Störer umwandte, tönte es von der Thür her noch einmal, wie durch Thränen erstickt leise und undeutlich: „Joseph Kowalsky!" und die straffe Figur des alten Mannes, der dort gestanden, erschien auf einmal wie gebeugt, als er dem Bette zuschritt, ans dem mit verbundenem Kopfe der Kranke lag.
Langsam trat auch Michalek näher, reichte dem Bauern die Hand und nannte seinen Namen, aber in diesem Augenblicke hätte er ebenso gut wie mit einem gefühllosen Steine sprechen können, die draußen am Wege lagen, denn der alte Mann hörte kaum auf ihn, drückte nur stumm die Finger des Burschen in den seinen und ließ seine Blicke forschend, angstvoll und dringend auf dem bleichen Gesichte des Kranken, auf den geschlossenen Augen desselben ruhen. Michalek fühlte sich so fremd, so einsam diesen Augenblick, daß sein schlichter Verstand nicht aus noch ein wußte und er es seiner Kousine dankte, als sie sich endlich seiner erbarmte und ibn, nach einem langen Blicke auf Joseph Kowalsky, zur Thür hinaus und in eine längst für ihn hergerichtete Stube führte.
Auf dem Wege dorthin erfuhr Michalek, unter welchen Verhältnissen und in wie trauriger Lage seine Verwandten den armen Gesellen gefunden hatten, der bisher seine Fieber- phantasteu noch nicht los geworden war und von dem sie nicht einmal den Namen gewußt, da er keine lichten Momente gehabt hatte.
Michalek mußte nun aber andererseits seiner Konfine alles genau berichten, was ihm von Joseph bekannt war, und an den leuchtenden Augen, mit denen Marzinna zu ihm aufschaute, an ihrem Interesse für seine Worte erkannte er mit heimlicher Freude, daß ihm das hübsche Mädchen einen Korb geben würde, wen» eS ihm eingefallen wäre, um ihre Hand zu bitten.
Und in dem Stübchen, wo der Kranke in einem sauberen Bette lag, stand der alte Bauer noch immer am Lager,
dem Gefühl der Ehre und der Pflicht beherrscht, sein ein=- ziges Ziel sei die Wiederaufrichtung des Landes; Frankreich und die Regierung der Republik könnten auf sie zählen. — Bei dem gestern abend zu Ehren Freycinets stattgehabten Bankett wies derselbe auf das weise und vorsichtige Verhalten der republikanischen Partei, sowie die Fortschritte derselben in den letzten 15 Jahren hin; hieraus ergebe sich die Notwendigkeit einer dauernden und systematischen Einigkeit innerhalb der republikanischen Partei, wobei man alle Fragen fernhalte, die eine Spaltung herbeiführen könnten, und alle Bemühungen auf die Fragen konzentriren müffe, für welche eine Majorität zu erwarten sei. Solche Fragen seien: die Reform der militärischen Einrichtungen, die Verbesserung der Finanzen, die Revision des Abgabensystems, die Erleichterung der Leiden der Industrie und Landwirthschaft, sowie die sozialen Fragen. Er wolle den Staatssozialismus nicht über Gebühr preisen, aber der Staat habe die Pflicht eines Vormunds, er müsse die Reformen ermutigen, das Los der Arbeiter zu einem weniger ungewissen umzugestalten, sowie daran arbeiten, die Gegnerschaft zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitern zu beseitigen. Hierüber könnten sich die beiden republikanischen Parteien ebenso gut vertragen, wie über die allgemeine Richtung der inneren und auswärtigen Politik. Ueber die Auffassung der auswärtigen Politik gebe es nicht zwei verschiedene Wege: Gegenwärtig wolle Frankreich auf das entschiedenste und aufrichtigste den Frieden, aber einen Frieden ohne Nachteile für seine Würde und seine Rechte. Frankreich wolle nicht verzichten auf den Rang als Großmacht. In gewissen Fragen müsse es sich rcservirt halten, sobald aber es sich um seine eigenen Interessen handele, müsse sich die Aktion Frankreichs energisch geltend machen, und wenn seine Ehre und Würde bedroht sei, müsse es zu jedem Opfer bereit sein. Die Beziehungen Frankreichs zu den Großmächten beruhten auf dem Fuße gegenseitiger Achtung. (Anhaltender Beifall.- Bezüglich der Kolonieen müsse Frankreich sich auf seinen gegenwärtigen Besitz beschränken. Frankreichs Macht sei eine hinreichend ausgedehnte. Wenn man nicht beschränkt sei bezüglich der Neuerwerbungen, so sei man es doch bezüglich des Wiederaufgebens derselben. Frankreich müsse auch die unvorteilhaftesten Kolonieen behalten, dieselben organisieren und möglichst zu fruchtbaren zu machen suchen. Die Regierung hoffe dies mit einem mäßigen Systeme, entsprechend dem Interesse und der Würde Frankreichs zu erreichen. (Beifall.) Bezüglich der inneren Politik müffe die Regierung für die Ausführung der Gesetze sorgen. Er verstehe nicht eine Regierung, die über ihr Bestehen verhandeln, ihre Anordnungen schlaff befolgen lasse. Die Regierung wolle die Freiheit, welche in der nationalen Einheit und der öffentlichen Sicherheit ihre Grenze habe. Ausschreitungen in Rede und Preffe
blickte auf den Jürgling nieder und Throne um Thräne rann aus seinen Augen auf die gefalteten Hände.
„Daß ich mir nicht zu erklären vermochte, was mir so bekannt an Dir vorkam," murmelte er halblaut, „daß ich es nicht wußte, an wen mich Dein Gesicht erinnert, was mich so weich Dir gegenüber machte. „Marinka, Marinka!" brach es sich dann schmerzlich und in bebenden Tönen über seine Lippen Bahn und vor seinen Augen sah er im Geiste die niedrige, rauchgeschwärzte Schänke in dem einstigen Heimatsdorfe, hörte den Klang der Fiedeln, die zum Tanze mahnten, und schwang das Mädchen im Arme, das seine einzige, feine ganze Liebe ausgemacht hatte.
In den nächsten Tagen schrieb Michalek seinem Vater einen Brief, in dem er ihm erzählte, daß er die Verwandten munter und gesund getroffen habe und daß Marzinna ein sehr hübsches Mädchen sei. Zu gleicher Zeit bat er, noch länger bei dem Oheim bleiben zu dürfen und der erfreute Bauer, der diese Zeilen für ein bereites Eingehen auf seine Wünsche hielt, erteilte ihm gern seine Zustimmvng.
Schon am Abende desselben Tages, der dem Bauern das Schreiben gebracht hatte, wurde Jaguscha der Inhalt desselben durch liebende, vorsorgliche Freundinnen mitgeteilt, die sehr erstaunt waren, als ihre Erzählungen mit einem heiteren, freundlichen Lächeln ausgenommen wurden. Freilich hatten sie ja keine Ahnung davon, daß der Briefbote am Morgen auch im Hause der Mutter Marinka gewesen war und der Jaguscha ein Schreiben gebracht hatte, dessen Zeilen das Mädchen vollständig befriedigten.
Michalek schrieb darin, wie hübsch eS auf dem Hofe des Onkels sei und wie liebenswürdig ihn der Bauer und seine Tochter ausgenommen hätten. Marzinna sei ein hübsches Mädchen, aber nicht zu vergleichen mit Jaguscha, au die er immer dächte und sein Mädchen solle sich nur keine Sorge weder um ihn noch um den Joseph machen, eS würde schon alles gut werden und eine frohe Ueberraschuug stände ihr und der Mutter in nicht allzu langer Zeit bevor. (Fortsetzung folgt.)