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Mr. 92».

Marburg, Donnerstag, 30. September 1886.

XXI. Jahrgang.

d&emt täglich außer an Werita^en nach Sonn- und Sexertsgen. Quartal- LdonnimentS-Vreis bei bet Expedition 21/« Mk., bei den Postämter 2 Ml. 50 Pfg (etd. Bestellgeld). IssertioirSgebübr für bie «spaltme Zeile 10 Pfg. gktlamen für die Zeile 25 Pfg.

WcrMlhk Mm«.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b Blatte-, sowie b Anncncen-Bureaux von Haasenstein unbVogler in Franlfurt a. M , Cassel, Magdeburg unb SLten; Ruboli Moste in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und ko. n rank'urt a. M f B rl n, Ha nov,r u. Pari-.

Wöchentliche Beilngen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expeditton: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

um bevorstehenden vierten Quartal ersuchen wir die Bestellungen aus die Oberhessische Zeitung nebst deren wöchentl. Gratis-Beilagen: Amtl. Anzeiger für die Kreise

Marburg und Kirchhain

UNd

Illustriertes Sonntagsblatt soweit dieselbe durch die Post bezogen wird, recht bald bei derselben machen zu wollen, damit in der Übersendung keine Unterbrechung stattfindet.

Unsere Abonnenten in der Stadt Kirchhain wollen ihre Bestellungen bei unserer dortigen Agentur, Herrn Buch­binder Rindt daselbst, gef. machen.

Bestellungen sür hiesige Stadt sind an unsere Expedition oder auch an unsere Träger zu richten.

Der Pränumerations-Preis für das Quartal beträgt: a) bei der Poft, frei ins Haus . . . Mk. 2.90 b) bei unserer Kirchhainer Agentur frei ins

Haus........... 2.60

c) hxsgl. bei unserer Expedition ... 2.25

Neuzugehende Abonnenten in hiesiger Stadt, wie auch in Kirchhain, erhalten bis Ende September die Zeitung gratis.

General Kaulbars in Sofia.

General Kaulbars, der russische Militärbevvllmächtigte, ist in Sofia angekommen, um im Namen des Zaren mit den Bulgaren ein Wort zu reden. Der General kennt Bulgarien und weiß, was der Zar von ihm verlangt. Fürst Alexander ist fort; der General soll den Sieg aus- rrützen, den Rußland errungen, und mit den Anhängern des Fürsten aufräumen. Dazu gehört vor allen Dingen Geld, und daran soll cs ja Baron Kaulbars nicht fehlen, und eine gehörige Dosis Rücksichtslosigkeit, falls schmeich­lerische Verlockungen nicht verfangen sollten; und diese besitzt der General ebenfalls. Während seiner früheren Ministerthä igkeit unter Fürst Alexander hat er gezeigt,

Geschichtskalender.

30. September.

1399. König Richard II. von England wird durch Parlaments­beschluß der Krone für verlustig erklärt und Heinrich IV. von Lancaster auf den Thron erhoben.

1745. Jtönig Friedrich II. siegt über die Oesterreicher in der Scklacht bei Sorr im zweiten Schlesischen Kriege.

1791._ Die französische konstituierende Nationalveisammlung erklärt sich für geschlossen; der König Ludwig XVI. nimmt die neue Konstitution an.

1870.

30. Sept. Einzug der Deutschen in Straßburg.

Wanda.

Bon A- Gnevkow. (Fortsetzung.)

Es kostete Michalek viele Worte, ehe er durch einen grauhaarigen Diener zu der Komteß geführt wurde und doch, wie viel mußte er erzählen, als die Dame aus seinen Berichten hörte, daß sein nächtliches Abenteuer und die Krankheit Jaguschas in so naher Verbindung mit dem plötz­lichen Ende ihres Onkels ständen. Aber auch Michalek fiel ein Stein vom Herze», als er von der natürlichen Lösung der Geistererscheinung hört-, und von der Komteß durch die Worte getröstet wurde, daß fie gleich htngehen werde, um Jaguscha von dem Geschehenen zu unterrichten.

Wirklich hatte er noch nicht ganz das Gehöft seines Vaters erreicht, als er die Gräfin die lange Dorfstraße hinunterschreiten sah und er bestieg uun beruhigt den Wagen uud fuhr davon, nachdem er ohne ein Wort der Gegenrede die Vorwürfe seines Vaters über sein langes Fortbleiben hingenommeu hatte.

daß er in Mitteln nicht wählerisch ist, um seine Ziele zu erreichen. Die gegenwärtige bulgarische Regierung, die nur Männer zählt, welche zwar Frieden mit dem Zaren wollen, aber keine Lust haben, Bulgarien unter das russische Joch zu beugen, hat dem General Kaulbars gegenüber einen mißlichen Stand. Sie weiß genau, daß sie hier einen direkten Vertrauten des Zaren vor sich hat, dem gegenüber sie keine großen Ausflüchte machen kann, um Zeit zu gewinnen. General Kaulbars wird strikten Ge­horsam gegenüber den Wünschen des Zaren verlangen und bevor das nicht der Fall, die Anerkennung der neuen Re­gierung verweigern. Er hat ferner sehr entschiedene Gegner in den Offizieren der Armee, die durchaus keine Lust zeigen, sich durch Russen ersetzen zu lassen; aber ob sie einen offenen Widerstand anwenden werden, ist noch sehr fraglich, sogar höchst unwahrscheinlich; denn dieser Wider­stand kann keine Früchte tragen, da kaum eine Großmacht zu Gunsten Bulgariens eintreten wird. Großbritannien hat auf jede Aklion verzichtet und Oesterreich Ungarn wird sich dadurch beruhigen lassen, daß Rußland erklärt, daß das Fürstentum Bulgarien gemäß den Beschlüssen des Berliner Vertrages nach wie vor als selbständigen Staat anerkennen zu wollen.

Die Formen des Berliner Vertrages bleiben; General Kaulbars Aufgabe ist es, unter diesen äußeren Formen das Land für Rußland zu gewinnen. Es kommt vor allem auf die Armee an; wie sie jetzt ist, wird sie nicht nach der russischen Pfeife tanzen, aber die Armee ist schließ­lich wieder dem Fürsten unterstellt. Stände Alexander Battenberg noch an der Spitze der Bulgaren, Kaulbars würde sich umsonst abmühen, so aber ist ein neuer Fürst zu wählen, und daß die Neuwahl den Fürsten Alexander nicht -treffen wird, darüber kann nach den letzten Nachrichten aus Sofia kein Zweifel mehr sein. Es ist die größte und Hauptfrage des russischen Abgesandten, darauf hinzu­wirken, daß eilte Nationalversammlung zu Stande kommt, die in ihrer Mehrheit wenigstens nicht direkt ruffenseindlich ist und die den russischen Kandidaten wählt. Nach den bisherigen Vorgängen dürfte das nicht so leicht sein; aber um es möglich zu machen, ist eben Kaulbars nach Sofia gesandt, damit er die geeigneten Schritte thue. Es ist anzunehmen, daß Rußland auf die eine oder die andere Weise zum Ziele kommt. Kaulbars Anwesenheit wird die gegenwärtige bulgarische Negierung hindern, sich frei zu bewegen und in ihrem Sinne an die Wähler zu appellieren; es wird eine Mehrzahl von Abgeordneten, die wenigstens nicht feindselig gegen Rußland auftritt, herauskommen. Ist der neue Fürst von des Zaren Gnaden aber erst da, so können die Anhänger des Fürsten Alexander nur ihr Ränzel schnüren.

Bulgarien wird auch unter seinem späteren Herrscher seine eigenen bulgarischen Minister haben, denn Rußland wird schwerlich die Bulgaren so reizen, daß es ihnen

In der Stube der Mutter Marinka saß aber nach einer Halden Stunde Jaguscha, von Kissen unterftützt, aufrecht im Bette, ihre Augen glänzten nicht mehr fieberhaft, ihre Wangen hatten bie unnatürliche Röte verloren und nur um ihren Mund spielte ein leiser melancholischer Zug. Sie hatte bei der Erzählung der Gräfin viel über das Leid des armen Geistlichen weinen müssen, aber unter allen Thränen fühlte sie sich doch seltsam beruhigt und der eigene Schmerz toutbe leiser und linder in ihrem Herzm.

Michalek hatte es gewagt, ihr durch die Komteß sagen zu lassen, baß er niemals eine Andere freien werbe, wie sie, unb wenn sie in strenger Rechtschaffenheit betn Geliebten auch entsagen wollte, nun sie ihm fein Gelb in bie Ehe zu bringen hatte, sie liebte Michallk boch zu sehr, um alle Hoffnung auf eine bereinstige Vereinigung aufgegeben zu haben, unb ihr Herz hob sich freubig unb stolz, wenn sie ber Beharrlichkeit bachte, mit der der Geliebte ihr anhing.

Während Jaguscha Ruhe unb Frieden wieder gewann, langte Michalik, von ben mutigen Pferden seines Vaters gezogen, bald in der Stadt an, wo er den Zug zu besteigen hatte.

Mit tcilnamlosen Bllck-n war der junge Bauer hinein­gefahren in die frühlingsfrische Natur, unb Weber ber helle Gesang der Lerchen, noch, bas tiefe Blau bes Himmels, der strahlenbe Schein ber Sonne hatten vermocht, ihm Auf- meiksawkeit abzugewinnen. Vor seinen Blicken tauchten immer unb immer wieber bas bleiche Gesicht, die geschlossenen Augen Jaguschas auf unb bas Bilb ber Geliebten folgte ihm auch bann noch, als er unb zwar zum ersten Male in feinem Leben, ben Eisenbahnzug bestieg.

Weiter unb weiter trug bie bawpfende Maschine den jungen Mann von seiner Heimat fort, an Wiese», Feldern unb Wölbern, an tiefen, ruhigen Seen, Dörfer» unb Städte» fauste er vorüber, ein namenloses Gefühl der Vereinsamung

wieder Generale aus Petersburg als Minister schickt aber ein Mann wie General Kaulbars in Sofia macht die künftigen Minister doch zu seinen Werkzeugen. Was sollen die Bulgaren dagegen machen? und Aufstand wäre Thorheit, die Mächte sind jetzt nicht eingeschritten und werden es später auch nicht thun unb so wird sich, immer unter den Formen des Berliner Vertrages, die Russifi- zierunz des Landes von selbst vollziehen. Großmütig wird man den Bulgaren die Freiheit, sich über ihre inneren. Angelegenheiten herumzustreiten, lassen, wenn sie in ber Hauptsache nur Rußland gehorchen. England hat in Indien, den noch bestehenden eingeborenen Scheinfürsten einen britischen Beamten zur Seite gegeben, der unter dem Namen Resident" der eigentliche Herrscher ist. Ebenso wird es in Bulgarien werden, nachdem die Mächte auf ihren Ein­spruch verzichtet. Bulgarien behält seinen Fürsten, aber ber russische Gesandte regiert. Der Form nach bleibt der Berliner Vertrag, thatsächlich ist er gebrochen.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Sept. Hier eingetroffene Privatnach­richten aus der Umgebung des Kaisers lassen ersehen, daß Se. Majestät sich zur Zeit des vortrefflichsten Wohlseins erfreut und daß jede Spur einer Erschöpfung infolge der mit dem Besuche in Elsaß-Lothringen verknüpft gewesenen Anstrengungen völlig beseitigt ist. Auch die Kaiserin be­findet sich kräftiger, als seit Jahren. Während in hiesigen Hofkreisen vielfach erwartet wurde, daß die Rückkehr des Kaisers bereits zu Mitte Oktober erfolgen werde, lasfen jene Nachrichten ans Baden-Baden darauf schließen, daß der dortige Aufenthalt des kaiserl. Paares wohl bis gegen Ende des nächsten Monats, etwa bis zum 25. Oktober, ausgedehnt werden dürfte, worauf alsdann der Kaiser un­mittelbar wieder in Berlin seine Residenz nehmen, die Kaiserin dagegen nach Eoblenz gehen wird. Der Kaiser widmet sich übrigens auch in seinem jetzigen Aufenthalte unausgesetzt den Regierungsgeschäften und verfolgt mit lebhaftem Interesse den Verlauf des durch die bulgarischen Vorgänge hervorgerufenen Meinungsaustausches zwischen den Kabinetten der Großmächte, über welchen ihm un­unterbrochen die bezüglichen Berichte zugehen. Den Regierungen ist von dem Minister der Unterrichtsange­legenheiten empfohlen worden, die Einrichtung (namentlich wo fie in größerem Umfange besteht, wonach das Schul­gelds als ein seiner Natur nach steigendes und fallendes persönliches Amts-Nebeneinkommen der Lehrer einen Theil des bestallungsmäßigen Amtseinkommens derselben bildet, thunlichst zu beseitigen. Insbesondere sei bei Erledigung von Lehrerstellen darauf Bedacht zu nehmen, das Amts­einkommen der Lehrer unter Vereinnahmung des Schul­geldes zur Schulklasfe anderweit zu regeln und festzustellen. Die neuen militärischen Verordnungen, welche in den eben beendeten Manövern zum ersten Male in der Praxis ver- überfam ihn, und während er den Kopf gegen die harte Wand des Waggons lehnte, 'war ihm zu Mute, als könne er niemals den Weg zu seiner Heimat zurückfinden.

Die Sonne neigte sich schon zum Untergänge, als er auf der Station anlangt-, bie bas Enbziel seiner Eisen­bahnfahrt bildete unb von ber ans er zu Fuß ben nicht weit abgelegenen Bauernhof seines Verwanbten zu erreichen hoffte. Er gab seinen ziemlich schweren Ranzen eimm Jungen zu tragen, ber müßig am Wege stand und forderte diesen zugleich auf, ihn den richtigen Weg zum Vetter zu führen.

Langsam ging der Bursche Michalek vorauf und pfiff eine lustige Melodie, während per junge Bauer den Kopf auf die Brust senkte unb versuchte, sich einen Plan vorzu­zeichnen, nachbem er bie Erwartungen bes Vaters, wie auch bie seiner V-rwandtcn glimpflichst zu umgehen gebucht-.

Er war eben zu bem Entschlüsse gekommen, bie Kousine in sein Geheimnis mit hineinzuziehen, ihr von ber Liebe zu Jaguscha zu sagen, als sein kleiner Führer stillstand, mit ber Hanb auf einige, nicht weit entfernt fiegenbe Ge- bände deutete und erklärte, daß dort der Hof des Bauer» Kocki liege, unb nun er zurück müsse, nm vor Dunkelwerden in ber Stadt zu sein.

Michallk lohnte den Knaben ab unb seinen Packen auf bie Schulter nehmenb, ging er bis zu ber massiven Um­fassungsmauer ber Hofgebäude mit gehobenem Kopfe und ruhigem Herzen. Angesichts des stattlichen Wohnhauses schwand aber aufs Neue sein Mut und durch bie Hausthür tretend, ließ er seinen Rai zm auf die steinernen Fließen des Flures nieder sinke», ordnete sich daun sei» Haar, öffnete dann mit einem tiefen Athemzuge leise bie Thür, bie ihm zur rechten Hand lag und trat bann auf die Schwelle.

(Fortsetzung folgt.)