Vir. 927.
Marburg, Dienstag, 28. September 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Wdovnements-Preis bei bet Expedition 2‘/< Mk_, bei de» Postämter 2 Mk. 50 Bfg. (erd. Bestellgeld). JnsertionSgebübr für die Espaltene Zeile 10 Pfg. ReNamen für die Zeile 25 Pfg.
WcheM Mm«.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch. *
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Oberhessische Zeitung nebst deren wöchentl. Gratis-Beilagen: Anttl. Anzeiger für die Kreise
Marburg und Kirchhain
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Illustriertes Sonntagsblatt soweit dieselbe durch die Post bezogen wird, recht bald bei derselben machen zu wollen, damit in der Uebersendung keine Unterbrechung stattfindet.
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„Deutsche" Geschäftsanschauungen.
In Frankreich ist vor kurzem die Bestimmung getroffen worden, daß vom Auslande eingehende Waren, die in betrügerischer Absicht mit französischen Fabrikzeichen und Marken versehen sind, mit Beschlag belegt werden. Daß dies völlig gerechtfertigt ist und namentlich von jedem verständigen Deutschen mit Freuden begrüßt werden muß, weil es der leider bei uns noch immer nicht ausgestorbenen Fälschung französischer Fabrikzeichen Schwierigkeiten in den Weg legt, versteht sich von selbst. Die liberale Presse erkennt das im Grundsätze auch an; wie „milde" und namentlich wie frei von „nationalen Vorurteilen" sie und ihre Anhängerschaft in den Haudelskrciseu über solche Fälschungen aber denken, das beweist eine von der „Nat.-Ztg." ohne jede Bemerkung wiedergegebene Mitteilung der Handelskammer von Lahr in Baden. Dort wird mit einer gewissen „sittlichen Entrüstung" über das Mißgeschick einer
Kölner Firma, die es wohl verdient, daß ihr Name bekannt wird (Rehfus & Comp), berichtet, welche auf die Bestellung eines brasilianischen Geschäfts in Rio de Janeiro 22 Dutzend Kölner Hüte mit einer portugiesischen Inschrift als Pariser Ware bezeichnet hatte, weshalb die Sendung bei der Durchfuhr durch Frankreich angehalten und die Bezeichnung als französische Ware entfernt wurde. Die Lahrer Handelskammer entrüstet sich, wie gesagt, nicht wenig über den Vorfall, aber nicht deswegen, weil eine deutsche Firma ihre Waren betrügerischer Weise als französisch bezeichnet (um Fälschung handelt es sich, auch wenn kein französischer Eigenname genannt ist), sondern nur darüber, daß Transitsendungen in Frankreich zollamtlich untersucht werden. Daß das nicht in der Ordnung ist, mag sein; dennoch können wir uns, wie gesagt, über den Vorgang nur freuen.
Der klägliche Mangel an nationalem, ja selbst an privatem Ehrgefühl, der hierbei zu Tage tritt, ist einer der schlimmsten Krebsschäden unserer gesamten Entwickelung. Wie svll denn die deutsche Industrie den Wettbewerb mit dem Auslande bestehen, wenn der einzelne Fabrikant sich nicht schämt, seine Ware als ausländische an den Mann zu bringen? Entscheidend für die Absatzverhältniffe ist auf die Dauer der Ruf. Die englische Ware hat vor allem deshalb Jahrzehnte hindurch den Erdball beherrscht, weil sie für die beste galt, weil englisch und gut nahezu gleichbedeutend war. Von der deutschen Arbeit gilt leider vielfach, außerhalb Europas wenigstens, noch immer das Umgekehrte, weil so mancher deutsche Fabrikant sich, wie gesagt, nicht scheut, seine besten Erzeugnisse als ausländische in die Welt zu senden und nur den billigen Schund mit deutscher Marke zu versehen. Wenn dem nicht so wäre — weßhalb denn solche Schutzmatzmaßregeln, ivie sie in Frankreich getroffen werden? Daß sich dieselben gegen England wenden, glaubt wohl niemand. Die englischen Industriellen bringen es wohl fertig, die Feinde ihres Landes mit Waffen zu versehen, daß sie diese Waffen aber schon als ausländische bezeichnet hätten, ist noch nie behauptet worden; dazu ist ihr Geschäftsverstand zu groß, der ihnen sagt, daß, wer preiswürdige Ware unter fremdem Namen verkauft, damit für ein Konkurrenzland Reklame macht. Bei uns ist dieser Geschäftsverstand noch nicht so entwickelt; ein jeder hat ohne Rücksicht auf die Bedeutung, welche das Gedeihen des Ganzen für das des Einzelnen besitzt, sein Augenmerk lediglich auf das gerichtet, was ihm den nächsten persönlichen Vorteil verheißt, und das Ende ist, daß wir nicht dazu gelangen, uns in unseren außereuropäischen Beziehungen zumal von auswärtigen Einflüssen frei zu machen. Zwar wird viel davon gesprochen, wie notwendig diese Befreiung sei, das Reich als solches thnt auch, was es kann, daru, wie die mühselige Durchkämpfung der Dampferunterstützung und so vieles andere beweist. Allein alle Anstrengungen müssen ohnmächtig bleiben, so lange der Geist, der das deutsche Geschäft als Ganzes belebt, nicht ein völlig anderer wird, so lange sich sogenannte angesehene Firmen namentlich nicht scheuen, ihre Waren mit erlogenen ausländischen Bezeich
nungen in den Handel zu bringen. Die vielfach noch immer vergleichsweise sehr unbedeutenden Zahlen, welche unser überseeischer Außenhandel aufweist, erklären sich zum guten^Teil nicht aus der Ueberlegcnheit der englischen und französischen Leistungen, sondern daraus, wie gesagt, daß die Sachbehandlung bei unseren Nachbaren eine größere, weitsichtigere, stolzere ist, daß letztere überall den Mut der Meinung haben, sich nicht ängstlich in jede fremde Falte schmiegen, sondern überall die eigene Fahne kühn entfalten. Wie soll uns die Welt denn kennen lernen, wenn wir im Gefolge fremder Tüchtigkeit auftreten, uns damit begnügen, die „Macher" hinter den Coulissen zu sein, während Engländer, Amerikaner, Franzosen den Ruhm und die Ehre für sich einheimsen? Thatsächlich ist es längst so, daß überall tm Grunde ein Deutscher „dahinter steckt", und hieraus erklärt sich der Haß, dem wir begegnen, wo wir hinkommen; weil die Fremden fürchten, daß wir eines Tages die Maske ablegen und uns so geben könnten, wie
wir wirklich sind. Sonst wäre dieser Haß nicht zu ver-
stehen; denn was kann es bequemeres geben, als ein Volk
welches sich dazu hergiebt, die Arbeit für andere Leute zu
thun, ohne auf die Anerkennung Anspruch zu machen, die mit dieser Arbeit verbunden ist?
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Sept. Gegenüber den neuesten Artikeln der österreichischen Preffe, deren Bedürfnis, zwischen den beiden einzigen heutzutage in Europa existierenden, ehrlich befreundeten Nationen, zwischen der österreichisch-ungarischen und der deutschen, den Frieden zu stören, ein außerordentlich großes sein müsse, wenn man ihre Besprechung der deutschen Politik und deren Unerträglichkeit für Oesterreich nach der Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks beurteilen wollte, sagt die „Nordd. Allg. Ztg.", sind wir sicher, daß die Politik des deutschen Reichs durch die Wiener und Pester Leitartikel ebensowenig, wie durch die bereits von der Bildfläche verschwundenen ähnlichen heimischen Artikel aus rhrein Geleise gebracht wird, welches ihr die Verträge und die eigenen Interessen, sowie die Sympathien für Oesterreich-Ungarn anweisen; zum Glück beider Völker ist das Bestehen der internationalen Verträge weder von den Zei- tungsredaktionen, noch von den parlamentarischen Streitern abhängig, welche für ihre Reden Vorwände zu sittlicher Entrüstung brauchen. Unsere auswärtigen Beziehungen und die vertragsmäßigen Stipulationen, worauf sie beruhen, stehen auf einer festen Basis, welche ihnen die wohlerwogene Sanktion der Monarchen der beteiligten Länder verliehen hat. Wenn man sich diese Thatsachen angesichts der aufgeregten Leitartikel der Wiener und Pester Blätter immer gegenwärtig hält, fallen die phrasenhaften Dialriben der Presse notwendig ins Lächerliche. — Die „Germania" veröffentlicht eine von dem Minister v. Bötticher in Vertretung des Reichskanzlers ihr zugegangene Berichtigung, welche die Nachricht der „Germania", die Entmündigung des Königs Ludwig von Bayern würde schon früher erfolgt sein, wenn nicht der Reichskanzler dem Plane widersprochen hätte, und der Reichskanzler habe in die Einsetzung der
Geschichtskalender.
28. September.
1197. Kaiser Heinrich VI. stirbt 32 Jahre alt zu Messina. 1396. Bajasid I-, Jidenm (d. b. der Blitz) besiegt ein christliches Heer in der möiüerischen Schlacht bet Nikopolis an der Donau.
1812. Die Cortes ernennen den Herzog von Wellington zum Oberbefehlshaber aller spanischen Truppen gegen den franz. König Joseph.
1813. Der ruffffche General Tschernitscheff überfällt Cassel und vertreibt den König Je-ünie.
1870.
28. Sept. Kapitulation von Straßburg, 17000 Mann ge- tnnoen und 1200 Geschiltze erbeutet.
Wanda.
Bon A. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Und dann begann die Gestalt mit matter Stimme zu sprechen, Gebete zu lallen, von denen das junge Paar nichts verstand, bis die Worte lauter und klarer wurden und ihr Inhalt von Gott und der Heiligkeit Segen auf die Kuieenden herabflehte.
Zum Schluß stieß der Geistliche ein „Amen" hervor und sank an den Stufen des Altares nieder.
Laut aufschreiend riß sich Jaguscha von ihrem Geliebten los und stürzte zur Thür hinaus, während Michalek ihr
mit kaum geringer Eile sollte. Vergessen lag dec Blütenkran-, der von dem Kopfe des Mädchen gefallen war, auf der Erde der kleinen Kapelle, der regungslos liegen blieb.
Kühle Nachtluft umfing das junge Paar, als es noch einige Zeit eilig laufend seinen Weg fortsetzte, Tausende von Sternen sandten ihr friedliches Licht vom tiefdunklen Nachthimmel herab und Jaguscha stöhnte und jammerte: „Tu sollst es sehen, Michalek, dem Josph passiert ein Unglück und der heilige Stephan hat meinen Kranz nicht annehmen wollen. Was wird die Mutter sagen, wenn ich ihr die schl'mme Nachricht bringe, sie hatte ihre ganze Hoffnung auf diesen Weg gesetzt und sie wird wieder kränker werden, wenn sie an das Unheil denkt, das unserer wartet."
„Tas ist es nicht, das nicht, Jaguscha", beruhigte aber Michalek das Mädchen, „Gott hat uns ein Zeichen geben wollen, daß wir fürs ganze Leben zusammen gehören und wenn ich dem Vater morgen von unserer seltsamen Begegnung sage, wird er nichts dagegen haben, daß Du als Bäuerin auf unseren Hof kommst."
Das Mädchen schüttelte den Kopf, es konnte den Glauben des Geliebten nicht teilen und suchte leichenblaß und verstört daheim sein Lager auf, wahrend der Bursche ganz ruhig und zufrieden dem väterlichen Hofe zuschrttt und den Aberglauben, der in den unteren polnischen Volksschichten in schönster Blüte stand, zu seinen Gunsten auszunutzen beschloß.
Als er aber dem alten Bauer am Morgen geg-nüber- staud und in die unbeugsame, starre Miene desselben blickte, schwand der selbstbewußte und stolze Mut, mit dem er ge
kommen, in ein Nichts zusammen und nur schüchtern wagte er es, die Erlebnisse der Nacht zu wiederholen und um die Einwilligung des Vaters zu seiner Heirat zu bitten.
„Also eine Geisterersch.inung, hm, hm, und gerade um Mitternacht," bemerkte der Bauer und in seinen Augen tauchte ein Strahl des Erschreckens auf, während feine Hand mechanisch das Zeichen des Kreuzes machte, „aber warum mich das G:speunst veranlassen sollte, Deine Heirat mit dem Bettelmädchen zuzugeben, wüßte ich doch nicht, da ich nur denken kann, daß Dich die Heiligen durch dies Zeichen von dem betretenen Wege zurückhalten wollen."
„Aber Vater, Du wirst mich doch nicht unglücklich machen wollen, denn von Jaguscha kann ich nicht lassen!" warf der junge Mann schüchtern ein.
.Unglücklich — wer spricht vom Unglück?" braußte der Bauer auf. „Kann ich für meinen Jungen besser sorgen, als wenn ich ihn zu einem Verwandten schicke, der reich ist, die Ställe mit Vieh, die Scheunen mit Getreide gefüllt hat — und der eine Tochter besitzt, die er eben diefim Jungen geben will? — Aber der Sparren muß aus Deinem verschrobenen Kopfe heraus, der Bauerssohn muß sich von der Sippe trennen, die ihn hier festhält und ich werde wohl noch so viel Macht über Dich besitzen, um Dir befehlen zu können, daß Du Dich in zwei Stunden bereit hälft, um mit dem Peter zur Stadt zu fahren und dort den Zug zn besteigen, der nach Warschau fährt.
Der junge Mann senkte den Kopf tief auf die Brust und stöhnte jetzt leicht auf.
„Aber der Priester, Vater, der Priester in der Kapelle,