Mr. *26.
Marburg, Sonntag, 26. September 1886.
XXI. Jahrgang.
Vrscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn - und Feiertagen. — Quartal« RLornmnents-Breis bei bet Expedition 21/* Mk., bei den Postämter 2 M. 50 Ifg. (erd. Bestellgeld). JnsKtivnsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. REamen für die Zeile 25 Pfg.
GerWslhe Jcitiinii.
Anzeigen nimmt entgegen die Erpedition b Blatte-, sowie b Annoncen-Bureaux von Haasenstein unbBopler in Frankfurt a. M , Cassel, Magbeburg unb Wien; Rubol? Moste in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube unb Go. n ranksurt o. M, B- rl n, Ha nvver u.Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Nizeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhaiu. - Illustriertes Souiitagsblatt.
E?-cdltion Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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1)rrm bevorstehenden vierten Quartal ersuchen wir die Bestellungen auf die
Oberhessische Zeitung klebst deren wöchentl. Gratis-Beilagen: Amtl. Anzeiger für die Kreise
Marburg und Kirchhain
und
Illustriertes Sonntagsblatt soweit dieselbe durch die Post bezogen wird, recht bald bei derselben machen zu wollen, damit in der Uebersendung keine Unterbrechung stattfindet.
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Deutsches Reich.
Berlin, 24. Sept. Wie die „B. P. N." mitteilen, dürste, soweit bisher feststeht, sowohl in bezug auf die Be- rufung der ordentlichen Session des Reichstags als auch des Landtags an den Terminen der letzten Jahre festgehalten werden. Darnach wäre der Zusammentritt des Reichstags für die Mitte November, der des preußischen Landtages für die erste Hälfte Januar zu erwarten. Zur Zeit finden sowohl für das Reich als auch für Preußen die üblichen kommissarischen Verhandlungen über die Feststellung der Einzeletats des Reichs- resp Staatshaushaltsetats statt. — Der Minister des Innern hat in neuester
Zeit Anlaß genommen, darauf hinzuweisen, daß es im öffentlichen Interesse liege, die Gemeinde-Sparkassen bezw. ihre Zweiganstalten und Annahmestellen thunlichst zu vermehren. Deshalb soll insbesondere auf die Anregung zur Verwandlung bestehender privater Sparkassen in Gemeindc- sparkassen, wo dies angeht, und zur Vermehrung der Annahmestellen für die bereits bestehenden öffentlichen Kassen hingewiesen werden. Ein Hauptaugenmerk für alle Sparkassen müsse die erleichterte Befriedigung des gesunden Kreditbedürfnisses der kleineren Besitzer bilden. — Die Deutsche Naturforscherversammlung hielt heute ihre Schluß, sitzung. Nach Erledigung der Tagesordnung dankte Professor Virchow den staatlichen und städtischen Behörden, der Univerfität und den beiden Akademien. Der Erste zukünftige Geschäftsführer Geh. Rat Professor Fresenius- Wiesbaden dankte namens der Teilnehmer den Professoren Virchow und Hofntann für ihre umsichtige Leitung der Verhandlungen. Hofmann fchloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser. — Zu Ansiedelungs- Zwecken sollen, wie dem polnischen Blatte „Orendownik" aus der Gnesener Gegend mitgeteilt wird, nicht ausschließlich Besitzungen polnischer Großgrundbesitzer, sondern auch polnischer Bauern angekauft werden. In Niezewo haben sich alle polnischen Wirte dazu selbst gemeldet und ihre Besitzungen zu Ansiedelungszwecken angeboten. Der „Oren- downik" hat die polnischen Bauern gewarnt, ihr väterliches Gut zu verkaufen, da das dafür gezahlte Geld sehr bald spurlos verschwinden würde, aber diese Ermahnungen scheinen nicht so recht geholfen zu haben.
— lieber das bereits telegraphisch gemeldete Eisenbahnunglück wird noch folgendes mitgeteilt: Allabendlich pflegt einer der vom Potsdamer Bahnhofe kursierenden Lokalzüge in der Halle zu verbleiben, um am Morgen gleich zur stelle zu sein. Der Zug hat seinen Platz auf dem westlichen Geleise des Mittelperrons. Es besteht nun eine Vorschrift, daß in der Halle selbst Wagen nicht gereinigt werden dürfen. Nm die Reinigung des oben erwähnten Zuges vornehmen zu können, war der diensthabende Rangiermeister genötigt, den Zug zurückschieben zu lassen. Dabei kam unbemerkt der letzte Wagen über den Distanzpsahl hinaus in die Weiche hinein, welche nach dem ersten zum westlichen Seitenperron führenden Geleise geht Diese Weiche liegt kaum 20 Schritt vom Zentralweichenturm entfernt. Im Dunkel der Nacht wurde von hier aus das Uebergreifen des Wagens nicht bemerkt. Ebenso wenig fiel es dem diensthabenden Stationsassistenten, Nahrgang, aus, der verpflichtet ist, den Bahnhof bei Uebernahme des Dienstes genau zu revidieren. Als der Potsdamer Extrazug, der aus Maschine, Gepäckwagen und 12 Personenwagen bestand, auf das westliche Geleise einfuhr, kam Maschine und Gepäckwagen an der Weiche zwar noch vorbei, die beiden darauf folgenden Personenwagen aber, die von
Gefchichtskalendek.
26. September.
1815. Die heilige Allianz (der heilige Bund) wird zu Paris von den Kaisern Alexander, Franz und dem Könige von Preußen geschlossen.
1853. Die Türkei erklärt an Rußland den Krieg.
27. September.
1209. Otto IV. in Rom zum Kaiser gekrönt.
1321. Der hohe Chor des Domes zn Cöln wird geweiht. 1540. Papst Paul III. bestätigt den von Ignatius Loyola gestifteten Jesuiten Orden.
1819. König Wilhelm I. von Württemberg giebt seinem Lande eine neue Verfassung.
1870.
27. Sept. Räumung der Ostsee von französischen Kricgs- schiffen.
Wanda.
Von A. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Eines Verwundeten — Schreck und Besonnenheit kämpften in dem Gesichte des Mädchens um die Herrschaft, schließlich behielt aber die letztere die Oberhand, sie hielt mit starker Hand die Leine und schrak nicht zusammen, als sie in das bleiche, blutbefleckte Antlitz Joseph Kowalskys sah, den die Männer auf den Wagen trugen.
Dem alten Manne war sichtlich die Unterbrechung der Fahrt eine sehr unangenehme, er setzte sich geärgert auf seinen, jetzt sehr beschränkten Platz und brummte vor sich hin, daß er Scheerereien mit der Polizei haben werde und jetzt, in so später Stunde nicht einmal wisse, waS er mit dem Verwundeten anfaugen sollte.
Für alles aber wußte seine Tochter Rat und sie verstand
eS, ihm so eindringlich zu machen, daß es Pflicht sei, seinem Nebenmenschen beizustehen, sie schilderte so hübsch die Freude, die es ihr machen werde, einen armen Kranken gesund zn pflegen jUndl den Dank, den sich ihr Vater dadurch erwerben würde, ja sie scherzte und lachte über die Polizei, die einmal nicht alles zu wissen brauche und die man hierbei ganz umgehen könne, daß der Bauer getröstet wurde, ein behutsames Fahren anordnete und mit den Insassen des leichten Wagens vergnügt hineinrollte in die duftige milde Frühlingsnacht.
In dem Hause des Tischlermeisters Nogritzka lagen der alte Mann und seine Frau an dem Lagers auf das man die Leiche der Tochter gebettet hatte und flehten Gott um Barmherzigkeit für ihr Kind an, und während dort der Vorhang über ein geschlossenes Menschenleben fiel, wurde hier Joseph Kowalsky in bewußtlosem Zustande einer neuen Zukunft entgegengeführt.
* * *
Der Fliederbaum hinter Mutter Marinkas Haufe, blüthe, die Nachtigall sang ihr klagendes Liebeslied und vom nahen Sumpfe herüber ertönte das Gequak der Frösche.
Jaguscha hatte die acht Tage bis zu der verabredeten Zusammenkunft mit ihrem Geliebten in rüstiger Arbeit, in unermüdlicher Pflege für die Mutter hingebrackt und sie öffnete und schloß jetzt leise die Thür deS Hüttchens und huschte hinaus in die lindwarme Frühlingsnacht zu Michalek, der sie unter dem Apfelbaume erwartete.
Nur wenige Worte wechselten die jungen Leute mit einander, dann faßte das Mädchen die Haltgearbeitete Hand des jungen Bauern fester und zog ihn eilig auf dem Wege fort, der zu der Kapelle auf dem Kirchhofe führte.
Wie wenig mutig auch Jaguscha war und wie heftig ihr Herz unter dem buntgeschnürten Kattunmieder pochte, der Gedanke, ihrem Bruder dadurch zu helfen, wenn sie dem heiligen Stephan in der Mitternachtsstunde einen frischen Blüthenkranz brachte, half alle Angst überwinden. Mit
breiterer Konstruktioit waren und Mittelperron hatten, stießen mit voller Wucht an den Wagen an und wurden vollständig zertrümmert. — Die Aufregung, die der Katastrophe folgte, war eine ganz ungeheure. Die Reservisten sprangen erschrocken aus der: Wagen, ans den Trümmern aber ertönten entsetzliche Schmerzensrufe. Die Sitzbänke waren vollständig in einander geschoben und hatten Alles, was zwischen sie gekommen, zermalmt. Die allgemeine Aufregung und der Mangel an HülfSkräften, wie er in fo früher Stunde erklärlich ist, verzögerten zunächst die Rettungsarbeiten. Inzwischen hatte aber bereits der Telegraph überall hin die Kunde verbreitet, und allmälig kam dann auch ärztliche Hülfe in ausreichendem Maße. Die Verletzten wurden ans den Trümmern hcrvorgeholt und in den der Unglücksstelle fast gegenüber belegenen Dienstraum gebracht, in dem Pelze u. dgl. aufbewahrt werden. Sanitätsrat Feig und mehrere andere Aerzte aus der Nachbarschaft und später auch in ganz hervorragender Weise Generalarzt Valentrni bemühter: sich unter Assistenz der Heilgehülferr Schneider und Teskowowitz vor Allem Notverbände anzulegen. Außer den verwundeten 11 Ulanen haben noch andere Insassen der beiden Wagen leichte Verletzungen davongetragen. Die Leichterverwundeten wurden per Droschke, die übrigen per Tragbahren weggebracht, zuerst nach dem Elisabeth-Krankenhaus, bann, als um 8 Uhr. Mannschaften des 2. Garderegiments mit Tragkörben anrücktcn, nach dem in der Scharnhorststraße belegenen Garnisonlazareth. Der Transport dehnte sich trotz der größten Eile, die angewendet wurde, doch bis nach 9 Uhr aus. Der Anblick, den die Unglücksstelle darbot, war entsetzlich. Große Blutlachen zeugten von der Schwere des Zusammenstoßes. Dennoch gelang es verhältnismäßig schnell, die Trümmer zu entfernen, und da die Geleise selbst nicht beschädigt waren, die Strecke wieder fahrbar zu machen. Den ganzen Vormittag über war der Bahnhof von Neugierigen belagert, die jevoch zur abgesperrten Uirglücksstelle nicht hingelangen konnten. — Das in der Statt vielfach verbreitete Gerücht vom Tode einiger der verletzten Reservisten bestätigt sich zum Glück nicht. Nutergebracht sind sieben im Garnisonlazaret in der Scharnhorstraße, zwei im Tempelhofer Garnisonlazaret und zwei im Elisabeth- Krankenhaus. Das 3. Garde-Ulanenregiment hat sofort nach erhaltener Mitteilung vom Unfall Offiziere nach Berlin entsendet, welche die Verletzten aufsuchten und über deren Befinden sich informierten.
München, 24. Sept. Ebenso wie die großen preußischen Gewehrfabriken zu Spandau, Erfurt und Danzig, ist auch die Gewehrfabrik in Amberg mit der Anfertigung der Repetiergewehre für die bayerische Armee stark beschäftigt. Nachdem bereits vor längerer Zeit die nötige Vergrößerung der Arbeitsräume in Amberg vorgenommen und eine Anzahl von neuen Maschinen aufgestellt worden welcher Sorgfalt hatte sie nicht die Blumen für ihr G schenk gewählt; sie hatte deshalb alle Beete des kleinen Garten schonungslos geplündert und hielt nun das kleine Gewinde ängstlich gegen das Herz gedrückt, während sie immer hastiger vorwärts schritt.
Plötzlich hielt sie aber mitten auf ihrem Wege inne, ihr Gesicht wurde totenbleich und ihre Hand zeigte zitternd nach dem schmucklosen Bau der kleinen Kirche, aus deren vergitternden Fensterchen den Nahenden ein heller Lichtschein entgegenblickte.
„Eine Leiche, Michalek!" stieß das Mädchen keuchend hervor und schien einen Augenblick lang Lust zur Umkehr zu haben, der Bursche aber faßte die Hand seiner Braut fester und suchte ihr mit den Worten Trost zuzusprechen, daß ein Toter ihnen nichts anhaben werde und daß das Licht, das die Hinterbliebenen zur Ehre des Verstorbenen angezündet hatten, ihnen dazu dienen könne das Bild des heiligen Stephan leichter zu finden.
Getröstet und beruhigt betrat Jaguscha mit ihrem Geliebten den kleinen gewölbten Bau und fand wieder Erwaiten keine Leiche in demselben, wohl aber das Licht des einen Altarleuchters angezündet und hell brennend. Mutiger schritten die jungen Leute nun vorwärts bis zu ihrem Ziele und Jaguscha hielt den Kranz schon gefaßt, um ihn dem Heiligen daizubringen, als sich plötzlich hinter dem Altäre eine Gestalt im Piiestergewande erhob.
Michalek und Jaguscha wollten aufschreien, wollten davou- eiler, aber sie brachten keinen Laut hervor, ihre Füße wurzelten förmlich in Folge des plötzlichen Schreckens am Boden, ihre Hände hatten sich noch fester in einander geschlungen und ihre Augen hingen groß und verwundert an der Erscheinung des bleichen Mannes, der unhörbar vor den Altar schritt, den Kranz aus der widerstandslosen Hand des Mädchens nahm und ihn in das volle Haar desselben drückte.
(Fortsetzung folgt.)