*t. «21.
Marburg, Freitag, 24. September 1886.
XXI. Jahrgang.
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Die „Fremde".
Aus Madrid ist die Nachricht vom Ausbruch einer Militärevolution gekommen; gleich nachher aber auch die Meldung, daß die Erhebung durch die Energie des bekannten Generals Don Manuel Pavia, des Generalgouverneurs von Madrid, wieder niedergeschlagen ist, die Gefahr für den Thron, welche so plötzlich heraufgestiegen, also beseitigt erscheint. Militär-Revolutionen sind in Spanien etwas ziemlich gewöhnliches; auch die Regierung des verstorbenen Königs Alfonso, der es mehr als ein anderer spanischer Monarch verstanden hatle, die Offiziere an sich und seinen Thron zu fesseln, ist davon nicht verschont geblieben. Wäre der gegenwärtige Putsch also nur der tolle, unüber
legte Ltreich von einem halben Tausend Soldaten und einem Dutzend Offizieren, so brauchte man kein Wort werter darüber zu verlieren, die Spanier hätten eben nur wieder einmal gezeigt, daß ihre vielgerühmte Ritterlichkeit sehr kurze Grenzen hat. Leider ist dem aber nicht so. Die spanische Regierung sagt, die Ruhe sei allenthalben im Lande wieder hergestellt, und das mag wahr sein und die Ruhe auch erhalten bleiben für die nächsten Wochen. Nicht minder wahr ist aber auch, daß es sich hier um das Vorspiel einer allgemeinen Militär-Erhebung handelte. General Pavia hat mit anerkennenswerter Schneidigkeit der Revolution den Kopf abgeschlagen; aber, was er nicht beseitigen kann, das ist die gewaltige Gährung, die im ganzen Lande herrscht, und die Republikaner, wie Karlisten gleichmäßig auszubeuten sich bemühen. Niemals würde in Madrid die Militärerhebung vom Sonntag Abend gewagt worden sein, wenn die Rebellen nicht auf starken Hinterhalt hätten rechnen können. Und ihre Ueberwältigung ist augenscheinlich keine leichte gewesen.
Gegen wen richtet sich die ganze revolutionäre Bewegung in Spanien? Gegen eine einzeltie, schwache, ohne einflußreiche Freunde dastehende Frau, die Regentin Maria Christine, die Witwe König Alfonsos und die Mutter Alfonsos XIII. Der armen Frau ist ihre Königskrone zur Dornenkrone geworden, und wenn sie auf dem schweren Posten aushält, geschieht es nur, um die Rechte ihres kleinen Sohnes zu wahren. Der Telegraph meldete früher, die Königin sei bei ihren Ausfahrten, und wo sie sich mit ihrem Sohne gezeigt, von der Madrider Bevölkerung mit Jubel begrüßt worden. Was will das in Spanien besagen? Dieselbe Volksmenge, die heute „Hosiannah" ruft, schreit morgen auch „Kreuziget ihn"; den Spaniern ist die wahre Anhänglichkeit, die rechte Treue im Laufe der jahrzehntelangen Wirren und inneren Mißbräuche abhanden gekommen. Alfonso XII. hätte vielleicht ein neues Spanien heranbliden können; indessen er ist tot und seine Witwe ist im Lande — die „Fremde!" Nichts ist von den Gegnern der Monarchie so ausgenutzt, als die Nationalität der Königin. Gegen die „Oestcrreicherin" ist gehetzt und die spanische Leidenschaft wachgcrufen; leider mit Erfolg, wie wirschen. Es ist vergessen, daß Maria Christine die Witwe und Mutter eines Kölligs von Spanien ist, sie heißt darum doch die „Fremde" und das ruft die Umsturzversuche mit hervor.
Die Minister der Königin, Herr Sagasta und seine Genossen, haben große Fehler begangen. Die gerade Bahn, welche sie nach dem Tode Alfonsos XIL gingen, ist von ihnen zu bald verlassen; Sagasta wollte sich eine eigene Militärpartei schaffen. Er hätte das auch wagen können, aber er mußte den anderen Elementen im Offizierkorps nicht geradezu vor den Kopf stoßen. Mit den heftigsten Worten ist die Regierung in den Kammern der Günst- lings- und Mißwirtschaft geziehen, und wenn diese Vor
würfe auch bei der spanischen Parleileidenschaft stark übertrieben sein mögen, das steht fest, daß die Regierung durch chr Vorgehen eine Unzusriedenheit gegen sich hervorrief, die recht wohl vermieden werden konnte. Was die Minister gefehlt, wird aber doppelt der Königin als Schuld zugeschoben. Es ist eine traurige Thatsache, daß in Spanien nicht der Patriotismus das Heer leitet, sondern Eigennutz und Ehrgeiz sind für viele die stärkeren Mächte. Das unglückliche Land ist wieder in den Strudel der Unruhen gezogen, von denen es unter Alfonso XII. für eine Zeit befreit war. Jetzt ist die Revolution niedergeschlagen, aber mcht die Ruhe gesichert, und dem bösen Beispiel wird es an Nachahmungen nicht fehlen. Spanien braucht die Leitung eines bis zur Rücksichtslosigkeit energischen Mannes; jetzt stehen an seiner Spitze eine Frau und ein Kind, und eine Anzahl unentschlossener Minister. Armes Land!
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Sept. Die Rückkehr des Kaisers nach Berlin ist in der ersten Oktoberwoche zu erwarten. Bald nach der Ankunft ves Kaisers sieht man am Hofe dem Besuche des Prinzregenten Luitpold von Bayern entgegen. — Der Kronprinz ist am Mittwoch mittag über Basel- Gotthardtunnel und Mailand in Genua eingetroffen, von wo er sich nach Portofino zur Kronprinzessin und seinen Töchtern begiebt. lieber den Empfang in Metz äußert sich der Kronprinz ganz außerordentlich beifällig, derselbe hat in nichts die Herzlichkeit der Straßburger Begrüßung vermissen lassen. Auf der anderen Seite sind die Bewohner von Metz von der bekannten Leutseligkeit des Kronprinzen und seinem launigen Humor ganz entzückt. Der Kaiser gewann durch seine ehrwürdige Person die Herzen der Straßburger, der Kronprinz als Vertreter ftines kaiserlichen Vaters die der Bewohner von Metz. — Der Bundesrat hat für den Posten eines stellvertretenden richterlichen Mitgliedes des Reichs-Versicherungsamtes infolge der Ernennung des bisherigen Inhabers der Stelle des Landrichters Heller zum Oberlandesgerichtsrat m Posen, wie die „Nal.-Ztg." berichtet, den Kammer- gerichtsrat Mebes in Berlin in Aussicht genommen. — Eine Denkschrift des Reichseisenbahnamtes beantragt die Zustimmung des Bundesrats zur Anwendung der von der internationalen Konferenz in Bern über die technische Einheit im Eisenbahnwesen formulierten Bestimmungen auf putsche Eisenbahnen für den internationalen Verkehr. Betreffs der von der Konferenz vereinbarten Bestimmungen über zollsichere Einrichtung der Eisenbahnwagen im internationalen Verkehr wird dem Bundesrat eine besondere Vorlage zugehen. — Die in dem Jahresberichte für 1885 über die auf Selbsthilfe gegründeten deutschen Erwerbsund Wirtschafts-Genossenschaften von F. Schenck gegebenen Nachweisungen über den Bestand und die Leistungen der deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenofferschaften geben
Geschichtskalender.
24. September.
1706. König Karl XII. von Schweden nötigt August IL von Polen zum Abschluß deS Altranstädter Friedens.
1808. Napoleon hält, umgeben von den vier Königen des Rheinbundes, einen Kongreß mit dem russischen Kaiser Alexander zu Erfurt.
Wanda.
Von A. Gnevkow. (Fortsetzung.)
Schon dämmerte der Abend, als der alte Mann, einer Eingebung seiner Gedanken folgend, aus den belebten Straßen fort und hinaus in die Vorstadt ging. Er war vorher noch einmal in dem Hause des Tischlermeisters gewesen, um zu sehen, ob das Mädchen in der Zeit zurückgekommen sei, und er war schweigend wieder fortgegangen, als er nur die einsame, verzweifelnde Familie gefunden. Ermüdet und doch rastlos schritt der Altgeselle vorwärts, hier und da einen Mann, der vor der Thür seines Hauses stand, ansprechend und ihn fragend, ob er nicht ein Mädchen, aus das die und die Beschreibung passe, habe vorübereilen sehen.
Größtenteils bekam er verneinende Antworten und nur hier und da tauchten spärliche Erinnerungen an eine hohe, gntgekleidete weibliche Gestalt auf, die des Weges gekommen sein sollte.
Der Altgeselle seufzte und stand im Begriff, umzukehren. Was sollte ihn auch veranlassen, die Vorstadt noch weiter zu durchstreifen, die Aussagen der Leute boten keinen genügenden Anhalt und die Ahnung, die ihn weitertrieb bis hinaus zu den grünen Wiesen, dem silberhellen Fluffe, die Ahnung war ja nur des Lächelns wert, ein Spuk seines alten kindischen Kopses. Zögernd und unschlüsstg blieb et
auf dem Wege stehen, als ein Arbetter an ihm vorbeistreifte, der sonderbarer Weise einen Damenhut am Aime trug und zu einem mit ihm gehenden Manne eben die Worte sagte:
■ »Ein Unglück wird das schon gegeben haben, wo wir den fanden."
Das Band des Hutes, den er lebhaft am Arme schwang, löste sich und das zierliche Strohgeflecht fiel gerade zu den Füßen des Altgesellen nieder. Mit einem lauten Schrei bückte sich dieser darnach, und sich gegen die Mauer des Hauses lehnend, vor dem er gestanden, hielt er den Hut dicht und immer dichter zu seinen altersschwachen Augen hin.
„Wanda, Wanda Nowitzka," stöhnte et dann auf und streckte dem Arbeiter, der feinen Fund wieder an sich nehmen wollte, abwehrend beide Hände entgegen.
Schweigend warteten die beiden Männer, bis sich der alte Mann beruhigt hatte und sie aufforderte, ihn doch schleunigst zu jenem Platze zu geleiten, wo sie den Hut gefunden, und mit der Teilnahme, welche die Ahnung eines schweren Unglücks einflößt, betrachteten sie die gebrochene Gestalt des Altgesellen, der zu immer schnellerem Gehen antrieb.
Und nun standen sie auf dem Platze, wo Wanda noch am Vormittage gesessen, nun hielt sich der Altgeselle an den knorrigen Auswüchsen der Weide fest, und blickte so weit er konnte, hinein in die ruhigen Wasserfluthen. Aber was der Fluß barg, deckten die silbernen Wellen verschwiegen und gut, und wie weit der treue Freund der Meistersleute spähte, von dem verlorenen Kinde war nichts zu entdecken
Langsam sentte der Tischler seinen Hakenstock dicht au der Weide herunter ins Wasser, und wollte ihn wieder herausziehen, als er bemerkte, daß sich irgend ein Gegenstand um die Krücke desselben geschlungen und ihm das Herauf- holen erschwerte.
Einen Augenblick lang stockte der Aihem des alten
Mannes, vor seinen Blicken wurde es dunkel, und es kostete ihm viele Mühe, sich nur noch aus seinem Platze zu erhalten: dann aber raffte er sich zusammen, wieder hov er den Stock an, leise gab der Gegenstand, der an demselben hing, nach, und als er ihn über dem Wasserspiegel hatte, erkannte er ihn mit einem lauten Schrei des Schreckens als den Saum von Wandas Kleid und griff mit beiden Händen danach.
Mühsam, mit Aufbietung all ihrer Kräfte brachten die Männer die Leiche des Mädchens ans Ufer und die Arbeiter gingen dann fort um eine Bahre herbeizuholen. Der Altgeselle blieb allein zurück, allein bet der toten Meisteistochter, die einst sein ganzer Liebling gewesen und wie er bei der Leiche saß, die kalte, starre Hand in der seinen hielt und in das wunderbar schöne, unentstellte MadchenanUitz sah, da versanken die Jahre, die Wanda ihm entfremdet hatten, er vergaß, was sie verbrochen in Eitelkeit und Eigen- sinn und weinte, weinte wie ein Vater um sein gestorbenes Kind.
Lange währte es, ehe die Träger mit der Bahre kamen, so lange, daß schon die filberne Sichel des Mondes am tiefblauen Nachthimmel zu leuchten begann, und ihren Schein ans die traurige Gruppe sandte. Als bann die Leute mit ihrer Last die Straßen Warschaus durchschritten, machten ihnen die Vorübergehenden scheu und erschreckt Platz, und wie sie vorbeigekommen waren, bildeten sich kleine Gruppen von Menschen, die sich neugierig fragten, wen man dort auf der Bahre forttrüge.
In den Hauptstraßen der Stadt waren schon die Gaslaternen angezündet und an der Ecke, wo der Weg mündete, der zu dem Hause des Tischlermeisters führte, stürzte ein junger Mann mit wirrem Haar, leichenblassem Gesichte auf den Altgesellen zu, stieß ihn zur Seite und riß das Tuch zurück, das die Bahre deckte. (Fortsetzung folgt)