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Nr *23.

Marburg, Donnerstag, 23. September 1886-

XXL Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal« Abonnements-Preis bei der Expedition 2'/« Ml., bei Postämter 2 Ml. '0 Vfg. iexcl. Bestellgeld). JnsertionSgebübr für die «spaitene Zeile 10 Pfz. Reliam n für die Zelle Pfq.

IltlheUchc Icitmg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudol! Moffe in Frankfurt a 21!., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und i'o n rank urt a. W, rl n, Ha noo r u.PsriS.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

bevorstehenden vierten Quartal ersuchen wir die Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung nebst deren wöchentl. Gratis-Beilagen: Amtl. Anzeiger für die Kreise

Marburg und Kirchhain

und

Illustriertes Sonntagsblatt soweit dieselbe durch die Post bezogen wird, recht bald bei derselben machen zu wollen, damit in der Nebersendung keine Unterbrechung stattfindet.

Unsere Abonnenten in der Stadt Kirchhain wollen ihre Bestellungen bei unserer dortigen Agentur, Herrn Buch­binder Rindt daselbst, gef. machen.

Bestellungen für hiesige Stadt sind an unsere Expedition oder auch an unsere Träger zu richten.

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Haus....... ... . 2.60

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Oesterreichs Bedrohung durch Rußland bildet fast in der gesamten österreichisch-ungarischen Presse gegenwärtig das Diskussionsthema. Wie England der Nebenbuhler Rußlands in Asien, ist es Oesterreich im Balkan; und die Möglichkeit eines freilich wohl noch in weitem Felde stehenden Zusammenstoßes wird seit dem Auftauchen der bulgarischen Wirren sehr eifrig ins Auge gefaßt. Es ist Thatsache, daß Oesterreich - Ungarn durch die von Tag zu Tag sich immer mehr verschärfenden russischen Auslassungen in der bulgarischen Angelegenheit gewaltig verstimmt ist und den Nachbar keineswegs mit freundlichen Blicken betrachtet. Es ist für Oesterreich ein eigentümliches Gefühl, den vom Zaren mit dem Wladimir- Orden dekorierten Moskauer Zeitungsschreiber Katkow kurz und bündig sagen zu hören:Rußlands Armee ist

schlagfertig, und damit ist für uns die Zeit des Nachgebens zu Ende. In Bulgarien wird geschehen, was Rußland für notwendig erachtet!" Das sagt derselbe Mann, von dem Kaiser Alexander bei der Ordensverleihung geäußert, er vertrete Rußlands Interessen in richtiger Weise." Die Auffasiungen des Herrn Katkow entsprechen also denen des Zaren, der österreichische Kaiserstaal weiß also, was er zu erwarten hat, wenn er sich anschickt, die pansla- vistischen Pläne zu durchkreuzen, er wird sich begnügen müssen, Rußland zu einem Ausgleich zu bewegen und darauf mag der Zar eingehen. Er riskiert ja nichts weiter dabei.

Die Wiederherstellung des russischen Einflusses in Bulgarien, eine unter russischem Kommando stehende bul­garische Armee ist eine schwere Bedrohung schon der Sicher­heit Oesterreichs; eine Okkupation Bulgariens durch Ruß­land würde auch Oesterreich - Ungarn zu militärischen Maßnahmen zwingen. Es ließe sich ertragen, wenn lediglich in politischer Beziehung Oesterreich durch Ruß­lands Vorgehen in Bulgarien Schaden erlitte, aber leider ist dem nicht so; der Hauptmachtteil liegt auf militärischem Gebiete. Oesterreich - Ungarn und Rußland im Kriege würden sich jetzt in Galizien rcsp. Polen treffen. Ruß­land ist an Soldatenzahl dem öircrrcichischen Kaiserstaate 'überlegen und ein Krieg wäre für letzteren, sollte er ihn allein durchfechteu, eine mißliche Sache. Indessen Oester­reich brauchte doch seine Truppen nicht zu zersplittern, könnte die ganze "Armee den Russen in Galizien entgegen werfen und damit die Entscheidung hinausziehen. Voll­ständig anders aber würde sich die Sachlage gestalten, wenn die Russen in Bulgarien völlig dominierten. Die äußerste bulgarische Festung Widdin ist nur eine kurze Strecke von der österreichisch-ungarischen Grenze entfernt, die Donau bietet einen geeigneten Weg, und die Russen könnten also, auf das starke Widdin gestützt, Oesterreich auch von Süden angreifen. Sie haben sogar noch gar nicht einmal nötig, sich den Wafferweg zu erzwingen. Serbien würde nicht neutral bleiben können, und, mag es nun auf russischer oder österreichischer Seite stehen, immer werden die Russen durch Serbien über die Donau vor­brechen können, wenn sie nur Bulgarien sicher haben. Die Ueberführung russischer Truppen nach Bulgarien selbst bietet wenig Schwierigkeiten; an Transportdampfern fehlt es nicht zur direkten Fahrt von Odessa nach Reni und von dort über die Donau. Das ist die fatale Lage, die sich für Oesterreich - Ungarn ergiebt, wenn Bulgarien fest in russischen Händen ist; sie würde im Kriegsfälle Oesterreichs Niederlage, wenn es allein steht, sehr schnell herbeiführen.

Dem Zaren und der russischen Regierung liegt nichts daran, daß Oesterreich - Ungarn diese Gefahr schon jetzt ernst nimmt; es fehlt nicht an beruhigenden Versicherungen und der zum neuen Fürsten von Bulgarien ausersehene Herzog Alexander von Oldenburg hat ja selbst nach Wien reisen müssen, um zu beschwichtigen und Erklärungen für

Gefchichtskalender.

23. (September.

768. Pipin der Kleine stirbt.

1862. Graf v. Bismarck wird provisorisch zum Präsidenten des Staatsministeriums von Preußen ernannt.

Wanda.

Bon A. Gnevkow. (Fortsetzung.»

Vergebens spähte Josephs rascher Blick nach der Ge­liebten, er konnte sie nirgends entdecken und er setzte sich deshalb seufzend in die Wohnstube, um ihr Erscheinen ab­zuwarten. Erst, als die jüngeren Geschwister Wandas an» laugten, sprang eines der Kinder nach dem Stübchen der Schwester hinauf, um sie zu holen und kehrte mit der Nach­richt zurück, daß es das Mädchen vergeblich in den oberen Räumen gesucht habe.

Bestürzt sahen sich die einzelnen Glieder der Familie unter einander an, und als der Meister auf den Altgesellen blickte, bemerkte er, daß dessen Gesicht in voller Erregung zuckte und glühte. An Joseph dachte in diesem Augenblick Niemand und doch war der arme Bursche leichenblaß ge­worden und hielt sich krampfhaft an der Lehne des Stuhles fest, von dem er aufgesprungen war.

Wanda fort, Wanda im ganzen Hause nicht zu finden und Pielleicht schon Stunden zwischen ihrem Fortgänge und der jetzigen Minute verstrichen.

Frau Nowitzka brach in Thränen aus und eilte auf ihren Mann zu, der allein Fassung behielt und seine jammernde Familie aufforderte, es ein paar Stunden abzuwarten, ob Wanda nicht einen Spaziergang unternommen und zurück­kehren werde.

Aber Minute auf Minute verging, Stunde reihte sich an Stunde, die Augen des Tischlermeisters blickten starr und unablässig zum Fenster hinaus, das Mädchen kam nicht und mit harter, tonloser Stimme stieß er endlich die Worte hervor:Wieder entflohen!"

Verständnisvoll nickte ihm der Altgeselle zu, er hatte ja an die Wahrheit dieser Behauptung geglaubt, als die Anderen sich noch scheu und erschreckt von sich wiesen und er wußte, daß er nun wie einst hinaus müsse, um das Kind seines Freundes wieder zu suchen.

Leise trat er zu der zusammengesunkenen Gestalt des Meisters und legte die Hand auf dessen Schulter.

»Gieb mir Geld, Jasch," sagte er mit weicher, sanfter Stimme, und so Gott will, schaffe ich Wanda auch heut zur Stelle. '

Frau Nowitzka stöhnte auf und ihr Mann erhob sich wie müde und gebrochen Pon seinem Sitze und wankte in fein Kowptoir, um dem Altgesellen das Verlangte zu holen.

Gleich darauf hörten aber die in der Stube Zurückge­bliebenen einen lauten, markerschütternden Schrei und, als sie erschreckt und zitternd in das kleine Kabinet drangen, fanden sie den alten Mann vom Stuhle heruntergesuuken auf den Knieen liegend und zwischen den Finger, die fein Gesicht deckten, quoll langsam Thräne um Thräne hervor.

Gestohlen und geflohen!" preßte er mühsam zwischen den Zähnen heraus, dann sprang er auf, und die Augen zum Himmel emporrichtend, die Hände in einander schlingend, bat er Gott, sein Kind sterben zu lassen, es fortzunehmen von dieser Welt und ihn davor zu bewahren, einer Diebin sein Haus öffnen zu muffen.

Wie hell und strahlend hatte das Pfingstfest begonnen, wie traurig und dunkel sah es jetzt in dem Hause des

Rttßlands friedliche Absichten abzugeben. Zn Wien wird man freilich ganz bestimmte Versprechungen verlangen, um nicht schließlich der Angeführte zu sein, und Rußland wird auch wohl zu der Versicherung, Bulgarien nicht okkupieren zu wollen, bereit sein. Ungemütlich bleibt die Sache aber immer; gehen die Dinge in Bulgarien nach Rußlands Wünschen weiter, so ist und bleibt das Land ein offenes Thor für Rußland bei einem Kriege mit Oesterreich, von dem wir nur wünschen wollen, daß wir ihn nicht mehr erleben. Wie großen Wert für Rußland aber Bul- garien hat, wird aus vorstehendem erst ersichtlich.

Deutsches Reich. "

Berlin, 21. Sept. Die Kaiserlichen und Königlichen Majestäten erfreuen sich in Baden-Baden des allerbesten Wohlbefindens. Der Kaiser erledigte im Laufe des gestrigen Tages daselbst in gewohnter Weise die laufenden Re­gierungsangelegenheiten und nahm mehrere Vorträge ent­gegen. JÄDer Kronprinz begibt sich von Metz aus direkt zu seiner Familie, welche bereits seit einigen Tagen in der Villa Carnarvon in Portofino bei Genua, weilt, um mit denselben gemeinsam noch einige Zeit in der Umgegend von Genua zu verbleiben. Lieber die ferneren Reisedispositionen der kronprinzlichen Herrschaften verlautet auch heute noch nichts näheres. Dem Vernehmen nach dürfte die kronprinz- liche Familie später noch einen kurzen Aufenthalt in Wies­baden nehmen, bevor dieselbe nach Berlin zurückkehrt. Dagegen wird der Prinz Wilhelm von Metz aus direkt nach Potsdam zurückkehren. Kapitänleutnant Prinz Heinrich von Preußen ist für das Winterhalbjahr 188667 zum Führer der 2. Kompanie der 1. Abteilung bei der 1. Matrosen-Diviston ernannt. Der Bundesrat hielt am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staats­ministers, Staatssekretärs des Innern von Bötticher, eine Plenarsitzung ab. In derselben legte der Vorsitzende eine Mitteilung des Präsidenten des Reichstags vor, nach welcher der letztere beschloßen hat, dem zu Madrid am 28. v. M. zwischen dem Reich und Spanien abgeschlossenen Vertrage, betreffend die Verlängerung des Handels- und Schiffahrtsvertrages vom 12. Juli 1883, die verfassungs­mäßige Genehmigung zu erteilen. Der Vertrag wird zur Allerhöchsten Ratifikation vorgelegt werden. Sodann wurde noch über den dem Kaiser wegen Wiederbesetzung einer Ratsstelle zu unterbreitenden Vorschlag, sowie über die geschäftliche Behandlung mehrerer Eingaben Beschluß gefaßt. Zu den Veränderungen, welche unter der deutschen Diplomatie demnächst stattfinden werden, wird der "^ö-'Zig-" folgendes mitgeteilt: Botschaftssekretär Graf Arco- Valley von Petersburg kommt als General-Konsul nach Alexandrien; an seine Stelle nach Petersburg ist Leg.-Rat Graf v. d. Goltz, gegenwärtig Botschaftssekretär in Wien, ernannt; nach Wien kommt Graf von Monts als 1. Bot­schaftssekretär; nach Rom zur preußischen Gesandtschaft, an Stelle des vorigen, kommt der bisherige 2. Botschafts­sekretär in Konstantinopel, von Lindenau. Der bisherige Tischlermeisters aus. Frau Nowitzka hielt die Hände vor das Gesicht gedrückt, ihr Körper zitterte und bebte vor Der» haltenem Schluchzen und die Kinder drängten fich ängstlich an rhre Seite, während der Altgeselle alles das erzählte, was er von Wandas Thun und Treiben in der letzten Zeit erfahren.

Und als der alte Mann dann seine Erzählung beendet, ging er, als müsse es so sein, auf die kleine Geldtruhe zu, dre aus dem Pulte des Meisters stand, nahm einige Silber­münzen aus derselben und verließ langsam das Zimmer. Als er vor der Thür anlangte, faßte eine eiskalte Hand feinen Arm und sich umwendend, sah er in das tobenblaffe Gesicht Joseph Kowalskys, der ihm gefolgt war.

Lassen Sie mich auch suchen!" bat der junge Mann f° dringlich, daß der Altgeselle, der ihn erst ab wehren wollte, eine leise bejahende Bewegung mit dem Kopfe machte und ihm andeutete, eine andere Richlung einzuschlagen, wie die, die er zu wählen beabsichtigte.

Stunde um Stunde verging, der alte und der junge Mann waren sich nicht wieder begegnet, ihre Wege hatten sie weit auseinander geführt und doch waren diese Wege so nutzlos, das Suchen nach der Meisterstochter so vergeblich gewesen. Joseph hatte planlos die Straßen durchstreift, war nach verschiedenen Bahnhöfen geeilt, immer umsonst und mit dem nieder schlagenden Bewußtsein, daß es ihm nicht gelingen werde, Wanda in diesem Wirrwarr von Menschen und Straßen zu entdecken. Der Altgeselle, ruhiger in dem Verfolgen seines Zieles, hatte mit dem Schauspiel­direktor, wie auch mit dessen Mutter gesprochen, die beide nichts von Wanda Nowitzka wußten und er war bann in einer Droschke auf die Polizei gefahren, nm das Verschwinden, der Meisterstochter zn melden. (Fortsetzung folgt.)