Nr. »2«
Marburg, Mittwoch, 22. September 1886.
XXI. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
Berlin, 20. Sept. Nach heute von dem Bundesrate gefaßten Beschlüsse wird der Vertrag wegen Verlängerung des deutsch-spanischen Handelsvertrages sofort zur Ratifikation gelangen. — Der Präsident der Seehandlung, Rötger, ist gestorben. — Der Reichstagsabgeordnete Papius < Aschaffenburg) legte sein Mandat nieder. - Die „Nordd. Allg. Ztg." tritt einem Leitartikel des „Hamburger Korrespondenten" vom 16. September über die bulgarische Angelegenheit gegenüber. Sie sieht in demselben Verdächtigungen der deutschen Politik und hebt hervor, Rußland habe bisher keinerlei Zugeständnis verlangt, welche Deutschland hätte gewähren oder versagen können.
Geschichtskalenver.
22. September.
1799. Der russische Feldmarschall Suwarow unternimmt seinen denkwürdigen Zug über die Alpen.
1870.
22. Sept. Ausfall der Metzer Garnison.
W air d a.
Von A- Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Joseph hatte sich vergeblich bemüht, Wanda aus der Menge herauszufinden, es gelang ihm nur, bis zu der Familie des Tischlermeisters zu gelangen und sie aufzufordern, noch mit ihm zu verweilen und der Trauung des Schauspieldirektors beizuwohnen. Der Geselle beruhigte sich mit dem Gedanken, daß Wanda schon früher nach Hause geeilt sei, als auch die Eltern, ja selbst der Altgeselle nichts Außerordentliches in ihrem Verlassen der Kirche sahen. In der Seele des jungen Mannes war alles Schroffe, alle Härte gegen die Meisterstochter getilgt, die traurigen Worte des Priesters hatten es ihm angethan, denn er hatte ja daraus ersehen, daß alle Menschen zum Leiden geboren werden. War nicht der Vikar schwer geprüft worden durch das Aufgeben seiner Liebe, hatte nicht Wanda gefehlt und durch ihre Irrtümer bitter gelitten und war es ihm nicht versagt, das Mädchen in reiner, ungetrübter Freude zu seinem Weibe machen zu können? Und sein Eigen sollte sie doch werden, die Tochter seines alten Meisters, selbst wenn sie ihn noch in letzter Zeit hintergangen, und er wollte sich durch stete Liebe, durch andauernde Güte ihr ganzes Herz gewinnen nnd sie zu dem machen, waS Frau Nowitzka war, zn einer fleißigen tteuen HanSftau.
Es könne also auch von keiner Bürgschaft Deutschlands für die Haltung Rußlands in der orientalischen Frage die Rede sein. Die Behauptungen, eine Anfrage des Grafen Kalnoky bei dem Fürsten Bismarck, ob er die russische Politik billige, sei von Bismarck dahin beantwortet worden, die Abdankung des Fürsten sei ein Mittel, die russische Besetzung Bulgariens zu verhindern, seien gänzlich erfunden. Ebenso fingiert sei die Behauptung, Rußland sei durch das Einvernehmen Englands mit Italien an der Besetzung Bulgariens verhindert worden. Die Behauptung des „Hamburger Korrespondenten" von der Ueberantwortung Bulgariens an Rußland sei irrtümlich. In Petersburg fasse man die heutige Situation Bulgariens keineswegs als eine Ueberantwortung an Rußland auf. Bis vor Jahresfrist waren alle Mächte mit der Situation Bulgariens zufrieden und doch war Bulgarien bis zu dem Septemberputsch von Philippopel den Russen mehr überantwortet, als heute. Das bulgarische Heer stand unter dem Befehl russischer Offiziere und die inneren Angelegenheiten waren unter vorwiegend russischem Einfluß und doch war diese russische Einmischung mit der Sicherheit Europas und der Ehre Deutschlands verträglich; warum also jetzt nicht? — In einer gestern zur Verständigung über die Wahl der Abteilungsvorstände berufenen Sitzung des Seniorenkonvents des Reichstags erklärte der Vertreter der Sozialdemokraten, Abgeordneter Hasenclcver, seine Partei würde unter keinen Umständen in die Abkürzung der für die dritte Beratung des Handelsvertrages vorgeschriebenen Frist einwilligen. Er gab dabei zu verstehen, daß den Sozialdemokraten angesichts der Lage, in welche sie durch das Sozialistengesetz gebracht seien, nichts übrig bleibe, als unter dem Schutze des Reichstagsmandats diejenigen Beratungen abzuhalten, welche ihnen außerhalb des Hauses erschwert oder unmöglich gemacht würden. Es hatte den Anschein, als ob die Beteiligten gerade den Sonntag zu diesem Zwecke auszunutzen beabsichtigten. — Wie verlautet, wird die Befreiung von der Wanderlagersteuer nicht selten in nicht geeigneten und auch gesetzlich unzulässigen Fällen in Anspruch genommen. Es ist z. B. die Ansicht eine irrige, daß der steuerfreie Wanderlagerbetrieb allgemein und unbedingt solchen Personen gestattet werden müsse, welche auf Grund des § 2 Absatz 4 des Gesetzes vom 3. Juli 1876 von der Entrichtung der Hausiergewerbesteuer befreit sind, weil sie bei öffentlichen Festen, Truppenzusammenziehungen und anderen außergewöhnlichen Gelegenheiten solche Waren feilbieten, hinsichtlich derer dies von der zuständigen Behörde gestattet ist, oder solchen Personen, welche ein dem Gewerbebetriebe der vorbezeichneten Personen gleichartiges Geschäft auf Grund eines Legitimations- und Gewerbescheines bei öffentlichen Festen, Truppenzusammenziehungen und anderen außergewöhnlichen Gelegenheiten betreiben. Der Finanzminister hält es für unzulässig und mit der Tendenz des
Das waren seine Gedank'.n, und während er sich einesteils nach Hause sehnte, um sie Wanda mitzuteilen, siegte andererseits die Teilnahme für den Vikar von S . . und veranlaßte ihn in der Kirche zu bleiben.
Gebannt hing sein Blick an der Thür der Sakristei und als sich diese öffnete, als ein leises bewundertes Ah! durch die Reihen der Kirchengänger flog, als sich Alle von ihren Sitzen erhoben, stand auch er auf und blickte über die vor ihm Stehenden hin in das wunderbar schöne, ernste und ergebene Gesicht der Tochter des Großhändlers und auf den schlanken, jungen Mann an ihrer Seite, seinen Nebenbuhler im Herzen Wandas.
Feierlich rauschten die Klänge der Orgel durch den weiten Raum, die Chorknaben schwangen die Weihrauchgefäße, geputzte Herren und Damen schaarten sich um den Altar und der Priester wandte sich langsam nach dem Brautpaar uw.
In dem Momente, wo sein Blick die Verlobten treffen mußte, richtete die Braut das gesenkte Haupt empor und ein voller, leuchtender Sttahl ihres Auges traf den Geistlichen mit so energischer Mahnung, so inniger Bitte, daß dieser fast unmerkbar zusammenzuckte und lauter und kräftiger, wie zuvor bei der Predigt, seine Traurede begann.
Wohl noch nie wurde der Segen des Himmels, die Fürbitte aller Heiligen mit so glühender Inbrunst auf ein junges Paar herabgefleht, wie in dieser Stunde, und Joseph begann erleichtert aufzuathmen, als die Zeremonie sich ihrem Ende nahte. t
Es blieb dem Priester nur noch übrig, den Brautleuten das bittende ,3a* abzufordern, die Ringe zu wechseln, und er hatte sich, um letztere einzusegnen, dem Altäre zugewandt, als er plötzlich auf die Knie niedersank und das bleiche, blutleere Antlitz gegen den Teppich fallen ließ, der den Altar deckte.
Mtt einem leisen Schrei des Erschreckens waren die
Gesetzes vom 27. Februar 1880 für unvereinbar, den Handel mit Waren aller Art bei den bezeichneten Gelegenheiten steuerfrei zuzulassen, und hat die Bezirksregierungen ausdrücklich mit entsprechender Anweisung versehen. Dagegen hat der Finanzminister zugestanden, daß Handwerker, die zu den Erzeugnissen ihres Handwerks gehörige Waren auf innerhalb einer Entfernung von 15 km von ihrem Wohnorte stattfindenden öffentlichen Festen rc. feilbieten, und solchen Personen, welche bei kirchlichen Festen Erbauungsschriften, Wachskerzen und ähnliche zur Förderung der kirchlichen Andacht dienende Gegenstände feilbieten, in Gemäßheit des § 3 Nr. 5 des Gesetzes vom 27. Februar 1880 von der Entrichtung der Wanderlager - Steuer befreit werden.
— Obgleich die Wahrscheinlichkeit, daß die Cholera noch in diesem Jahre, nach Preußen gelange, keine große ist, so ist doch die Möglichkeit der Einschleppung nicht ausgeschloffen und der Kultusminister hat deshalb mit Recht diesmal ebenso, wie vor einem Jahre (am 11. September 1885 mit Rücksicht auf das damalige Auftreten der Cholera in Frankreich), sämtlichen Oberpräsidenten der Monarchie die sorgfältige Beachtung der in einem Ministerialerlasfe vom 14. Juli 1884 gegebenen Anweisungen wiederum zur Pflicht gemacht. Welcher Art diese Anweisungen sind, ist in einer offiziösen Kundgebung dieser Tage kurz skizziert worden. Für *das große Publikum wäre es entschieden von mehr Bedeutung, wenn die vor zwei Jahren von Dr. Koch, Dr. Skrzeczka und Dr. von Pettenkofer ausgearbeitete „Belehrung über das Wesen der Cholera und das Verhalten während der Cholerazeit" durch geeignete amtliche Bekanntmachungen wieder in Erinnerung gebracht würde. An die Spitze ihrer Ausführungen stellten damals die drei genannten Gelehrten den Satz: „Die Cholera wird durch den menschlichen Verkehr verbreitet und zwar haftet der Ansteckungsstoff fast ausnahmslos an den Menschen selbst und an den mit ihnen in unmittelbare Berührung gekommenen Gegenständen. Die Ausbreitung der Seuche wird deswegen, wie die Erfahrung vielfach gelehrt hat, am meisten gefördert, wenn bei ihrem Erscheinen in größeren Orten die Einwohner die Flucht ergreifen und den Krankheitskeim nach allen Richtungen hin und oft auf weite Entfernungen verbreiten. Dieser überaus gefährlichen Massenflucht muß mit aller Energie entgegengetreten werden. Zum Verlaffen des von der Krankheit ergriffenen Ortes ist um so weniger Veranlaffung, als es jeder in der Hand hat, sich durch eine geeignete Lebensweise und Befolgung der (weiterhin in der „Belehrung" gegebenen) Vorsichtsmaßregeln beffer gegen die Cholera zu schützen, als er es auf Reisen und fern von seiner Häuslichkeit zu thun vermag". Wie schon gesagt, ist glücklicherweise beinahe mit Sicherheit vorauszusehen, daß bei uns der einzelne die empfohlenen Vorsichtsmaßregeln vorläufig nicht zur Anwendung zu bringen braucht.
Karlsruhe, 20. Sept. Um V*1 Uhr langte mit
Chorknaben zur Seite gewichen, die Braut lehnte halb ohnmächtig in den Armen ihres Verlobten und die Hochzeitsgäste drängten sich entsetzt hinzu. In demselben Augenblicke war aber auch schon Joseph vorgesprungen, hatte die leblose Gestalt des Priesters umfaßt, sie in die Sakristei getragen und sich mit Hilfe des Küsters bemüht, sie wieder dem Leben zurückzugeben. Erst, als der Unglückliche die Augen aufschlug, eilte der Geselle in die Kirche zurück und sah einen anderen Geistlichen die Hände des jungen Paares zusammenlegen und die Ringe wechseln. Es war Joseph ein vollständiges Rätsel, warum der Vikar von S . . sich das Opfer auferlegt hatte, die Ehe des Schauspieldirektors selbst einzusegnen, denn er konnte ja keine Ahnung davon haben, daß cs der Geistliche gethan, um dem müßigen Gerede die Spitze abzubrechen, das einige Bekannte des Großhändlers über ihn und die Tochter desselben in Umlauf gebracht hatten.^
Langsam wanderte die Familie des Tischlermeisters, wanderten Joseph und der Altgeselle nach Hause. Es wurde so viel hin und her gesprochen über das Vorkommnis in der Kirche und ein Jeder suchte die Ursache zu erraten, die die Ohnmacht des Priesters herbeigeführt hätte. Der Geselle allein, der es genau wußte, schwieg darüber, und teilte dem Altgesellen, während der hastig vorwärts schritt, flüsternd seinen Entschluß mit, die Meisterstochter trotz allem, was vorgefallen, dennoch zu seinem Weibe machen zu wollen. Der Altgeselle schüttelte zwar bedenklich den Kopf, aber die Pfingstfreude hatte auch feinen Blick heiterer gefärbt und er sah nach der vollzogenen Trauung des Schauspieldirektors nicht mehr so trübe in die Zukunft wie vordem."
Hell von der Sonne beschienen lag das Haus des Tischlermeisters vor den beiden Männern, als sie schon einige Zcü vor den übrigen Kirchgängern dasselbe erreichten und hiueiutrateu. (Fortsetzung folgt.)