Nr «21.
Marburg, Dienstag, 21. September 1886.
XXI. Jahrgang.
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MnhMt 3ritmi(i.
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Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. «och.
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Marburg und Kirchhain
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Deutsches Reich.
Berlin, 18 Sept. Kaiser Wilhelm hat sich von der Ermattung, die ihn mehrere Tage hindurch verhinderte, den Festlichkeiten in Straßburg beizuwohnen, erholt und war am Sonnabend wieder bei dem Manöver anwesend, wo er mit ganz unbeschreiblichem Enthusiasmus empfangen wurde. Sonntag sollte die Heimreise nach Baden-Baden erfolgen, wo der Kaiser mehrere Wochen verbleiben wird. Auch der König von Sachsen hat Straßburg wieder verlassen. Der Kronprinz reist heute Montag früh in Vertretung des Kaisers nach Metz. — Der Kaiser betraute den Staatssekretär Grafen Herbert Bismarck nach Maßgabe des Gesetzes vom 17. März 1878 mit der Stellvertretung des
Reichskanzlers im Bereiche des auswärtigen Amtes. — Die in der heutigen Sitzung des Reichstages zirkulierende Interpellation der Sozialdemokraten über Bulgarien fand bei den anderen Fraktionen keine Unterstützung und kommt somit nicht zur Verhandlung. — Minister von Puttkamer begibt sich nach amtlicher Meldung der „Kreuz-Ztg." morgen mit dem Unterstaatssekretär Herrfurth nach Köln zum Zwecke von Beratungen wegen Einführung der Kreisordnung in der Rheinprovinz. — Die Naturforscher- Versammlung wurde heute vormittag 11 ’A Uhr vor einem äußerst zahlreichen Publikum durch Professor Virchow mit einer Rede eröffnet, welche mit einem mit Begeisterung aufgenommenen Hoch auf den Kaiser schloß. Virchow teilte das Bedauern des Kaisers mit, durch den Besuch der Reichslande an der Beiwohnung des Kongresses verhindert zu sein; er verliest sodann ein Schreiben der Kaiserin gleichen Inhalts, sowie eine ähnliche Mitteilung des kronprinzlichen Paares. Unterstaatssekretär Lukanus begrüßt die Versammlung namens des Kultusministers und verliest ein überaus sympathisches Schreiben desselben. Oberbürgermeister von Forckenbeck heißt dieselbe namens der Stadt, Rektor Kleinert namens der Universität willkommen. Die Versammlung beauftragte den Vorstand, den Majestäten ihren ehrerbietigen Dank zu übermitteln und wählte Wiesbaden zum nächstjährigen Versammlungsorte, den Geheimen Hofrat Fresenius und Sanitätsrat Pagenstecher zu Geschäftsführern für die nächste Versammlung. Werner Siemens eröffnete die Reihe der Vorträge mit einer Rede über das naturwissenschaftliche Zeitalter. — An dem Festbankett der Naturforscher im Wintergarten. des Zentralhotels nahmen 1800 Personen teil, darunter Unterstaatsfekretär Lukanus, Ministerialdirektor Greiff, Rektor Kleinert, Oberbürgermeister Forckenbeck. Geheimrat Hofmann brachte den Toast auf den Kaiser aus, den die Versammlung mit großer Begeisterung aufnahm. Weitere Toaste galten den deutschen Unterrichtsverwaltungen, speziell dem Staatsminister Goßler, den Naturforschern, den Universitäten als Pflanzschuleu der Wissenschaft, der Stadt Berlin 2c. Das Banket wurde durch hochkünstlerische Musik und Gesangsvorträge verschönt und hielt die Teilnehmer bis zu später Abendstunde beisammen. — Die Berliner Einschätzungskommission hatte für das laufende Jahr die Landtagsdiäten der in Berlin wohnenden Abgeordneten für einkommensteuerpflichtg erklärt. Infolgedessen wurden fast sämtliche Abgeordnete in den Steuerstufen erhöht. Die Bezirkskommission für' Berlin hat nunmehr in der Reklamationsinstanz entschieden, daß die Landtagsdiäten von der Einkommensteuer freizulassen seien. — Aus dem Hundertmillionenfonds ist das Gut Lobowko im Kreise Gnesen, welches 272 Hektar Flächeninhalt hat, gekauft worden Der letzte Besitzer war die Stettiner Bank, der vorletzte ein Pole Dutkiewicz. — Für den Prinzen Wilhelm von Preußen soll das Gut
Ostrowilt bei Tremessen, Provinz Posen, angekauft werden. — Von der „Hall. Ztg." war kürzlich gemeldet, daß der Fürst von Bulgarien auf Einladung der Königin Victoria demnächst nach England gehen werde, und daß der Großherzog von Hessen wegen deö Wiedereintritts des Fürsten in die deutsche Armee beim Kaiser die geeigneten Schritte thun werde. Beide Nachrichten sind unbegründet.
Stratzbnrg, 18. Sept. Se. Majestät der Kaiser hat dem Statthalter Fürsten Hohenlohe sein lebensgroßes Bildnis mit nachstehendem Schreiben zugehen lassen: „Ich habe bereits mündlich wiederholt Meine Befriedigung über die warme und freundliche Aufnahme zu erkennen gegeben, welche Mir und Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin, Meiner Gemahlin, bei dem diesmaligen Besuche der Reichslande, insbesondere der Stadt Straßburg zuteil geworden ist. Wenn Ich durch diese Wahrnehmung in der lieber» zeugung bestärkt werde, daß der innere Anschluß des Landes an das deutsche Vaterland in stetigem Fortschreiten begriffen ist, so kann Ich davon den Gedanken nicht trennen,, daß zu einem solchen Erfolge Ihre einsichtige Verwaltung als Statthalter der Reichslande, trotz der Kürze der Zeit, nicht unwesentlich beigetragen hat. In Würdigung dessen, sowie zum Andenken an die Tage Meines hiesigen Aufenthaltes, welche Mir in wohlthuender Erinnerung bleiben werden, verleihe Ich Ihnen mein Bildnis in Lebensgröße, welches Ich Ihnen hiermit zugehen lasse. Straßburg i. E., 18. September 1886. (gez.) Wilhelm. An Meinen Statthalter in Elsaß-Lothringen Fürsten von Hohenlohe.
— Die Feldmanöver des 15. Armeekorps endeten heute mittag 1 Uhr bei Minwersheim. Der Grvßherzog von Baden hatte sich mit dem Prinzen Wilhelm und dem Generalkommando des 15. Armeekorps mit dem ersten fahrplanmäßigen Zuge früh 7 Uhr 50 Min. in das Manöverterrain begeben. Um 9 Vs Uhr folgte der Kronprinz, welchem auf der Station Mommenheim von der Dorfbevölkerung ein überaus herzlicher Empfang bereitet wurde. Seine Majestät der Kaiser, welcher sehr frisch aussah, hatte Straßburg mit der Großherzogin von Baden um 10 Uhr verlassen und erschien um 11 Uhr auf dem Manöverterrain, nachdem Allerhöchstderselbe zuvor in Mommenheim mit dem größten Enthusiasmus begrüßt worden war. Der kaiserliche Wagen war mit Blumensträußen angefüllt. Inzwischen hatten die um 93/* Uhr begonnenen Operationen sich dahin entwickelt, daß die Avantgarde des heute verstärkten Ostkorps den feindlichen Vormarsch am Landgraben zum Stehen brachte, bis das Gros der Infanterie auf dem Kampfplatze erschien und den gegen Minwersheim vorgezogenen Feind zurückwarf, der auf dem rechten Flügel von der Kavalleriedivision Haeseler, auf dem linken Flügel von der gegen 1 Uhr auftretenden Unterstützungsbrigade des Ostkorps umfaßt wurde. Gleich nach 1 Uhr wurde das Signal „das Ganze halt" geblasen. Die Kommandeure sammelten sich um den Kaiser, welcher auf der Höhe
Gefchichtskalender.
20. September.
1322. Friedrich der Schöne von Oesterreich wird in der Schlacht bei Mühldorf von seinem Gegenkaiser Ludwig dem Baier besiegt und gefangen genommen (S'yfried Schweppermann.)
1792. Nach vergeblicher Kanonade von Valmy ziehen sich die Preußen zurück.
1819. Die auf Betrieb des Fürsten Metternich zu Stande gekommenen Carlsbader Beschlüsse werden vom Bundestage bestätigt.
1854. Die vereinigten französisch-englischen Truppen siege« über die Russen an der Alma auf der Krim.
1866. Die siegreichen Truppen halten ihren feierlichen Einzug in Berlin; die Vereinigung der Herzogtümer Schleswig - Holstein mit Preußen durch ein Gesetz verkündigt.
1870.
19. Sept. Siegreiches Gefecht bei Sceaux. — Paris wird von den deutschen Truppen vollständig eingeschlossen.
20. Sept. Paris zerniert. — Toul genommen.
21. September.
1440. Der Kurfürst Friedrich L von Brandenburg stirbt aus der Kadolzburg in Baireuth.
1555. Der Augsburger Religionsfriede kommt zu Stande.
1558. Kaiser Karl V. stirbt im Kloster zu St. Just iu Valladolid.
1792. Der Nationalkonvent wird in Paris eröffnet uud Frankreich zvr Republik erklärt.
Wanda.
Von A. Gnevlow.
lFortsetzung.)
Wanda hatte sie auch gesehen, die Beiden, die einen glücklichen Traum ihres Lebens vernichteten und zerttaten, und sie war vor der Kirchenthür wieder umgekehrt, weil sie wußte, daß alles vorbei sei, alles, daß sie nichts einwenden könne gegen die Trauung des Geliebten mit einer Anderen, daß das Zeitungsblatt nicht gelogen habe und der Direktor W . . im Begriffe stehe, sich zu vermählen.
„Sich zu vermählen!' sagte sie laut vor sich, und „sich zu vermählen,' wiederholte sie noch ein paar Mal mit seltsam klagendem, schluchzendem Tone.
Daun wurde sie ganz ruhig, ganz gelassen, nur hin und wieder huschte ein bleiches, trauriges Lächeln um den kleinen blassen Mund und die Füße schritten ruhelos vorwärts.
Eine Stunde mochte sie so gegangen sein, gesenkten Blickes au den Begegnenden vorüber, hindurch durch die belebten Straßen, bis dorthin, wo die Häuser minder glänzend wurden, wo sie statt vieler Etagen nur ein einziges Stockwerk hatten und Wiesen, Felder und Wälder ihre Herrschaft begannen.
Und als suche das Mädchen Ruhe und Frieden in der Natur, so eilig wurde jetzt noch einmal sein Schritt, so erlöst klang der Schrei, mit dem es sich in das sprießende, schwellende Gras am Ufer des klaren, tiefen Flusses hinwarf, der die Wiesen durch schnitt.
Eine Viertel-, eine halbe Stunde ging vorüber, höher uud höher stieg die Sonne, kleine, weiße Wölkchen huschten über das Tiefblau des Himmels und ein leichter Luftzug beugte die Köpfchen der Vergißmeinnicht, Kuckucksblumen uud Maßliebchen, die an der Seite WaudaS blüten.
Das Mädchen hielt die Anne unter dem Kopfe gekreuzt,
die Augen hingen übernatürlich groß und starr an dem lichten Himmelsgewölbe, und wie ihr Herz vorher beseligt worden ,war durch die Gewißheit: „Du bist frei!" so leer und öde, so verlassen und einsam sah es jetzt in ihrer Seele aus, und so unaufhörlich murmelten ihre Lippen vor sich hin: „Gestohlen und doch verloren!"
Nach geraumer Zeit richtete sich Wanda plötzlich auf und eilte vorwärts, bis sie so weit von den Häusern der Stadt entfernt war, daß sie von dort aus nicht mehr gesehen werden konnte und plötzlich begann sie zu deklamieren aus all den Rollen, die sie gelernt, die der Direktor ihr einstudiert hatte und sie hob die Arme, machte Gesteu dazu, vertraulich ihrem Bilde in dem Haren Spiegel des Flusses zunickend.
Lange, lange dauerte dies Spiel, bis sie plötzlich wie ermüdet zusammenkauerte, den Hut von ihrem Kopfe nahm, ihn vor sich hinlegte und eine Hand voll Geld nach der anderen aus der Tasche riß und hineinwarf. Dazu glüthen ihre Augen wie im Wahnsinn bei dem seltsamen Gebühren nnd ihr Lachen verklang unheimlich in der blumengeschmückten frühlingsftischen Natur. Nur einmal war ihr der Gedanke gekommen, uwzukehren, das entwendete Geld dem Vater heimlich wieder zuzustellen und ein neues Leben im elterlichen Hause zu beginnen, aber sie hatte den Gedanken sofort verworfen, weil sie wußte, daß eS kein Leben für sie gab, in dem der Geliebte fehlte und daß nur der Tod der aufreibenden, unzufriedenen Existenz ein Ende machen könne, in der sie sich bisher bewegt hatte.
Langsam nahmen ihre Hände wieder Thaler um Thaler aus dem Hute heraus, wogen sie spielend hin und her uud packten sie dann in das Taschentuch, das Wanda vor sich auf bett Schooß gebreitet hatte. Daun füllte sie ihre Tasche mit Steinen, die in Menge am Ufer des Flusses lagen uud