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Marburg, Sonntag, 19. September 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Ang. Koch.
Bon den Kaisertagen in Straßburg.
Eine besondere Bedeutung hat der Besuch gewonnen, den der Kronprinz der Universität als Vertreter seines hohen Vaters am 16. d. Mts. abgestattet hat. Als Schauplatz des Festaktes war der mit farbigem Glase eingedeckte prächtige Lichthof des neuen Universitätsgebäudes ausersehen, dessen Rückseite eine Palmendekoration zum Teil bedeckte. Hier standen die Professoren der Universität, in engerem Quadrat die Spitzen der Zivilbehörden und andere Personen von Bedeutung. Weiter zurück sonstige geladene Gäste. Um halb 12 Uhr fuhren der Kronprinz, Prinz Wilhelm, der Großherzog von Baden, Prinz Albrecht, Prinz Karl von Schweden, der Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt und Gefolge vor das Portal, wo sich die Abordnungen der Verbindungen und Burschenschaften in vollem Wichs mit ihren Fahnen neben dem Banner der Universität und den fünf Fakultätsfahnen aufgestellt hatten. Vom Rektor und dem Senat begrüßt, schritt der Kronprinz im Geleite des Statthalters in den Lichthof und trat allein in die Mitte des Raumes, während die studentischen Abordnungen an den Längsseiten Aufstellung nahmen und der Straßburger Männer-Gesang-Verein das macte veni Imperator von Lachner anstimmte. Darauf hielt der Rektor Neve folgende Anrede: „Durchlauchtigster Kronprinz! Im eigenen stattlichen Hause begrüßt heute Euere Kaiserliche Hoheit als den Vertreter ihres allergnädigstcn Kaisers und Herrn ehrfurchtsvoll und dankerfüllt, freudig bewegt die Kaiser - Wilhelms - Universität Ltraßburg. Mit so manchen geistigen Gütern und wertvollen Rechten des Elsaß war auch die Straßburger Hochschule der Ruhm und Stolz dieser altehrwürdigen Reichsstadt, untergegangen in der französischen Revolution. Se. Majestät haben sie aufs neue in das Leben gerufen und sie diesen wiedergewonnenen Reichslanden zurückgeschenkt. Nach schwerem, glorreichem Kriege eine köstliche Gabe des Friedens! Schon wurzelt sie wiederum fest und immer fester in diesem schönen Lande; hunderte seiner Söhne hat sie bereits von ihm empfangen, und als Männer, tüchtig in aller Wisienschaft, ihm zurückgegeben. Stolz trägt nunmehr die Universität ihres geliebten Kaisers weltgeschichtlichen Namen; an ihrem Gedeihen nimmt ganz Deutschland, Fürsten und Volk, thatkräftigen Anteil. Der steten Fürsorge von Seiner Majestät Regierungen im Reiche und im Lande, dem Wohlwollen des hohen Bundesrates und der Opferwilligkeit des deutschen Reichstages und des Landes-Ausschusses von Elsaß-Lothringen verdankt sie die reiche Ausstattung ihrer wissenschaftlichen Institute, verdankt sie auch ihre monumentalen Gebäude. Mit treuem Fleiße, und eingedenk der Worte ihrer Kaiserlichen Stiftungsurkunde wird sie' auch ferner im Dienste der Wahrheit die Wisfenschaft pflegen, die Jugend lehren und so den Boden bereiten, auf welchem mit geistiger Erkenntnis wahrhafte Gottesfurcht
und Hingebung für das Gemeinwesen gedeihen. Durch ernste Arbeit wird sie Sr. Majestät und Ew. Kaiserlichen Hoheit Huld und zugleich das Vertrauen des deutschen Volkes und zumal der Elsaß-Lothringer sich verdienen und bewahren, indem sie allezeit getreu bleibt ihrem Wahlspruche: „Litteris et patriae!“ Kommilitonen! Werte Kollegen! Hochansehnliche Versammlung! Lassen Sie uns alle unseren Gefühlen der Ehrfurcht, des Dankes, der Liebe und Treue zu Kaiser und Reich lauten Ausdruck geben, indem wir uns vereinigen zu dem Jubelrufe: Se. Majestät der Kaiser, der machtvolle Schirmherr des Reiches und dieser seiner Grenzmark, der Beschützer des Friedens, er lebe hoch! hoch! hoch!"
Die schöne Rede, mit welcher der Kronprinz die Ansprache des Rektors beantwortete, hatte folgenden Wortlaut: „Indem Ich Ihnen Meinen Dank für die Worte ausspreche, welche Sie an Mich richteten, habe Ich Ihnen gleichzeitig das Bedauern Seiner Majestät des Kaisers auszudrücken, daß es Allerhöchstdemsclben abermals versagt ist, unter Ihnen zu erscheinen, wie es Sein pcrsön- sönlicher Wunsch war. Dankbar, daß Se. Majestät Mich mit Seiner Vertretung beauftragte, spreche Ich es gerne aus, wie Ich stets die Tage als frohe, festliche für Mich betrachte, an denen Ich unter Män: ern der Wissenschaft und nicht minder in den Räumen der Hochschule weile. Denn immer wieder von neuem fühle Ich Mich dann von dem Geist der Zeiten angeweht, wo Ich selbst als Student auf der Universität weilte. Wenn schon damals die Aufgabe unserer akademischen Lehrer eine bedeutungsvolle war, so sage Ich, daß, nachdem der gewaltige Zeitabschnitt der nationalen Wiedergeburt Deutschlands hinter uns liegt, mit Recht das Ziel, welches Ihnen heute vorschwebt, unsere Jugend zu thatkräftigen Stützen des Reiches zu erziehen, ein besonderes erhabenes und erfreuliches genannt werden muß. Blickten damals meine Zeitgenossen und Ich in eine unbestimmte Zukunft, so sehen wir heute im reiferen Alter unsere Hoffnungen und Wünsche that- kräftig durchgeführt. Die Stätte, auf welcher wir hier stehen, ist der schönste Beweis dafür! Möge diese jüngste Pflanzschule der Wissenschaften in keiner Weise den älteren Schwestern nachstehen, von denen Ich vor Jahresfrist an der Ostgrenze des Reiches eine seit Jahrhunderten bestehende besuchte, vor wenigen Wochen aber das halbtausendjährige Bestehen der allerältesten im Deutschen Reiche feierlich beging. Eine Mahnung aber richte Ich dabei an Sie alle, daß ein jeder in seinem Berufe bestrebt sei, im Sinne unserer Vorfahren weiter zu wirken, sich dabei jedoch vor Ueberhebung hüten möge. Denn gerade hier an dieser Stelle und seitdem diese Gauen mit dem Mutterlande wieder verbunden sind, gilt es für uns Deutsche, zu zeigen, daß der Sinn für Erhaltung des Friedens und das Streben, Uns in Friedfertigkeiten zu bewegen, Uns
erfüllt. So hoffe Ich, daß die Hochschule sich dieser schönen Aufgabe gewachsen zeigen wird, zu reichem verheißungsvollem Legen der Zukunft. Das walte Gott!"
Hierauf ließ sich Höchstderselbe sämtliche Professoren, Dozenten und die Vertreter vorstellen. Einen Vertreter der Suevia, welcher auf die Frage nach seiner Nationalität erwiderte, daß er ein Schwede sei, nahm er bei der Hand und führte ihn, das Karre der Zuschauer durchbrechend, zu dem Prinzen Karl von Schweden, dem er ihn lächelnd als Landsmann vorstellte. Die Unterhaltung mit den Anwesenden dauerte über eine halbe Stunde; dann nahm der Kronprinz noch die oberen Räume des Universitätsgebäudes in Augenschein.
Daß der Kronprinz gerade den Geist der Friedfertigkeit in einer Grenzmark hervorhebt, welche als vorgeschobener Posten gegen den unfriedfertigsten unserer Nachbarn am leichtesten die Geduld verlieren könnte, wird nicht nur in Deutschland den ungeteilten Beifall aller Besonnenen erhalten, sondern auch in Frankreich zeigen, wie ernst das Hohenzollernhaus seine Friedensmission auffaßt. Man denke sich den Erben der deutschen Kaiserkrone neben einem der tonangebenden französischen Staatsmänner von jetzt, etwa Boulanger, welcher ergreifende und für den ersteren ehrenvolle Gegensatz! Tort nichts wie Aufregung der nationalen Eitelkeit, komödiantenhafte Effektscenen, ein fortwährendes Spiel mit den gefährlichsten Leidenschaften und hier an weihevoller Stätte eine mächtige Mahnung, selbst berechtigte Gefühle um des Friedens willen zu zügeln, zu bannen und die einfache treue Arbeit höher zu stellen wie alle Bewegung in noch so blendenden Augenblicksgedanken. Fürwahr herrliche, verheißungsvolle Mahnungen aus dem Munde des deutschen Kronprinzen, die ein Echo in allen deutschen Herzen finden werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Sept. Laut telegraphischer Meldung aus Straßburg wird der Kaiser bis zum Sonntag dort verbleiben und sich dann nach Baden - Baden begeben. Danach ist der Besuch des Kaisers in Metz definitiv fallen gelassen. Die Folgen der Anstrengungen, die wesentlich mit durch das zwar schöne, aber anormale Wetter, das aus einer ungewöhnlichen, ermattenden Hitze plötzlich in eine empfindlich kühle Temperatur umschlug, bedingt wurden, dürften eine baldige Erholung des Monarchen in stiller Zurückgezogenheit notwendig gemacht haben. Erleiden die Kaisertage dadurch auch einige Störung, so wird diese von allen in dem Reichslande gern und freudig hingenommen werden, wenn dadurch etwas zur Besserung des Befindens unseres teueren Herrschers beigetragen werden kann. Möchte Gottes Hand über der Gesundheit desselben gnädig walten! — Die „Nordd. Allg. Ztg." dementiert aus sicherster Quelle die Mitteilungen der „Vossischen Zeitung" über den Jn-
Geschichtskailerrder.
19. September.
14. Der Kaiser Augustus stirbt zu Nolo.
1356. Eduard der schwarze Prinz erficht einen glänzenden Steg über König Johann den Guten von Frankreich und nimmt diesen mit seinem Sohne Philipp gefangen bei Maupertuis unweit Poitiers.
1657. Der mit Polen geschlossene Vertrag zu Wehlau sichert dem großen Kurfürsten die Souveränität über das Herzogtum Prrußen.
W a n v a.
Von A. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Wanda sah ein wenig bleicher aus, wie gewöhnlich, aber das war Keinem aufgefallen, denn das Mädchen litt seit letzter Zeit so oft an Kopfschmerzen, und die aufgeregte Miene, der gespannte Blick des Gesellen, der sich immer nnd immer wieder auf die Meisterstochter richtete, wurde von Niemand wahrgenommen. In gehobener Stimmung langte man in dem stattlichen Bau der Hauptkirche Warschaus an, segnete man seine Stirn mit dem Zeichen des Kreuzes und lag in lautloser Andacht auf den Knieen.
Feierlich rauschten die Klänge der Orgel, Weihrauchdüfte durchzogen die Luft, und in dem weiten Raume war vielleicht nur das Herz des armen Gesellen nicht bei den Worten, die seine Lippen murmelten, denn er kannte nur den einen Gedanken, „wie halte ich Wanda fest, daß sie nachher die Trauung deS Direktors mit anfieht und was wird sie dazu Jagen."
Unter den gesenkten Liedern fort sah er sich nach seiner Braut um, als er bemerkte, daß sich die Volksmenge zwischen ihn unb die Meisterstochter gedrängt halte, er kniete dicht am Altäre, während Wanda selbst entfernt von den Ihrigen nahe dem Ausgange der Kirche sich befand. Vergebens
mahle er sich, näher zu dem Mädchen zu kommen, Kopf an Kopf knieten die Andächtigen, und er mußte sein Vorhaben aufgeben, wenn er nicht Aufsehen erregen wollte.
»Was nutzte es mir, daß ich mich so genau im Hause des Großhändlers nach der Trauungsstunde des jungen Paares erkundigt habe, wenn ich nicht vermag, Wanda hier zu fesseln," dachte er, glühend vor Aufregung und starrte zu dem Mädchen hin; in diesem Augenblick erhob sich die Menge von den Knieen, er wurde mit hineingedrängt in eine Bank, wo er sich niederließ, ohne Wanda auch fernerhin im Auge behalten zu können.
Langsam wandte sich der Priester, der so lange mit dem Rücken nach der Gemeinde hin vor dem Altäre gestanden, und es kostete Joseph Mühe, einen Ausruf des Erstaunens zuruckzuhalten, als er in das, ihm wohlbekannte, todenblaffe Gesicht des Vikars von S . . . sah. Einen Augenblick lang wichen alle eigenen Leiden, die die Brust des jungen Gesellen durchtobten, vor dem Mitgefühle, das ihn beim Anblicke des gereiften Mannes ergriff, dessen Schmerzen ihm so wohl bewußt waren, und mit ängstlicher Spannung lauschte er der gedämpften, traurigen Stimme des Geistlichen, der am Pfingstsonntag von Weltentsagung, Kasteiung des Herzens und dem Aufgeben jeder irdischen Hoffnung sprach.
Licht unb frennbltch blickte die Sonne durch die hohen Bogenfenster der Kirche unb warf ihren Schein auf das schmerzdurchwühlte Gesicht des Priesters; leises Schluchzen hörte man hin unb wieder in dem weiten Raume unb Jos-phs Augen hingen wie gebannt an der Gestalt des unglücklichen Mannes.
Niemand von den Ihrigen hatte es bemerkt, daß Wanda gleich Anfangs absichtlich an der Ausgangsthür der Kirche zurückgeblieben war und beim Beginn der Predigt leise anf- stand und hinanshnschte. Unter den laubigen Bäumen au- gekommeu, bie das Gotteshaus umgaben, aihmete das
Mädchen erleichtert auf und warf mit einem Hellen Aufleuchten der dunklen Augen einem greifen Mütterchen, das bettelnd an der Pforte hockte, einen harten Silberthaler in den Schooß.
»Gott lohne es Ihnen," murmelte der zahnlose Mund der Alten und ihre bannen Arme haschten nach dem Saume von Wandas Kleid, um es an bie Lippen zu brücken, aber sie griff in die leere Luft unb als sie aufblickte, war das Mädchen schon weit fort unb flüchtigen Schrittes um die nächste Straßenecke geeilt.
Wie nun das Mädchen so vorwärts schritt, war es ihm als zwitscherte ihm jeder Vogel zu: .Du bist frei!" — Als ständen die Worte mit Flammenschrift in den Häusern eingegraben, an denen sie traumhaft vorüberging, als böte ihr jeder Entgegenkommende den Pfingstgruß: — „Du bist frei!"
Fast laufend passierte sie mehrere Straßen, ohne Plan, aufs Geradewohl, nur mit der unbestimmten, seligen Empfindung, daß der Zufall ihr helfen würde, den Geliebten wiederzufinden, als sie erhitzt und athemlos stehen blieb um einige herrankommende Wagen vorüberzulaffen und den Damm zu überschreiten.
Eine Ewigkeit dünkte es ihr, ehe die erste Equipage sich und interesselos, gleichgiltig senkte sie den Blick tief in dieselbe hinein.
Aber plötzlich stieß sie einen Schrei ans, einen wilden, verzweifelten Schrei, ihre Hand griff nach dem zuckenden Herzen unb blieb dort liegen, unb bann kehrte sie um, dann lief sie, lief wie gehetzt immer ein Stück hinter ber langsam fahrenben, glänzenden Equipage her, den ganzen Weg zurück, den sie soeben gekommen, bis vor bie Kirchthür, wo noch bas alte Mütterchen hockte und mit großen Augen auf ben eleganten jungen Mann hiuschante, ber so liebevoll unb beforgt das schöne bleiche Mädchen im Brautkranz und Schleier aus dem Wagen hob. (Fortsetzung folgt.)