Nr. «18
Mttvburg, Freitag, 17. September 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Spione nnd Spionage.
„Man benutzt den Spion, aber man achtet ihn nicht!" Dies alte Wort hat heute mehr als je Geltung; aber vielleicht mehr als je ist auch heute die Spionage im Schwünge, die Hand in Hand mit der Landesverräterei geht. Vor allem bewegt sich die Spionage auf militärischem Gebiete. Die militärische Ausrüstung wird andauernd vervollkommnet, die Werke der Festungen, besonders der der Grenze nahegelegenen, verstärkt, für etwaige Mobilmachungen werden die genauesten und umfassendsten Pläne aufgestellt. Mögen die Friedensbeteuerungen zwischen den einzelnen Mächten noch so groß sein, die Spione und die Spionage findet doch noch reichliche und gut bezahlte Beschäftigung. Wiederholte Spionage- und Landesverratsprozesse haben wir vor dem Reichsgericht in Leipzig sich abspielen sehen, die gerade kein erfreuliches Bild boten. Indessen, Infamie und Erbärmlichkeit sind unter den Menschen nicht auszurotten; trotz aller angedrohten schweren s-trafen werden sich immer wieder und überall gewissenlose Subjekte finden, die für Geld alles thun. Daraus darf man keiner ganzen Nation einen Vorwurf machen, solche Leute finden sich in allen Ländern.
Die in den Leipziger Spionageprozessen hervorgetretenen Merkmale weisen besonders über den Rhein, nach Frankreich hin, und es ist eine allbekannte Thatsache, daß die französische Republik es sich rechtschaffen etwas kosten läßt, um über alle für sie wichtigen, militärischen Angelegenheiten in Deutschland aus dem Laufenden zu bleiben. Den Franzosen das als Verbrechen anrechnen zu wollen, wäre Thorheit; andere Staaten machen es auch nicht groß anders, wenn sie auch vielleicht nicht in demselben Umfange den Kundschafterdienst protegieren. Man soll sich aber nicht als weißgekleideter Unschuldsengel hinstellen, wenn das Gewand recht derbe Flecken aufweist, und dieser Vorwurf trifft Frankreich. Bei dem eigentümlichen Charakter der Franzosen kann man ihnen manches verzeihen, aber allzu arg dürfen sie es auch nicht machen und das ist geschehen. Das bekannte französische Spionagegesetz war schon eine ziemlich hahnebüchene Leistung; aber bei vernünftigem Urteil wäre die Sachlage noch gar nicht so schlimm gewesen. Was jetzt eingetreten ist, übersteigt aber die ärgsten Befürchtungen, und jeder Deutsche, der jetzt nach Frankreich reist, kann riskieren, unter dem Verdacht der Spionage auf acht oder vierzehn Tage ohne weiteres ins Loch geworfen zu werden, und daß die Behandlung dabei die allerfreundlichste nicht sein wird, ist voraus-usehen.
Die Geschichte des früheren sächsischen Obersten von Maerheimb ist allbekannt. Der Oberst kommt auf einer Tour zu einem Aussichtspunkt, der im Belforter Festungsrayon liegt und schreibt dort ein Gedicht auf. Der französische General findet nicht die geringste Schuld an ihm,
Geschichtskalender.
17. September.
1665. König Philipp IV. von Spanien stirbt.
1809. In dem zwischen Rußland und Schweden zu Friedrichs- ham abgeschlossenen Frieden tritt Schweden an Rußland das Großfürstentum Finnland und die Alandsinseln ab.
1814. Amalie Kulenberg in Friedewald geboren.
Wanda.
Von A. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Plötzlich fühlte seine Hand in der Tasche den halb zerknitternden Brief aus der Heimat, mechanisch holte er ihn heraus und zählte mit zitternden Fingern bei dem Scheine der Gasflammen die Geldscheine die darin lagen. Wenige Stunden später und der Geselle hatte alle seine Schulden bezahlt und noch ein Thaler von der Summe erübrigt.
Mit dem erleichternden Bewußtsein, alle seine Verpflichtungen erfüllt zu haben, trat er den Heimweg an.
„Jetzt hält mich nichts mehr hier", dachte er seufzend, „jetzt kann ich mein Ränzel schnüren und fortziehen, wie ich vor einem Jahre hierher kam. Nur morgen noch, morgen muß ich sie sehen, muß mich mit eigenen Augen überzeugen, ob sie noch immer an jenem Mann hängt, dann Abschied für immer, denn wenn es wahr wäre, könnte ich nicht unter einem Dache mit ihr bleiben."
Wenn es wahr wäre, das einzige Wörtchen „wenn", das ganze Ströme von Hoffnungen enthielt, stürzte alle Vernunft des Gesellen wieder über den Haufen und ließ ihn aufathmev, wie die erstarrte Blume sich unter einem erwärmenden Sonneustrahle neu belebt.
Die Nacht kam, eine weiche, linde Frühlingsnacht, in der der Mond voll und leuchtend am halbdunklen Nachthimmel stand und seinen bläulichen Schein hiueinwarf in das Stübchen Wandas, auf die weißen Vorhänge, die die
hält ihn am allerwenigsten für einen Spion und läßt den Herrn gehen. Nun kommt aber der kugelsichere General Boulanger, erteilt als Kriegsminister dem Belforter General einen Rüffel und erläßt die Bestimmung, daß alle unter dem Verdacht der Spionage verhaftete Personen der Gendarmerie zu übergeben sind, während der Staatsanwalt die Untersuchung zu führen hat. Was heißt Verdacht der Spionage? Darunter ist in Frankreich alles zu verstehen! Angenommen, ein fremder Tourist besieht sich aus Langeweile ein französisches Festungsthor, ein Depot oder eine Kaserne, thut aus Neugier ein paar Fragen, schwupp, ist der Spion fertig, kann unter dem Verdacht der Spionage verhaftet werden, wie es ja auch schon wiederholt vorgekommen ist, wird der Gendarmerie übergeben, und dann kommt der Staatsanwalt mit der hochnotpeinlichen Untersuchung. Nach Schluß derselben erfolgt ja wohl die Frei- lassung, aber man hat viel Aerger, viele Kosten, und am Ende ist das Gefängnis auch keine ersehnte Annehmlichkeit. Das ist der Spionageerlaß des Kriegsministers Boulanger, einzig, wie dieser „vergeßliche" Reklame-Minister selbst!
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Sept. Zu der Abreise des Fürsten Bismarck von hier schreibt die „Kreuz-Ztg.": „Die Abreise würde wahrscheinlich schon vorige Woche erfolgt fein, wenn nicht das Fußleiden eingetreten wäre. Fürst Bismarck hat hiernach also die Absicht überhaupt nicht gehabt, im Reichstage sich über die auswärtige Politik auszu- sprechen; auch scheinen die Dinge nicht so zu liegen, daß es in kurzer Zeit möglich sein wird, die im Gange befindlichen internationalen Verhandlungen in irgend einer Form vor die Oeffentlichkeit zu bringen." — Die Allerhöchste Verordnung, welche eine Neuregelung in Bezug auf das Führen nichtdeutscher Fürsten und Prinzen in der Rang- bezw. Anciennetätsliste der preußischen Armee enthält, ist — so schreibt die „Köln. Ztg." — von einem Teil der Presse in ursächlichen Zusammenhang mit dem ehemaligen Fürsten von Bulgarien gebracht worden, was jedenfalls eine sehr gewagte, in keiner Weise begründete Annahme bleibt. Ein Blick auf die Rangliste wird davon überzeugen, daß eine allgemeine Regelung dieser Frage insoweit Bedürfnis war, als übereinstimmende Grundsätze in dieser Richtung eigentlich nicht bestanden und speziell über den Rang, welchen fremde Fürstlichkeiten, die gleichzeitig Chef preußischer Regimenter waren, auch in der preußischen Armee bekleideten, klare Festsetzungen nicht vorhanden waren. Wir erinnern nur an den bekannten Streit gelegentlich der Beleihung des Prinzen von Wales mit dem Blücherschen Husaren-Regiment, wobei von einer Seite behauptet wurde, der Prinz sei gleichzeitig preußischer Generalfeldmarschall geworden, weil er die Feldmarschalls-Abzeichen zur preußischen
Nische deckten, auf den runden Mahagonitisch und das altmodische Sopha, auf dem das Mädchen lag und mit blassem Antlitz, unbeweglichen Augen hinüberstarrte nach der verlassenen Wohnung des Direktors W . . . .
Das war so still drunten auf der Straße, auf dem kleinen schmalen Hose und die weißen Vorhänge, die die Fenster der vis-fc-vis gelegenen Wohnung deckten, lagen nun schon tage- und wochenlang wie Sargdeckel über dem gestorbenen Liebesglücke der Meisterstochter. Ein unsagbares Weh, eine unsagbare Angst krampfte das Herz Wandas zusammen, sie sprang auf, öffnete das Fenster und lehnte sich weit, weit hinaus.
Was hätte sie darum gegeben, nur einmal dort drüben den dunklen, lockigen Männerkopf erscheinen zu sehen, nur einmal aus dem Munde ihres Lehrers hören zu können, was ihn von hier getrieben, was das Gerücht auf sich habe, daß er sich vermählen wolle. Sie hatte das Zeitungsblatt selbst in Händen gehabt und es in ohnmächtiger Verzweiflung zerstückelt, als sie gelesen, was ihr der Mund des Altgesellen schon früher gesagt, und bann war es ihr klar geworden, daß die Zeitung gelogen, daß er sie nur zu seinem Weibe machen könne.
„Warum hätten feine Blicke so oft an mir gehangen, warum hätte er sich solche Mühe mit mir armen, unwissenden Mädchen gegeben, wenn er mich nicht liebte,* tönte eine Stimme in ihrer Brust, dann trat sie mit einem tiefen Seufzer zurück und ging mit den geflüsterten Worten: — „Es ist Zeit, auszuführen, was ich mir neulich in der Nacht überlegte, um zu ihm zu kommen,* zur Thür und leise, leise hinaus.
Der Mond schien klar und leuchtend wie zuvor auf die schmale Stiege, über die der Fuß des Mädchens hinweg- huschte und, Stufe um Stufe hinter sich znrücklaffend, den ersten Schritt auf der Bahn des Verbrechens machte.
Geräuschlos steckte Wanda den Schlüssel in das Schlüsselloch der Komptoirthür, die auf den Flur hinausführte,
Uniform trug, während andererseits darauf aufmerksam gemacht wurde, daß eine solche Ernennung keineswegs stattgefunden habe. Beides war formell begründet. Aber durch das Anlegen der englischen Feldmarschalls-Abzeichen zur preußischen Uniform war nach preußischen Begriffen in keiner Weise dargethan, daß der Prinz von Wales auch preußischer Marschall geworden sei. Solchen Zweifeln ist nunmehr ein- für allemal durch die neue Verordnung begegnet. Was den Passus derselben betrifft, welcher festsetzt, daß alle ausländischen Fürsten in der Anciennetäts- liste nicht ausgenommen werden sollten, so ist diese Praxis eigentlich schon seit längerer Zeit thatfächlich geübt worden, da beispielsweise in der Anciennetätsliste von 1886 kein einziger nichtdeutscher Fürst aufgeführt ist, ausgenommen der Fürst von Bulgarien, dem damit eigentlich die Eigenschaft eines deutschen Prinzen beigelegt war, da nur solche in der Anciennetätsliste vorkommen. Uebrigens wäre zu wünschen, daß auch diejenigen Staaten, welche noch gesonderte Ranglisten herausgeben, also Bayern, Sachsen, Württemberg, sich dem preußischen Vorgehen anschließen, damit dem Auslande gegenüber doch auch in dieser Frage der militärischen Etikette innerhalb der deutschen Armee Gleichheit herrscht. — Seit dem Schluffe der ordentlichen ReichstagSsesston am 26. Juni sind im Personalbestände der Reichstagsabgecrdneten folgende Veränderungen vorgegangen. Bei Schluß der Session waren drei Mandate erledigt: 3. Bromberg durch Beförderung des Wirklichen Legationsrats Gerlich zum Generalkonsul für Kalkutta, 10. Schleswig - Holstein durch Beförderung des Grafen Herber! Bismarck zum Staatssekretär und 5. Württemberg durch Berufung des Ersten Staatsanwalts v. Lenz an das Reichsgericht; in der Zwischenzeit sind ebenfalls drei Mandate frei geworden durch den Tod der Ageordneten v. Lyskowski (3. Marienwerder), Junggreen (1. Schleswig- Holstein) und L. Löwe il. Berlin». An die Stelle der drei @rftgenar.r.'.e;-l sind gewählt: für Gerlich Oberverwaltungs-Gerichtsrat Hahn, für Graf Bismarck Kammerrat Berling und für Dr. v. Lenz Dr. Adae. In den Parteiverhältnissen ist dadurch nur insofern eine Aenderung eingetreten, als der der deutschen Reichspartei angehörige Graf Bismarck den deutschfreifinnigen Berling zum Nachfolger erhielt; in den beiden anderen beteiligten Kreisen wurvr der Konservative durch einen Konservativen, der Nationalliberale durch einen Nationalliberalen ersetzt. Die drei durch den Tod ihrer Inhaber erledigten Mandate sind noch offen. Der Bestand der Fraktionen ist demnach jetzt folgender: Deutsch-Konservative 74, Deutsche Reichspartei 27 (gegen 28), Zentrum 107, Polen 15 (gegen 16, Tod Lyskowskis), Nationalliberale 50, Deutschfreisinnig 65 (gegen 64), Volkspartei 7, Sozialdemokraten 25 und keiner Fraktion angehörig 24 (gegen 25, Tod Junggreeus). —
jenen Schlüssel, der sich, wie einst ein anderer bet dem ersten Theaterbesuche mit Joseph, durch Zufall in ihrer Tasche gefunden hatte, und einen Augenblick stand die schlanke Mädchengestalt auf der Schwelle des Arbeitsstübchens, in dem der Vater oft sorgenvoll gesessen und oft nach gelungenem Werke freudig den klingenden Gewinnst verwahrt und an seine Kinder gedacht hatte.
Durch die runden Einschnitte in den Fensterläden fiel das Mondlicht auf die weißgescheuerten Dielen und die großen, glänzenden Lichtpunkte blickten dem Mädchen wie leuchtende Augen entgegen. Wanda war vorwärts geeilt und hatte behutsam einen Fensterflügel geöffnet und die Läden zurückgestoßen; ihr Gesicht war jetzt nicht mehr blaß, nicht mehr farblos, die Augen glüthen und in den Augen lag ein fieberhafter Glanz. Wie aber auch das Blut hinter den Schläfen hämmerte und das Herz ihr klopfte, ihre Bewegungen waren ruhig, geordnet, man sah, sie that nichts ohne Ueberlegung, alles nach einem wohlangelegten Plane. War es nicht sehr natürlich, daß der Vater, die Mutter, selbst der mißtrauische, vorsichtige Altgeselle auf die Vermutung kommen mußten, es seien Diebe von der Straße aus in das Komptoir gestiegen, wenn das Fehlen des Geldes, das offene Fenster bemerkt wurde, und war nicht zehn gegen eins zu wetten, daß die Meistersleute zur Kirche gehen wurden, ohne das Komptoir noch einmal betreten zu haben? Wanda fühlte sich so sicher, so ruhig, daß sie gleichmütig zu dem Bilde herantrat, in dem der Brautschmuck der Eltern, zugleich aber auch der Schlüssel zum Pulte des Vaters aufbewahrt wurde. Die schwarzen Augen des Mädchens, die es so gut verstanden hatten, den Willen, die Gedanken des armen Gesellen in Fesseln zu schmieden, blieben einen kurzen Augenblick an dem Myrtenkränze der Mutter hängen, dann glitten sie flüchtig darüber hin, zwei heiße, bebende Hände drehten das Glas des Bildes der Wand zu und hielten im nächsten Momente den bedeutsamen kleinen Schlüssel fest umspannt. (Fortsetzung folgt)