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Är. *17.

Marburg, Donnerstag, 16. September 1886.

XXI. Jahrganx.

-rsch-nnl täglich ^außer an ®ertta=en nach sonn- und Feiertagen. - Quartal- Adormements-Vreis bei bet -xpedition 21/« "it., bei $ea Postämter 2 Ak. 50 Kfg. lejd. Bestellgeld-. Znsrrtwnssebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. AeÄamen für die Zeile d» Psg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstcin undVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudol Mosse in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und tzo n rantiurt o. $5, B r( n, Ha nvv r «.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Truck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Sept. Ter Fürst und die Fürstin Bisinarck sind heute früh um öVa Uhr nach Varzin ab- gercist. Tie deutschkonservative und die nationalliberale Partei des Reichstages haben Fraktionssitzungen aus Donners­tag Vormittag vor Eröffnung der außerordentlichen Reichs- tagsfcssion anberaumt. Fortgesetzt wird in den Blättern erörtert, ob der am Donnerstag zusammentretende Reichs­tag sich in beschlußfähiger Anzahl versammeln werde oder nicht. DieNational - Zeitung" sagt, indem sie dieses Thema bespricht:Wie man auch über die formelle Not­wendigkeit der schleunigen Genehmigung des spanischen Handelsvertrags denken mag, so kann darüber doch kein Zweifel bestehen, daß er alsbald gesichert werden muß, wenn auch nur eine entfernte Möglichkeit sachlicher Ge­fährdung desselben vorhanden ist...... Fast noch nach­drücklicher, als dieser Umstand, muß aber- auf die Siche­rung der Beschlußfähigkeit eie Erwägung hinwirken, daß die Nationalvertretung sich einzuftnden hat, wenn der Kaiser sie ruft. Ob der Reichstag, wenn er zu einer monate­langen Session zusaminentritt, sofort oder erst einige Tage später beschlußfähig ist, das macht wenig aus. Wäre er aber, wenn außerordentlicherweise nur für wenige Tage einberufen, wegen Beschlußunfähigkeit außer stände, seiner Aufgabe zu genügen, so würde dies den Eindruck machen, daß der Reichstag der Aufforderung des Kaisers zur Er­füllung einer seiner Pflichten nicht Folge geleistet habe. Die europäische Lage ist nicht darnach angethan, daß man dem Auslande ohne moralischen Schaden für das Reich ein derartiges zweifelhaftes Schauspiel bereiten könnte." In einem hiesigen Blatte lesen wir bezüglich der Geschäfls- dispositionen für den Reichstag :Von feiten der Fraktions­vorstände ist, wie wir erfahren, an die Mitglieder die dringliche Weisung ergangen, soweit nicht zwingende Gründe eine Verhinderung rechtfertigen, sich möglichst zahlreich am Tage der Eröffnung des Reichstages in Berlin einzusinden, da andernfalls eine Verlängerung der Session nicht zu umgehen sein würde. Es liegt nämlich in dem Wunsche des Präsidenten, vorausgesetzt, daß er durch die Beschluß­unfähigkeit des Hauses hieran nicht behindert wird, die Wahl des Gesamtvorstanoes, die unzweifelbaft per Akkla­mation erfolgen dürfte, schon am Tage des Zusammentritts vornehmen zu lassen und für die Tagesordnung der nächsten Sitzung die erste und zweite Lesung des deutsch-spanischen Handelsvertrages in Vorschlag zu bringen. Die dritte Lesung des Vertrages würde dann bereits am Sonnabend erfolgen können, wenn nicht von irgend einer Seite hier­gegen Widerspruch erhoben wird, da geschäftsordnungsmäßig die dritte Beratung frühestens am zweiten Tage nach dem Abschlüsse der zweiten Beratung zu erfolgen hat und von dieser Bestimmung nur abgewichen werden kann, wenn kein Mitglied widerspricht. Im entgegengesetzten Falle würde allerdings eine Verlängerung der Session bis in die nächste Woche hinein unvermeidlich sein, selbst wenn außer dem

deutsch-spanischen Handelsverträge andere Gegenstände den Reichstag nicht beschäftigen sollten." - An Reichsgold­münzen sind auf den deutschen Münzstätten im Monat August d. I. 3137 860 Mk. ausgeprägt worden. Unter Hinzurechnung der früher ausgeprägten und nach Abzug des Betrages der wieder eingezogenen, nicht mehr umlaufs­fähigen Stücke stellt sich der Gesamtbetrag der ausgeprägten Reichsgoldmünzen auf 1952176065 Mark.

Infolge der von den zuständigen Ministern auf Grund der Erfahrungen getroffenen Vereinbarnng wird nun durch Lcstiminungen über die in baulicher und ge­sundheitlicher Beziehung an die Gast- und Schankwirt- schaften zu machenden Mindestanforderungen dem Bedürfnis abgeholfen. Den beteiligten Behörden ist jetzt durch all­gemeine Ministerial - Anordnung folgendes zur Befolgung mitgeteilt worden. Sowohl in Städten, als auf dem Lande dürfen Gast- und Schankwirtschaften nur auf solchen Grund­stücken errichtet werden, welche an öffentlichen Wegen liegen und zu letzteren einen Zugang haben. Zn Städten dürfen sie an unbefestigten und unbeleuchteten Straßen oder Straßenteilen nicht errichtet werden, desgleichen ist dir Errichtung verboten: in Häusern, die gewerbsmäßig Schlupf­winkel gewerbsmäßiger Unzucht sind, oder in welchen der gewerbsmäßigen Unzucht obliegende Frauenzimmer wohnen oder verkehren, in Räumlichkeiten, welche dem Besitzer oder anderen Personen zu Wohn- oder Wirtschaftszwecken dienen oder in welchen noch andere fremdartige Gewerbe betrieben werden, in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Pfarrhäusern, Unterrichts- und Krankenanstalten. Die Gebäude, in welchen diese Wirtschaften errichtet werden sollen, müssen eine feuer­sichere Bedachung haben, der Zugang muß gefahrlos und bequem sein, die Treppen müssen genügend breit, nicht zu steil, mit einem festen Geländer versehen, die Zugänge zu den Treppen von außen her nicht schmäler als die Treppen- läufe, die Thüren entsprechend breit sein und von außen. Die Gastzimmer und in Gasthöfen auch die Schlafräume müssen durchaus trocken sein, gedielte Fußböden haben, verschließbare Thüren, gut schließende, zum Oeffnen ein­gerichtete Fenster, die einen Zutritt von Luft und Licht unmittelbar von der Straße oder dem Hofe aus gestatten, soweit nötig mit sonstigen, zur Herstellung eines genügen­den Luftwechsels erforderlichen Einrichtungen versehen und überhaupt nach ihrer ganzen Anlage so beschaffen sein, daß sie die menschliche Gesundheit in keiner Weise gefährden. An den Zimmeröfen dürfen Klappen, Schieber und der­gleichen nicht vorhanden sein. Sämtliche Räumlichkeiten sind mit den erforderlichen Ausstattungsgegenständen zu versehen. Kellergeschosse dürfen als Schlafräume für Gäste überhaupt nicht, als Schanklekale nur unter der Bedingung benutzt werden, daß die Fußböden nicht tiefer , als 1 m unter der Oberkante der vorbeiführenden Straße !' liegen und die bezüglichen Räume gegen das Eindringen i unv Aufsteigen der Erofeuchligkeit geschützt sind. In jeder ' Gast- und Schankwirtschaft muß sich ein Zimmer von

mindens 25 qm Bodenfläche zum gemeinsamen Aufenthalte der Gäste befinden und in jeder Gastwirtschaft müssen mindestens drei wohlcingerichtete Schlafzimmer für Fremde vorhanden sein. Für sämtliche Gast- und Schlafzimmer wird eine lichte Höhe von windestens 2,80 m erfordert, für die Schlafzimmer sind mindestens 3 qm Bodenfläche und 12 kbm Luftraum auf jeden einzelnen Gast zu rechnen. Die Errichtung von Gast- und Schankwirtschaften darf nur auf solchen Grundstücken erfolgen, welche entweder an eine öffentliche Wasserleitung angeschloffen sind oder einen eigenen Brunnen mit völlig ausreichender Wassermenge haben. Hinsichtlich der Bedürfnisanstalten sind eingehendere Anordnungen getroffen.

Breslau, 14. Sept. Gestern abend fand die Be­grüßung der Mitglieder des hier tagenden Kongresses für innere Mission statt. Oberpräsident von Seydewitz hieß die aus allen Teilen Deutschlands zahlreich erschienenen Teilnehmer mit herzlichen Worten willkommen. Der Verein für öffentliche Gesundheitspflege nahm in seiner gestrigen Sitzung mehrere Resolutionen betreffend die Er­richtung von Untersuchungsämtern zur Kontrolle der Nahrungsmittel und für chemische und bakteriologische Untersuchungen, sowie Einrichtung von Volks- und Schul­bädern an. Wie dieBrcsl. Ztg." meldet, ist gestern in Brauchitschdorf bei Lueben Oberst Graf Schmettow, welcher bei dem Reiterangriff bei Vionwille das Magde- burgische Kürassier-Regiment dir. 7 kommandierte, gestorben.

Darmstadt, 13. Sept. DieHallesche Ztg." bringt wieder einen Brief von hier von einemvermöge seiner Stellung am Hofe" eingeweihten Gewährsmann, aus dem hervorgeht, daß der Prinz Alexander von Battenberg einen Augenblick daran dachte, von Wien aus mit dem Reichs­kanzler zusammen zu treffen, diese Absicht aber alsbald wieder aufgegeben hätte und jetzt wahrscheinlich einer Ein­ladung der Königin Viktoria, nach England zu komnien, entsprechen wird Der Brief schließt mit den folgenden bedeutsamen Sätzen:Seinen des Prinzen Alexander) Wiedereintritt in die deutsche Armee hält man hier (in Darmstadt- für höchst unwahrscheinlich. Es ist dies eine Angelegenheit, welche auch zwischen dem Groß­herzog und Seiner Majestät dem Kaiser bei Gelegen­heit der Manöver im Elsaß persönlich verhandelt werden und vielleicht definitiv erledigt werden wird. Die deutsche Politik in der bulgarischen Frage unterliegt aber hier gegenwärtig einer anderen Beurteilung als noch vor kurzem, das heißt einer, welche dem unbedingtem Vertrauen gegen dieselbe mehr ertspricht, als noch vor wenigen Tagen. Mann gewinnt wieder von der Personenfrage abgetrennte Gesichtspunkte, und Verschiedenes verlautbart, was die Politik des Fürsten Bismarck als eine wie immer tief angelegte erscheinen läßt. Daß die bulgarische Angelegenheit übrigens erst am Ende des Anfanges angelangt ist das bezweifelt hier Niemand.

Stratzburg, 14. Sept. Die Indisposition des

Geschichtskalenver.

16. September.

1744. Die Preußen erstürmen unter Schwerin Prag.

1824. König Ludwig XVIII. von Frankreich stirbt, ihm folgt sein Bruder, der Graf von Artois als Carl X.

Wanda.

Von A. Gnevkow. lFortsetzung.)

Wandas Augen glüteu und ihre Lippen zuckten nervös und unruhig.

Wenn er nur aufstehen und den Schlüssel an jenen Platz legen wollte, von dem er immer behauptet, daß er für Diebe unentdeckbar sei. Ich habe mich nie darum geküm­mert, aber fitzt, wo ich ihu brauche, um das Pult zu er­schließen und mein Erbteil zu nehmen, muß ich es wissen, muß ich es wissen!" murmelte sie noch damal und drückte sich so dicht in die Ecke, daß sie fast ganz von der Thür- wölbung gedeckt wurde.

Und einen kurzen Augenblick noch, dann hatte der Tischler das Geschäft des Geldzählens beendet, er setzte die kleine Truhe in ein Fach des Pultes, legte das Taschenbuch dazu, verschloß das Pult und stand auf. Welch große, kräftige Gestalt der Mann halte und wie ehrwürdig ihm das graue Haar in dichten Locken die Stirn deckte, Wanda aber dachte an dies alles nicht, sie verfolgte mir mit gespanntem Blicke des Vaters Bewegungen und ein kurzes, triumphierendes Lächeln zuckte um ihre Lippe», als sie sah, wie er auf ein Bild an der Wand zuschritt, es leicht umkehrte, eiuen kleinen Riegel zurückfchob und in der Oeffnung, die dadurch in der Hinteren Wand des Bildes entstand, den Schlüssel verbarg. Und dies Bild, das

treulich die Schätze des Tischlermeisters behüten half, Wanda kannte es so gut, sie hatte als Kind so ost davor gestanden, denn es barg unter Glas und Rahmen deu Myrtenkranz der Mutter, das Sträußchen des Vaters, die beide frisch und grün am Hochzeitstage der Eltern geschmückt hatten.

Leise und behutsam war Wanda von der Thür zurück­getreten, sie hatte das dunkle Tuch abgenowmen und setzte sich auf einen Stuhl, der am Nähtischchen stand. Mechanisch ergriffen ihre Hände eine Arbeit, die dort lag, aber während sie die Nadel wieder und immer wieder durch den Stoff gleiten ließ, waren ihre Gedanken wo anders beschäftigt und bewegten sich rastlos, ruhelos um den einzigen Gegen­stand.

Ich ertrage es nicht länger, ich muß hin zu dem Manne, dem ich angehören darf, und es ist keine Sünde, wenn ich mir nehme, was mir doch einst zufällt, denn auf das Geld des törichten Joseph ist nicht mit Bestimmtheit zu rechnen. Hei, wie sie Alle gestraft sein werden, die Eltern für ihre Vorurteile, der Altgeselle für seine Verläumdungen und der Joseph- nein, der war gut gewesen, er hatte nie gezweifelt, sie hatte ihn immer zu beruhigen gewußt, aber sie konnte ihn nur nicht lieben, denn er stand so tief unter ihr an Bildung und Manieren, und sie mochte sich nur über den Plan freuen, den sie sich ersonnen hatte. Wie sie n«ch mir ausschauen werden," dachte sie weiter, wenn ich ihnen morgen »ach der Kirche fehlen werde, denn in dem Menschengewühls, das an den Feiertagen im Gottes­hause zu sein pflegt, kaun ich mich gleich Anfangs von den Eltern fern und nahe der Thür halten, und dann ist es ein Leichtes, während der Predigt unbeachtet hinauszuschlüpfen und zu verschwinden. Ah, dieser Vorteil,, Geld zu haben, Geld, das damalige Hindernis der Flucht!" und Wanda lachte, daß eS fast unheimlich in dem großen, leeren Ge­

mache klang, das der Tischler noch nicht wieder aufgesucht hatte.

Joseph ließ sein Nichterscheinen in der Werkstatt und auch Abends im Wohnzimmer durch den Altgesellen ent­schuldigen. Der junge Geselle sei krank, hieß es, und er wolle schlafen, lange schlafen, um sich morgen zum Kirchen­gange wohl zu fühlen. In Wahrheit aber lag Joseph wach und angekleidet auf dem Bette des Altgesellen, seine Augen starrten an die Decke, von Zeit zu Zeit irrte ein leichtts, unsagbar trauriges Lächeln über das farblose Gesicht. Und während er kämpfte und rang mit der Liebe, die sein Glück und seine Qual zu gleicher Zeit gewesen, empfand er es doch wie einen Triumph, daß morgen die Vermählung des Schauspieldirektors kirchlich begangen wurde, daß Wanda und auch er die wahrscheinlichen Zeugen der feierlichen Handlung sein würden. Ha, wie sie weinen und im Kummer zusammenbrechen wird, die heuchlerische Metsterstochter, und wie er sich dann weiden wollte au den Qualen derjenigen, die ihm so bittere Leiden bereitet hatte. Gleich darauf aber ärgerte er sich wieder, daß er so lange verschwiegen, wen die Tochter des Großhändlers heiratete, denn, was er vor­sorglich geheim zu halten gewußt, hatte ja doch nichts genutzt, es war alles dahin, alles, und wenn er seiner verratenen Liebe dachte, quollen ihm die Thränen heiß in die Augen empor.

Es war schon ziemlich spät des Abends und ganz dunkel, als es den Gesellen nicht mehr in unthätiger, hinbrütender Ruhe litt. Er sprang aus, ging wankenden Schrittes nach seinem Stübchen und holte seinen Hut. Auf der Straße angekommen, stand er einen Augenblick lang still und wußte nicht recht was er beginnen sollte.

(Fortsetzung folgt.)