Nr. 916
Marburg, Mittwoch, 15. September 1886.
XXI. Jahrgang
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - 3
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Die Wahl Ves Zinssatzes bei Begebung von Anleihen.
Seil einer Reihe von Jahren ist der Geldwert dermaßen anhaltend im Sinken, daß die Anlehensschnldner den von ihnen zu zahlenden Zins immer weiter durch Konversion herabzusetzen vermögen und demgemäß auch bei neuen Kontrakten entsprechend niedrigere Zinsen bewilligen. Für die Wahl des nominellen Zinsfußes bei neuen Anleihen bleibt aber selbstverständlich immer ein gewisser Spielraum übrig. Es wird heute niemanden einfallen, für eine Korporation von erster Kreditfähigkeit einen Zinssatz von 5 Prozent oder von 2 Prozent zu bestimmen ; Sache der Prüfung und freien Entschließung bleibt es jedoch, zwischen den Zinssätzen von 3 bis 4 Prozent zu wählen. Der nächstliegende Gedanke, den niedrigsten Satz zu bevorzugen, kann unter Umständen der richtigste sein, doch können eben so leicht gewisse Erwägungen für einen höheren Zinssatz sprechen. Wir benutzen zu dieser Besprechung das Resultat der jüngsten Karlsruher Anlehenssubmission.
Diese Stadt verlangte von den Submittenten Gebote auf Mk. 11000 000 Nom. Zprozentige oder Mk. 10 000 OUO Nom. 3V»Prozentige Anleihe und erklärte zugleich durch die von ihr angefertigten Ziehungspläne, daß sie die Tilgung der 3prozentigen Titres innerhalb 47 Jahren, diejenige der 3 V»Prozentigen innerhalb 44 Jahren vorzunehmen gedenke, in beiden Fällen unter dem Vorbehalte, die schuld jederzeit auf 3 Monate Frist kündigen zu können. Die höchsten der abgegebenen Gebote stellten sich auf 10 Lot Prozent für 3Viprozentige und auf 92.5t Prozent für Zprozentige Titres, davon hat die Stadt das letztere acceptiert. Sehen wir nun zu, wie das Ergebnis sich rechnungsmäßig stellt.
Die Begebung von Mk. HOOOOOONom. dreiprozentige Anleihe erzielt zu 92.54 Prozent bar Mk. 10179400. Bei Verzinsung dieser Anleihe mit 3 Prozent nebst Tilgung innerhalb 47 Jahren berechnet sich die Annuität auf 3.99605 Prozent, so daß die Anleihe jährlich..... Mk. 439565 kostet.
Dagegen hätten von einer dreieinhalbprozentigen Anleihe Nominal Mk. 10074900 emittiert werden müssen, um zu lOl.o* Prozent ebenfalls bar Mk. 10179400 zu erlösen. Bei Verzinsung mit 3'/» Prozent und Tilgung binnen 44 Jahren hätte die Annuität sich auf 4.48m Proz. berechnet, so daß die Anleihe jährlich .... Mk. 452125 gekostet hätte. _
Danach erzielt die Stadt durch die Wahl des 3proz. Zinsfußes allerdings eine Minderausgabe von jährlich Mk. 12 560, aber nur für die nächsten 44 Jahre; nach Ablauf dieser Frist wäre die 3Vrprozentige Anleihe vollständig getilgt, während für die dreiprozentige noch drei weitere Annuitäten von je Mk. 439 565 mehr zu verausgaben
Gefchichtskalerrver.
15. September.
1583. Wallenstein (Waldsteiu) wird auf dem gräflichen Gute Hermanic in Böhmen geboren.
1697. Der Kurfürst August Friedrich der Starke wird zu Krakau als König von Polen gekrönt.
1864. Zwischen Frankreich und Italien kommt die sog. September-Konvention zu Stande.
1870.
15. Sept. Colmar von den Deutschen besetzt.____________
Wanda.
Von A- Gnevkow.
(Fortsetzung.)
»Ich würde sagen, daß Wanda Sie hintergeht und einen unseligen Plan mit dem Gelbe ausführen will, das Sie sich also auf Ihre Veranlassung schicken ließen,- meinte der Altgeselle bedächtig. „Das Mädchen hat keinerlei Verpflichtungen aus jener Zeit her, von der ich Ihnen einst erzählte, denn ich habe mich zu genau danach erkundigt und von einer späteren Zeit wird sie mit Ihnen wohl noch nicht gesprochen Haben.-
Joseph znckte leicht zusammen und ergriff mit seiner Hand hart den Arm des Altgesellen.
„Von etuer späteren Zett, nein,- sagte er fast heiser vor Aufregung, „ich kenne nichts, als jene unglückselige Idee, die sie als Kind gehabt, jene Idee, auf die Bühue gehen zu wollen, aber ich muß alles wissen, alles was meine Braut betrifft und, um der Mutter Gottes willen beschwöre ich Sie, mir nichts zu verschweigru.-
Der alte Manu machte sich leicht von der Hand des Gesellen fr et.
„Wer sagt Ihnen denn, daß ich etwas weiß?- unterbrach er ruhig uud einfach die stürmische Rede Josephs. „Ich
sind. Nimmt man nun an, daß die an den Annuitäten erzielte Ersparnis einen Ziuswert von 3 Prozent habe, so würden die von der Stadt ersparten 44 Jahresbeiträge von je Mk. 12 560 auf heute diskontiert, einen Wert von Mk. 304 600 repräsentieren, während die für das 45. bis 47. Jahr von der Stadt mehr auszugebenden je M. 439 565 einen heutigen Wert von Mk. 338 700 haben. Mit anderen Worten: die Stadt gicbt für die Zprozentige Anleihe Mk. 34100 mehr aus als für die 3'/-prozentige erforderlich gewesen wäre. Nimmt man dagegen an, daß der Zinswert dieser Ersparnis sich auf 3'/2 Prozent stellt, so würden die ersparten Annuitäten, auf heute diskontiert, sich mit Mk. 279900 berechnen, während die späteren Ausgaben, auf heute zurückgcrechnet, nur Mk. 271 ! 00 betragen würden. So gerechnet, hätte die Stadt also durch Bevorzugung des 3prozentigen Zinsfußes Mk. 8800 erspart, von welchem Betrage aber noch die Mehrkosten für Stempel, Anfertigung von Titres rc. abgehen. Außer Betracht gelassen ist dabei der Effekt, daß die Wahl des Zprozentigen Zinsfußes in diesem Falle eine (nicht sehr wesentliche) Entlastung der Gegenwart auf Kosten der Zukunft bedeutet.
Die gebotenen Kurse entsprechen einer Verzinsung des baren Betrages der Anleihe mit 3.44 Prozent. Will man angesichts deffen die beiden Gebote als vollständig gleichwertig ansehen, so hätte trotzdem die Stadt unseres Erachtens zweifellos besser gethan, den Zinsfuß von 3*/s Prozent zu bevorzugen, d. h. lieber das Agio von I.04 Prozent einzukassieren, als 7.4s Prozent Disagio zu bewilligen, welches letztere zwar erst innerhalb 47 Jahren successive gezahlt werden muß, in der Zwischenzeit aber dem Vorbehalte verfrühter Heimzahlung erschwerend entgegensteht. Mit Recht ist in Karlsruhe betont worden, daß im allgemeinen das Kapital den niedrigeren Zinssatz lieber habe; für den Emittenten einer Anleihe kommt dies aber doch nur dann in Betracht, wenn diese Bevorzugung ihm Vorteil bringt. Mindestens, wenn die Offerten mit verschiedenen Zinssätzen rechnerisch genau gleichwertig sind, und vielleicht selbst unter Verzicht darauf, daß die Annuität sich ein klein wenig günstiger stelle, sollte unseres Erachtens eine Vermehrung des Nominal-Betrages der Schuld, wenn irgend möglich, -vermieden werden, da die Höhe der Belastung bei einer rückzahlbaren Anleihe doch offenbar nichts weniger als gleichgiltig ist; sie ist es nicht einmal bei einer sog. ewigen Schuld, wie z. B. bei den ungarischen Renten. Ungarn hat seine 6proz. Rente in 4proz. umgewandelt und dabei den Nominalbetrag von fl. 400 Millionen auf fl. 545 Millionen erhöht; bei schrittweisem Vorgehen oder längerem Zuwarten hätte die Zinsreduktion mit mindestens gleichem Vorteil für den Staat ohne jede Erhöhung des Schuldbetrags erfolgen können. So sind die Vereinigten
frage Sie, was Wanda mit dem Gelbe von Ihnen zu thun beabsichtigt, und statt der Antwort wollen Sie alles Mögliche von mir wissen. Fangen Sie an" zu erzählen, denn aus dem, was Sie sagen, kann ich erst ersehen, wie ich mich zu verhalten habe.-
Eine lange Pause entstand in dem kleinen Gemache, man hörte deutlich das Ticken der alten Schwarzwälder Uhr, die heftigen Athemzüge des jungen Mannes, der mit wogender Brust kämpfend und schweigend dasaß, dann raffte er sich aber plötzlich zusammen, die Eifersucht griff mit kalten Händen nach seinem zuckenden, gequälten Herzen; was war es mit der späteren Zeit, von der der Altgeselle sprach, mußte es nicht etwas Schreckliches sein, das seiner Liebe zu nahe trat — und gleich darauf wußte der alte Mann genau, wie Wanda Nowitzka um eigennütziger Zwecke willen gelogen und betrogen hatte.
„Vorbei!- hauchten die zitternden Lippen des Altgesellen, als Joseph mit glühenden Wangen seinen Bericht geschlossen hatte, und der treue Freund der Meistersleute sah das mühsam errichtete Gebäude sorgsamer liebevoller Täuschung jählings zusammenbrechen. Mit bebenden Händen schloß er den alten Kasten auf, in dem die Schreiben Wandas neben dem welken Sträußchen trockner Grabesblumen lagen, uud breitete die Briefe vor dem Verlobten Wandas aus. Was nützte jetzt noch ein Geheimhalten der Umtriebe des Mädchens, nun es klar aus Josephs Worten hervorgegangen war, daß die Meisterstochter mit der Geldforderuug einen Plan, wahrscheinlich eine neue Flucht iu Verbindung brachte. Es war zur Pflicht gewvrden, den jungen Mann von dem drohenden Abgrunde zurückzuhalten, ihm alles zu enthüllen, wenn ihm auch bittere Leidensstunden dadurch bereitet wurden. Und, als der Altgeselle seine Erzählung der jüngsten Begebnisse schloß und mit sorgendem Auge auf Joseph hin- schaute, sah er, wie in dessen Gesicht Schmerz, Verzweiflung und Wut um die Oberherrschaft stritten.
Staaten von Nordamerika mit dem Zinssätze ihrer Schuld ohne jede Kapitalerhöhung nach und nach von 6 auf 5, 4 V- und jetzt bis 3 Prozent heruntergegangen. (Fr. Hbl.)
Deutsches Reich.
Berlin, 13. Sept. Der „Kreuzztg “ zufolge würde dem Reichstage in seiner Herbstsession die Unfallversicherung für Seeleute vorgelegt werden; auch seien Erwägungen im Gange über die Unfallversicherung für die bei Kanalbauten beschäftigten Bodenarbeiter. — Bei der Ermittlung der Ursachen zu den vorgekommenen Erkrankungen und Todesfällen an Hitzschlag während der diesjährigen Herbstübungen, welche auf Veranlassung des Kriegsministeriums angestellt worden sind, hat sich unter andcrm ergeben, daß in einem Falle die zum Tode führende Erkrankung nicht nach einem Marsche oder einer Hebung, sondern nach einer Eisenbahnfahrt eingetreten ist. Es ist dabei nicht bekannt geworden, ob der betreffende Soldat in einem Eisenbahnwagen dritter Klasse oder in einem zur Personenbeförderung eingerichteten Güterwagen stattgefunden hat. Die Mehrzahl der letzteren ist nämlich bezüglich einer genügenden Luftzuführung nur mangelhaft eingerichtet; die großen Schiebethüren an den Langseiten sind zwar während der Fahrt geöffnet und die in diesem Teile des Wagens sitzenden Soldaten sind zwar der Sonne ausgesetzt, aber sie haben doch wenigstens einen erfrischenden Luftzug. Die in dem vordern und Hintern Teil sitzenden Soldaten sitzen zwar im Schatten, dafür ist aber jede Luftzufuhr so gut wie abgeschnitten, denn nur an wenigen Güterwagen befinden sich in diesen Teilen an den Langseiten kleine Luftöffnungen, die aber entschieden unzureichend sind. Wer auf einem Militärzüge einmal in solchem, mit schlechter Luft erfülltem Wagen gesessen hat, wird die Notwendigkeit einer vermehrten Zufuhr von frischer Luft in allen Güterwagen, gleichgültig ob für Menschen- oder Pferdetransport, anerkennen. Durch Anbringen reichlich großer, durch Schiebläden nach Bedarf absperrbarer Luftöffnungen in den Querwänden der Güterwagen bezw. durch weitere Zugabe von kleinen Luftschornsteinen in der Decke des Wagens ließe sich diesem Uebelstande leicht abhelfen. Den meisten Militärbeförderungen auf Eisenbahnen geht ein kürzerer oder längerer Marsch, bei den Herbstübungen sogar am Schluß derselben ein ganzer Uebungstag voran; der Soldat kommt also durchschwitzt und durchnäßt in den Eisenbahnwagen und die sich hierbei von selbst ergebenden feuchten Ausdünstungen bedürfen um so mehr einer frischen Luftzufuhr, als bei längerer Eisenbahnfahrt der Aufenthalt in derartig verdorbener Luft der Gesundheit nachteilig sein muß. — lieber das Turnen der Infanterie hat der Kaiser neue Bestimmungen getroffen, welche sofort in Kraft treten sollen. Näheres über die Aenderungcn ist noch nicht bekannt, da
Der arme Geselle halte ja auch allein verstanden, was dem Schauspieldirektor und dem grau gewordenen Arbeiter verborgen geblieben, er hatte zwischen den Zeilen in Wandas Briefen zu lesen, jedem Worte die rechte Bedeutung zu geben gewußt, und an der Qual seines eigenen, jammernden Herzens erkannt, daß ihn das Mädchen nie geliebt, daß ihre ganze Zuneigung jenem Manne gehört habe und noch gehöre, mit dem fte nach ihrer Angabe seit Jahren nicht mehr zusammengekommen sein wollte.
Stunde um Stunde verrann, in der Werkstadt arbeiteten die Gesellen auch ohne ihren Vorgesetzten und ohne Joseph munter fort. In dem Stübchen des Altgesellen aber saß der schlichte Mann, der dem jungen Gesellen durch seine Worte so heißen Schmerz bereitet hatte und hielt die zuckenden Hände des armen Joseph in den seinen und redete sanft und leise mit ihm, wie ein treuer Vater mit seinem kranken Kinde.
In dem Wohnzimmer der Familie Nowitzka war es um diese Zeit leer, die Mutter hatte in der Küche zu thun, die Kinder spielten und belustigten sich im Freien und die älteste Tochter war nicht anwesend. Und doch — hinter der Thür des Schlafzimmers, die nur angelehnt war, regte sich etwas, bann wurde die Spalte immer größer und größer und, in ein dunkles Tuch gehüllt, huschte Wanda in die Wohnstube, und bis dicht heran zu der Glasthür, die in ein kleines Kabinett führte, das dem Tischlermeister als Komptoir diente.
Leise schob das junge Mädchen die dunkle Gardine, die die Scheiben der Thür deckte, ein wenig zur Seite und blickte hindurch in das Nebengemach. Vor seinem Pulte saß der alte Mann und rechnete. Eine Kassette, gefüllt mit großen und kleinen Silberstücken, stand dicht neben ihm und in ein kleines Taschenbuch legend seine Hände behutsam einen Kassenschein nach dem andern.
(Fortsetzung folgt.)