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Nr. »19.

Marburg, Dienstag, 14. September 1886

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer -au Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal» UbonnementS-Vreis bei der Expedition 2*/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Psg. (excl. Bestellgeld). Jns-rtionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Aeklamen für die Zeile 25 Psg.

OberMlhc Leitung.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS» sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt o. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudol' Mosse in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln ; G. L. Daube und Go. n raiillurt a. Dk, B rl n, Ha novcr u.Paris-

Wöchentliche Beilage«:

Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

- Illustriertes Sonutagsblatt.

Die Katiertage fatt Elsatz.

Wenn den Kaiser zunächst auch seine erhabene Pflicht als oberster Kriegsherr nach den Reichslanden ruft, so kommt doch seinem Besuche gerade in dieser Grenzmark, die er als die herrlichste Morgengabe sür das auferstandene Deutsche Reich erstritten hat, eine erhöhte politische , Wir­kung zu. Haben andere Teile Deutschlands langst die Segnungen der Einheit und der Hohenzollernherrschaft als ihr vornehmstes Gut schätzen gelernt, so gährt in Elsaß- Lothringen noch der alte französische Geist und nur all­mählich will er sich den neuen staatlichen Bedingungen fügen. Wie mächtig gerade in eine solche ringende Stim­mung die versöhnliche und begeisternde Erscheinung unseres Kaisers, der noch alle seine Feinde zu feinen Bewunderern umgeschaffen hat, eingrrifen muß, bedarfüeiner Erörterung. Dreimal haben ihn die Reichslande auf ihrem Boden ge­sehen und noch jedesmal war sein Kommen ein Fortschritt für den Anschluß derselben an das Deutschs Reich und der Anstoß, daß viele widerwillige Herzen sich chrrch den Zauber der Persönlichkeit des Monarchen gefangen nehmen und für die neue Ordnung ihrer Landesbeziehuxgen gewinnen ließen. Diesmal begleiten den Einzug des Kaisers beson- . derS vir! versprechende Umstände. Die letzten Gemeinde- ratswahlln haben die innere Aerbröckxlung der Protestpartei in voller Blöße gezeigt und bewiesen, daß selbst so mit -französischen Erinnerungen durchtränkte Städte wie Metz entschlossen sind, sich maßvoll.und sachlich zu der deutschen Verwaltung zu stellen. Hat erst diese objektive Auffassung Platz gegriffen, so ist von ihr, wenn anders die deutschen Elemente sie durch Takt und Tüchtigkeit zu überzeugen ver­stehen, bis Mr offenen Anerkennung nur em Schritt. Ein äußeres Zeichen dieses Umschwung ist die größere Ent­faltung äußerer Ehrerbietung, mit der man sich diesmal angeschickt hat, den Aufenthalt des Kaisers zu verschönen. Mancher schielt wohl noch verlegen nach seinem französischen Nachbar oder läßt das Schwarz in der Reichsfahne weg, um so nur die elsässischen Farben auszustecken, aber die Gllichgilltigkeit oder gar Feindseligkeit sind gewichen und geben einer zögernden Freundlichkeit und selbst warmem Entgegenkommen Raum. Man hat Straßburg nicht mit Unrecht mit einer Witwe verglichen, die eine zweite Ehe eingegangen ist und sich nun für den zweiten Gemahl schmückt, ohne doch ganz ihren Seligen vergessen zu können. Man kann dies Bild so fortführen, daß man weiter sagt, nichts wird ihr besser Trost zu bringen wissen, wie fröh­liche Flitterwochen; und solchen geht jetzt das Elsaß in reichstem Maße entgegen.

Kaiser Wilhelm betritt, wie dieN. Allg. Ztg." her­vorhebt, das Reichsland, von den Regenten der größeren deutschen Staaten oder deren Vertreter umgeben, so daß auch in dieser Fürstlichen Versammlung hier an der Grenze des Reiches die Einheit desselben sich bekundet. Von denen,

die ihn im Jahre 1879 hierher begleitet, sind die Prinzen Karl und Friedrich Karl, sowie der Großherzog von Mecklen­burg aus diesem Leben geschieden. Von den deutschen Fürsten erscheinen der König von Sachsen, die Großherzöge von Baden und Hessen, die Prinzen Ludwig von Bayern, Georg von Sachsen, Wilhelm von Württemberg, der Erb- großherzog von Sachsen-Weimar, endlich auch Prinz Albrecht von Preußen, der Regent von Braunschweig. Es sind alle die deutschen Souveräne geladen, von denen Truppenteile entweder dem Verbände des 15. Armeekorps angehören oder zu den Manövern herangezogen sind. Je weniger die bisherigen Verhältnisse der Stadt für die Beherbergung so zahlreicher fürstlicher und anderer Gäste bemessen sind, um so emsiger und umfangreicher sind die zu bewältigenden Vorkehrungen. Das eigenartigste Quartier findet Ihre Majestät die Kaiserin. Die hohen stattlichen Räume im ersten stock des Sta thauses, in welchem sonst der Bürgermeister von Straßburg residiert, werden für die erlauchte Fürstin vor­bereitet, das Arbeitskabinett des Bürgermeisters ist zum Schlafzimmer Ihrer Majestät umgeschaffen. Der Kaiser nimmt, wie in den früheren Jahren, im Statthalter-Palais Wohnung, der Kronprinz bei dem Gouverneur, dem ihm persönlich näherstehenden Generalleutnant v. d. Burg. Be­sonders reichlich ist der Bahnhof geschmückt. Die Front des imposanten Neubaues trägt über der Eingangshalle ein sieben Meter hohes Kaiserwappen, von welchem sich kolossale Fruchtguirlanden zu den Seitenrisalits hinziehen, an denen wieder schwere Fruchtbündel herunterhängen, verbunden durch bogenförmig geschlungene Goldketten, den architek­tonischen Linien angepaßt, unter der Attika durchgeführt, in der Mitte wieder von einer Fruchtguirlande unter­brochen. Jede Säule zeigt inmitten malerisch gruppierter Fahnen kleinere Wappenschilder, die mit Blumengewinden umgeben und mit einander verbunden sind. Die Kaiser­zimmer sind, wie der ganze Perron, mit dicken Teppichen belegt und überall stehen Zierpflanzen. Der Bahnhofs- platz, von welchem die von der Stadt hergestellte via triumphalis ausgeht, ist von Masten bestanden, von welchen Wimpel und Fahnen im Winde flattern. Aus dem an­stoßenden Platze, dem Westende der Weißturmstraße gegen­über, hat man einen Pavillon errichtet, der rings von Gartenanlagen umgeben wird. Das allgemeine Kollegien- gebäude, ebenso wie der Platz vor dem Statthalterpalais, wird elektrisch beleuchtet. In der städtischen Markthalle, dem früheren Bahnhofe, wird für die Festtage eine Blumen- Ausstellung veranstaltet, die in ihrer Art auch zur Be­lebung der Festfreude beitragen wird. Unter allen Um­ständen verheißen die diesmaligen Kaisertage einen Jubel, wie ihn die Reichslande noch nicht erlebt haben, seit Deutschland dieselben wie ein wiedergefundenes Kind in seine mütterlichen Arme geschlossen hat.

Kurz nach der Ankunft am Freitag Mittag im Statt-

halterpalast bestieg der Kaiser wieder den Wagen und fuhr zum Stadthause, um dort die Kaiserin und den König von Sachsen zu besuchen. Um 51/» Uhr fand beim Kaiser Galatasel im engeren Kreise statt, nur etwa vierzig Einladungen waren ergangen. Auf den Straßen der Stadt wurde es gegen Abend immer lebhafter; es ist heute ein Festtag, den jedermann ausnutzt, die Witterung ist herrlich und der festliche Schmuck der Stadt läßt wirklich wenig zu wünschen übrig. Mit dem Einbrechen der Dunkelheit umsäumten sich die Fanden der Gebäude mit feurigen Linien, bald in gleicher Farbe, bald in allen Nuancen strahlend, Gaskörpcr aller Art flammten auf, Adler, Kronen, Namenszüge und Sterne; dazwischen leuch­teten Ballons und hin und wieder bengalische Flammen. Besonders zeichneten sich die öffentlichen Gebäude durch ihren Lichterglanz aus, das Theater mit seinem lichtum­flossenen massigen Säulenportal glich einem römischen Forum und die auf den breiten Treppen lagernde Menge hätte den Meiningern ein wundervolles Vorbild liefern können. Am herrlichsten glänzte der Münsterturm, der auf allen Gallerten bis zur höchsten Spitze mit weißen Lämpchen umsäumt war und die zierliche Steinarbeit wie ein duftiges Spitzengewebe erscheinen ließ. Im Innern des Turmes warfen bald rote, bald grüne bengalische Flammen ihre farbensatten Strahlen in das Lichtmeer, das dadurch wie durch rosenrote und smaragdgrüne Wolken abgetönt wurde. Mit Laternen und Magnesium«Fackeln zogen die Militärmusik-Korps, den Zapfenstreich blasend, durch die Straßen der Stadt und sammelten sich gegen 9 Uhr gegenüber dem Garten des Statthalterpalais jen­seits des Jllkanals zu einer Serenade vor dem Kaiser, an welcher sich die Musikkorps und Spielleute sämtlicher morgen in der Parade stehenden Truppen beteiligten. Der weile Platz gewährte einen feenhaften Anblick. An hohen Signalmasten leuchteten elektrische Bogenlampen, unten bewegten sich unzählige Soldaten mit ihren Laternen und Magnesiumfackeln, und bengalische Flammen bestrahlten bald die prächtigen Formen des noch im Bau begriffenen Kaiserpalastes, bald die spiegelnden Wasser der Jll und die weiter abliegenden Gebäude - Komplexe. Der Kaiser weilte im Gartensaale des Statthalterpalastes; mehrmals aber stieg er, jedesmal von dem Hurra der Nahestehenden begrüßt, die Terrasse in den Garten hinab. Von der Serenade wird der Kaiser nicht allzuviel gehört haben, die Musiker standen etwas weit ab und die Pianostellen gingen meist verloren. Hätten die sämtlichen Musikkorps zusammenwirken können, so hätte das gewiß einen groß­artigen Effekt gemacht; die verschiedene Tonhöhe der Jn- strumenie aber machte ein Zusammenwirken unmöglich. Die Musikkorps der Fußtruppen, welche Instrumente hoher Stimmung haben, einschließlich der Jäger und des sächsischen Fußartillerie-Regiments Nr. 12 spielten zunächst die Ouver-

GeschichtSkal-nver.

14. September.

1517. Papst Leo X. schreibt einen großen Ablaß (Ablaß, bulle) aus.

1769. Asixander v. Humboldt wird in Berlin geboren.

1812. Napoleon zieht in Moskau ein.

1829. Kaiser Nikolaus von Rußland schließt unter Preußens Vermittelung mit der Türkei den Frieden von Adrianopel, welcher deu Schiffen aller Nationen die freie Fahrt durch die Dardanellen öffnet.__

Wanda.

Von A- Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Aber schon war ihr Joseph uachgeeilt, schon hatten seine Arme die widerstrebende Gestalt umschlungen, und wahrend er sie dicht zu sich heranzog, flüsterte er ihr zu:Du solsit Alles haben, Alles, was Du willst, beim ich glaube an Dich, wie an Gottes Sonne, und wenn ich den Brief jetzt gleich schreibe, und vor Dunkelwerden abseude, erreicht er die Mutter schon bald und das Geld kann rasch in meinen Händen sein.-

Wanda jauchzte auf und schlang ihren Arm um den Hals des Verlobten.

Also bald, bald-, sagte sie, ihre glühenden Wangen au das Gesicht des Burschen lehnend,was für ein fröhliches Pfingstfest wird das »eiben, wenn ich bas Gelb bekomme unb eS bem Direktor hiusenben kann.-

Eine Viertelstunbe barauf saß bet junge Manu in seinem Kämmerchen unb schrieb jenen Brief nach Hause, von bem im Anfänge unserer Erzählung bie Rebe war, ein selbst. süchttgeS, hartherziges Schreiben, in bem keine Zeile nach dem Ergehe» bei Muttei unb Schwester fragte,tu bem er unter nichtigen Vorwänden Gelb begehrte, viel Gell', wen» er sich nicht ein Leibes cmthnn sollte und auf bas hi«

Jaguscha ihre Brautthaler zusammenpackte, um ben Bruder damit von schlechten Wegen zu retten.

Unb währenb der Geselle schrieb unb später seinen Brief auf die Post trug, lag in bem Stübchen Wanbas,bas Mädchen mit bem Gesichte in ben Kiffen des Bettes ver­graben und schluchzte unb weinte, als ob ihr baS Herz in Stücken zerbräche.

Als fie bann später im Familienkreise erschien, war sie gefaßt unb ruhig, aber sie hielt fortwährenb ihren Verlobten in ihrer Nähe, so baß es bem Altgesellen unmöglich würbe, Joseph insgeheim zu bitten, ihn auf seinem Zimmer besuchen zu dürfen. Als Wanda des Abends gute Nacht sagte, be­merkte das scharfe Auge des Altgesellen, daß sie heimlich die Zeitung von ber Kommode nahm unb in bie Tasche steckte.

Auch in beit folgeuben Tagen hielt sich Joseph fern von bem Altgesellen, ja, es war augenscheinlich, baß er seinen Vorgesetzten mieb unb am vierten Tage nach ber Erzählung von der bevorstehenben Vermählung bes SchauspielbireklorS, einer Verbiubung, bie bet Geselle Absichtlich seiner Braut, feiuen Schwiegereltern verschwiegen hatte, um nicht alte Er- inneiungen wachzurufen, am Tage vor Pfingsten hielt Joseph ben Brief aus ber Heimat mit 50 Thalern Inhalt in ber Hand unb war im Begriff, ihn zu seiner Braut zu tragen, als eine Hanb seinen Arm berührte unb ber Altgeselle ben nur leicht Widerstrebenden hinein in sein eigenes Stübchen zog.

Sie halten da einen Brief in ber Hand, einen (Selb» brief mit fünfzig Thalem Inhalt, wie ich im Flur bemerkte, als ich vorhin über Ihre Schultern sah,* begann ber alle Mann ohne lauge Umfchweife unb brückte Joseph aus eine« bei Holzstühle «lebet, bie in seinem Ztmmei stanben,haben Sie ben« nun bie Absicht, den Foibeiungen geiecht zu »erben, bie bie Kaufleute an Sie stellen, benn ich weiß, baß Sie Schulden habe», viele Schalbeu, unb baß Sie schon einmal einen Posten Gelb aus ber Heimat zu bereu Deckung er»

hielten, bet nachher anderweitig unb, wie ich fürchte nicht zu ben besten Zwecken verwendet wurde. -

Der junge Mann wurde flammeudrot. So hatte noch Niemand mit ihm gesprochen, das Blut drang ihm zu den Schläfen empor, er sprang aus unb fragte mit harter scharfer Stimme:

Glauben Sie, baß ich ein Kinb bin, ein schwaches, un- mündiges Kinb, bas sich von Jebem bevormunden läßt, ber butch sein höheres Alter ein Recht dazu zu haben glaubt?-

Nicht durch das Alter, aber durch die Vernunft, die mit den Jahren kommt,- sagte ber alle Mann sanft,unb burch bie Zuneigung, bie ich für Sie faßte, als ich in all ber Zeit bemerkte, baß ber Kern ein guter bei Ihnen sei, wenn baS Herz auch oft mit bem Verstaube bnrchging unb ber Leichtsinn gute Vorsätze über ben Haufen warf.-

WillenloS hatte sich Joseph toteber auf ben Stuhl nieder­gelassen und schaute von hier mll großen starren Augen nach dem Altgesellen.

Unb warum brachten Sie mich in Ihr Zimmer unb setzen mich einem Verhör aus ?* fragte er endlich mit tonloser Stimme.

Weil ich wissen will unb wissen muß, wie Sie mit Wauba Nowitzka stehen,- rief bet Gefragte hastig,weil ich bem Mädchen nicht traue und fürchte, baß es Sie hinter- geht, weil ich will, baß Sie toieber ein brauchbarer, oibent» kicher Mensch werben, ber sich ben Krebsschaden zehrenbei Schulden ausschneidet unb seiner alten, wackere« Mutter keine Schaube macht.-

Unb wenn Wanda mehr wie je ans bem Wege wäre, mit ihrer Vergangenhett ganz zu breche«, wenn bies Gelb hier dazu bienen soll, fie von allen Verpflichtungen frei z« machen, bamtt fie, wie fie mir neulich sagte, mit reinem Gewissen mein Weib werben könnte, was würben Sie bann mti all Ihren Befürchtungen sage« unb ausrichteu?- rief ber junge Mann mll strahlenden Ange«.

(Fortsetzung folgt.)