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Marburg, Sonntag, 12. September 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal» Lbonnements-PreiS bei der Expedition 21/« Mk., bei da» Postämter 2 Mk. 50 Sfg. (excl. Bestellgeld). Jnfertionsgebühr für die «fpaltcne Zeile 10 Pfg. Ralamen für die Zeile 35 Pfg.

OIinhkMr Milg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d LlatteS, sowie b. Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogl er in Frankfurt a. M., Caffel, Magdeburg und Wien: Rudel: Moffe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n rankfurt a. M, Vrln, Ha nover u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. 7 ' " . ' - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Martt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch. *

Wochenschau. .

Unser Kaiser Wilhelm hat seine Manöverreisen ange- treten. Von Berlin ist er zunächst auf einen Tag nach Baden-Baden gereist und von dort mit der Kaiserin Augusta nach Straßburg. Unterwegs hat sich der Kronprinz an- geschlossen, der seine militärischen Inspektionsreisen in Bayern beendet hat, auf denen ihm auch von der Bevöl­kerung der herzlichste Empfang zu Teil geworden. Prinz Wilhelm von Preußen hat sich nach Rußland begeben, um den russischen Kaisermanövern beizuwohnen. Es wurde erst versucht, der Reise alle politische Bedeutung abzu­sprechen, aber jetzt sind diese Versuche aufgegeben. Die Reise hat augenscheinlich den Zweck, zu dokumentieren, daß die Beziehungen zwischen dem deutschen Reiche und Ruß­land dje freundlichsten sind. In Weimar beging der Minister Dr. Stichling unter großer Teilnahme sein fünf­zigjähriges Dienstjubiläum. In Düsseldorf tagte die - Hauptversammlung des deutschen Gustav-Adolf-Vereins, die ein Begrüßungstelegramm an den Kaiser beschloß. Der deutsche Reichstag wird kommenden Donnerstag zu , einer außerordentlichen Session in Berlin zusammentreten. Nach ziemlich allgemeiner Ansicht handelt es sich nur um die Zustimmung zur Verlängerung des deutsch - spanischen Handelsvertrages, doch wird voraussichtlich auch die allge­meine politische Lage berührt werden. Ob Fürst Bismarck an den Verhandlungen teilnehmen wird, ist noch fraglich. Der Kanzler wird durch ein Muskelleiden gezwungen, sich liegend zu verhalten. Graf Herbert Bismarck hat die Ge­schäfte des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt wieder übernommen.

Das bulgarische Drama, das einige Wochen die Welt in Spannung hielt, ist aus, ganz aus, wenigstens so weit es den Fürsten Alexander betrifft. Diejenigen Stimmen haben doch Recht behalten, welche prophezeiten, der Fürst werde nur nach Sofia zurückkehren, um abzudanken. Es mag dem tapferen Manne sehr schwer angekommen sein, von dem bulgarischen Volke zu scheiden, das seine Wieder­kehr eben noch mit buntem Jubel begrüßt, aber was sollte er thun, nachdem seine Demütigung vor dem Zaren, seine Bitte um Versöhnung von Alexander III. in schroffer Weise zurückgewiesen war? Ein Zusammenstoß mit Ruß­land war früher oder später unvermeidlich, jede Hilfe fehlte, so daß der Kampf ein ganz aussichtsloser gewesen wäre. Die Türkei ist altersschwach, die Engländer haben nur große Worte, aber keine Thaten, die übrigen Groß­mächte mischen sich nicht ein. Und so hat sich denn Alexander von Battenberg, trotz aller Zureden von Ministern und Offizieren, entschlossen, zu gehen, er hat durch eine Proklamation freiwillig abgedankt und befindet sich jetzt bereits wieder außerhalb Bulgariens. Damit ist das Hauptstück des bulgarischen Zwischenfalles zu Ende und es hebt nunmehr das Nachspiel an. Was soll man da­von noch erwarten? Fürst Alexander hat vor seinem

Geschichtskalender.

12. September.

1440. Kurfürst Friedrich I. von Brandenburg stirbt zu Cadolzburg in Franken.

1683. Johann Sobiesky, König von Polen, entsetzt Wien von den Türken.

1819. Der Fürst Blücher von Wahlstatt stirbt in seinem 78. Lebensjahre.

13. September.

1250. Kaiser Friedrich stirbt zu Firenzuola, 56 Jahre alt. 1254. Papst Jnnocenz IV. stirbt.

1533. Die Königin Elisabeth von England, Heinrichs vin. jinb der Anna Boleyn Tochter, wird geboren.

1745. Franz L, Stephan, Großherzog von Toscana, Gemahl der Maria Theresia, wird zum Kaiser erwählt.

1782. Franzosen und Spanier eröffnen ein furchtbares Feuer gegen die Festung Gibraltar, des englischen Gou­verneurs George Elliot Gegenanstalten retten die Festung.

Wanda.

Von A. Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Mit einem neuen Seitenblicke streifte der Geselle das Antlitz der Geliebten, ein Frösteln durchzitterte seinen ganzen Körper und dann litt eS ihn nicht mehr in tändelnder Ruhe, er sprang hastig auf, faßte den Arm des Mädchens mit zähem, hartem Drucke, und währeud es ihm war, als schreie er es hinaus, als müßten der Vater, die Mutter, der Alt­geselle und die Geschwister ihn für wahnsinnig halten, zischelte und tuschelte er doch nur in das Ohr der Meisters­tochter: «Was ist eS mtt dem Manne, dem Schauspiel--'

Scheiden noch eine Regentschaft eingesetzt, aber mit ihm ist auch der wahre Führer der Bulgaren gegangen, was sollen sie, jetzt gegen Rußlands überwältigenden Einfluß noch ausrichten? Der Zar hat versprochen, Bulgarien nicht zu besetzen, sich nicht in die inneren Angelegenheiten zu mischen. Er kann das alles thun, denn die Bulgaren sind ja beim besten Willen außer Stande, sich von der russischen Umklammerung zu befreien. Die Engländer protestieren auch gegen die Entsendung eines russischen Generalgouverneurs nach Bulgarien und wollen auch der Wahl eines russischen Strohmannes zum Fürsten nicht zu­stimmen. Wenn sie etwas erreichen, so ist es doch nur auf dem Papier der Fall. In Wahrheit wird der rus­sische Einfluß in Bulgarien allmächtig bleiben, Bulgarien ist nunmehr für Rußland ein sicheres Ausfallsthor gegen Konstantinopel. Wir erleben vielleicht noch innere Un­ruhen im Lande, das aber davon nicht den geringsten Nutzen haben wird. Jede Erhebung dient nur Rußland zur Erweiterung seines Einflusfes. Manches Glas Tinte wird noch in der bulgarischen Angelegenheit verschrieben werden, aber in Orientfragen entscheiden nicht diploma­tische Aktenstücke,' sondern die Macht, und die hat Rußland in Händen. England hat eine kolossale Niederlage im Orient erlitten, die Türkei ihren eigenen Totengräber ge­spielt, das sind die Thatsachen.

Im übrigen Auslande war es sehr still. Man be­schäftigte sich allgemein mit der bulgarischen Angelegenheit und nahm dazu Stellung. In Paris herrschte wieder großer Jubel, weil ein deutscher Spion, ein Oberst, bei Belfort gefangen war. Die Sache war furchtbarer Schwindel. Ein pensionierter deutscher Offizier, der auch als Schrift­steller bekannt ist, hatte einen Aussichtspunkt erklommen und dort ein Gedicht geschrieben. Das war sein ganzes Verbrechen. Als französischer Botschafter für Berlin ist der Direktor des Auswärtigen Amtes Jules Herbette ernannt. Sehr schlechte Nachrichten für die Franzosen kommen aus Madagaskar. Die Beziehungen zu .den Howas haben sich sehr verschlechtert, und die Truppen sind durch mörderische Krankheiten dezimiert. Die Nachsendung von Verstärkungen wird sich als notwendig erweisen. Nicht beffer steht es mit den englischen Truppen in Birma, denen es sehr schwer werden wird, den Aufständischen einen tüch­tigen Schlag beizubringen. Im englischen Unterhause ist sehr viel über die bulgarische Angelegenheit gesprochen, man hat die Abdankung des Fürsten allgemein bedauert, aber zu weiterem ist es nicht gekommen. Worte, immer Worte! Der Skandal, welchen die Mitteilungen über den Zustand der britischen Geschütze verursacht, hat nun doch einen Er­folg gehabt: Eine königliche Kommission wird eingesetzt, welche die Tauglichkeit der Kanonen prüfen soll. Die Ab­steckung der neuen afghanischen Grenze ist von den russischen und englischen Kommissaren so ziemlich beendet, und die letzteren sind bereits auf der Rückreise nach Indien. Die

direktor, Wanda, warum kannst Du seinen Namen' nicht hören, ohne zu erschrecken?"

Und,--da blickten sie ihn an, die schwarzen, uner­

gründlichen Augen, die alle klaren Gedanken bei ihm in Fesseln legten, und der starre Eiseshauch war aus ihnen geschwunden und hatte einer wunderbaren Glut Platz gemacht.

Thörichtes Kind!" murmelte das Mädchen leise vor sich hin, und wie ihre weiche, weiße Hand immer wieder durch sein lichtes Haar fuhr und liebkosend seine Stirn berührte, war es ihm, als gingen die bösen aufregenden Gedanken zur Ruhe und schmolzen wie Schnee vor der Sonne.

Wanda war aufgestandeu, fie rastete einen kurzen Augen­blick vor dem Verlobten, dann legte sie ihre Hand auf seinen Arm und forderte ihn so auf, ihr zu folgen. Um die Thür zu passieren, mußte das junge Paar an dem Platze vorüber, 5- v!m AUgeselle saß und die scharfen, grauen Augen, die die Meisterstochter trotz der Dämmerung beobachtet hatten, sahen auch in dieser Minute, wie die stolze Gestalt des Mädchens von einer unsichtbaren Last zu Boden gedrückt, gesenkten Kopfes zur Thüre hinausschritt.

»Da wird etwas ausgeheckt werden," dachte der alte Mann still bei sich,und es wird mir nichts übrig bleiben, als mir den Joseph nachher zu langen und ihn scharf ins Verhör zu nehmen."

Wanda aber war mit dem Gesellen hinaus auf den Hausflur getreten, durch die schon ein Hauch von Lenzes- luft und Frühlingserwachen ins Haus hiueindrang und fie hatte ihren Kopf an die Brust des Verlobten gelegt und weinte wirklich heftig, unaufhaltsam, als fie leise zu ihm sagte:

Du willst wisien, warum ich den Namen des Direktors W . . . niemals ohne ein leises Erschrecken hören kann

Beziehungen zu Rußland haben sich im übrigen wegen des Orientzwischenfalles sehr verschärft. Aber Rußland hat nun einmal in Bulgarien den Vorsprung, und die Eng­länder das Nachsehen.

Die genaueren Mitteilungen, welche über das große Erdbeben in Nordamerika eingehen, lauten sehr betrübend. Verschiedene Städte, namentlich Charleston, sind fast ganz ' zerstört, mehrere hundert Menschen sind umgekommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Sept. Der Bundesrat erteilte der Vor­lage und dem Ausschußberichte, betreffend die Verlängerung des deutsch-spanischen Handels- und Schiffahrtsvertrages, die Zustimmung. DasArmee-Verordnungsblatt" ent­hält eine Bekanntmachung des Kriegsministers vom 3. September, wonach auf gründ Allerhöchster Bestimmung alle ausländischen (nichtdeutschen) Fürsten, welche in irgend welcher Form zur Armee in Beziehung stehen, künftig ohne Angabe ihres militärischen Ranges in der Rangliste geführt, dagegen in die Anciennitätslisten nicht ausgenommen werden. Betreffs der Anlegung der Gradabzeichen wird angenommen, daß alle nichtdeutschen regierenden Herrn zur preußischen Uniform mindestens die Abzeichen des Generalmajors tragen, während es ihrem Ermessen über­lassen bleibt, auch zur preußischen Uniform die Grad­abzeichen anzulegen, welche sie zur heimatlichen Uniform tragen. Die übrigen zur preußischen Armee in Beziehung stehenden Mitglieder ausländischer regierender Familien werden bezüglich der Anlegung der Rangabzeichen in der preußischen Armee als demjenigen Range angehörend an-' gesehen, welchen sie in ihrer Heimatsarmee bekleiden. Die Nordd. Allg. Ztg." schreibt über die Hitzschlage während der Herbstübungen: Ueber die Erkrankungen und Todesfälle an Hitzschlag bei der Armee drangen sehr übertriebene Nach­richten in die Oeffentlichkeit. Mach den vom Kriegs­ministerium am 8. September eingeforderten telegraphischen Meldungen des Korps der Generalärzte kamen bei 14 der preußischen Kontingentsverwaltung angehörigen Armeekorps 84 leichte und schwere Erkrankungsfälle vor, darunter sind 7 tätlich verlaufen, unter letzteren Todesfällen ist mindestens einer, welcher durch eigenes Verschulden, bezw. instruktions­widriges Verhalten des Betreffenden entstanden ist. Bei den anderen Todesfällen war die zum Tode führende Er­krankung nicht nach dem Marsche oder der Uebung, sondern nach der Eisenbahnfahrt eingetreten.

Darmstadt, 10. Sept. Prinz Alexander von Batten­berg ist nachmittags 4A Uhr hier eingetroffen und auf dem Bahnhofe von dem englischen Geschäftsträger und dem Oberbürgermeister begrüßt worden und ist nach kurzem Aufenthalte nach Jugenheim weiter gereist.

Straßburg, 10. Sept. Der Kaiser hat soeben kurz vor 5 Uhr unter dem Jubel der Bevölkerung seinen Einzug in Straßburg gehalten. Kanonenschüsse vom Fort Bose und Du sollst alles erfahren, alles, weil ich kein Geheimnis vor meinem künftigen Gatten haben will. Jung und leicht­sinnig, noch nicht sechzehn Jahre alt, sah ich in Felicita W. . meine beste Freundin und ich hätte damals Schätze darum gegeben, wenn ich mich, gleich der Frau W . . . der Bühne hätte widmen dürfen. Aber die Eltern wider­setzten sich meinen Wünschen, die ich in Bezug hierauf aus- sprach, und als ich mein Vorhaben dennoch ausführen wollte, als ich mich zur Flucht aus dem Elternhause entschloß, da wurde ich daran gehindert, gehindert durch"

Den Altgesellen," fiel ihr Joseph ruhig ins Wort und drückte die bebende, schluchzende Gestalt der Geliebten fest an sich,ich weiß daS alles, und Du brauchst mir nichts mehr zu sagen, wenn es Dich aufregt, wie jetzt eben."

«Und dennoch ist Dir nicht alles bekannt, Joseph, denn eS giebt ein Geheimnis, das ich noch keinem Menschen an- verttaute, das nur Du wissen sollst," hauchte das Mädchen und ließ den Kops auf die Brust sinken.

Der Geselle fühlte, wie ihm das Blut heiß bis zu den Schläfen emporquoll voll banger Erwartung, was er zu hören bekommen würde, aber er beugte sich nieder zu Wanda, die wie gebrochen an seiner Brust lehnte und fragte sanft und leise:

Ein Geheimnis Geliebte? Es wird hoffentlich nicht so schwer sein, daß eS mir das Herz abdrückt."

Und da bückte sich daS Mädchen nieder, ergriff seine Hände und preßte, ehe es sich Joseph versab, ihre heißen, zuckenden Lippen darauf. '

Du bist gut, oh, Du bist gut, Joseph," war das Erste, waS sie hervorzustammeln vermochte, daun fuhr sie erregt fort:Ich werde Dein Weib werden, vielleicht in Kurzem, Joseph, und ich will dann Deine treue, gehorsame Fran sein, aber jetzt mußt D« mir noch einmal helfen, mußt mich