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«r. «13.

Marburg, Sonnabend, 11. September 1886.

XLI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktage!» nach Sonn-und Feiertagen. Quartel- NbonnementS-Preis bei der Expedition 2</t Mt, bei fccn Postämter 2 MI. 50 yfa. (excl. Bestellgeld!. JnsertionSgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. «ellamen für die Zeile 25 Pfg.

ObechWie AltilW.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudol' Moste in Frankfurt a M.,Berlin,Münchenuich Aöln; G. L. Daube und Go. n rank'urt a. M., B rl n, Ha nover u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Truck und Verlag von Joh. Zag. Koch.

Manöver.

e Wir haben jetzt die Manöverzeit; es ist ein Fest für das ganze Gebiet, in dem Teile unserer wackeren Soldaten den Krieg im Frieden üben, um für die rauhe Wirklichkeit um so bester vorbereitet zu sein. Von nah und fern strömt alt und jung herbei, um den Manöverübungcn beizuwohnen. Nicht bloße Neugier treibt sie, auch wirkliche Teilnahme, und besonders, wer einmal den bunten Rock getragen, ist mit Leib und Seele bei der Sache. Die Manöver zeigen es, daß ein kerniger, srischer Soldatengeist im ganzen deutschen Volke steckt, und wohin der von den anstrengenden Exerzitien ermüdete Soldat kommt, da wird ihm auch offene Aufnahme gewährt. So ziemlich jede Familie hat einen nahen Angehörigen beim Militär oder doch gehabt, und das verstärkt die Herzlichkeit des Empfanges. Und einen solchen verdienen die Truppen besonders in diesem Jahre, wo die furchtbare Hitze verheerend wirkt. Von allen Seiten sind traurige Botschaften über das Vorkommen von Hitz- schlag eingetroffen, und wenn die Nachrichten auch wohl zum guten Teil übertrieben sein mögen, schon das Wenige ist zu viel. Aber trotz aller Hitze wird tapfer ausgehalten, und Vorfälle, wie zu Lille in Frankreich, wo die Reser­visten gegen die weitere Dauer der militärischen Hebungen während der heißen Tage protestierten, sind bei uns einfach unmöglich.

Das dem Zuschauer so lustig und fröhlich erscheinende Kriegsbild im Frieden hat bekanntermaßen seinen tiefernsten Hintergrund. Die das Manöver leitenden Offiziere geben ungemein scharfe Obacht, jeder Fehler gelangt da zur Kennt­nisnahme und wird später bei derKritik" vorgebracht. Namentlich bei uns in Deutschland find die Manöver eine hochernste Sache, und deshalb nimmt auch Kaiser Wilhelm trotz seiner hohen Jahre Jahr für Jahr regelmäßig an einem Manöver teil, um sich persönlich vom Stande der Truppenausbildung, von den Fähigkeiten des Offizierkorps zu überzeugen. Das deutsche Reich ist anerkanntermaßen die erste Militärmacht der Welt. Aber Deutschland ist nicht die erste gewaltige Militärmacht, die es überhaupt gegeben, und aus den Schicksalen früherer Staaten müffen wir warnende Lehren ziehen. Der erste zu werden, ist leichter, als der erste zu bleiben. Nur fortgesetzte, rastlose Vervollkommnung kann eine Armee auf ihrer Höhe er­halten, besonders heute, wo nicht allein Deutschland nach Erlangung vollkommenster militärischer Schlagfertigkeit strebt, sondern mit und neben ihm auch alle anderen Groß­mächte. Besonders Frankreich hat ganz außerordentliche Anstrengungen gemacht, die ihm schwere Opfer an Geld auferlegt, und wenn es trotzdem nicht die dem Aufwand entsprechenden Erfolge auszuweisen hat, so liegt das an dem Mangel einer straffen und einheitlichen Leitung.

Die deutsche Armee hat vor denen anderer Großmächte

Geschichtskalender.

11. September.

9. Der Cherusker Hermann schlägt die Römer unter Varus im Teutoburger Walde.

1616. Peter L, der Große, macht sich mit Befestigung seiner Stiefgeschwister Iwan und Sophie zum alleinigen Herrscher Rußlands.

1697. Sieg des Prinzen Eugen bei Zenta über die Türken. 1709. Eugen und Marlborough erfechten mit Hülfe preu­ßischer Truppen den glänzenden Sieg bei Malplaqnet über Ludwig XIV.

Wand a.

Bon A. Gnevkow.

(Fortsetzung.)

In einer grauen Dämmerstunde schlich sie sich hinüber zum Nachbarhause, husckte die Treppe hinan, und bat die Wirtin, die Bewohnerin der zweiten Etage, um Auskunft über den Direktor W . . . . Das war eine schwere, un­sagbare schwere Stunde für das Mädchen, als eS nach wenigen Minuten den Weg wieder zurückwankt», den es soeben gekommen war, und mit dem jammernde» Wehrufe: Er ist fort, man weiß nicht wohin!" in dem eigenen, halbdunklen, kleinen Stübchen niedersank.

Diese eine Stunde, in der sich der Schmerz des Ver­lassenseins mit dem trostlosen Gefühle mischte, daß sie die Anhänglichkeit an ihr Daheim verloren, daß Vater und Mutter, daß die Geschwister und der Verlobte ihr gleich, gütig seien, daß sie hinaus müffe ans der sie erdrückenden Häuslichkeit, um den zu suchen, dem ihr Leben, ihr Herz gehörte, diese eine Stunde reichte hin, um ihr die alte Willenskraft wiederzngeben, und, als sie zum Abendessen in das Wohnzimmer hinunterkam, scherzte sie fröhlich und munter mit Joseph, und neckte die jüngeren Geschwister, die sich, wie immer, fern von der ältesten Schwester hielte».

zweierlei voraus, die ihr den hohen Rang sichern, auf dem sie steht. Nirgends ist die militärische Durch- und Aus­bildung so, wie im deutschen Reiche, wo Kaiser Wilhelms Auge mit strenger Sorgfalt über der Armee wacht. Bei uns gibt es keine Paradegenerale und Günstlingsoffiziere, wahres Verdienst ebnet allein den Weg zu höheren Kom­mandostellen, und wie der Kopf, so sind auch die Glieder jedes einzelnen Armeekorps. Das Manöver ist der Prüf­stein für die allgemeine Tüchtigkeit, nicht ein buntes mili­tärisches Schauspiel. Dann aber sind Armee und Volk nirgends so mit einander verwachsen, als bei uns. Im deutschen Reiche sind unter des Kaisers Rock alle gleich, die allgemeine Wehrpflicht befördert die feste Kameradschaft unter den Angehörigen aller Stände. Das deutsche Volk hat einen klaren Blick für die hohe Bedeutung der Reichs­armee und hält sie deshalb in Ehren als Schutz und Schirm unseres Vaterlandes, die, gerade weil sie kriegstüchtig ist, die Kriegsgelüste neidischer Nachbarn im Keime erstickt.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. Sept. Prinz Wilhelm begab sich gestern zur Begrüßung des Kaisers von Rußland nach Brest- Litawsk in Polen. Der Gesundheitszustand des Kriegs­ministers Bronsart v. Schellendorff, der neulich mit dem Pferde stürzte, hat sich derKrz.-Ztg." zufolge so weit gebessert, daß der Minister am 11. d. Mts. zu den Manö- vern in den Reichslanden abzureisen gedenkt. Wie schon berichtet, treten die Ausschüsse des Bundesrats für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr am Freitag zusammen, um über den spanisch-deutschen Handelsvertrag zu beraten. Unmittelbar nach dieser Ausschußsitzung wird das Plenum des Bundesrats Sitzung halten und seine Arbeiten nach der Sommerpause wieder aufnehmen. Außer dem erwähnten Handelsverträge stehen auf der Tagesord­nung des Plenums: Vorlagen, betreffend Revision der Vorschriften über die Prüfung der Seeschiffer und See­steuerleute, betreffenZulassung der aus dem Dienste der kaiserlichen Marine geschiedenen Maschinisten als Ma­schinisten auf Seedampsschiffen der Handelsflotte und be­treffend Abänderung des Betriebsreglements für die Eisen­bahnen Deutschlands in Bezug auf die Beförderung von Salpetersäure und Scheidewasser, und ein Antrag Badens, betreffend Ermächtigung des Nebenzollamts Röt- teln zur Abfertigung von Baumwollengarn Nr. 2c, 1, 2 und 3 des Zolltarifs. Der Herr Minister für Land­wirtschaft hat, wie dieKöln. Ztg." berichtet, behufs För­derung des Obstbaues eine Verfügung an die Bezirks- Regierungen gerichtet, in welcher u. a. auf folgende Punkte hingewiesen wird:Es wird vielfach besonderer Kreis­anstalten nicht bedürfen, sondern zweckmäßiger mit Preis­verteilungen für Obstpflanzungen, mit der Gewährung von

Nur, als Wanda zur Nacht ihr Lager aussuchte, brach der alte Schmerz wieder mit ungezähmter Wildheit bei ihr hervor, aber, unter allen Anklagen, die sie gegen ihre Eltern, gegen Joseph und gegen sich selbst schleuderte, traf keine einzige den Direktor, setzte sie in seine Treue, seine An­hänglichkeit nicht den geringsten Zweifel.

Er ist gezwungen worden, ich weiß nicht von wem, aber freiwillig ging er gewiß nicht von mir, und sie sollen eS Alle bereuen, die mir das angcthau haben," rief sie in leidenschaftlicher Erregung ein über das andere Mal,so groß ist Warschau nicht, daß ein Mann von des Direktors Stellung darin verloren gehen könnte, und mit Geld ist heutzutage viel in der Welt zu machen. Mit Geld, wiederholte sie bann noch einmal, und richtete sich im Bette in die Höhe.

Weitgeöffnet starrten ihre Augen in die dunkle Nacht hinein', beide Hände hielt sie gegen die Schläfen gepreßt, so dachte sie nach, lautlos und doch geschäftig, Stunde um Stunde, bis der Plan fertig war, und sie mit einem Seufzer zurück in die Kiffen des Bettes fiel und einschlief.

Der nächste Morgen sah Wanda wieder bei dem ge­wohnten Geschäfte der Kaffeeznbereitung, das sie der Mutter hatte überlasten müssen, so lange sie an Zahnschmerzen litt. Alles Leid war aber nach Aussage des Mädchens verschwunden, eS war über Nacht wie weggeweht und Niemand war glück­licher hierüber wie Joseph, der einen so innigen Kuß von seiner Braut erhielt und mit so ungewohnt freundlichen Worten von ihr begrüßt wurde, wie sie ihm seit Langem nicht zu Teil geworden waren.

Und noch einmal schien die Sonne des Glücks für den armen Gesellen aubrechen zu wollen, noch einmal wärmte er sich in den Strahlen von Wandas Liebe hoffte und träumte sich einen Himmel an ihrer Seite. Ruhelos suchte er in dieser Zeit die Nähe der Geliebten ans und, als meine er sein schwindendes Glück dadurch fesseln zn können, erschien er fast keinen Abend im Wohnzimmer, ohne dem Mädchen eine kleine Gabe, ein Zeichen seiner aufmerksamen Liebe

Beihülfeir zu deren Ausführung, ferner zur Bildung von Obstverwertungs-Genosseuschaflen oder zur Ausbildung von Baumwärtern, mit der Uniersuchung der Baumschulen auf Reinheit der der Gegend entsprechenden Arten und gesundes Pflanzenmaterial und mit anderen Maßnahmen vorzugehen sein, welche die Kreisverbäude nicht mit einer dauernden Unterhaltungspflicht belasten."

Das englische Vorhaben, der bulgarischen Frage wegen noch eine diplomatische Aktion einzuleiten, begegnet ziemlich allgemeinem Achselzucken. Mögen die Engländer auch noch so große Worte machen, niemand, und sie selbst auch nicht, täuscht sich darüber hinweg, daß ein wirklicher Erfolg nicht mehr zu erzielen ist, seitdem Alexander Batten­berg den bulgarischen Boden verlassen hat. Er war das Zentrum, um welches das bulgarische Volk sich scharen konnte, und keine provisorische Regierung wird ihn ersetzen können. Nach irgend einer Seite müssen die Bulgaren sich hinneigen, und da kann nur Rußland in Betracht, kommen. Mag die von Fürst Alexander eingesetzte Re­gierung auch alles andere eher sein, als eine russensreund- liche, russenfeindliche Politik wird sie in keinem Falle treiben. England kann der Entsendung eines russischen Gcneralgouverneurs nach Sofia, der Wahl eines russischen Strohmannes zum Fürsten Schwierigkeiten bereiten, aber den bereits in Bulgarien bestehenden allmächtigen russischen Einfluß kann es nicht beseitigen. England hat sogar die. Unterstützung der Türkei verloren, die sich Rußland ganz in die Arme geworfen hat, es ist mit einem Wort völlig aus der Balkanhalbinsel herausgeschlagen, und die ver­lorene Position wieder zu gewinnen, wird schwierig, wo nicht unmöglich sein. Manches diplomatische Aktenstück mag noch geschrieben werden, und es bleibt doch alles, wie es gewesen. Wollte England seine Stellung wahren, Rußland einen Querstrich durch seine schlaue Rechnung machen, so mußte es zum Degen greifen, aber nicht zur Feder.

DieTimes" bemerkt über die Konkurrenz des deutschen Handels:Die Zeit ist gekommen, wo andere Nationen uns erhebliche Konkurrenz machen und diese Konkurrenz unterstützt und .gefördert wird durch alle Mittel, welche den Regierungen dieser Nationen zu Gebote stehen. Zn diesen Mitteln zählen die Erwerbung von Kolonien und Handclsstationen, die Unterstützung von Fabriken und die thätige Beihülfe von Gesandten, Konsuln und Agenten, alles das fällt ins Auge und wird gern angeführt von Leuten, welche das Terrain nicht mehr be­haupten können, welches früher unbestritten ihres war. Aber außerdem besteht eine Armee von Handelsagenten, deren erste Aufgabe ist, die Sprache des Volkes zu erlernen, zu dem sie geschickt werden, ihre Bedürfnisse und Vorurteile zu verstehen, die Art Waren, welche am beliebtesten sind, mitgebracht zu haben. Und immer leerer wurde es oben in dem Kämmerchen, das der Geselle bewohnte, die Anzüge, die er noch immer nicht bezahlt hatte, wanderten zum Teil wieder aus dem Hause und auf das Leihamt, um mit ihrem Erlöse WandaS gute Laune unterstützen zu helfen, und Joseph wußte nicht mehr, ob die Kaufleute auf seine Ver­sprechungen und Redensarten hin mit ihren Forderungen warten würden.

So ging es eine Zeitlang fort, nach außen hin alles ungetrübt und ruhig, ruhiger denn je, und im Innern der Wurm, der unaufhörlich weiternagte, die Schlange, die nur den günstigen Moment abwartete, nm zu verwunden.

Und über das friedliche Gemälde häuslichen Lebens, gegenseitiger Zufriedenheit, wachten zwei alte, ungetrübte Augen und sahen die Wangen der Meisterstochter schmaler werden, ihren Blick oft wie erloschen vor sich hinstarren und bann wieder aufflammen, und der Mund des Altgesellen war es, der in der stillen Dämmerstunde harmlos und doch wieder bedeutsam in einem gleichgültige» Gespräche erwähnte, daß er heut i» der Zeitung gelesen habe, der Schauspiel- Direktor W . . sei verlobt und werde in der nächsten Zeit seine Vermählung feiern.

Die Stimme des alten Mannes war längst verklungen, als »och immer tiefe Stille in der Stube herrschte. Der Meister und die Meisterin hatten wohl kaum gehört, von wem die Rede gewesen, sie saßen in den schwarzen leder­bezogenen Sorgenstühlen und nickten schläfrig und träumend mit den Köpfen; um Fenster aber, wo Joseph seinen Platz neben dem Stuhle WandaS und seinen Arm nm ihren Nucken gelegt Hütte, war cs fast unheimlich still geworden und das graue Dämmerlicht beschien die schlanke Gestalt des junge« Mädchens, das todenbleiche Gesicht desselben, das in de» beide» Hände» lehnte, die sich auf daS Fenster­brett gestützt hatten, und das dort mit feinen erloschene» Augen bis zur Unbeweglichkeit erstarrte.

(Fortsetzung folgt.)