Einzelbild herunterladen
 

Kr. eiz.

Marburg, Freitag, 10. September 1886. (

XXI. Jahrgang.

-r L-iNl täglich autzer an Wrrtraren nach 2onn-und Ir-crtszen. CLuartol« Sb» onelnmts-BreiS bei der Expedition 3'.IL, bei drn ^kstSmtsr 2 yil. r>0 Pfz. (excl. Bestellgeld). ZniertionZ;ebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen 'ür die Zeile

>5 Pfg.

(Olinljcffifdit Leitung.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d Annoneen-Bureaux von Hoasenstein »ndVopler in Frankfurt c. Ai, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudol^ Moffe in Frankfurt a M., Ber!in,Vünchenund Sein; G. £'. Taube und Co. n ranfcurt a. M, - r( n, Ha nov.r ».Paris

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Zllnstricrtcs Lonntagsblatt.

Exped'tion Markt 21. Redaktion. Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Wanderlager und Ausverkauf.

2er Neigung des Publikums, um jeden Preisbillig" zu kaufen, leisten besonders auch die Wauderlager und Ausverkäufe Vorschub. Unter beit Ausverkäufen verstehen wir natürlich die Manipulationen einzelner Geschäfts- Inhaber, besonders in größeren und mittleren Städten, die Jahraus Jahrein nur ausverkaufen; auch jedes reelle Geschäft kann seinen Ausverkauf haben, etwa nach been­deter Inventur ober Saison, und in bemselben werden die Waren aus diesen oder jenen Gründen billiger abgegeben, aber ein solcher Ausverkauf findet doch nur einmal im Jahre statt und nicht permanent. Zu den Dauer - Aus­verkäufen, die ihre Kunden auch trefflich aus kleinen Städten und vom platten Lande heranzuziehen wissen, müssen alle möglichen Ereignisse das Aushängeschild geben: Bald ist Wassernot, bald Feuer die Ursache desAus­verkaufes zu enorm billigen Preisen", während es sich doch meistens um minderwertige Ramschware handelt, die ge­schenkt noch zu teuer ist. Das Publikum meint aber, etwas muß doch daran sein! Der Preis ist so billig, ergo, es geht uuo kauft! Kommt dann aber die gekaufte Herr­lichkeit in den Gebrauch, so tritt bald die ganze Faden­scheinigkeit hervor. Es giebt Reparaturen über Repara­turen, und rechnet man schließlich alles zusammen, so war das Vergnügen des billigen Einkaufes ein recht kost­spieliges. Leider aber rechnen viele Leute nicht; entweder sie sind zu bequem dazu oder sie sehen das Fazit voraus und wollen es gar nicht wissen, wie es genau heißt, weil sie sich dann nur ärgern würden. Das Rechnen steht in vielen deutschen Haushaltungen leider noch lange nicht hoch genug im Ansehen.

Weit näher noch als dieAusverkäufe" rücken die Wauderlager dem Publikum auf den Hals. Durch Gesetz ift 'eine Steuer für Wauderlager eingeführt, aber geholfen hat dieselbe nichts. Das Publikum kauft sehr gern, und was macht bei flottem Umsatz dann der Steuerbetrag aus? Hier und da schlägt auch wohl die Spekulation auf die Leichtgläubigkeit des Publikums nicht mehr ein, aber im großen und ganzen macht daö Geschäft sich doch. Welchen Vorteil hat aber das Publikum bei diesen Geschäften, vorausgesetzt wirklich, daß es preiswert kauft? Es kauft größere Quantitäten und bezahlt bar Geld. Käme es aber mit solchem Angebot zu einem heimischen Geschäfts­mann, es würde sich ebenso gut stehen, ober besser noch, denn eine Hand wäscht bekanntlich die andere. Ist es wirklich recht, sein Geld bar zu dem Wanderlagermann zu tragen, daheim aber etnfreiben zu lassen? Die Antwort giebt sich wohl ein jeder selbst! In der Regel wird das Publikum aber bei solchen Ankäufen überteuert. Die Ware sieht äußerlich propper und elegant aus, aber sie hält keine Tauer, macht Verbesserungen nötig und ist schnell abgenutzt. Ja, sagt sich das Publikum bann, es

Gefchichtskalenver.

10. September.

1721. Der Frieden zu Nystadt beendet den großen nordischen Krieg zwischen Schweden und Rußland, letzteres behält Liefland, Esthlanb, Jagermannland und Karelrn.

1870.

10. Sept. Uebergabe von Laon. Ausfall von Straß­burg zurückgeschlagen.

Wanda.

Bon A. Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Wird die Wirtin aber auch nicht erfahren, wohin Sie gehen und später Auskunft geben können, wenn Wanda zu ihr kommen sollte, um sich bei ihr zu erkundigen?" fragte der alte Mann und heftete fein Auge mit ängstlicher Spannung auf den Direktor.

Ich werde schweigen, wie das G ab," beteuerte aber dieser mit einem leisen Lächeln, stand dann auf, nahm aus feinem Schreibst kretär eine Anzahl von Briefen, die mit einer Schnur umwickelt waren und legte sie in die Hände des Altgesellen.Ich gebe Ihnen hiermit zurück, was nicht mehr mein sein darf," sagte er mit einem abermaligen Seufzer,es sind die Briefe Wandas, die Ihnen nicht allein Zeugnis davon geben werden, daß ich die lautere Wahrheit sprach, sondern die Sie auch zu Gunsten des Mädchens über­führen sollen, daß kein Liebesverhältnis zwischen uns bestand."

Der alte Mann versenkte das Päckchen in seine Rock­tasche, dann bot er dem Direktor beide Hände zum Abschiede und verließ mit einer nochmaligen herzlichen Danksagung den jungen Manu, gegen den er so viel Groll im Hetzen gehegt hatte.

Vor der Thür deS großen, eleganten Hauses angelangt,

war doch billig! Rechnen wir einmal. In zwei Jahren wird ein Gegenstand gebraucht, reffe, nutzt sich ab, der zehn Mark kostet. Im Wauderlager wird dasselbe für acht Mark offeriert, hält aber wegen geringerer Arbeit kaum ein Jahr. Nun, wo liegt da der Profit? Das momentan Billiger kaufen" wird für manche Familie zum Unglück, man kauft und kauft, hat aber nie etwas Rechtes, und schließlich mangelt es an Gelo, etwas Gutes zu kaufen. Die heimische solide Geschäftswelt kommt bei Einkäufen ihrem Publikum schon auf das Weitgehendste entgegen und thut auch bei Barzahlungen noch ein übriges. Das Pub­likum handelt deshalb blind gegen seine eigenen Interessen, das sich zum Stammgast der billigen Ausverkäufe macht; es kaufe im reellen, seßhaften Geschäft und wird stets für sein Geld eine Ware haben, die bas Bezahlte wert ist. Bei ben Ausverkäufen kann man bas aber nur selten sagen.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Sept. Heute abenb 6V- Uhr wird ber Kaiser Berlin verlassen und seine Reise nach Baden-Baben antreten, von wo Allerhöchstberselbe fobann am 10. Sept, nachmittags mit Ihrer Majestät ber Kaiserin unb Königin zu ben großen Herbstmanövern in Straßburg eintreffen wirb. DieNordb. Allg. Ztg." bementiert bie von ver- schiebenen Zeitungen gebrachte Nachricht, baß Fürst Bismarck toieber an feinen alten nervösen schmerzen in ben Ober­schenkeln unb in den Hüften leide, meldet jedoch zugleich, ber Reichskanzler habe sich auf dem Rückwege von Gastein nach hier eine Muskelzerrung^oder Zerreißung zugezogen. Zunächst habe der Fürst die Lache wenig beachtet, schließ­lich seien aber die Schmerzen so heftig geworden, daß dem Fürsten jede Bewegung unmöglich geworben sei, weshalb er genötigt fei, in liegenber Stellung zu verharren. So schmerzhaft auch ber Zustanb des Fürsten fei, so gebe der­selbe doch zu Besorgnissen absolut keinen Anlaß. Der PariserFigaro" schreibt:Der Austritt des Zaren aus dem Dreikaiserbund würde bie Welt stark beunruhigt, die Geschäfte gelähmt und die Entscheidung über Krieg und Frieden von einem Zufall abhängig gemacht haben. Herr von Bismarck hat das nicht gewollt. Er hat die durch eine offene Opposition gegen die Pläne des Zaren gefähr­deten allgemeinen Interessen gegen das abgewogen, was Bulgarien und fein Prinz wert sind, und keinen Augen­blick gezaudert: die allgemeinen Interessen, diejenigen Deutschlands, unlösbar verknüpft mit den europäischen, erhielten bas Uebergewicht. Man kann Herrn v. Bismarck zu einer so männlichen Entschließung nur beglückwünschen und dazu, baß er mit völliger Mißachtung ber Formen, welche ben deutschen Kanzler zu einem alle überragenden Diplomaten macht, seinen Entschluß zur Ausführung ge­bracht hat. Wenn Fürst Bismarck in unseren Augen je­mals groß werden könnte, so würde er es wegen dieser

blickle er noch einmal nach den Fenstern der zweiten Etage hinauf, bann glitt fein Auge über das kleine, graue Ge- »)e hin, das dem Tischlermeister gehörte, und schon jetzt wurden seine Gedanken zu einem Gebete, indem er den Segen des Himmels auf den jungen Direktor und auf seine Freunde, die schlichten Meistersleute herabflehte.

Tage vergingen, in denen nichts außerordentliches geschah, denn Wanda war, wie immer im Familienkreise, still und einsilbig, und das etwas bleiche Aussehen des Mädchens wurde den Zahnschmerzen zur Last gelegt, von denen es vorgab, noch immer gepeinigt zu werden.

Mit ängstlicher Sorgfalt hatte der Altgeselle das Päckchen mit den Briefen der Meisterstochter in seinem Koffer ge­borgen, wo es dicht neben einem Sträußchen welker Blumen seinen Platz gefunden, die der alte Mann einst vom Grabe seiner Jugendgeliebten mit heimgebracht. Eine einsame Nacht war von dem Altgesellen dazu verwandt worden, die Schreiben Wandas durchzusehen, unb bei mancher Zeile, bie von ber energischen Beharrlichkeit sprach, mit ber bas Mädchen sich seinen Weg burch bas Leden bahnen wollte, war bie Miene bes Lesenden düstrer, bie sorgenvolle Falte auf seiner Stirn tiefer geworben. Der Altgeselle allein ließ sich burch ben vorgeschobenen Zahnschmerz nicht täuschen, benit er wußte es ja, warum Wanba so bleich, ihre Augen so trübe aus­sahen, unb warum sie mehr denn je sich auf ihrem Stübchen aufhielt,Sie vermißt ihn," buchte er oft bei sich,möchte sich boch ihr Sinn nun zum Guten wenben, unb sich alles klären, ohne daß der Vater, die Mütter und Joseph darunter leiden."

Der brave Manu, der es so treu mit seinen Freunden meinte, der so fest annahm, auf das Beste nach allen Rich­tungen hin gesorgt zn haben, hatte doch keine Ahnung von der Tragweite des durch ihn Geschehenen, denn weitab von seiner stillen, gleichmäßigen Denkungsweise lag ihm auch nur ber Gedanke au eine Leidenschaftlichkeit, wie sie das Herz Wanda Nowitzkas durchglüte.

wahrhaft anßerorbentlichen That werden." Wir zweifeln nicht, baß Herr Richter von jetzt ab denFigaro" zn ben Bismarckschen Reptilienblättern zählen wirb. Die Er­öffnung der außerordentlichen Reichstagssession mir - sich voraussichtlich in derselben Weise wie im Jahre 1883 im Sitzungssaale des Reichstags burch ben Staatsminister von Bötticher vollziehen. In parlamentarischen Kreisen wird angenommen^ daß die am Donnerstag beginnende Session bereits am Sonnabend zum Abschluß gelangt. Daß aus dem Hause heraus eine Interpellation wegen der Orient- Politik gestellt werbe, gilt berKreuz-Ztg." zufolge nicht für ivahrscheinlich. Wenn Fürst Bismarck es für ange­zeigt halte, sich für auswärtige Angelegenheiten auszu­sprechen, könne das bei Einbringung bes Vertrages mit Spanien oder bei einer ber drei Beratungen desselben ge­schehen. DieB. P. N." rekapitulieren den bisherigen Verlauf ber Gesetzgebungsarbeiten auf dem Gebiete ber Verwaltungsreform unb sagen, baran anknüpfend:Als Fundameukalsätze ber Verwaltungsreform sind, zum Teik in wiederholter parlamentarischer Erörterung, festgestellt worben: Der Ausschluß jeglichen Virilstimmrechts sowohl im Kreis- wie im Provinziallanbtage, die Zusammen­setzung des ersteren durch Wahlen ber brei wirtschaftlichen Gruppen, Großgrunbbefitz, Lanbgemeinben und Stabte, bes letzteren durch Wahlen ber Kreistage unter Beseitigung aller ständischen Wahlkörper. Man darf annehmen, daß diese Fragen, welche die schwierigsten Punkte der parla­mentarischen Beratung ber letzten brei Jahre auf biesem Gebiete bilbeten, nunmehr als endgültig erledigt angesehen werden, damit die volle Kraft auf die Bewältigung ber großen Schwierigkeiten konzentriert werben kann, welche bie noch ausstehenden Provinzen vermöge der dort ob­waltenden besonderen Verhältnisse bieten."

Wie schon früher gemeldet, haben auf Erfordern des Herrn Unterrichtsministers die Provinzialschulkollegien über die Ergebnisse ber Schülerausflüge an den höhere» Lehranstalten Berichte erstattet, welche einen dreijährigen Zeitraum umfassen. Der Minister hat, wie berHann. Kour." meldet, nunmehr den Provinzialschulkollegien eine Zusammenstellung ber sehr günstig lautenden Berichte als Grundlage ihrer ferneren in dieser Beziehung zu treffenden Anordnungen zugehen lassen und dabei folgendes bestimmt: Wenn Ausflüge von Schülern höherer Lehranstalten nicht ausdrücklich einer Ausgabe des lehrplanmäßigen Unterrichts dienen, wie z. B. botanische Exkursionen, technische Exkur­sionen gewerblicher Fachklassen re., so ist denselben sowohl hinsichtlich der aufsichtführenden Lehrer als der teilnehmen­den Schüler bezw. ber bie Teilnahme genehmigenden Eltern oder deren Vertreter der Charakter der Freiwilligkeit unbe­dingt zu bewahren. Die unter Autorität der Schule ver­anstalteten Ausflüge dürfen an Sonn- und Feiertagen nicht stattfinden. Falls zu der Ausführung eines Schüleraus-

Jn der ersten Zeit, die dem Tage der Landpartie folgte, war es dem Mädchen noch nicht besonders aufgefallen, daß der junge Direktor an dem Fenster seines Schlafzimmers fehlte, unb sie hatte sich nur gewundert, daß er es vergessen, einen Leuchter mit einem Lichte auf das Fensterbrett zu setzen, zum Zeichen, daß er nicht erscheinen könne, wie bei früheren Vorkommnissen verabredet. Aber, für dieses kleine Versäumnis gab es in ihrem Herzen so viele Entschuldigungen, und so viele Stimmen in ihrem Innern sprachen den Di­rektor frei, daß sie nur mit voller Sehnsucht den Augenblick des Wiedersehens herbeizuwünschen vermochte. Als sie dann aber mit wogender Brust, mit leuchtenden Augen Tag für Tag auf ihrem Beobachterposten stand, und nach dem be­nachbarten Hause hinüberschaute, als sie jeden Augenblick die weiße Männerhand zu sehen glaubte, die den Fenster­flügel zurückschob, nnd die Stätte doch immer leer blieb, da ergriff sie die Angst, weinend sank sie auf ihre Knie und rang die Hände in der Sehnsucht nach dem Geliebten, den sie krank, einsam und verlassen wähnte. Wenn auch wie ein Lichtblick hin und wieder die Hoffnung durch das Gewölk schien, und das Mädchen sich froher und freier in dem Gedanken fühlte, der Direktor habe vielleicht eine längere Geschäftsreise unternommen und werde bald zurück­kehren, der Verstand brachte sie dann wieder zu dem lo­gischen Schluffe, daß ihr Lehrer ihr das mitgeteilt haben würde, wie er sie sonst in jedes seiner Bühnenunternehmungen eingeweiht hatte, und sie sank zurück in ein Meer von Be­fürchtungen und Zweifeln.

Unb schließlich vermochte sie bie bange Ungewißheit nicht länger zu ertragen, schließlich wurde es ihr zur Unmöglich­keit, mit ruhiger, gleichmäßiger Miene im Wohnzimmer zu erscheinen, die stürmischen Liebkosungen Josephs zu erwidern, und feinen eifersüchtigen Fragen lächelnd auszuweichen.

(Fortsetzung folgt.)