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Kr. 911.

Marbuvg, Donnerstag, 9. September 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal» Xdonnements-Preis bei der Expedition 21/« Mk., bei dengöostämter 2 litt. 50 Bfg. (excl. Bestellgeld). ZnsertionSüebabr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile Pfg.

MklheM jritiiiig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudol' Moste in Frankfurt a M., Berlin,Dünchenund Köln; G. ti. Daube und Co. n rank'urt a. M-, B rl n, Ha nover u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Zllnstricrtes Sonntagsblatt.

Expedition Martt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Die Ereigniffe in Bulgarien.

TieNordd. Allg. Ztg." schreibt: DerStandard" setzt seine Bemühungen fort, den Nachweis zu führen, daß Fürst Bismarck sich in einem schweren Irrtum be­finde, wenn er annehme, Deutschland sei in Bulgarien nicht interessiert.Wer in Bulgarien herrschen soll", sagt das englische Blatt,würde eine Frage von geringer oder gar keiner Bedeutung sein, wäre sie nicht unauflös­lich verflochten mit der Politik dreier Militärmächte, welche scheinbar durch gleiche Anschauungen mit einander ver­bunden, inWirklichkeit aber tief und unversöhnlich von einander getrennt sind durch rivalisierende und sich widerstreitende In­teressen." Das ist das proton preudos in der Argumentation. Wenn derStandard" von einem Antagonismus der In­teressen spricht, so hat er dabei, obwohl er vondrei militärischen Mächten" spricht, jedenfalls die Interessen Oesterreichs und Rußlands im Auge. Diese Interessen stehen aber keineswegs in einemunversöhnlichen" Wider­spruch. DerTempö" behauptete neulich, man sei in Gastein übereingekommen, die Türkei zwischen Oesterreich und Rußland zu teilen. Diese Nachricht scheint eine Eine gebung französischer Phantasie zu sein. Aber wenn der betreffendeTemps"-Korrespon ent auch schlecht unterrichtet ist, in seinem politischen Urteil ist er seinemStandard"- Kollegen jedenfalls insofern überlegen, als er an die Mög­lichkeit eines modus vivendi zwischen Oesterreich und Rußland glaubt. Die deutsche Politik hat nur das eine Ziel, diese Möglichkeit zur Wirklichkeit zu machen, und die Lage der Dinge scheint uns dafür zu sprechen, daß ihre Bestrebungen keineswegs aussichtslos sind. Die Versiche­rung desStandard", daß keines Menschen Witz dazu ausreiche, um ein Abkommen zu erfinden, bei dem Ruß­land und Oesterreich gleichmäßig ihre Rechnung finden könnten, klingt ja recht zuversichtlich; aber diese sehr posi­tive Form scheint doch nur gewählt zu sein, um den Mangel an Argumenten zu verdecken. Es muß, sagt der Standard" weiter, ein Punkt kommen, bei dem die Nach­giebigkeit des Fürsten Bismarck gegen Rußland das Gegen­teil von Freundschaft zu seinem Alliierten Oesterreich wird. Dieser Punkt scheint erreicht zu sein, wenn der Fürst das unvorsichtige Bekenntnis ablegt, oder vielmehr den unvor­sichtigen Vorwand vorbringt, daß Deutschland kein Interesse in der Welt an Bulgarien habe. Zunächst irrt sich das englische Blatt, wenn es die Aeußerung des Reichskanzlers für eineunvorsichtige" hält, wenn es dieselbe als ein Versehen" hinstellt. Fürst Bismarck konnte unbedenklich seine Ueberzeugung von der Bedeutungslosigkeit Bulgariens für Deutschland aussprechen, weil er mit den befreundeten Kaisermächten cartes sur tadle spielt. DerStandard" gehört noch der alten Schule an, für die die ganze diplo­matische Kunst in Finasserie bestand, und dieses Vorurteil fälscht seine Beurteilung des deutschen Staatsmanns.

Dann aber ist es wiederum völlig unrichtig, wenn her Standard" behauptet, daß man an dem Punkte angclangt sei, wo die Freundschaft mit Rußland und Oesterreich gleichzeitig nicht weiter aufrecht erhalten werden könne. Ein solcher Punkt könnte vielleicht existieren, wenn die Voraussetzung von dem unversöhnlichen Antagonismus zwischen den Interessen der beicen Kaisermächte wahr wäre, aber diese Voraussetzung ist eben falsch, und damit fällt auch die ganze Argumentation zusammen, die sich au die­selbe anschließt. Die russischen und österreichischen Inter­essen lassen sich sehr wohl vereinigen; die Politik Deutsch­lands ist darauf gerichtet, diese Vereinigung herzustellcn, und jener kritische Punkt, von dem derStandard" spricht, existiert also vorläufig nur iu der Phantasie des genannten Blattes.Der Kanzler kann Rußland nur gewinnen, indem er sich Oesterreich entfremdet, und kann Oesterreich nur als Bundesgenossen bewahren, indem er Rußland reizt", sagt derStandard". Er ist der Meinung, daß diese Notwendigkeit bei der Frage eines Nachfolgers für den Prinzen Alexander zutage treten muffe.Wenn derselbe ein bloßes Werkzeug des Zaren wäre, würde die Freund­schaft zwischen Oesterreich und Rußland schnell in offene Feindschaft Umschlägen." Auch diese Behauptungen sind wieder völlig aus der Luft gegriffen. DerStandard" weiß doch ebenso gut wie wir, daß der Fürst Alexander als einWerkzeug des Zaren" nach Bulgarien gekommen ist und zunächst unter russischem Einfluß regiert hat. Ist denn dieser Zustand für Oesterreich unerträglich gewesen? Hat damals eine offene Feindschaft zwischen den beiden Kaisermächten bestanden? Die Vergangenheit beweist, daß die Gebilde, welche sich die politische Phantasie desStan­dard" konstruiert, mit der Wirklichkeit wenig harmonieren. Die englischen Staatsmänner, versichert derStandard" am Schluffe seines Artikels, haben Pflichten gegen Eng­land, und es wird Fürst Bismarck niemals gelingen, sie in die Falle zu locken, daß sie die Verteidigung der Balkan- Halbinsel gegen Rußland allein in die Hand nehmen. England wird sich nicht einer Aufgabe unterziehen, die von Rechts wegen Deutschland obliegt. Wir möchten dem englischen Blatte darauf antworten, daß Deutschlands Staatsmänner ebenso heilige Pflichten gegen ihr Vaterland haben, als die englischen gegen England, und daß sie sich ihrerseits nicht in die Falle locken lassen werden, die Balkan- Halbinsel gegen Rußland verteidigen zu wollen. Die Nation einige vaterlandslose Individuen ausgenommen die deutsche Nation teilt die Ueberzeugung der Regierung, daß unsere nationalen Interessen durch die bulgarischen Ereignisse niche tangiert werden, und daß unsere Politik, indem sie diesen Satz zur Richtschnur nimmt, sich auf dem richtigen Wege befinde. Uns liegt die Besorgnis fern, daß der Kanzlersich", wie derStandard" sagt,zwischen zwei Stühle setzen werde"; wir sind im Gegenteil davon

Gefchichtskalenver.

9. September.

1609. Zwischen der jungen Republik der Niederlande und Spanien kommt ein 12jähriger Waffenstillstand zu Ant­werpen zu Stande.

1619. Ferdinand n. wird zu Frankfurt zum Kaiser ernannt und gekrönt.

1756. König Friedrich II. von Preußen besetzt Dresden.

Wanda.

Von A. Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Und wenn Wanda bei der Energie, die ihr ganzes Wesen durchdringt, dennoch Mittel und Wege ersinnen sollte, mit mir im Verkehr zu bleiben, wenn die Nähe unserer Fenster sie dazu ermuntern sollt-, Fragen an mich zu richten, iu mich zu dringen?" sagte der junge Mann fast zaghaft und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust,würden Sie es, als Freund des Hauses, als ihr eigener Freund es nicht vorziehen, dem Mädchen klaren Wein einzuschenken, eS von dem betretenen Weg zurückzuhalten?"

Der Alte schüttelte leise den Kopf.

Das würde nichts nützen', und, wie ich Wanda kenne, sie noch mehr reizen, nach den verbotenen Früchten zu langen. Auch möchte ich es um jeden Preis vermeiden, Aufsehen im Hause und in der Familie zu erregen; das Mädchen darf nicht erfahre», daß ich im Besitze ihres Geheimnisses bin, sie muß sorglos wie bisher ihren Weg gehen können, aber dieser Weg, mein Herr," und der Arbeiter hob bittend die Hände in die Höhe,dieser Weg muß frei sein, Sie dürfen ihn nicht mehr kreuzen, denn Wanda darf Sie nicht Wieder­sehen."

Aber wie wäre daS vollständig zu vermeiden?" fragte der Direktor, den die sichtliche Erregung des alten MannrS so

htnriß, daß er jetzt selbst Willens war, alles zu lhun, um den Meistersleuten ihr Kind zu erhalten,wie ich Ihnen vorhin schon sagte, bin ich verlobt, und liebe meine Braut innig, ein Grund, aus dem ich mich nie in Zuneigung einem anderen Mädchen zuwenden würde und Wanda hat mir, bei dem fast täglich erfolgten Unterrichte, niemals Veran­lassung gegeben, zu glauben, daß ihre Gefühle für mich die Grenzen der Dankbarkeit überschritten. Wenn ich also auf­höre, ihr Lehrer zu sein, welche Gefahr könnte darin liegen, wenn der Zufall eine Begegnung zwischen uns Beiden her­beiführte?"

Die große Gefahr, das Wanda in ihrer Leidenschaft­lichkeit eine Szene zum Besten geben würde, die Ihnen und unS gleich unliebsam sein dürfte," sagte der alte Mann mit strenger Stimme,ich wünschte, Sie führten de» guten Entschluß, das Mädchen zu meiden, in seiner ganzen Voll­kommenheit aus und um dies zu können, müssen Sie ein Opfer bringen, ein Opfer um der Ruhe einer ganzen Familie willen, das Ihnen die Heiligen im Himmel ver­gelten werden."

Der junge Mann senkte den Blick nachdenkend auf den Bode». Vor seiner Seele entstanden noch einmal all die verlockenden, ehrgeizigen Träume, in denen er de» neuen, hellstrahlenden Stern am Bühnenhimmel aufkommen gesehen, er dachte auch des Gespräches, das er noch vor wenige» Tagen mit dem Schauspielhausdirektor geführt hatte und ein wehmütiges Lächeln urrffpielte seine Lippe». Dann aber richtete er den Blick voll und groß auf den schlichten Mann, der es so wohl verstand, sich seiner Freund« anzunehmen, und mit seiner weißen, wohlgepflegteu Hand die braune hartgearbeitete Rechte der Altgesellen ergreifend, sagte er herzlich:

Was in meiner Macht steht, will ich thun, um Ihren Wünschen nachzukomme», und selbst ein Opfer bringe ich

überzeugt, daß er für seine Politik die sichere Grundlage von drei Stühlen gewählt hat.

Sofia, 6. Sept. Beim Besuche des Lagers erklärte Fürst Alexander den Offizieren, daß er gekommen, um Abschied zu nehmen, und daß er bitte, im Interesse des Vaterlandes keinerlei Kundgebungen zu seinen Gunsten vorzunehmen. Hierauf antworteten Major Popow und Hauptmann Weltschow, wobei letzterer erklärte, daß die Armee dem Fürsten jederzeit treu bleiben und den Mann, der die junge bulgarische Armee vor Sliwnitza zum Siege geführt habe, als alleinigen Chef anerkenne. Wenn der Fürst ins Ausland gehe, werde die Armee das lediglich als zeitweilige Abwesenheit betrachten. Die Armee sei einhellig bereit, für den Fürsten einzustehen. Laut Nach­richten aus der Provinz begegnet dort die Kunde von der bevorstehenden Abdankung des Fürsten einem gänzlichen Unverständnis. Die Lage scheint sich zuzuspitzen. Ein bestimmtes Urteil ist heute noch nicht wohl möglich, aber man befürchtet vielfach, daß die Aufrechterhaltung der Ruhe, die heute im ganzen Lande herrscht, nach der Ab­reise des Fürsten minder gesichert sei. Bereits heute laufen aus sonst streng oppositionellen Städten wie Rahowa, Plewna und Küstendil Telegramme ein, welche die Auf- rcchthaltung des Fürsten verlangen. Die Provinz scheint nämlich zu glauben, daß der Fürst vom Ministerium zur Abdankung gezwungen worden fei.

Sofia, 6. Sept. Die Bulgaren haben bei den Konsuln der Mächte mündlich dahin Vorstellungen gemacht, daß die Mächte die Unabhängigkeit Bulgariens verbürgen und das Land gegen jedwede Besetzung schützen sollen. Die russischen Angebote werden mit andauerndem Mißtrauen betrachtet.

Sofia, 6. Sept. Auf die von den bulgarischen Parteihäuptern an die hiesigen russischcn Vertreter ge­richtete Anfrage, ob Rußland, im Falle der Abdankung des Fürsten die Unabhängigkeit Bulgariens, die Union mit Rumelien und die Regentschaft bestätigen würde, erteilten dieselben eine zustimmende Antwort. Die Sobranje ist auf Sonnabend, den Namenstag des Fürsten, einberufen.

Sofia, 7. Sept. Ta sich der gestrige Ministerxat nicht über die Bildung einer provisorischen Regierung einigen konnte, wurde beschlossen, den Fürsten zu ersuchen, vor seiner offiziellen Abdankung die Mitglieder für die provisorische Regierung zu bezeichnen.

London, 7. Sept. Indem dieTimes" auf die höhnischen Bemerkungen der europäischen Presse in Betreff der platonischen Unterstützung des Fürsten Alexander durch England hinweist, sagt sie, Englands Unterstützung, welche jetzt als platonische bezeichnet werde, würde eine wirksame gewesen sein, wenn andere Staaten eine ähnliche Haltung angenommen hätten. Aus Petersburg wird derTimes" ger»,swenn es unseren, jetzt gemeinsamen Zwecken dienlich

Und wie ein gutes Wort eine gute Statt findet, so über­brückte die ehrliche Rede des Direktors wie mit einem Zauber- schloge den Abstand, der zwischen ihm und dem Manne aus dem Volke herrschte.

Der Altgeselle sprang auf, seine Gestalt hob sich, seine Augen leuchteten, und seine Stimme bebte vor verhaltener Rührung, als er es mehr ausrief, wie sprach:

Ich habe schlecht von Ihnen gedacht, als ich herkam, und ich scheide mit dem Bewußtsein, einen Ehrenmann kennen gelernt zu haben. Bis an mein Lebensende werde ich Sie in meine Gebete einschließen, nun Sie den Frieden in unserem Hause erhalten, und das Opfer nicht scheuen wollen, von dem ich sprach und das in nichts Geringerem besteht, als daß Sie gleich heut oder doch in den nächsten Tagen von hier fort und in eine andere Wohnung ziehen."

Gleich heut?" wiederholte der Direktor und ging nach­denkend einige Male im Zimmer auf und ab, dann leuchtete es plötzlich in seinen Augen auf und vor den Altgesellen hintretend, sagte er mit einfacher Bestimmtheit:Nun wohl, cs sei, da der Zufall uns gerade hilfreiche Hand leistet, denn das Quartier, das ich nach meiner Verheiratung zu Pfingsten beziehen werde, ist bereits gemietet und steht nur noch frei, weil ich cs vorzog, hier in meinem Chambre garni zu bleibe», und bis zum letzten Augenblicke Wandas Unter­richt zu leiten. Die Stunden bis zum Abend genüge», um meine Habseligkeiten zu packen und fortschaffen zu lasten, und meiner Wirtin leiste ich Genugthuung, wenn ich ihr das volle Quartal bezahle und erklär«, mix eine Stube in meiner demnächstigen Wohnung einrichten zu wollen, um von Ort und Stelle aus die Einrichtung der übrigen Räume beaufsichtigen zu könne»." (Fortsetzung folgt.)