Str. 910.
Marburg, Mittwoch, 8. September 1886.
XXI. Jahrgang.
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GrWslhk jcitimo.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. i>. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
machte. Bei der gegen den Kapitän Benderow geführten Untersuchung soll dieser neuerdings Geständnisse gemacht haben, durch welche eine ungeahnt große Zahl von Offizieren auf's Schlimmste kompromittiert wird. Derselbe Korrespondent meldet: „Das Gerücht, der deutsche Reichskanzler habe in einer Depesche an den Fürsten die unbedingte Straflosigkeit für die Urheber und Ausführer des Staatsstreichs gefordert, ist absolut grundlos. Die deutsche Regierung hat einzig ihren Einfluß auf die hiesige dahin geltend gemacht, daß eine Hinrichtung der gefangenen Meuterer nicht stattfinde, weil die friedliche Lösung durch diese Exekutionen nur erschwert werden könnte." — Fürst Alexander erhielt gestern ein Telegramm des Königs von Serbien, worin dieser ihm freundnachbarlich mitteilte, daß er mehrere Bataillone, eine Batterie und eine Eskadron nach Wassina beordert habe, um die Reste der aufständischen bulgarischen Truppen bei etwaigen Versuchen des Grenzüberganges abzufangen. — Von dem Kaiser ist der Kirchengemeinde von Wilhelmsort bei Bromberg zur Deckung ihrer Bauschuld für die neuerbaute Kirche ein Gnaden- Geschenk von 12000 Mark gewährt worden.
Straßburg, 7. Sept. Die Kreistage in Elsaß- Lothrmgen werden am 18. Oktober zur ersten, am 20. Dezember zur zweiten Sitzungsperiode zusammentreten. Die Bezirkstage werden am 22. November eröffnet.
Wanda.
Von A. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Der Kopf de8 alten Mannes sank schwer auf die Brust herab und seine eiskalten Hände verschlangen sich krampfhaft in einander. Es fiel ihm nicht mehr ein, durch die Spalte der Thür nach Wanda hiuzublicken, ja er verstand selbst nichts von all den Worten, die das Mädchen deklamierte, und es galt ihm gleich, welchen Namen der junge Mann im Nachbarhause trug. Er nahm nur an, daß die Meisterstochter ein eifriges Gespräch mit dem Fremden führte, und er sah mit seinen geistigen Augen das bleiche Gesicht des verratenen Joseph, den tiefen Schmerz seines alten Freundes und den Gram der Meisterin. „Wenn ich Ihnen den Kummer ersparen könnte," stöhnte er einmal über das andere Mal und wischte die Thränen fort, die im Auge emporquolleu »od ihm den Blick verdunkeln wollten; dann richtete er sich plötzlich straff in die Höhe, es kam ihm jetzt nicht mehr darauf an, ob er gehört wurde oder nicht, fein Weg brauchte ja das Licht und den Tag nicht zu scheuen, und so schnell eS ihm die Erregung, die seinen ganzen Körper durchzitterte, gestatten wollte, schritt er die Treppe hinab, zog seine Stiefel an und eilte auf die Straße hinaus.
„Noch einmal Nachsicht und das Gericht, den Stein der
Geschichtskalender.
8. September.
70. Titus hält seinen Einzug in Jerusalem.
933. Kaiser Heinrich I. schlägt die Ungarn bei Merseburg (seitdem das alljährliche Denkfest in dem Dorfe Keusch- derg).
1831. Die Russen unter Paskewitsch ziehen in das erstürmte Warschau ein.
1855. Der französische General Pelissier erstürmt den Malakoffturm der Festung Sebastopol.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Sept. Der Kaiser hat den zum Wirklichen Geh.- Rat. ernannten Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses von Köller und den Minister von Bötticher in Audienz empfangen. Montag erteilte der Kaiser dem General Grafen Waldersee, dem aus Pest zu- rückgekchrten General von Schlichting und dem Grafen Herbert Bismarck Audienz. — Die auf heute Dienstag angesetzte Abreise des Kaisers nach Baden-Baden ist verschoben worden. — Ueber die Reise des Kronprinzen in Bayern wird noch gemeldet: Am Sonntag besuchte der Kronprinz mit der Königin-Mutter von Hohenschwangau aus Schloß Neuschwanstein, von dem ans König Ludwig bekanntlich nach Berg fortgeführt wurde. Abends nach 7 Uhr traf der Kronprinz wieder in Augsburg ein, wo er von den Behörden empfangen und von der Bevölkerung festlich begrüßt wurde. Im Hotel zu den ;,drei Mohren" nahm der Kronprinz Absteigequartier. Den Abend verweilte er im Ausstellungspark, wo ein größeres Souper stattfand und die Gesangvereine dem Kronprinzen eine Serenade darbrachten. Montag früh bebab sich derselbe in Begleitung der kommandierenden Generale wieder nach dem Manöverfelde. Heute Dienstag werden die Besichtigungen bei anderen Truppengattungen fortgesetzt. Der Empfang des Kronprinzen ist der herzlichste. — Wie aus Triest gemeldet wird, hat sich die deutsche Kronprinzessin durch das schöne Wetter bestimmen lassen, ihren Aufenthalt in Canpiglio zu verlängern. Die hohe Frau hat fast täglich stundenlange Ausflüge unternommen, außerdem beschäftigt sie sich viel mit der Aufnahme von Skizzen. Professor Hertel aus Berlin ist ebenfalls dort. — Fürst Bismarck wollte am Sonntag bereits Berlin verlassen, es ist jedoch ein Aufschub erfolgt, der auf das nicht günstige Befinden des Kanzlers zurückzuführen ist. Derselbe leidet an seinen alten nervösen Schmerzen in den Oberschenkeln und Hüften. Sonnabend stattete Prinz Wilhelm dem Fürsten einen Besuch ab. — Die nächste Sitzung. der vereinigten Ausschüsse des Bundesrates für das Zoll- und Steuerwesen, sowie für Handel und Verkehr findet am 10. Sept, statt. — Die „Kreuzzeitung" meldet: Prinz Wilhelm be- giebt sich am 9. Sept, nach Brest - Litewsk (Polen), um namens des Kaisers den Zaren zu begrüßen. Wenn es auch allgemeiner Gebrauch der Höfe ist, den in der Nähe der Landesgrenze weilenden Monarchen eines Nachbarstaates zu begrüßen, so wird man doch in der Reise des Prinzen zugleich ein Korrelat zu dem vorangegangenen Besuche des Erzherzogs Karl Ludwig von Oesterreich am russischen Hofe suchen dürfen. Der Prinz bleibt einige Tage im russischen Hauptquartiere, wohnt den russischen Manövern bei und begiebt sich sodann nach den Reichslanden zum Kaiser, um den dortigen Manövern beizuwohnen. — Gegen
über der abfälligen Kritik, welcher die Einberufung des Reichstags zum Zwecke der Ratifizierung des Handelsvertrags mit Spanien bei einem Teile der freisinnigen Preffe begegnet, erinnert die „Nordd. Allg. Ztg." an die Vorgänge, als die Regierung den Reichstag einberief, um wegen der vorläufigen Inkraftsetzung des am 12. Juli 1883 mit Spanien abgeschlossenen Handelsvertrags Jdemnität nachzusuchen, insbesondere an die damals inscenierte Debatte über Verfassungsbruch und an die damaligen Reden des Abg. Hänel, und bemerkt, die Regierung müsse. deshalb den Reichstag jetzt einberufen, möge es sich auch nur um eine Förmlichkeit handeln; ihr Risiko wäre bei einem anderen Verhalten heute sogar noch größer, als im Jahre 1883, denn die Opposition sei heute eine weit verbittertere und die ganze polnische Liga würde voraussichtlich mit Freuden die Gelegenheit benutzen, um über die Regierung herzufallen. — Die Einnahmen der Reichs-Post- und Telegraphen - Verwaltung für die Zeit vom Beginn des Etatsjahres bis zum Schluß des Monats Juli d. I. haben betragen 57522560 Mk. (gegen denselben Zeitraum des Vorjahres + 2463 055 Mk.), die der Reichs-Eisenbahn- Verwaltung 15 128600 Mk. (— 340400 Mk.) — In den interessierten Kreisen widmet man den Flotten-Manövern, welche jetzt in der Ostsee unter dem Kommando des Vize- Admirals von Wickade stattfinden, eine ganz besondere Teilnahme. Es soll sich dabei um eine neue, von dem genannten Admiral ausgearbeitete Taktik handeln, von der man sich ganz besondere Erfolge verspricht. Die Manöver werden unter Anwendung deö elektrischen Lichtes auch Nachts ausgeführt und sollen bezüglich des Torpedokrieges zu überraschenden Wahrnehmungen geführt haben. — Der deutsche Reichskommissar Dr. Göring ist über London und Lissabon nach Angra Pequena zurückgereist. — Obgleich jede Stunde die Nachricht einlaufen kann, daß Fürst Alexander thatsächlich abgedankt und sein Land verlassen hat, will man an einen so einfachen Verlauf der Sache doch noch nicht recht glauben. Die meisten Blätter enthalten sich weiterer Kombinationen und beschränken sich auf die Wiedergabe ^der thatsächlichen Nachrichten. Fest steht, daß am 11. September in Sofia die Nationalversammlung zu- sammentrilt. — Eine von allen übrigen abweichende Schilderung depeschiert der Korrespondent der „Voss. Ztg." vom 5. b. aus Sofia. Danach hat sich die Situation in den letzten 24. Stunden wieder einmal geändert. Der deutsche Reichskanzler soll vermittelnd eingetreten sein. Das Offizierkorps habe seinen bestimmten Willen kundgegeben, die Entsagung des Fürsten nicht zu dulden. Sollte er dennoch gezwungen sein, das Land zu verlassen, so dürfte er kaum bis Lompalanka gekommen sein, ehe die Armee selbstständig die Bestrafung der Verräter in ihren Reihen in die Hand nähme und kurzen Prozeß mit denselben
Anstoßes aus dem Wege geräumt und gesehen, ob noch Besserung möglich ist," rief eine Stimme in dem Herzen des alten Mannes, als er die teppichbelegten Stufen der breiten bequemen Treppe hinanschritt, die in dem eleganten Nachbarhause zur zweiten Etage hinaufführte. Nur einen kurzen Augenblick blieb er zögernd an der Glasthür stehe», die ihn von einem Manne schied, der ihm, noch vor Kurzem unbekannt, jetzt feindlich gegenüber stehen mußte, dann erfüllte ihn die Mission, die er zum Heile der ihm befreundeten Familie ausrichten wollte, mit einer so stolzen Zuversicht, daß er den Messingklöpfel scharf zog und mit einer gewissen Freude den hellen, schrillen Ton der Klingel hörte.
Wenige Augenblicke später und der vornehme Direktor stand dem schlichten Arbeiter gegenüber, von dem er glaubte, daß er gekommen wäre, um sich zu irgend einer Arbeit zu melden. Wie erstaunt war er daher, als der einfache Manu mit haarscharfer Logik und richtiger Folgerung von der Sitten Verderbnis der jungen Leute in größeren Städten zu sprechen anfing, den Kummer schilderte, der achtbaren, ehrenwerten Eltern daraus erwüchse, und seine ganze Sttafpredigt auf ihn selbst und Wanda Nowitzka anwandte, von deren Verhältnis zu ihm er sich nach seiner Angabe eben selbst überzeugt habe.
Ein leises Rot der Beschämung überflog die Sttnre des jungen Direktors, dessen Stolz eS verwundete, sich dem schlichten Manne gegenüber gedemütigt zu sehen, da aber sein ganzer Umgang mtt der Meisterstochter klar darzulegen war und er andererseits auch 'zu edel dachte, um die Gefühle eines Mannes nicht zu verstehen, der sich ihm als guter Freund von Wandas Eltern vorstellte, hätte er ihn ruhig mtt an und setzte ihm erst, nachdem er geendet hatte, feine Entschuldigen entgegen.
Erst jetzt hörte, der Altgeselle den Namen deS jungen Mannes, nnd wenn ihn auch die Offenbarung, daß er hier den Schauspieldirektor W . . vor sich habe, mtt geheimem
Ausland.
Paifis, 6. Sept. Der Kriegsminister Boulanger, der m Begleitung des Obersten Jung gegenwärtig die französische Südostgrenze bereist, hat bis jetzt Grenoble, Gap, Vizille, Bourg - d'Oisans, Sanieret und Böan?on berührt und trifft am Dienstag in Nizza ein, von wo er am Mittwoch nach Paris zurückzukehren gedenkt. Es könnte auffallend erscheinen, daß ein Mann wie Boulanger die Pro- vinz bereist, ohne die üblichen Reden ans Volk zu halten, aber man erklärt sich diese Thatsache hier nur dadurch, daß Freycinet und der Ministerrat ihm den Mund mit ernften Drohungen gestopft haben. — In Abwesenheit des Präsidenten der Republik werden die fremdländischen Offiziere, welche den großen Manövern anwohnen, im Elys« vom General Pittis empfangen werden. — General Cornat, Kommandant des 18. Korps, hat an den Kriegsminster gemeldet, daß in seinem Korps 20 Erkrankungsfälle infolge non Sonnenstich vorgekommen sind, darunter einer mit MUchem Ausgange. - Unter den Truppen der hiesigen Besatzung wütet das Nervenfieber in bedenklichem Grade, ein Fünftel der in der Kaserne Penthisvre untergebrachten Infanterie liegt im Lazarett. — In Lille hat sich ein Reservist des 1. Korps, der Bankier Vernes aus Roubaix, an seinem Hauptmann thätlich vergriffen und ist nach Brüssel geflüchtet.
Schrecken und neuem Kummer erfüllte, zügette die Klugheit seinen Unwillen doch so sehr, daß er den Stuhl annahm, den der junge Mann ihm bot und beschloß, ruhig mit an, ruhoren, was ihm dieser zu sagen hätte.
„Und Sie meinen, es wäre nicht Liebe, was Sie zu Wanda hingezogen, es wäre nur Ihr Interesse für Idas Talent des jungen Mädchens, nur der Glaube gewesen, daß Sie es feinem traurigen Leben bei ihren Eltern entzögen, es«" Härte und Grausamkeit behandelten?" warf der alte Mann einmal hastig in eine Rede des jungen Mannes btaem und richtete einen halb scheuen, halb mißttanischen Blick auf die offenen Züge des Direktors.
„Sie können überzeugt fein, daß ich die Wahrheit spreche " erwiderte ihm aber dieser mit ruhigem Herzen, „denn ich gebe ^hneu die heilige Versicherung, daß es mir einmal völlig unbekannt war, daß Wanda verlobt ist und dann, daß ihre Eltern glücklich über diese Verbindung und gütig und wohlwollend gegen das Mädchen find. Ich habe nur- gedacht, daß der Meister Nowitzky, wie alle Bürger sehr gegen die Bühne eingenommen sei, sich aber beruhigt haben wurde, wenn es Wanda zu einer gewissen Größe gebracht hätte. Mein Fehler liegt also wohl hauptsächlich darin, daß ich mich ohne Berücksichtigung der Verhältnisse, für das Unternehmen begeisterte, ein Talent meiner Bühne zu- znfnhren, das ihr znr Zierde gereichen mußte und ich gesteh- Ihnen offen, daß es mich einen schweren Kampf kosten wird, meine Hoffnungen, Wanda für das Theater zu gewinnen, aufzngeben."
„Aber Sie werden mich nicht ohne den Trost scheiden laffeu, daß dies Anfgeben ohne jeden Rückhalt Ihrerseits geschieht," sagte der alte Mann in fast bittendem Tone und ^chttte seine Augen, in denen langsam eine Helle Thräne aufstieg, fest auf fein Gegenüber.
(Fortsetzung folgt)