Skr. «09.
Marburg, Dienstag, 7. September 1886.
XXI. Jahrgang.
«r-chnnIfiSglich außer an & ertragen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- UbonnementS-Preis bei bet Expedition 2'/. P:k., bei >e»E?c{tämter 2 Ml. 50 Zfg. (erd. Bestellgeld). Znscrtionssebübr für bic gespaltene Zeile 10 Pfg. Reuamen für die Zeile 25 Pfg.
OherWschr 3cituitg.
Anzeigen nimmt entgegen die Expebition b LlatteS, sowie b Annoncen-Bureaux von Haasenstein unbVogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Ruboli Mosse in Frankfurt a M., Berlin,B-ünchenunb Köln; G. L. Daube und So. n rantturt a. M, B rl n, Ha nover u.Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Sept. Auf Dienstag, den 21. d. Mts, soll der Reichstag einberufen werden. Als Zweck der außerordentlichen Session wird nach wie vor nur die Genehmigung des spanischen Handelsvertrages bezeichnet. Eine ausreichende Erklärung aber, weshalb dies solche Eile habe, wird nicht gegeben. Personen, die amtlich mit dem Reichstage zu thun haben, sind der Meinung, die Session werde nur wenige Tage dauern und begründen dies damit, daß Vorlagen irgend welcher Art nicht vorbereitet seien. Eine Debatte über die auswärtige Politik, etwa auf Grund einer Interpellation, die man jeden Augenblick anstellen kann, würde durch die kurze Dauer der Session natürlich nicht ausgeschlossen. — Der russische Minister des Aeußeren, von Giers, ist heute früh nach Petersburg abgereist. — Der „Reichs - Anzeiger" veröffentlicht ein auf Grund des Sozialisten - Gesetzes erfolgtes Verbot folgender Vereine: Arbeiter-Bezirksverein der Oranienburger Vorstadt und Weddinger Arbeiter-Bezirksverein der Rosenthaler Vorstadt, Louisenstädtischer Bezirks - Verein „Vorwärts", Bezirks- Verein des werkthätigen Volkes der Schönhauser Vorstadt, Bezirksverein Südost. — Dem „Reichsboten" gegenüber, welcher die „Rordd. Allg. Ztg." bei ihrer Polemik gegen die ultramontane und freisinnige Presse in der bulgarischen Angelegenheit der Uebertreibung bezichtigte, sagt die „Norddeutsche Allgem. Ztg.": Wir haben keineswegs alle Leser der „Freisinnigen Zeitung" und der „Germania" angeklagt, sondern diejenigen, die in der Presse und im Reichstage einen großen Teil des deutschen Volks in ruchlosester Weise irre führen. Wir halten fest an der Behauptung, daß diese Leute in ihrem Hasse gegen das deutsche Reich vor keinem Mittel zurückschrecken, um die freundschaftlichen Beziehungen zu Rußland zu zerstören und damit eine Gefahr für Deutschland herauf beschwören wollen. Das Ideal der ultramontan-welfisch-polnischen Liga, ein Polenreich oder ein Welfenreich, läßt sich in oder neben dem deutschen Reiche nicht verwirklichen. Die Freisinnigen bekämpfen in dem deutschen Reiche den Reichskanzler und ändern vielleicht diese Politik, wenn Fürst Bismark nicht mehr der oberste Reichsbeamte ist; bis dahin aber ist ihre Gegnerschaft so gefahrdrohend, wie diejenige der übrigen Reichsfeinde, weil ihr Haß gegen den Reichskanzler sie völlig geblendet hat. Jene reichsfeindlichen Elemente sind ein Hindernis für unsere nationale Entwickelung. Wir geben die Hoffnung nicht auf, daß der deutsche Wähler endlich einsehen lernt, an wen er sich zu halten hat; dazu aber ist in erster Reihe erforderlich, daß man den Wählern die Dinge zeigt, wie sie liegen. — Die „Köln. Ztg." schreibt: „Aus einer Quelle, die unmittelbar aus der Umgebung des Gmundener Prätendentenhofes zu schöpfen
Gelegenheit fand, wird uns jetzt bestätigt, daß es niemals in der ernsten Absicht und in dem Wunsche des Herzogs von Cumberland gelegen hat, die Regierung in Braunschweig zu übernehmen. Alle seinerzeit von ihm abgegebenen vieldeutigen Erklärungen und Zusagen, welche die Möglichkeit einer solchen Absicht zuzulassen schienen, sind ihm lediglich von seinen Ratgebern, insbesondere Herrn Dr Windlhorst, abgenötigt worven zu dem Zweck, Preußen dem Ausland und insbesondere England gegenüber als hartherzigen Feind hinzustellen. Der Herzog hält nach wie vor an Hannover fest und hofft auf seine Rückkehr im Falle großer deutscher Niederlagen; es wird von seiner Umgebung geradezu für lächerlich erklärt, daß sich der Herzog von Cumberland jemals mit Braunschweig „begnügen" und unter Beschränkung auf dasselbe seinen Frieden mit Preußen machen würde." — Die „Nordd. Allg. Ztg." enthält folgende Richtigstellung: Das „Berliner Tageblatt" hatte in seiner Nr. 431 vom 31. v. M. einen längeren Artikel über eine Unterredung mit Herrn v. Giers gebracht. Wir haben mittlerweile feststellen können, daß der russische Herr Minister einen Korrespondenten jenes Berliner Blattes in Franzensbad nicht empfangen hat, sondern nur einen Korrespondenten der „Petersburger Zeitung", welcher sich ausdrücklich als solcher einführte. Der Verfaffer des erwähnten Artikels hat sich also entweder unter der letztgenannten Rubrik bei Herrn v. Giers Einlaß verschafft, oder er hat den Herrn Minister überhaupt nicht gesehen.
— Einer dem „Deutschen Handelsarchiv" (September- Heft) aus Moskau zugegangenen Mitteilung zufolge soll die Verlegung der Messe von Irbit nach Tjumen angestrebt werden, da der letztere Ort jetzt durch die Eisenbahn mit Jekaterinenburg und Perm verbunden ist und in nicht zu ferner Zeit auch Anschluß an die in Bau begriffene Bahn Ufa-Samara und damit an die übrigen Eisenbahnen des europäischen Rußland finden soll. — In Messina erzielt nach derselben Quelle in dem gesamten Quincaillerie- und Kurzwaren - Geschäft die deutsche Ware mit je em Jahre neue Erfolge. Den sogenannten „Pariser Artikeln" sollen daselbst die „Berliner Artikel" erfolgreich Konkurrenz machen. Große ^Nachfrage finden daselbst angeblich die aus Deutschland importierten vergoldeten oder schwarzen Rahmen, ferner sollen von deutschen Importartikeln an Bedeutung gewinnen: Seifen und Parfüuterieen, Dampf- und hydraulische Maschinen, Eisen und Eisenwaren. Eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz soll der deutschen Rhederei daselbst durch Schwedische und Norwegische Schiffe erwachsen, welche früher fast ausschließlich Stockstschladungen dorthin brachten, ihren Betrieb jedoch allmählich auch auf den Transport von Jndustrieerzeugnisfen ausdehnen. —
Der Staat Guanajuato Mexiko) soll für landwirtschaftliche Geräte und Maschinen für die nächsten Jahre ein guter Abnehmer sein. Bisher behaupten die Amerikaner in dieser Branche das Feld fast ausschließlich. Den betreffenden Fabrikanten, welche Geschäfte dorthin zu machen wünschen, wird geraten, sich vorher über die Bedürfnisse des Landes genau zu unterrichten, um die der Bodenkultur dienenden Gerätschaften und Maschinen den dortigen Verhältnissen entsprechend konstruieren beziehungsweise abändern zu können. Amerikanische Firmen sollen auf ihre Kosten verschiedene Maschinen nach irgend einer Hacienda schicken und durch ihre mitgesandten Arbeiter in Betrieb setzen lassen, um den Gutsbesitzern die Vorteile der Anschaffung klar zu machen. — Nach einem Bericht aus Tepic (Mexiko) befindet sich die Bevölkerung des dortigen Territoriums augenblicklich in gedrückter Lage. Zahlungseinstellungen sollen an der Tagesordnung sein. Von Smyrna aus wird der deutschen Geschäftswelt behufs Erweiterung des Abfatzgebietes für die daselbst bereits eingeführten Jndustrieartikel empfohlen, auf die Bestellung eines erfahrenen, zuverlässigen Vertreters Bedacht zu nehmen, welchem nach dem dortigen Platzgebrauch beim Mangel größerer Jmporthäuser der direkte Verkehr mit den Abnehmern, die Behändigung der Waren an die letzteren und die Einziehung der Gelder zu übertragen sein würden. — Aus Amasia (Kleinasien) wird wegen des täglich sich fühlbarer machenden Geldmangels und in Anbetracht, daß, um Verkäufe zu ermöglichen, Kredite von 4 bis 6 Monaten bewilligt werden müssen, deutschen Exporteuren abgeraten, direkte Verbindungen mit Anatolien anzuknüpfen. — In Rotterdam soll neuerdings ein Hydraulischer Kohlentip fertiggestellt worden sein, welcher es ermöglicht, an einem Tage 1000 bis 1500 Tonnen Kohle direkt von den Bahngeleisen in das Schiff überzuführen.' Es steht hiernach zu erwarten, daß deutsche Zechen mehr als bisher den daselbst nicht unbeträchtlichen verfügbaren Schiffsraum sich zu Nutze machen und die Ausfuhr namentlich westfälischer Kohle auch nach überseeischen Ländern ins Werk setzen werden.
Darmstadt, 4. Sept. Der Großherzog wird sich am 10. d. M. nach Straßburg begeben, um den im Neichs- lande stattfindenden Kaisermanövern beizuwohnen; von dort kehrt derselbe am 15. d. M. nach Friedberg zurück, um an den in dortiger Gegend stattfindenden Divisionsund Corpsmanövern bis zum 22. d. M. teilzunehmen.
Augsburg, 4. Sept. Der Kronprinz ist mit seinen militärischen Begleitern heute früh 7 Uhr 8 Min. hier eingetroffen. Rach eingenommenem Dejeuner begab Höchst- derselbe sich dann mittels Extrazuges zur Inspizierung der Kavallerie-Division nach Lager Lechfeld. Wie bereits ge-
Geschichtskalender.
7. September.
1631. Gustav Adolph von Schweden siegt über die Kaiserlichen unter Tilly bei Breitenfeld (Leipzig).
1701. Der Kaiser Leopold, König Wilhelm III. von England, der König Friedrich 1 von Preußen, Dänemark, Hannover und Holland schließen die große Allianz gegen Ludwig X1V., Anfang des 13jährigen spanischen Erbfolgekrieges.
1704. Stanislaus Poniatowsky zum Könige von Polen erwählt.
1706. Prinz Eugen von Savoyen siegt, unterstützt von den Preußen unter Leopold von Dessau, über die Franzosen bei Turin.
1714. Ludwig Xiv. schließt mit dem deutschen Reiche den Frieden zu Baden im Aqrgau; völlige Beendigung des spanischen Erbfolgekrieges.
1807. Durch Kapitulation wird den Engländern die ganze dänische Flotte ausgelicfert.
1812. Napoleon erficht bei Borodino an der Moskwa einen blutigen Sieg über die Russen.
1830. In Braunschweig entsteht ein Aufstand gegen den Herzog Carl; dieser flieht nach England, ihm folgt sein Bruder Wilhelm.
Wanda.
Von A. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Zum ersten Mal seit längerer Zeit fühlte Joseph sein Herz wieder froh und heiter klopfen, und mit freudig blitzenden Augen wartete er auf das Erscheinen der Geliebten. Aber Wanda ließ vergebens auf sich warten, und als endlich die Mutter hinaufging um sie zu holen, fand fie das Mädchen mit festverbuudeuem Kopfe und laut stöhnend ans dem Sopha liegen.
„Ich kann nicht mtt Euch gehen", jammerte fie, „denn die Zähne, die ich fett laugen Wochen nicht fühlle, schmerzen
seit einer halben Stunde wieder so sehr, daß ich nicht in die Luft hinaus darf; amüsiert Ihr Euch nur gut, ich werde indessen hier auf dem Sopha zu schlafen versuchen."
Umsonst war das Zureden der Mutter, einen Versuch zum Aufstehen zu machen, und schließlich kehrte Frau Nowitza mit dem traurigen Bescheid zu den Ihrigen zurück, daß sie entweder den Ausflug aufgeben oder ohne Wanda fahren müßten.
Dem Gesellen wurde es weh ums Herz, er sah keine Möglichkeit, zu Hause zu bleiben, wenn die Anderen das Freie aufsuchten, denn ein richtiges Gefühl sagte ihm, daß die Meistersleute ein solches Zurückziehen von der Fahrt für unpassend halten würden. Eifrig stimmte er deshalb für ein vollständiges Aufgeben des ganzen Planes; da der Wagen nun einmal gemietet war, wollte Niemand sonst etwas davon wissen, und es sollte gefahren werden.
Trost und Beruhigung gewährte es aber Allen, als der Altgeselle vortrat, und kurz und bündig erklärte, er wolle, da er sich nichts aus Landpartieen mache, daheim bleiben und das Haus hüten.
Lustig knallte der Kutscher mit der Pettsche, die jüngeren Kinder kletterten geschickt auf ihre Plätze, Vater und Mutter folgten langsamer, während Joseph mit einem stummen betrübten Blick nach dem Hause hin, seinen Sitz neben dem Kutscher einnahm.
Fort rollte der leichte Wagen, und in der Thür, die Augen mtt der Hand beschattend, stand noch ein Weilchen der alle Mann, der sich angeblich nichts aus Landpartieen machte, und blickte ihm seufzend nach. Zögernd trat er dann in das Haus zurück, zog die Thür behutsam hinter sich zu, so daß sie kein Geräusch verursachte uud begann auf dem Flure eine seltsames Experiment.
Sich an die Wand lehnend, zog er sorgsam beide Stiefel aus, uud schlich dann, seine Fußbekleidung in der Hand haltend, mit der Behutsamkell einer Katze, die einer MauS nachgeht, die Treppe hinauf, und in einen beinahe dunklen Verschlag, der sich neben Wandas Stube befand. Der
kleine Raum enthielt nur spärliches Licht von einem mit Spinnengewebe bezogenen winzigen Fensterchen, das gleich- salls nach dem schmalen Hofe hinausführte, und auf dem Fußboden stand ein altes unbrauchbares Gerümpel, das die Frau Meisterin nicht mehr benutzte, und zur Aufbewahrung hierher gestellt hatte. Wehmütig sah sich der Altgeselle, nachdem fich seine Augen an das unsichere Licht gewöhnt hatten, in dem kleinen Raume um und murmelte traurig Dor sich hin: „Wäre ich, wie die? Gerät hier, verbraucht und längst bei Seite gestellt, dann hätte ich jetzt nicht nötig, den Aufpasser zu spielen, und den Eltern neuen Kummer durch meine Entdeckungen zu machen, denn ich will darauf wetten, daß der Zahnschmerz des Mädchens nur simuliert war."
Im Stübchen neben dem Verschlage blieb es noch eine kurze Zeit ganz still, dann war es, als springe Jemand mit einem raschen Satze vom Sopha auf, ein tiefer, eileichteter Athemzng drang bis zu den Ohren des aufmerksam lauschenden Altgesellen, und der ihm wohlbekannte, leichte Schritt des Mädchens eilte nach der Gegend hin, wo das Fenster lag. Dicht und dichter hatte sich der graue Kopf des alten Mannes an die Bretterthür gelehnt, die von dem Kämmerchen aus nach der Stube Wandas führte und sein scharfes Auge hatte ein kleines Astloch in den Brettern entdeckt, aus dem das Holz herausgefallen war und durch das er ungehindert in das Zimmer der Meisterstochter hineinschaueu konnte.
Wanda stand vor dem Spiegel, löste langsam das Tuch, das ihren Kopf umhüllte, schüttelte dann mit einem fröhlichen koketten Lächeln die dichten Locken, die wie ein dunkler Schleier über die leicht geröteten Wangen fielen, und zurück- weichend die ganze Schönheit des Antlitzes enthüllten.
Ein leiser Senfzer hob die Brust des Altgesellen, denn das Mädchen hatte gehalten, was es als Kind einst ver- sprach, und jeder Zug, der dem Lauschenden aus früheren Jahren lieb uud bekannt gewesen, war gereift und vollendeter in Wandas Gesicht wiederzufindeu. Uud —wie das Mädchen so vor dem Spiegel stand, sich graziös hin- vud herbewegend.