Kr. »OS.
Marburg, Sonntag, 5. September 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonutagsblatt.
Expedition-. Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
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Wochenschau.
Zum Besuche am deutschen Kaiserhofe hat der König Dom Luiz von Portugal bis zum ersten Tage dieser Woche verweilt, worauf er sich nach Dresden zum König Albert von Sachsen begeben hat. Der König nimmt die angenehmsten Erinnerungen mit aus Berlin. Am Dienstag ist das Kaiserpaar von Babelsberg wieder nach Berlin übergesiedelt, wo tagsdarauf die große Herbstparade des Gardekorps stattfand, die aber der furchtbaren Hitze wegen abgekürzt wurde. Der Kaiser hat den von seinen Besprechungen mit dem russischen Minister von Gierö in Franzensbad zurückgekehrten Reichskanzler wiederholt empfangen, auch der Kronprinz hat dem Fürsten Bismarck mehrere Besuche abgestattet. Herr von Giers wird zur Erwiderung der Visite nach Berlin kommen. Auf der Rückkehr von der Kaiserparade hatte der Kriegsminister Bronsart von Schellendvrf das Unglück, mit dem Pferde zu stürzen und sich eine Verletzung am Fuße zuzuziehen, die aber glücklicherweise nicht bedeutend ist. Der Kronprinz reist in diesen Tagen zu den Truppenübungen nach Bayern, der Kaiser in der nächsten Woche zu den Manövern im Reichslande. Der Sedantag ist auch in diesem Jahre in althergebrachter Weise begangen worden und es kann auch gar nicht anders sein. Mit Flammenschrift ist der Tag allen Deutschen ins Herz geschrieben, ist er doch so recht der eigentliche Schöpfungslag des geeinten Kaiserreichs. — In Breslau fand in dieser Woche die diesjährige Generalversammlung der Katholiken Deutschlands statt.
In Ungarn hat nun die schon so lange vorher besprochene und umstrittene Feier zur Befreiung von Ofen — die Magyaren nennen die Schwesterstädte allerdings nicht mehr Ofen und Pest, sondern Budapest — begonnen. Die dorthin abgeordnete deutsche Militärdeputation ist sehr ehrenvoll ausgenommen und vom Kaiser Franz Joseph auch zur Teilnahme an den Manövern in Stuhlweißenburg eingeladen worden. Mögen die Ungarn nur daran denken, daß es vor 200 Jahren lediglich dem einmütigen Zusammenstehen von Deutschen und Magyaren gelang, die im Osten drohende Gefahr zurückzuweisen. Auch künftig kann wieder ein gewaltiger Sturm von Osten heranziehen, und dann thut wahre Freundschaft sehr not.
Es kommt anders! Das ist wirklich die Devise des bulgarischen Zwischenfalles, der sich bisher mit dramatischer Schnelligkeit abgespielt hat. Fürst Alexander wurde von den Verschwörern in Sofia gestürzt; alle Welt glaubte seinen Thron damit definitiv beseitigt, sah Rußlands Ein-
Geschichtskalender.
5. September.
1733. Christoph Martin Wieland wird zu Golzheim bei Bieberach geboren.
1774. Ein zu Philadelphia eröffneter Kongreß der Nordamerikaner beschließt die Abbrechung alles Handelsverkehrs mit dem englischen Mutterlande.
6. September.
1634. Die Kaiserlichen bringen den Schweden bei Nördlingen eine gänzliche Niederlage bei.
1813. General Bülow schlägt den Marschall Ney bei Denuewitz an der Straße nach Wittenberg.
1860. König Franz II. von Neapel verläßt seine Hauptstadt, worauf Garibaldi in dieselbe eiuzieht.
1870.
5. Sept. Einzug König Wilhelms in Rheims. — Ankunft Napoleons auf Wilhelmshöhe.
Wanda.
Von A- Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Durch dies Verfahren Josephs blieben ihm sodann noch einige Thaler, mit denen er haushalten wollte, bis er seinen Vorschuß beim Meister abgearbeitet hatte. Aber was find alle guten Vorsätze der Männer den verlockenden Worten den bittende» Augen eines Mädchens gegenüber, das eS versteht, sie ihrem Willen uuterthau zu machen.
Wen» sich Wanda auch hütete, in den nächsten vierzehn Tagen von einem abermalige» Besuche deS Theaters zu spreche», so war sie doch so überaus liebevoll, so bestrickeud und reizend zu ihrem Verlobten, daß dieser nicht umhin
fluß im Balkan wieder hergestellt. Dann kam die Erhebung der bulgarischen Armee und des ganzen Volkes gegen die Verräter, der zuerst nur geringe Bedeutung beigelegt wurde, eben weil sie ganz unerwartet kam. Nach vierundzwanzig Stunden schon kam aber die überraschende Meldung, die Verräter - Regierung in Sofia sei gestürzt, ihre Mitglieder gefangen genommen. Nur war die Hauptfrage : Wo war Fürst Alexander und was wollte er thun? Nach mehrtägigem Zurückhalten und Umherkutschieren traf er in Lemberg ein, die Zimmer in einem Breslauer Hotel waren ebenfalls für ihn bestellt, und als alle Welt die Nachricht von der Ankunft des Fürsten in der schlesischen Hauptstadt erwartete, da hieß es plötzlich, Alexander reise nach Bulgarien zurück. Das hat er denn auch gethan und ist von seinem Volke mit unbeschreiblichem Enthusiasmus empfangen worden. Ob nun das zweite Hauptstück, der Wille des Zaren, ihm den Thron länger belassen will, wird die nächste Zukunft zeigen; nach dem letzten Depeschenwechsel zwischen beiden Alexander ist die fernere Rc- gierungözeit des mit so vielem Jubel wieder aufgenommenen Bulgarenfürsten höchst wahrscheinlich nur noch eine kurz bemessene.
Sie haben's durchgesetzt, die Franzosen, wirklich, und dem heiligen Vater einen diplomatischen Sieg abgerungen. Allerdings ist es nur ein Sieg auf dem Papier, aber darauf kommt es für die Franzosen nicht an. Der Papst wird nämlich um des lieben Friedens willen noch nicht definitiv, sondern nur provisorisch einen Vertreter nach Peking entsenden. Da aber nicht gesagt ist, wie lange das Provisorium dauern soll, so ist's im Grunde genommen ganz dasselbe, wie eine definitive Vertretung. Sonst ist's in Frankreich recht still. Ebenso etwa sieht es in England aus. Die Beratungen im Parlament werden immer schläfriger, die Volksboten möchten am liebsten nach Haus. Gladstone hat sich längst auf den Weg gemacht und sitzt behaglich droben im bayerischen Hochgebirge. Die Zustände in Birmah werden nach wie vor als recht schlecht geschildert und auch im Parlament ist schon scharf darauf hingedeutet worden.
Rußland ist bekanntlich auf Landerwerbungen so ver- versessen, wie ein Geizhals auf seinen Schatz. Gar zu gern möchte es in Korea in Ostasien, worüber China die Schutzherrschaft ausübt, sich einen Kriegshafen Herstellen, um den Engländern, die Port Hamilton besetzt haben, Schach zu bielen. China ist aber entschlossen, jedem solchen Versuche mit Gewalt entgegenzutreten, und so wird Rußland auf das Annektionövergnügen wohl verzichten müssen. Eine chinesische Flotte ist in den koreanischen Gewässern stationiert worden.
Von heftigen Erdbeben sind weite Gebiete heimgesucht worden. Die griechischen Inseln, Griechenland, Unteritalien, große Strecken in Nordamerika sind hart betroffen. Mehrere hundert Menschen sind umgekommen. Der Schade an Häusern rc. ist sehr bedeutend.
konnte, ihr bei einem jedesmaligen Spaziergange seinen Dank durch die That zu beweisen und ihre Wünsche zu erfüllen, die sie geschickt versteckt und doch verständlich zu äußern wußte. Das größte Vergnügen bereitete ihr der ' Einkauf von Büchern, und wenn sie freudestrahlend mit Joseph den Laden eines Buchhändlers betrat und mit ihrer wohlklingenden Stimme die Titel von Komödien und Tragödien nannte, die sie zu besitzen wünschte, dann stand der schlichte Geselle dabei und bewunderte die Klugheit, den Geist und die Belesenheit der Geliebten, die so viele Romane, wie er sich einbtldete, zu nennen wußte. Von den Einkäufen Josephs für seine Braut war aber niemals im Beisein Meister NowitzkyS und seiner Frau die Rede, Wanda hatte den Gesellen einmal gebeten, es nicht zu thun und der junge Manu würde es auch ohnedies ängstlich vermieden haben, weil er fürchtete, die alten Leute könnten sein Thun für verschwenderisch erklären.
Glücklich fühlte sich Joseph Kowalsky um diese Zeit schon nicht mehr, denn wenn er in Wandas Nähe ruhig wurde und an nichts, wie au den Zauber ihrer Liebe dachte, quälten ihn fern von ihr die Vorwürfe seines Gewissens, das Unheimliche drohender Schulde», und die Bilder vo» Mutter und Schwester, die vor ihm auftauchten. Dazu kam es, daß er noch immer nicht von Eifersucht frei war und diese Leidenschaft »och verstärkt fühlte, als er eines Tages auf dem halbdunklen Hausflur — die Dämmerstunde sendete bereits ihre Schatte» herab, an der offene» Thür Wanda im Gespräch mit einem Mauae fand, der bei seinem Kommen sofort verschwand, im grauen Zwielichte aber die Gestalt des Fremden aus der Kirche gehabt z» haben schien. Auf sei» Befragen erklärte das Mädchen zwar mit ruhiger Stimme, Aufträge von dem Henn au ihren Vater erhalten zu haben, aber Joseph sah, als er mti ihr in die erleuchtete
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Sept. Ter russische Minister des Auswärtigen v. Giers ist auf der Rückreise nach Rußland in der verflossenen Nacht um iVa Uhr auf der Anhaltischen Bahn in Berlin eingetroffen und bei seiner Ankunft vom Botschaftsrat Grafen v. Murawiew und sämtlichen Herren der russischen Botschaft auf dem Bahnhofe empfangen worden. Derselbe machte heute vormittag dem Fürsten Bismarck einen Besuch und ist nachmittags vom Kaiser empfangen worden, nachdem er zuvor vom Kronprinzen war empfangen worden. — Die „N. Pr. Z." weiß über die bevorstehende Einberufung des Reichstages noch folgendes mitzuteilen: „Die Einberufung des Reichstages, welche jetzt zur Genehmigung des deutsch-spanischen Handelsvertrages angekündigt wird, wird voraussichtlich in etwa drei Wochen erfolgen. Vorher wird natürlich der Bundesrat zu den notwendigen Beratungen zusammentreten. Dem Vernehmen nach ist der Vertrag mit Spanien in den letzten Tagen im Reichsamt des Innern eingetroffen. Der Beschluß, dieserhalb den Reichstag einzuberufen, stand, wie verlautet, schon beim Schluffe der Reichstagssession fest. Der Reichstag würde länger zusammengehalten worden fein, wenn der Vertrag damals schon abgeschloffen gewesen wäre; schon während des Monats August glaubte man der Einberufung des Reichstages jederzeit gewärtig sein zu müffen. Der bekanntlich auch in einer außerordentlichen Sommersession 1883 abgeschlossene bestehende Handelsvertrag mit Spanien läuft am 30. Juni k. I. ab und soll bis 1892 verlängert werden. In den Vertrag von 1883 war, wie erinnerlich, Spanien gegenüber eine Begünstigungs-Klausel betreffs des Roggenzolles ausgenommen; diese Begünstigung wurde von Spanien in späteren Verhandlungen aufgegeben. Das ist die wesentlichste Aenderung im neuen Vertrage."
Darmstadt, 3. Sept Gestern traf der Prinz von Wales hier ein, besuchte mit dem Großherzoge zunächst das Mausoleum, wo er einen Kranz an die Gruft der Groß, Herzogin Alice niederlegte, speiste darauf bei dem Großl Herzog in Schloß Wolfsgarten und kehrte dann nach Hom^ bürg zurück. Heute hat sich der Großherzog mit bem' Erbgroßherzog und den Prinzessinnen, um mit dem Prinzen und der Prinzessin von Wales zusammenzutreffen, die in den nächsten Tagen nach England zurückkehren, nach Frankfurt a. M. begeben.
Ausland.
Pest, 3. Sept. Bei dem gestrigen, die offiziellen Festlichkeiten schließenden Bankette des Munizipiums brachte der Oberbürgermeister zuerst einen deutschen Toast auf den Kaiser von Oesterreich und auf dessen glorreichen Alliierten, den Kaiser Wilhelm, aus, au welchem die Vorsehung bereits Wunder gewirkt habe, indem sie ihn bis zu einem so außerordentlich hohen Alter in voller Rüstigkeit und Thatkraft erhielt, als den Fürsten, von dem Europa wiffe, daß all sein Sinnen und Trachten darauf gerichtet Stube trat, daß das frische Rot ihrer Wangen einer auffallenden Blässe Platz gemacht hatte, und von jenem Tage ab beobachtete er die Geliebte mit ängstlichen Augen und empfand die quälenften Sorgen, wenn er sich in ihrer Nähe befand.
Tage, Wochen, ja Monate gingen so hi», dringender und dringender wurde» die Mahnungen der Kaufleute dem leichtsinnige» jungen Manne gegenüber, der seine ursprüngliche Absicht unterlassen, und seinen Gläubigern je nur wenige Thaler auf Abschlag gezahlt hatte, um sie für das Erste zu befriedigen. Das von der Mutter erhaltene Kapital war für Geschenke, für einige ähnlich verlebte Abende aus- gegeben worden, wie sie der erste Besuch des Schauspielhauses einleitete, und der Geselle hätte nicht um den Preis feines Lebens den Meister um weitere Vorstreckung einer Summe bitten mögen.
Es war dem jungen Manne, als hinge Wandas Liebe mit ihrem Glauben au seine günstige Vermögenslage zu- sammen, und den Gedanken an das Unwürdige, die Unbeständigkeit einer solchen Neigung verwerfend, beschloß er, alles zu opfern, alles zu thun, um eine Vereinigung mit dem Mädchen zu erzielen, ehe es erfuhr, daß er ein armer Manu sei.
Wanda hatte ihrerseits de» Zweck, das Verlöbnis nach Kräften auszunutzen, redlich erfüllt und die Sachen zu drehen und zu wenden gewußt, wie sie sich ihrem Vorteile anpaßteu. Sie hatte auf das Geschickteste gelogen, um noch ein paar Mal in das Theater zn kommen, dessen Besuch ihr der junge Schauspieldirektor anempfohlen hatte, als er sie an der Thür ihre 8 Vaters getroffen, und sie war in den Besitz geeigneter Bücher zu ihrem Studium gelangt, ohne daß sie Ansprüche an die Kasse ihrer Eltern stellte.
Eine geschickte Schauspielerin auf der Bühne des Lebens