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Marburg, Sonnabend, 4. September 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Oberhessische Zeitung
mit ihren Beiblättern
entgegen.
Bulgarien.
Vor wenigen Tagen brachte die „Köln. Zig." aus Berlin folgende Depesche:
Berlin, 31. Aug. Die europäische Lage wird heute hier überaus friedlich angesehen und es wird versichert, daß einflußreiche Bemühungen zu einem persönlichen Ausgleich zwischen dem Kaiser von Rußland und dem Fürsten Alexander von Bulgarien eingeleitet seien und daß diese Bemühungen nicht als aussichtslos bezeichnet werden könnten.
Vielleicht gründet sich diese Nachricht auf nachstehende sehr entgegenkommende Depesche des Fürsten Alexander an den Zaren. Wie die Antwort des letzteren auf diese Depesche des Fürsten aber zeigt, ist an eine Aussöhnung des Zaren nicht zu denken; der letztere giebt dem Fürsten sehr deutlich zu verstehen, er möge Bulgarien so bald als möglich verlassen. Was wird der Fürst nun thun? Wird er auf diese schroffe Antwort hin, seiner kundgegebenen Bereitwilligkeit gemäß, seine Krone in die Hände des Zaren legen? Nach einer Aeußerung des Vaters des Fürsten, des Prinzen Alexander von Hessen, die derselbe einem ihn befragenden Mitarbeiter des „Journal des Dtzbats" gegenüber in Darmstadt that, scheint es, als trage sich der Fürst allerdings mit Rücktrittsgcdanken. Der Prinz sagte nämlich zu demselben: „Es wäre möglich, daß Fürst Alexander nach Wieeerherstellung der Ordnung in Bulgarien von der Her, schäft zurücktrete, wenn keine Aenderung in den politischen Beziehungen zu den Mächten eintrete; sollte er bleiben, so würde er Bedingungen in dieser Hinsicht stellen müssen."
Ob der Enthusiasmus des bulgarischen Volkes die Stimmung des Fürsten ändern wird, darf man angesichts der Antwort des Zaren bezweifeln. Das bulgarische Volk ist ja, wie der Ausfall der letzten Landtagswahlen zeigt, stets für den Fürsten gewesen; aber was bedeutet der Enthusiasmus des kleinen Volks gegen die Ungunst des mächtigen Zaren und der russischen Propaganda? Der kleine Fürst allein kann sich dieser Macht gegenüber nicht halten, wenn er von den anderen Mächten nicht gehalten wird. Die anderen Mächte aber scheinen dazu keine Lust zu haben, weil ihnen die Frage, wer Fürst von Bulgarien ist, nicht wichtig genug erscheint, um deshalb einen Krieg mit Rußland, der für Deutschland zugleich einen Krieg mit Frankreich bedeuten würde, zu riskieren. England und die Pforte — selbst wenn dieselbe cs wollte — werden
die Sache nicht übernehmen wollen. Tie englischen Zeitungen geben sich zwar alle mögliche Mühe, Deutschland, Oesterreich und Italien zum Widerstande anzureizen, allein England selbst halten sie klug im Hintergründe, als wäre dieses bei der Balkanfrage ganz uninteressiert. Für die englische Belehrung werden die mitteleuropäischen Mächte sich wenig zugänglich erweisen, die englische Presse könnte ihre Mühe sparen; in Oesterreich hat man überdies sicherlich das Gladstonesche „Hände weg!" noch nicht vergessen. Die schmähliche Art, wie dem Fürsten Alexander, dessen persönliche Tüchtigkeit sich so glänzend bewährt hat, in Bulgarien mitgespielt worden ist, haben Deutschland und Oesterreich nicht zu verantworten.
Wer das verschuldet hat, der wird der Strafe, die auf jede Schuld folgt, sicherlich nicht entgehen, und daß mit der Abdankung des Fürsten Alexander die bulgarische Frage gelöst sei, das glaubt ohnehin kein Mensch; ja, es ist viel eher anzunehmen, daß dieselbe dann erst recht brennend und schwierig werden wird. Nichtsdestoweniger aber muß man sich wohl auf eine Nachricht von der freiwilligen Abdankung des Fürsten Alexander gefaßt machen. Die beiden Depeschen des Fürsten und des Zaren lauten:
Petersburg, 2. Sept. Der „Regierungs-Anzeiger" veröffentlicht ein Telegramm des Fürsten Alexander an den Kaiser, welches letzterem am 18. August a St. (30. August n. St.) durch Vermittelung des Leiters des russischen Konsulats in Rustschuk zugegangen ist, sowie die Antwort des Kaisers, welche dieser dem Fürsten telegraphisch nach Philip- popel erteilt hat Das Telegramm des Fürsten lautet: „Sire! Nachdem ich die Regierung meines Landes wieder übernommen habe, wage ich es, Ew. Majestät meinen ehr- erbiettgsten Dank auszusprechen dafür, daß der Vertreter Ew. Majestät in Rustschuk durch seine offizielle Gegenwart bei meinem Empfange der bulgarischen Bevölkerung gezeigt hat, daß die Kaiserliche Regierung den gegen meine Person gerichteten revolutionären Akt nicht billigen kann. Gleichzeitig bitte ich um die Erlaubnis, Ew. Majestät meinen vollen Dank aussprechen zu dürfen für die Entsendung des Generals Fürsten Dolgorukoff als außerordentlichen Gesandten Ew. Majestät. Indem ich die legale Gewalt wieder in meine Hänce nehme, ist es mein erster Schritt Ew. Majestät auszusprechen, daß ich die feste Absicht habe, jedes mögliche Opfer zu bringen, um die hochherzigen Intentionen Ew. Majestät unterstützen zu können, welche dahin gehen, Bulgarien aus der schweren Krise herauszubringen, welche es gegenwärtig durchmacht. Ich bitte Ew. Majestät, den Fürsten Dolgorukoff zu ermächtigen, sich direkt und so bald wie möglich mit mir zu verständigen und werde glücklich sein, Ew. Majestät den sicheren Beweis unveränderlicher Ergebenheit gegen Ihre erhabene Person geben zu können. Das monarchische Prinzip hat mich genötigt, den gesetzmäßigen Zustand in Bulgarien und Rumelien wieder
herzustellen. Da Rußland mir meine Krone gegeben, so bin ich bereit, dieselbe in die Hände seines Souveräns zurückzugeben."
Die Antwort des Kaisers lautet: „Ich habe das Telegramm Eurer Hoheit erhalten. Ich kann Ihre Rückkehr nach Bulgarien nicht gutheißen, da ich verhängnisvolle Konsequenzen für das Land voraussehe, das schon so sehr geprüft ist. Die Mission des Fürsten Dolgorukoff ist inopportun geworden. Ich werde mich jeder Einmischung in den traurigen Zustand der Dinge enthalten, welchem Bulgarien wieder Überliefert ist, so lange Sie dort bleiben werden. Ew. Hoheit werden zu würdigen wissen, was Sie zu thun haben. Ich behalte mir vor, zu beurteilen, was mir das geheiligte Andenken meines Vaters, die Interessen Rußlands und der Frieden des Orients gebieten."
(In einem Extrablatt teilten wir dieselbe gestern im Auszüge mit.)
Fernere telegraphische Nachrichten:
Konstantinopel, 1. Sept. Die Rückkehr des Fürsten Alexander von Bulgarien hat hier einen günstigen Eindruck hervorgerufen, ohne indes die Befürchtungen wegen weiterer Komplikationen zu verscheuchen. Die hiesigen politischen Kreise glauben bestimmt, Rußland werde nach Kräften die Wiedereinsetzung des Fürsten beanstanden, oder wenn dies erfolglos, den Fürsten neuerdings zu stürzen suchen. Auch erregt die eingetroffene Mitteilung von der jetzt wirklich erfolgten Annäherung Rußlands und Frankreichs hier tiefgehende Besorgnis. Die Militär- Rüstungen werden eifrig fortgesetzt. Die Wünsche des Sultans, Waffen- und Torpedoeinkäufe rasch abzuschließen unv die Note des englischen Botschafters, die Aufforderung der Türkei, der Erhaltung des Friedens halber die Restauration Alexanders direkt zu unterstützen, haben den erwarteten Erfolg nicht gehabt. Die Pforte hat sich darauf beschränkt, am Sonntag den Mächten in einer dritten Zirkularnote die Wiederkehr des Fürsten mitzuteileu und auf die Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens hin- znweisen. Sie erwartet Antwort auf ihr zweites Zirkular, um dann eine Einberufung der Konferenz behufs Regelung der bulgarischen Verhältnisse zu beantragen.
Bukarest, 1. Sept. Aus Sofia eingetroffene Nachrichten melden, Oberst Mutknrow, welcher mit sechs Regimentern eingetroffen, habe Karawelow, Zankow, Clement, Nikiferow und andere bei dem Staatsstreich Beteiligte verhaftet. Der Fürst hätte befohlen, Karawelow und Zankow freizulassen. Die Uebrigen seien in Hast zu behalten. Beide Regimenter, welche am Staatsstreich beteiligt, seien nach Küstendil zurückgeschickt, die dortige Bevölkerung habe auf die Nachricht von deren Rückkehr alle Munitionsvorräte zerstört.
Sofia, 1. Sept. Fürst Alexander ist in Philippopel
Geschichtskalender.
4. September.
1632. Der wieder zum Kaiserlichen Generalissimus ernannte Wallenstein schlägt des Königs Gustav Adolfs Angriff auf sein verschanztes Lager bei Nürnberg ab.
1835. Arnoldi ff.
1870.
4. Sept. Absetzung Napoleons HL — Proklamierung der Republik. — Kaiserin Eugenie fluchtet nach Belgien.
Wanda.
Von A Gnevkow.
(Fortsetzung.)
„Das ist nicht für Unsereins, Wanda," sagte er mit unsicherer Stimme zu dem Mädchen, „das Licht, das Gesumme der Stimmen, der Wein und die prachtvolle Ausstattung des Zimmers beengten mir die Brust, ich verliere den Kompaß und könnte in einem solchem Leben mein Schiff nicht steuern. Es wird Dir ebenso gehen wie mir, und nun Du die Freuden der vornehmen Welt einmal gekostet hast, wird es Dich nicht mehr nach ihnen gelüsten."
Ein eigentümliches Lächeln überflog das Gesicht seiner Verlobten bei den halb fragend ausgesprochenen Worten des Gesellen, es war ein Lächeln das zu sagen schien: — „Gerade, weil Dir eiu solches Dasein nicht gefällt, sagt eS mir zu, die ich so viel höher an Geist und Bildung stehe, wie ihr, und Du bist mein Sklave, Du mußt mir alles zu Willen thun, wenn ich, wie heute, mein Leben zu genießen beabsichtige." Ganz im Gegensätze zu ihren Gedanken klangen aber ihre Worte einfach und nüchtern, als sie, mit einem scharfen Blicke auf ihren Verlobten fragte: — „Und Du meinst also, lieber Joseph, daß wir den Eltern sagen, wir hätten uns verirrt und erst nach stundenlangem Herumsucheu den richttgen Weg gefunden."
Der Geselle faßte sich nach dem Kopfe. „Sagte ich das, mein Herz? nun, bann wird es auch so das Beste fein, und eine Verirrung war es ja auch von unserer S ite, die wir heute Abend begingen. Lieb wäre es mir indeß, nnnn ich d.n Eltern jetzt nicht mehr gegenüber zu treten brauchte, denn mein Kopf glitt, und sie würden mir den Besuch eines Wirtshauses ansehen."
„Das kannst Du halten, wie Du willst," erwiderte das Mädchen kalt, „ich werde Dich schon zu entschuldigen wissen, wenn Du bei unserer Ankunft gleich Dein Zimmer aufsuchst."
Schweigend verfolgten die jungen Leute ihren Weg nun weiter, und als sie dem Hause des Tischlermeisters näher tarnen, sahen sie, daß in der Wohnstube noch Licht war. Dem jungen Manne begann das Herz ängstlich zu klopfen, Wanda öffnete aber mit rascher Entschlossknheit die Hans- thüre und raunte dem Gesellen zu, eilig die Treppe zu seinem Stübchen hinanzusteigen.
Kaum aber hatte Joseph einige Stufen zurückgelegt, als die Thür des Wohnzimmers aufging und Meister No- witzky mit einem Lichte in der Hand, heraustrat.
„Nun, seid Ihr endlich da, Kinder?" fragte er mit tiefer und ein wenig ungehaltener Stimme, „Mutter hat sich schon sehr um Euch geängstigt und ich habe Mühe gehabt, sie zu beruhigen. Wo habt Ihr aber eigemlich gesteckt?"
„Auf der Straße, Vater," erwiderte das Mädchen mit unbefangener, fester Stimme, „wir waren weit hinauSge- gangen und als der Abend kam, hatten wir uns verirrt, so daß wir stundenlang umherliefen, ohne den rechten W g zu finden."
Der alte Mann seufzte erleichtert auf. „Ich habe ja gleich gemeint, dahinter werde nichts Unrechtes stecken, wenn der Altgeselle mich bangen machen wollte, murmelte er vor sich hin und fügte dann laut hinzu: „Aber nun kommt herein und eßt etwas, Mutter wird wohl noch Kleinigkeiten vom Abendbrot in der Ofenröhre haben."
Der Geselle wandte sich auf der Stufe um, auf der er wortlos stehen geblieben war. „Ich danke Meister," sagte er mit seltsam blassem Gesichte, „ich bin nicht hungrig, denn wir haben schon gegessen."
„Ja, wir haben schon gegessen," unterbrach Wanda rasch ihren Berlodten, „denn Joseph holte aus einem Bäckerladen Semmel für uns, als wir gar zu hungrig wurden. Der gute Junge hat sich überdies noch Schaden auf unserer Promenade gethan, denn er hat seinen Fuß an einem Steine verletzt und wollte gleich in seine Kammer gehen, um kalte Wasserumschläge zu machen. Gute Nacht, Joseph, und vergiß nicht, alle zehn Minuten den Umschlag zu erneuern." Mit diesen Worten öffnete fie die Thür zum Wohnzimmer, die der Vater hinter sich geschloffen, und schob diesen mit einer liebevollen Bewegung zuerst hinein, während sie ihm nach einem bedeutsamen Kopfnicken zu dem Gesellen dahin folgte.
Auf der dunklen Treppe aber blieb der junge Mann noch einige Augenblicke still stehen, der Nebel, der um seinen Kopf gelegen, lichtete sich, die Betäubung, in die ihn das Theater, das Restaurant versetzt hatte, schwand, er wurde nüchtern und empfand das beklemmende Gefühl, unrecht gegen seine gütigen Meistersleute gehandelt zu haben. Wie alle besseren Naturen gab er aber bei dem Vorgesalleuen nicht Wanda, sondern sich nur allein die Schuld und er beklagte es, seinen Schwiegervater hivtergangen und unmännlich und schwach den verzeihlichen Wünschen WandaS nachgegeben zu haben. Auf feinem Stübchen angekommen, zählte er den Rest seiner Baarschast nach und entdeckte mit Schrecken, daß er schon vierzehn THaler ausgegeben hatte. Er beschloß deshalb den Kleiderhändler, der bei Weitem die größte Forderung an ihn hatte, noch hiuzuhalten und die übrigen Gläubiger zuerst zu befriedigen.
(Fortsetzung folgt.)