Nr. 806.
Marburg, Freitag, 3. September 1886.
XXL Jahrgang.
Erscheint täglich außer an iK/rcUagen nach Sonn-und Feiertagen. — Quartal- Idounements-Preis bei der Expedition 21/. Tit., bei bat Postämter 2 Ml. 50 Pfg- (excl. Bestellgeld). Jnsertionsaebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile -5 Pfg.
Olierhesjischc jfitiniii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d Ännoncen-Bureaux vvn Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeturg und Wien; Rudvli Messe in Frankfurt a M-, Berlin,^ ünchen und Köln; <K. L. Daube und Co. n ranklurt c. D!. ?l ri n, Ha ncv-r u.Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg n. Kirchhain.—Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Für den Monat September nehmen alle Postanstalten, unsere Agentur in Kirchhain, sowie unsere Expedition hier Bestellungen auf die
Oberhessische Zeitung
mit ihren Beiblättern
entgegen.
Der Nutzen und die Lasten der nationalen Einigung Deutschlands.
Wenn vielfach der Versuch unternommen wird, die finanziellen und persönlichen Opfer, welche das Reich von seinen Bürgern zu forderu gezwungen ist, zur Erregung von Unzufriedenheit gegen die bestehenden Einrichtungen und die Leitung der Reichspolitik auszubeuten, so ist bei der Entgegnung in der Regel das Hauptgewicht auf die politischen Errungenschaften, welchen das deutsche Volk seine jüngste Vergangenheit verdankt und welche fürwahr die zu bringenden Opfer wert ist, sowie auf die Bedeutung gelegt worden, welche ein mächtiges, gut gerüstetes Deutschland für die Erhaltung des Friedens besitzt. Weniger ist daran gedacht worden, daß für die materiellen Leistungen, welche zur Erhaltung und Sicherung des Reiches notwendig sind, auch ein nicht zu unterschätzender Ausgleich auf volkswirtschaftlichem Gebiete geboten ist. Nicht allein fordert die Einheitlichkeit in wirtschaftlicher Hinsicht und die damit verbundene einheitliche ökonomische und soziale Gesetzgebung die Entwickelung der wirtschaftlichen Kräfte, nicht allein setzt die einheitliche von dem Gedanken des Schutzes der nationalen Arbeit geleitete Zollgesetzgebung Deutschland in Stand, von günstigen Lagen des Weltmarktes völligen Nutzen zu ziehen, während es von allgemeinen Kalamitäten in geringerem Maße in Mitleidenschaft gezogen wird, sondern für den aufmerksamen Beobachter besteht auch kein Zweifel darüber, daß die gesamte Nationalwirtschaft und vor allem die deutsche Industrie und der deutsche Handel aus der großen Zeit der Einigung Deutschlands neue kräftige Impulse gewonnen hat. Man darf nur die Urteile des Auslandes verfolgen, nach denen es sicher ist, daß die deutsche Industrie seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrzehnts, was Leistungsfähigkeit betrifft, einen gewaltigen Aufschwung genommen hat. Man erkennt im Auslande m ihr nicht mehr blos in Bezug auf tzreiswürdigkeit, sondern auch in Bezug auf die gute Beschaffenheit der Erzeugnisse einen gefährlichen Konkurrenten. In gleicher Weise wird bem deutschen Handel, namentlich in sachverständigen englischen Kreisen die Anerkennung überlegener Tüchtigkeit nicht versagt; man ist oder stellt sich wenigstens besorgt über die fortschreitende
Ausbreitung des deutschen Absatzes, welche bei der allgemeinen Stockung auf dem Weltmärkte naturgemäß nur auf Kosten der Mitbewerber, namentlich Englands, erfolgen kann. Diese gesteigerte Leistungsfähigkeit der beiden für den internationalen Verkehr wichtigsten Zweige der Nationalwirtschaft, welcher Deutschland neben seiner Zollpolitik es verdankt, daß es von der allgemeinen Geschäftskrisis weitaus nicht in dem Maße betroffen wird, wie seine Nachbarn, datiert von der Zeit her, in welcher die Folgen der Milliardenzeit und des Krachs überwunden waren und mit der Wiederkehr einer natürlichen wirtschaftlichen Entwickelung die Wirkungen der nationalen Einigung auf dieselbe sich geltend machen konnten. Man wird in der letzteren die treibende Kraft des Aufschwunges um so mehr erkennen können, als dieselbe den einzig richtigen Unterschied in dem äußeren Leben Deutschlands und demjenigen der Nachbarländer bildet, welche so kräftige Fortschritte auch nicht entfernt aufweisen. Ist dem aber so, so verdankt das Erwerbsleben des deutschen Volkes der nationalen Einigung so wichtige materielle Vorteile, daß dadurch die materiellen Opfer, welche die Erhaltung des Reiches erfordert, mehr als ausgewogen werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Sept. Der Kaiser traf gestern abend um halb 9 Uhr zu der heutigen großen Herbstparade von Babelsberg in Berlin ein. Auf dem ganzen Wege vom Potsdamer Bahnhofe bis zum Palais bildete eine überaus große Menschenmenge ein dichtes Spalier und begrüßte den Kaiser mit lebhaften Hoch- und Hurrarufen ungemein herzlich. — Der Kaiser begab sich vormittags um 93A Uhr in einem offenen Vierspänner zu der Parade des Gaxde- korps aus dem Teinpelhoser Felde. Die Parade des Gardekorps unter dem kommandierenden General v. Pape auf dem Tempelhofer Felde verlief heute bei prachtvollem Wetter aufs glänzendste. Der Kaiser, von der Kaiserin, der Prinzessin Wilhelm, der Erbprinzessin von Meiningen, vom Kronprinzen, von 'den fremden Militärattaches und einer glänzenden Suite gefolgt, fuhr zunächst die Front der in zwei Treffen aufgestellten Truppen entlang und ließ dieselben dann einmal vorüberdefilicren. Der Kaiser und die Kaiserin wurden auf der Fahrt durch die Stadt sowohl bei der Hin-, wie bei der Herfahrt von den Kopf an Kopf gedrängten Menschenmassen mit unausgesetzten Jubcl- rufen unter Tücher- und Hüte-Schwenken begrüßt. — Die Vorbereitungen für die EtatSaufstcllung sind, dem Vernehmen der „Berl. Pol. Nachr." zufolge, soweit vorgeschritten, daß die kommissarischen Vorberatungen zwischen der Finanzverwaltung und den Ressortministern für den
Monat September in Aussicht genommen sind. Obwohl es für den Fall einer späteren Zusammberufung des Landtages sich mehr empfehlen möchte, diesen Schlußakt der Etatsoorbereitung näher, an den Zeitpunkt heranzulegen, in welchem der Etat abgeschlossen und zum Druck gegeben werden muß, so muß doch, nach Meinung des genannten Korrespondenzorgans, auch die freilich nicht sehr wahrscheinliche Eventualität einer frühzeitigen Berufung des Landtages in den Kreis der Berechnungen gezogen werden. Für diesen Fall sei der September der angezeigte Zeitpunkt zur Aufnahme der Verhandlungen — Von den beiden in der letzten Session bewilligten Kanälen wird der „N.A. Z." zufolge zunächst der untere Teil des Spree-Oder-Kanals in Angriff genommen werden. Es füll für diejenigen Teile dieser Schiffahrtsstraße, für welche bereits speziell ausgearbeitete Entwürfe vorliegen, so insbesondere für den Bau des Seitenkanals von Fürstenwalde bis zum Seddinsee, unverzüglich mit dem Grunderwerbe und demnächst mit der Bauausführung selber vorgegangen werden. Für die anderen erst generell bearbeiteten Teile bleiben zunächst die speziellen Vorarbeiten anzufertigen. Die Leitung der Ausführung des Baues ist für die ganze Länge der neuen Schiffahrtsstraße einschließlich der im Regierungsbezirk Frankfurt belegencn Strecke in eine Hand, und zwar in die der Regierung resp. des Regierungspräsidenten in Potsdam gelegt, während die technische Leitung des Baues dem Wasserbauinspcktor Mohr, bisher in Thiergartenschleuse, unter der Oberleitung- des Regierungs- und Baurats Dickhoff in Potsdam übertragen worden ist. Die Ausführung des Dortmund-Ems-Kanals ist bekanntlich von dem vorherigen Aufbringen der Grunderwerbskosten durch die Interessentenkreise abhängig, zu welchem zwar bereits Schritte gethan sind, welches aber »*ch nicht zum Abschluß gekommen ist.
Ausland.
Franzensbad, 1. Sept. Der russische Minister des Aeußeren, v. Giers, gedenkt morgen von hier abzureisen, nachdem heute die Vermählung seiner Tochter stattgefunden hat.
Pest, 1. Sept. Die Mitglieder der deutschen militärischen Deputation, welchen man allerseits mit großer Aufmerksamkeit begegnet, waren als Gäste des Kaisers gestern zur Hoftafel gezogen und begaben sich heute morgen, der Suite des Kaisers attachiert, mittelst eines Hofzuges nach dem Manöverfelde.
Paris, 1. Sept. Tie „Agence Havaö" meldet aus Rom: Der Papst nahm die von Frankreich vorgeschlagene Transaktion bezüglich der diplomatischen Vertretung in China an.
Geschichtskalender.
3. September.
1658. Oliver Cromwell (geb. den 25. April 1599) stirbt, sein Sohn Richard folgt ihm im Protektorate.
1759. Der portugiesische Staatsminister Marquis von Pombal verbannt durch König!. Edikt die Jesuiten als Hochverräter aus allen Portugiesischen Städten.
1813. Oesterreich schließt mit Rußland und Preußen den Teplitzer Allianz-Vertrag.
Wanda.
Bon A. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Eine kleine Pause entstand, Wanda legte sich aufathmend mit einem glückseligen Ausdruck in ihren Zugen gegen den Stuhl zurück und gewahrte jetzt erst durch einen raschen Ausblick in das Gesicht ihres Verlobten das veräudeite bleiche Aussehen desselben. Wie ein Blitz schoß es durch ihr Gehirn, daß der Geselle Kenntnis von ihrem früheren Leben, ihrer Bekanntschaft mit der Schausptelerfamilie ei halten haben könne und daß er jetzt Verdacht schöpfen müsse, nun sie so unverhohlen ihr Interesse für die Erzählungen von dem jungen Direktor gezeigt hatte. Es galt deßhalb, ihrem Verlobten jeden Argwohn zu nehmen, ihn wieder unbefangen zu machen, und ihren Kopf leicht und anmutig gegen die Schulter des jungen Mannes lehnend, flüsterte sie ihm leise zu:
„Wie töricht man doch ist, immer roch ein gewisses Interesse für das zu behalten, was uns in unseren Kmder- jahren begegnete. Du hörte ich die guten Leute vor uns den Namen eines Schauspieldirektors aussprechen, mit dessen Schwester ich als unerwachsenes Mädchen bckannt war und die ich damals häufig besuchte. Immer und immer hoffte ich, der Herr und die Dame würden meiner früheren Freundin Felwita Erwähnung thun, aber nichts dergleichen geschah, ihr Gespräch drehte sich nur um Sachen, die für mich ganz ohne Bedeutung waren.*
Der Geselle athmete auf, den« die leicht und sorglos
ausgesprochenen Worte seiner Geliebten beruhigten ihn völlig. Mit einer schnellen Bewegung faßte er die Hand der Geliebten und sie heftig drückend, stammelte er bewegt: „Ich danke Dir, Wanda, ich habe ein törichtes schwaches Herz, das immer wieder an Dir zu zweifeln versucht und das Du mit Deiner Güte und Offenheit b schämst.*
Das Gesicht des Mädchens zeigte einen erftauutin, fragenden Ausdruck, einen Ausdruck, der den jungen Mann vollständig zufrieden stellte und ihn dazu veranlassen wollte, der Geliebten zu erzählen, daß er den Namen der Braut des Schauspieldirektors kenne, als ihm einfiel, daß das Verlöbnis wohl noch geheim gehalt-n werden solle, da es selbst in den Kreisen oer Schauspieler noch nicht bekannt schien. Frei und glücklich, nun der Schatten der Eifersucht wieder zerstreut war, wandte er seine Aufmerksamkeit der Bühne zu und nicht im Geringsten kam ihm der Gedanke, daß seine Braut identisch mit jenem Sterne sein könne, von dem die Fremden gesprochen hatten. Wanda aber wußte es wohl, weshalb sie nichts von den Worten verstand, die die Schauspieler_ sprachen, weshalb die Lichter vor ihren Augen tanzten, die Töne vor ihren Ohren brausten, weshalb sie die Augen fest und strahlend auf die Bühne gerichtet hielt und doch von dem, was.dort vorging, nichts sah. Ihr Lehrer, ihr Geliebter, ja sie wußte es wie mit einem Zauber- schlage, daß sie ihn liebe, hatte von ihr gesprochen, ste einen Stern genannt, ihre Schönheit, ihr Talent bewundert und eine Vereinigung mit ihr geträumt. Hochauf hätte fie jubeln mögen und sie folgte nach dem Schluffe des Stückes dem Gesellen so heiter, scherzte und lachte so kindlich frob, daß der junge Mann glücklich über die Wendung in der Laune der Geliebten war, .
„Und was nun, Wanda, gehen wir nun nach Hause, gestehen es den Eltern, wo wir gewesen, und bitten um ihre Verzeihung, daß wir ohne ihie Erlaubnis das Theater besuchten?' fragte er beim Heraustreten aus dem Schau- spielhause ins Freie, und reichte dem Mädchen seinen Arm.
„Wenn Du es für das Beste hältst, können wir es ja so machen,' erwiderte Wanda seufzend, „aber ewig schade
bleibt es doch, daß wir unsere vornehme Rolle sticht zu Ende spielen und jctzt nach Hause gehen, wo die anderen Besucher des Schauspielhauses erst ein Restaurant aufsuchen, um zu Abend zu essen.'
„Wir würden ja nicht ins Hans hineiukommen, denn ich habe keinen Schlüssel mit," warf der Geselle schwach und nachgiebig ein.
„Dafür ist durch Zufall gesorgt,' unterbrach ihn das Mädchen mit leuchtenden Augen, „ich sah den Hausschlüffel heute Mittag auf der Kommode liegen und muß ihn in Gedanken zu mir gesteckt haben, anstatt ihn an die Wand zu hängen, denn ich fühlte ihn schon vorhin in meiner Tasche." #
Eine Viertelstunde darauf faßen die beiden jungen Leute in einem Restaurant und waren sehr eifrig dabei, den gewählten Speisen zuzusprechen und von dem Weine zu trinken, der in den Gläsern vor ihnen perlte.
Manches Lorgnon wu de von den anwesenden Herren zum Ange erhoben, um das sonderbare Paar scharf zu muste'n, von dem das Mädchen so stattlich, schön und vornehm, der Mann so schlicht und einfach erschien. Wanda war es sich wohlbewußt, wie sehr ste in diesen Räumen ausfi.l, und die Freude hierüber, das Wohlbehagen, den heutigen Genuß bis auf die Hefe zu leeren, färbte ihre Wangen noch höher, ließen sie roch einnehmender erscheinen, während der Geselle sich unbehaglich fühlte und mit mißmürigm eifersüchtigen Augen umherschaute. Wohl eine Stunde saß der junge Mann mit seiner Braut in dem glänzenden Lokale, sein G sicht glühte, jede Fieber seines Körpers bebte vor Aufregung und der ungewohnte Genuß des Weines raubte ihm faßt die Sinne. Er behielt kaum die Fassung, dem Kellner die hohe Rechnung zu zahlen, die dieser ihm vsrlegte, dann forderte er seine Braut zum Verlassen des Restaurants auf und athmete freier, als er mit ihr auf der Straße stand.
(Fortsetzung folgt.)