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Ur. SO».

Marburg, Donnerstag, 2. September 1886.

XXI. Jahrgang.

ErsSrint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal« Lbonnements-Vreis bei der Expedition 2/< Ml., bei den Postämter 2 litt. 50 Bffi. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebahr für die gespaltene Zelle 10 Psg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

WnlsMc ÄitliW.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Hoasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudoli Stoffe in Frankfurt a M.,Berlin,Münchenund Köln; G. L. Daube und Co. n rank-urt c. M-, B rl n, Ha nov-ru.PariS.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition Martt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Für den Monat September nehmen alle Postan­stalten, unsere Agentur in Kirchhain, sowie unsere Expedition hier Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung

mit ihren Beiblättern

entgegen.

Znm Sedantage.

Wiederum Sedantag! Zwei kurze Worte, aber sie sagen Alles! Mag Jahr auf Jahr dahinrauschen im Zeitgetriebe, das Andenken an die großen Tage unserer Geschichte bleibt, vor Allem die Erinnerung an den größten Tag, an den von Sedan. Sedan schließt Alles in sich ein, worauf wir stolz sind, und worauf unsere Nachkommen noch stolz sein werden, das eine Wort erzählt eine lange Geschichte von deutscher Zwietracht, deutschen Kämpfen, deutschen Siegen und deutscher Einheit. Sedan zaubert uns die wohlbekannten Gestalten all der tapferen Helden und großen Männer vor unser Geistes-Auge, denen wir die Wieder­errichtung des Reiches verdanken; Sedan zeigt uns auch die Tausende, welche für des Vaterlandes Größe den Tod auf blutigen Gefilden fanden. Sedan ist unser Stolz; es enthält aber auch die Mahnung, auf der treuen Hut zu sein, und wenn es gilt, fest zu stehen zu Kaiser und Reich, zu zeigen, daß die Söhne der Tapferen von Sedan des alten Ruhmes würdig geblieben sind, daß die Thaten der Väter zu gleichem Ruhm begeistert haben. Sedan lehrt uns mit Stolz empfinden, daß wir Deutsche sind; es be­ansprucht als sein gutes Recht, daß wir, gerade im Hin­blick auf diesen Tag, treu bleiben deutschem Wesen und deutscher Einfachheit, nicht unsere Größe in dem suchen, was von anderen Nationen kommt. Nicht nur Deutsche heißen wir, wir sollen es auch in Wahrheit sein, und da kann noch Vieles geschehen.

Der Tag von Sedan warf die Scheinherrschaft des dritten Napoleon, die ihren Ruhm gesucht in fortwährenden Kriegen, die, aus Ehrgeiz entsprungen, dem Lande selbst den größten Nachteil brachten. Das ist die Lehre, welche Sedan dem jungen deutschen Kaiserreiche gegeben, die genau erkannt und trefflich befolgt worden ist. Wir sind nicht von Kriegen zu immer neuen blutigen Kämpfen über­gegangen, wir haben aus dem Kriege die rechte Kraft ge­funden, den Frieden zu erhalten. Deutschland birgt eine kriegstüchtige, aber keine kriegssüchtige Nation, das haben die letzten 20 Jahre in ihren Ereigniffen deutlich bewiesen. Und die Reichsregierung, vor allem unser greiser Kaiser, er, dem der Krieg gerade den größten Ruhm gebracht, haben diesem Zuge des Volkscharakters Rechnung getragen, ihren Stolz und Ruhm fortan darin gesucht und gefunden, nicht allein dem deutschen Reiche, sondern ganz Europa den Frieden zu erhalten. Ohne den Glanz aber, welchen Sedan

dem deutschen Kaiser, dem deutschen Reich und dem deutschen Volk gegeben, würde es niemals möglich gewesen sein, diese Rolle des Hüters des Friedens durchzuführen, die nicht immer leicht war. Der redliche Wille, den Frieden zu wahren, streifte oft hart an der boshaften Sucht, ihn zu stören, und äußerste Staatsklugheit war notwendig, den Zusammenstoß, der in unmittelbarer Nähe erschien, zu verhüten. Daran gedenken wir besonders gern in der gegenwärtigen Zeit. Wir wollen nicht übermütig in die Zukunft schauen, aber in treuer Erinnerung an den Sedan­tag, in der Ausübung! Befolgung der damals empfangenen weisen Lehren haben wir nicht nötig, uns thörichten und ängstlichen Bedenken hinzugeben. Mag auch ein Weltbrand entstehen, durch den Tag von Sedan ist das deutsche Haus fest gebaut, es trotzt manchem Anprall, wenn es nur treue Hüter besitzt.

Der Tag von Sedan hat uns auch die rechte Kraft und die echte Lust gegeben, in den friedlichen Wettkampf der Völker in Handel und Wandel einzutreten, auch da nach dem Höchsten zu ringen. Und mit jedem neuen Jahre erkennen wir immer besser, daß wir nicht umsonst gerungen und gearbeitet, daß uns schöner Lohn geworden ist. Dafür, daß eine Handelskrisis den internationalen Verkehr unheilvoll beeinflußt, kann die deutsche Industrie nichts, sie hat gekämpft und auch sie ist bewährt gefunden. Der Ruhm des Sedantages hat die Deutschen in der Heimat und jenseits des Weltmeeres fester mit einander verbunden, er hat es wahr gemacht des Dichters Wort, daß des Deutschen Vaterland ist, soweit bie Deutsche Zunge klingt. Auch dieser segensreichen Folgen des Sedan­tages wollen wir gern wieder und wieder gedenken; ist doch das Volk niemals ein wirklich großes, das, nur in Waffen starrend, alle Künste und Gewerbe des Friedens vernachlässigt. Deutschland hatte viel in dieser Beziehung einzuholen; aber es ist mutig vorangeschritten, der Stolz des Sedantages feuerte alle an, dem Vaterlande auch im Friedens-Wettstreit eine immer ehrenvollere Stellung zu­zuweisen. Was ein geeinigt Volk vermag, das haben wir gesehen; vergessen wir es darum nie, daß des Kaiser­reiches Größe auf der Einigkeit seiner Stämme beruht.

So bildet der Sedantag in Wahrheit den Ausgangs­punkt einer neuen, deutschen Gcschichtsperiode, einer neuen deutschen Kulturentwicklung, und das freuen wir uns. Nicht immer hat heiterer Himmel in den vergangenen 16 Jahren ob unserem Vaterlande geherrscht, manche Wolke ist gekommen und nicht wieder gegangen; aber ziehen wir das große Schlußresultat, so freuen wir uns doch unserer Zeit. Vollkommenes werden wir auf Erden niemals werden, und es hat viel, viel schlimmere Zeitperioden ge­geben, als die Jahre 1870 bis 1886. Der große natio­nale Zug von 1870/71 ist noch lange nicht geschwunden, er herrscht fort, und er wirs auch in den deutschen Herzen

bleiben, so lange das Gedenken an den Sedantag fort­dauert. Stiller, äußerlich stiller wird im Verlauf der Jahre die Feier des 2. September werden, aber stetig wird in jeder deutschen Brust stolze Genuglhuung erwecken der Klang des Wortes: S e d a n!

Deutsches Reich.

Berlin, 31. Aug. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: DieMorning Post" ist der Ansicht, daß die Rückkehr des Fürsten Alexander nach Bulgarien Verwickelungen her­beiführen könne, daß letzere sich aber wesentlich vermindern würden, wenn Rußland bei einem weiteren Vorgehen in der Orientalischen Frage sich einem gemeinsamen Einver­nehmen der übrigen Mächte gegenüber befände. Mittel- Europa sei einer Situation müde, welche den Handel lähme, große Rüstungen notwendig mache und die ganze Welt in Ungewißheit und Besorgnis wegen der Zukunft erhalte. Wenn dieMorning Post", wie man nach dieser Aus­lassung annehmen muß, die Schuld an derUngewißheit und Besorgnis", welche die Welt erfüllen, in den bul­garischen Verhältnissen sucht, so beweist das, daß sie die Lage Europas völlig falsch beurteilt. Wir haben an Bul­garien gar kein Interesse; die Verhältnisse dort lassen uns gänzlich unberührt, und um ihretwillen würden wir nicht einen einzigen Soldaten unter den Waffen halten. Die Nötigung für unsere Rüstungen geht von Frankreich aus; an unseren westlichen Nachbar möge sich dieMorning Post" hallen, wenn sie über Lähmung des Handels und Ungewißheit der Zukunft klagt. Unaufhörlich steigern die Franzosen ihre Kriegsmacht; aus jeder französischen Zeitung kann dieMorning Post" sich davon überzeugen, wie rapide die französischen Streitkräfte vermehrt werden, welche . finanziellen Opfer man bringt, um die Schlagfertigkeit der Armee zu erhöhen. In England weiß man doch sehr wohl, daß Deutschland seinen Blick beständig nach Westen gerichtet halten muß; man sollte dort also auch darüber nicht im Zweifel sein, daß lediglich Frankreich für die Situation Mittel-Europas, über welche dieMorning- Post" klagt, verantwortlich gemacht werden muß. Einen kausalen Zusammenhang zwischen dieser Situation und den bulgarischen Verhältnissen zu konstruieren, heißt sich mit den Thatsachen in Widerspruch setzen. Dem Ober­hofmeister des Kaisers von Oesterreich, Prinzen Hohenlohe, ist der -schwarze Adlerorden in Brillanten verliehen worden. Der Präsident des Abgeordnetenhauses, Herr v. Köller, ist zum wirklichen Geheimen Rat mit dem Titel Excellenz ernannt worden. Die europäische Lage wird heute hier überaus friedlich angesehen und es wird versichert, daß einflußreiche Bemühungen zu einem persönlichen Ausgleich zwischen dem Kaiser von Rußland und dem Fürsten Alexander von Bulgarien eingeleitet seien und daß diese Be­mühungen nicht als aussichtslos bezeichnet werden könnten.

Sedan.

Des Vaterlandes Himmel ziert ein Stern, Der leuchtet hell in guten, bösen Tagen, Sein Schimmer glänzt hin über alle Welt, Am Meer und dort, wo Bergesfirsten ragen!

Der Stern erbleicht vor keiner and'ren Pracht, Die blitzt daher aus fernen, stolzen Landen, Er übt gcwalt'ge, wundersame Macht, Er schlägt den dreisten Sinn in Ehrfurcht-Banden.

Doch allen in dem deutschen Kaiserreich, Die freudig schaun nach seiner Strahlen Licht, Die füllt er an mit echtem deutschen Mut, Der niederzwiugt den neiderfüllten Wicht.

Wenn Wetterwolken zieh« am Horizont, Der Stern bleibt hell gleich einer heil'gen Zier, Und ob der Donner in der Runde kracht, Tönt's lauter noch: Sedan ist das Panier.

Das ist am Himmel hoch der Sedanstern, Der scheint uns hell in guten, bösen Tagen, Den Ruhm des Sedantag's erkennt die ganze Welt, Am Meer und dort, wo Bergesfirsten ragen!

Geschichtskalender.

2. September.

1255. Königsberg in Preußen wird gegründet.

1792. Der Septembermord in den Gefängnissen von Paris beginnt und dauert bis zum 6. d. M.

1800. Der franz. Oberfeldherr Menou, eingeschlosten in Alexandrien, schließt mit den Engländern und dem Sultan einen Vertrag, Aegypten zu räumen.

1807. Die Engländer beginnen ihr mehrtägiges Bom­bardement von Kopenhagen.

1870.

2. Sept. Kapitulation von Sedan. Kaiser Napoleon mit 4000 Offizieren und 80000 Mann gefangen ge­nommen. Mac Mahons Armee ergiebt sich.

Wanda.

Von A. Gnevkow. (Fortsetzung.)

Leise, leise rauschten die Klänge der Ouvertüre durch den hohen hellerleuchteten Raum, und schwollen dann an, daß es wie das Brausen des Windes, wie das dumpfe Grollen der aufgeregten Meeresflut durch den Saal ging. Das klang doch anders als die Musik der Fibeln daheim, das war selbst noch so viel, viel schöner als die kleinen Konzerte, als die Musik in unbedeutenden Theatern, die der Geselle bisher mit auhörte. Wortlos saß er neben Wanda, deren Augen mit gespannter Erwartung an dem buntbemalten Vorhang hingen, und während ihre Seele nur den einen Wunsch kannte, daß das Schauspiel bald beginnen wöge, schwelgte der junge Mann in dem Genüsse, den die glänzende Umgebung, die schöne Musik ihm gewährte.

Endlich flog der Vorhang in die Höhe und in ergreifender Weise kam eins jener Volksschauspiele zur Aufführung, das tief zum Herzen gehen muß, weil sein Inhalt treu aus dem Leben geschöpft wurde. Athemlos verfolgte das Mädchen den Gang des Stückes und achtete auf die Bewegung der Schauspieler und Schauspielerinnen. Wäre Josephs Auf­merksamkeit nicht selbst dergestalt gefesselt gewesen, daß er für nichts Anderes Sinn hatte, als was auf der Bühne vorging, sein Herz hätte sich doch wohl zusammengekrampft bei dem Hinblick auf die mächtige Erregung feiner Braut, und der Glaube wäre in seiner Brust erloschen, daß die früheren Wünsche des Mädchens tot seien und es nur eine aufmerksame Zuschauerin wäre.

Zweimal war der Vorhang bereits gefallen und zweimal wieder in die Höhe gezogen worden, als in der Pause nach dem dritten Akte ein Herr und eine Dame, die auf den Stühlen vor Joseph und Wanda saßen, ein leises, aber doch deutlich verständliches Gespräch mit einander begannen.

Es ist schade," sagte die kleine, übermäßig aufgeputzte alte Frau zu ihrem Nachbarn,daß der Direktor W. . . heute nicht mitwirkt. Unter allen Schauspielern ist er mir der liebste; mit seiner eleganten Erscheinung, seinen feinen Manieren, bildet er immer die wirksamste Figur in einem Stücke."

Du sprichst mir aus der Seele, liebes Kind," antwortete der Herr, der also ihr Gatte zu sein schien,und Du er­innerst Dich wohl, daß ich, so lange ich das Direktorat der Bühne hatte, ihn immer zu bestimmen suchte, möglichst oft aufzutreten. Jetzt, wo er zu herrschen hat und sein freier Herr ist, bleibt ihm wohl nicht die Zeit, Rollen zu lernen, auch sagte er mir neulich, als ich bei ihm war, daß er viel mit der Heranbildung eines Mädchens zu thun habe, das dereinst bestimmt sei, ein erster Stern des hiesigen Theaters zu werden.

Joseph, der zuerst nicht darauf achtete, was vor ihm gesprochen wurde, hob den Blick mit einiger Verwunderung in die Höhe, als er sah, daß Wanda ihm ganz nahe rückte und den Kopf lauschend vornüber beugte.

Kleine Neugierige!" sagte er scherzend und versuchte das gesenkte Haupt seiner Braut zu heben; mit einer un­willigen Bewegung schob das Mädchen aber seine Hand zurück und verharrte in der vorherigen Stellung. War die Neugier seiner Geliebten dem jungen Manne zuerst spaßhaft vorgekommen, so regte sich jetzt wieder eine leise Eifersucht in ihm, er fand es unbegreiflich, daß das Mädchen Wert auf Gespräche von Fremden legen konnte und achtete doch von nun an selbst auf jedes Wort, das die Ehegatten mit einander wechselten.