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Marburg, Mittwoch, 1. September 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
__________ ____________ Exped-tion Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Die russischen Staatspapiere.
Als vor einigen Zähren der englische Markt die russischen Anleihen, welche dort in großen Summen vertreten waren, von sich stieß, waren es die großen deutschen Banken und Bankiers, welche die russischen Effekten aufnahmen und nach Deutschland brachten. Dieselben sind nur noch zum kleineren Teil in den Händen der Bankiers; sie sind vielmehr überwiegend und zu ziemlich hohen Kursen in die Hände des großen Publikums gelangt. Ein Rückblick auf das Börsengeschäft während der letzten 18 Monate zeigt deutlich, daß die Tendenz zum Fallen der russischen Kurse schon längst latent vorhanden war. Ihr ist aber stets durch den Hinweis auf den friedlichen Gang der russischen Politik und durch andere Mittel begegnet worden, so daß das Niveau dieser Kurse ziemlich behauptet blieb. Zu diesen Mitteln gehört allem Anschein nach auch das von Zeit zu Zeit wieder aufgefrischte Gerücht, daß die Konvertierung der russischen Staatsanleihen bevorstehe. Daß die Konvertierung geplant und auch gewünscht wird, das steht fest. Nicht so sicher ist es aber, ob die Konvertierung so bald stattfinden wird. Die russischen Staats- Anleihen repräsentieren eine Summe von etwa 4 Milliarden Mark. Um eine solche Operation auszuführen, bedarf es vollkommen ruhiger Zeiten; der Friede müßte durchaus gesichert sein. Aber selbst, wenn dem so wäre, so ist anzunehmen, daß sich die russische Regierung zweimal und dreimal besinnen wird, ehe sie in eine Zinsherabsetzung willigen wird. Vier oder gar 3'/» Prozent sind viel, viel zu wenig für ein russisches Papier. Wenn dermaßen niedrige verzinsliche Papiere in dem Publikum Aufnahme finden sollen, so wäre dies nur möglich, wenn die Finanzmächte den ganzen komplizierten und kostspieligen Operationsplan der Börse spielen lassen und das werden sie nur dann thun, wenn ihnen die russische Regierung einen enormen Tribut entrichtet. Die Vorteile der Zinsersparnis könnten schon dadurch illufsorisch werden. Dann ist aber auch zu beachten, daß früher oder später das Geld auch wieder im Wert steigen wird. Wenn Jndustrie- und Handelsunternehmungen wieder rentabel werden, dann wird man nicht viel Meinung für ein 3'/- oder 4 Prozent, russisches Staatspapier haben. Das ist auch zu beachten. Möglicherweise werden alsdann neue Finanzoperationen bevorstehen. Aber all' dies kann unmöglich dem russischen
Staatskredit zum Vorteil gereichen. Es kann unmöglich angenommen werden, daß so gewandte Geschäftsleute, wie die russischen Finanziers, sich nicht all' dieser Umstände und ihrer eventuell verhängnisvollen Bedeutung bewußt sein sollten. Es muß angenommen werden, daß sie dies sehr genau wissen. Bleibt aber da noch die Annahme stichhaltig, daß sie in der That umfassend konvertieren wollen? Ja, ist es für unbedingt sicher zu halten, daß sie auch nur die Konversion der Goldrente vom Jahre 1877 wollen? Das erstere erscheint ganz ausgeschlossen; das zweite ist nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich Jemehr gleich das Schicksal unserer Industrie und unseres Handels, der nur dann wieder festen Boden erlangen kann, wenn der Birne'allismus zum Sieg gelangt. Wird die englische Kommission durch die offene und geheime Beeinflussung seitens der Goldwährungspartei lahm gelegt, so werden die Ereignisse darum doch ihren Lauf nehmen. Aber zu einer schnellen und befriedigenden Lösung der Streitfrage kann eine sachlich verfahrende Kommission sehr viel beitragen.
Bulgarische Nachrichte«.
Rust sch uk, 29. Aug. Die Landung des Fürsten erfolgte unter Salutschüssen und stürmischen Freudenkundgebungen. Die Stadt ist festlich geschmückt und beflaggt. Der Fürst wurde zunächst vom Metropolitan und dem Konsularkorps begrüßt und sodann von Stambuloff namens des bulgarischen Volkes bcwillkommt, welches die Verräter verabscheue und die Regierungsgewalt wieder in die Hände des Fürsten lege. Der Fürst erwiderte, er sei überzeugt, daß das bulgarische Volk ihm fortgesetzt sein Vertrauen zuwende. Er werde sein Leben dessen Wohlfahrt widmen. Es verlautet, der Fürst werde sich morgen früh um 4 Uhr nach Sistowa, dann nach Tirnowa und Philippopel und erst schließlich nach Sofia begeben.
Sofia, 29. Aug. Zwei aufständische Bataillone mit fünf Batterien begaben sich von Dvfia nach Radomir.
L o n d o n, 30. Aug. Die meisten Morgenblätter sprechen ihre Befriedigung über die Rückkehr des Fürsten Alexander nach Bulgarien aus, verhehlen jedoch nicht die Besorgnis, daß diese Rückkehr Verwickelungen herbeiführen könnte. Die „Morningpost" glaubt, die Verwickelungen würden sich wesentlich vermindern, wenn Rußland bei seinem weiteren Vorgehen in der orientalischen Frage im gemeinsamen Einvernehmen mit den übrigen Mächten handeln werde; dies ließe sich ohne die Notwendigkeit des Appells an die Waffen herbeiführen. Mitteleuropa sei einer Situation müde, welche den Handel lähme, große Rüstungen notwendig mache und die ganze Welt in Ungewißheit und Besorgnis wegen der Zukunft erhalte. Die „Times" vermutet, Fürst Alexander sei auf den ihm durch den Gesandten White übermittelten Rat der englischen Regierung nach
Bulgarien zurückgekehrt; sie meint, alles deute darauf hin, daß der Kaiser von Rußland und seine Ratgeber geneigt seien, vorläufig wenigstens die vollendeten Thatsachen anzuerkennen.
Daß Rußland und zwar das offizielle Rußland der Anstifter der bulgarischen Revolution gewesen ist, dafür treten immer gravierendere Belege auf. Die „Pol. Korr." meldet: Der Militär-Attachö des russischen Generalkonsulats m Sofia, Oberst Zacharow, früherer Kommandant der Junkerschule, habe einigen Offizieren des bulgarischen Knegsministeriums an der Junkerschule für den Fall, daß fic, den Fürsten verjagten und den Wiedereintritt russischer Offiziere in die bulgarische Armee zulasten würden, versprochen, daß die bulgarischen Offiziere mit ihrem bulgarischen Range in die russische Armee übernommen und die Brigade-Kommandanten pensioniert werden würden. Als man ferner die Mitglieder der gestürzten provisorischen Regierung in Rahova festnahm und auf dem Dampfer „Jegethost" internierte, wobei Gruew sich durch einen Sprung in das Wasser retten wollte, aber aufgefischt wurde, fand man bei ihnen große Summen russischen Geldes. Auch die serbischen Blätter vom 21. d. berichteten, daß es in gewissen Gegenden Bulgariens von russischen Agenten wimmle, welche über sehr bedeutende Geldmittel verfügen. Jn Kalafat, Widdin gegenüber, jedoch schon auf rumänischem Gebiet, sollen sich wochenlang drei Russen aufgehalten haben, welche sich als Kaufleute ausgaben, aber thatsächlich keinerlei Handelsgeschäfte trieben. Sie empfingen von Widdin häufig Besuche, aber nur von solchen Bulgaren, die zu den Anhängern Rußlands zählen und dem Fürsten Alexander feindlich gesinnt sind. Man verbreitete sogar die Nachricht, jene drei Russen seien mit der Anwerbung eines bulgarischen Freikorps beauftragt, welches in Bulgarien einrücken und einen russischen Großfürsten zum König von Bulgarien ausrufen wolle. Die Behörden in Widdin sahen diesem Treiben lange unthätig zu; als sie endlich an den rumänischen Unterpräfekten in Kalafat die Anfrage richteten, wie es sich eigentlich mit jenen drei Russen verhalte, antwortete dieser, sie seien bereits abgereist und er wisse über dieselben nichts zu berichten. Auch längs des Timokflusses, welcher östlich die Grenze zwischen Serbien und Bulgarien bildet, sollen russische Agenten erschienen sein, »in die Bewohner nicht allein gegen den Fürsten von Bulgarien, sondern auch gegen den König von Serbien aufzureizen, den sie gleichfalls als einen Feind Rußlands und der südslavischen Sache bezeichneten. In Gatschkowo und Bracewatsch bewirteten diese Agenten die Bewohner in freigiebigster Weise und verteilten unter dieselben auch Geld.
G-schichtskal-nVer.
1. September.
1700. Peter I. von Rußland erklärt Schweden den Krieg.
1715. Ludwig XIV. von Frankreich stirbt nach einer 54jährtgen selbstständigen Regierung.
1870.
1. September. Entscheidende Schlacht bei Sedan. — Fortsetzung des Kampfes bei Metz. Franzosen überall geschlagen.
Wanda.
Von A Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Das Mädchen blickte von der Seite her zu dem Gesellen auf; es war ein schneller, prüfender Blick, der ihn traf, dann umflorten stch leise die dunklen Augensterne und, ihre Hand aufs Neue aus der dis Geliebten lösend, blieb sie auf einige Schritte hinter den alten Leuten zurück und fragte ernsthaft:
„Was soll aus unserer Ehe werde», Joseph, wenn Du jetzt so wenig Vertrauen zu mir hast; meinst Du vielleicht nicht auch, daß es besser wäre, unter diesen Umständen unser Bündnis zu lösen?"
Wenn etwas geeignet war, den armen Burschen vollständig uiederzuschmettern uud ihn vollends kopflos zu machen, so waren es diese Worte, die einförmig uud deutlich über die roten Mädchenlippen kamen und ihn wie ebenso viele glühende Tropfen Blei trafen. Er glaubte nie zuvor in solchem Maße empfunden zu habeu, was Wanda ihm sei, wie in diesen schmerzvollen Augenblicken und tausend Beteuerungen seiner Zuneigung, seiner Besserung verschwendete er dem jungen Mädchen gegenüber.
Ader die Meisterstochter wußte sehr gut, warum sie noch »eiter die Empfindliche spieste, warum sie böse and hart
näckig that. Der Geselle mußte ihr Sklave, ihr vo llstandigcr Sklave werden und sie Hörle mit trübem unglücklichem Lächeln die Versicherung ihres Verlobten an, daß er alles für sie thun werde, daß sie jedes Opfer von ihm verlangen könne.
Auch den ganzen Tag über, den der Geselle in einem schmerzvollen, aufreibenden Seelenzustande hinbrachte, und an dem es ihm ganz zur Unmöglichkeit wurde, seine Brant zu verlassen, um seinen Gläubigern die Schuld abzutragen, blieb Wanda ihrer Rolle getreu, vermied den Bräutigam, der sich ihr ängstlich zu nähern suchte und antwortete einsilbig auf seine vielfachen, hastigen Fragen.
Sie selbst war es, die im Laufe des Nachmittags einmal wahrend eines gleichgültigen Gespräches erwähnte, wie sehr sie es gewünscht hätte, heute einen gemütlichen Spaziergang unternehmen zu können und auf das ungestüme Drängen und Bitten ihres Verlobten hin gab sie denn schließlich nach noch gegen Abend mit ihm auszugehen.
Stillschweigend durchwanderte das junge Paar einige Straßen und während Joseph aufmerksam jeden Wechsel in den Mienen der Geliebten studierte und von Zeit zu Zeit schüchtern ihre Hand zu fassen suchte, schien diese nur Augen für die Schaufenster zu haben, in denen schon die Gasflammen angezündet wurden, und ließ häufig die Anreden des Gesellen ganz und gar unbeachtet.
, Die Schatten des Abends sanken immer tiefer herab, ein Frösteln überschlich den Körper des jungen Mannes er hätte sein Leben für ein freundliches Wort der Geliebten geben mögen und er folgte willenlos dem Mädchen, wohin es ging. Traulich warfen hellerleuchtete Fenster ihren Schein auf die Straße hinunter, von Zeit zu Zeit stand wie ein eiserner Wächter eine hohe Laterne mit gläsernem Haupte neben den jungen Leuten uud glänzende Karossen rasselten an ihnen vorüber.
Wanda seufzte hörbar: „Wie glücklich doch die reichen vornehme» Menschen find," sagte sie nach einer Pause, die dmch kein Wort ihres Verlobten ausgefüllt worden war
traumverloren vor sich hin: „da sitzen sie nun in den weichen Polstern ihrer Equipagen und haben den Kopf damit erfüllt, wie sie stch am heutigen Abende amüsieren können. Ich wünschte wohl, auch einmal eine große Dame zu sein und nach meinem Wunsche zu leben."
Dem Gesellen fuhr es wie ein Stich durchs Herz und ein seltsames Rauschen und Klingen in der Luft gestaltete sich ihm zu den mahnenden Worten des Altgesellen: „Hüten Sie sich, Joseph, die Schlange schläft nur, eines Tages aber wird sie schon erwachen und wir werden ihr Züngeln mit Schrecken wahrnehmen." Gleich darauf verwarf er aber diesen Gedanken, wie eine Sünde, die er gegen feine Liebe beging und mit einer schnellen Handbewegung nach der Brusttasche fassend, wo er seine zwetundvierzig Thaler wohl verwahrt hatte, fragte er mit einem Hellen Leuchten seiner Augen: „Und was meinst Du wohl, Wanda, was uns abhalten sollte, einen Abend so zu verleben, wie die, die hundertmal mehr, wie wir besitzen, habe ich nicht Geld, Geld genug für uns Beide, um uns das zu gestatten, was sich jene Menschen in den Equipagen gewähren wollen?"
Die Hand Wandas, die er ergriffen hatte, zuckte leise, ihr Gesicht wandte sich halb nach ihm um und die großen, jetzt melancholisch blickenden Augen hefteten stch mit einem leidenschaftlich erregten Ausdruck auf die Züge des jungen Mannes. „Du bist gut, Joseph," murmelte sie halblaut, ,so gut, wie eine junge Mutter zu ihrem trotzigen Kinde und wo ich Dir weh gethan und Dich geärgeit habe, sinnst Du »och darauf, mir eine Freude zu bereiten."
»Also wäre es Dir ein Vergnügen, würde es Dich heiter machen, wenn wir uns heut amüfierteu?" fragte der junge Maim mit zitternder Freude und wagte es, begünstigt von der Dunkelheit, den Arm um die fchlanke Gestalt der Ge- liebten zu legen. Das Mädchen schmigete sich innig an ihn: „Warum soll ich es leugnen," fügte sie leise und eilig fort-
'^b ich mich manchmal danach sehne, gleich deu Mädchen meines Alters zu Bällen, zum Theater gehen zu