Nr «02.
Marburg, Sonntag, 29. August 1886.
XXI. Jahrgiing.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.
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Wochenschau.
Unser Kaiser verweilt noch mit der Kaiserin Augusta in Babelsberg, hat aber von dort aus mehrere Male Berlin besucht, wo der König von Portugal zum Besuch eingetroffen ist. Der Kaiser fühlt sich sehr wohl, hat fast täglich Truppenübungen beigewohnt und den französischen Botschafter von Courcel, der in das Privatleben zurück- tritt, sowie den chinesischen Botschafter Marquis Tseng empfangen. Beide Diplomaten sind vom Kaiser sehr ausgezeichnet, dem französischen Botschafter, der sich aufrichtig bemüht hat, gute Beziehungen zwischen dem deutschen Reiche und Frankreich zu pflegen, ist der Schwarze Adler- Orden verliehen worden. Marquis Tseng hat von Berlin aus noch verschiedene industrielle Etablissements besucht, so in Chemnitz, in Buckau bei Magdeburg und Krupp in Essen. — Zwei Ersatzwahlen zum Reichstage haben in der letzten Woche stattgefunden, beide machen eine Stichwahl notwendig: Im Wahlk'.eise Lauenburg zwischen dem konservativen und freisinnigen Kandidaten, im Wahlkreise Bromberg zwischen dem konservativen und polnischen Kandidaten. In Metz hat das feierliche Begräbnis des verstorbenen Bischofs Düpont staltgefunden.
Die stille saure Gurkenzeit ist wie mit einem Schlage verschwunden. Die neuesten Ereignisse auf der Balkan- Halbinsel, deren Mittelpunkt der junge Bulgaren - Fürst Alexander von Battenberg ist, haben in ganz Europa und namentlich auch in Deutschland eine hochgradige Aufregung und tiefe Teilnahme für den mit so vielen bitteren Erfahrungen verfolgten Fürsten hervorgerufen. Und es war auch ein starkes Stück, das sich in Sofia abspielte: Eine feile Gesellschaft erkaufter Verräter nahm den Fürsten nachts in seinem Palaste gefangen, schleppte ihn fort, konstituierte sich als Regierung von Rußlands Gnaden und verbreitete in Bulgarien und Rumelien die Nachricht, der Fürst habe freiwillig, adgedankt. Rußlands Spiel schien gewonnen, Fürst Alexander definitiv beseitigt. Aber der schmähliche Trug kam bald genug an's Licht. Sonnabend war Fürst Alexander abgesetzt, am Montag erhoben fich schon alle rumelischen und viele bulgarischen Regimenter und ein großer Teil der Bevölkerung für ihn, in Timowa bildete sich eine dem Fürsten treue Regierung und am
Geschichtskalender.
29. August.
1526. Die Türken siegen über die Ungarn bei Mohacz; der König Ludwig H. von Ungarn fällt.
1798. Papst Pius VI. stirbt zu Valence in französischer Gefangenschaft.
30. August.
1523. Ulrich von Hutten (geb. 22. April 1488) stirbt auf der Insel Ufenou.
1757. Der Preußische General Lehwald wird von den Russen bei Großjägerndorf geschlagen.
1813. Die Generale Ostermann und Kleist nehmen den in der Schlacht bei Kulm und Nollendorf geschlagenen ftanz. Feldmarschall Vandamme gefangen.
1870.
29. August. Mac Mahon wird über die Maas gedrängt. 30. „ Schlacht bei Beaumont.
Wanda.
Von A. Gnevkow. (Fortsetzung.)
Es war das erste Mal, daß Joseph den Arm seiner Braut bei einem Spaziergange auf dem seinen ruhen fühlte, denn bisher hatte das Mädchen cs ängstlich vermieden, ihm eine solche Vertraulichkeit auf der Straße zu gewähren, und er hatte ihre Zurückhaltung mit Freude bemerkt und die Erzählung des Altgesellen von der Koketterie der Meisters- tochrer heimlich verlacht. Aber so sonderbar ist das Menschenherz geartet, daß er es jetzt doch gewissermaßen als Genug- thuung empfand, daß sich Wanda nicht mehr scheute, ihn der Welt als ihren Bräutigam zu zeigen und wenn sich das Mädchen leise und innig an ihn schmiegte, warf er so stolze, herausfordernde Blicke um sich, als rufe er alle Vorübergehenden zu Zeugen seines Glückes an.
Daß er unter solchen Umständen nicht an den eigent» lichen Zweck seines Ausganges dachte, war erklärlich, auch
Dienstag war die Regierung des Verrates, die sich sogar nicht entblödet hatte, ihren früheren Fürsten Rußland als Staatsgefangenen anzubieten, gestürzt, ihre Mitglieder verhaftet. Ganz Bulgarien und Rumelien jubelt jetzt dem auf der Reise nach Darmstadt begriffenen Fürsten zu und verlangt seine Rückkehr. Diese Volkstreue der Bulgaren läßt die Handlungsweise der bestochenen Verräter, ihre furchtbare Nichtswürdigkeit um so greller hervortreten.
Was wird in Bulgarien geschehen? Rußland und die europäische Diplomatie sah durch den Sturz des Batten- bergcrs alle Balkanwirren beseitigt, die Gegenrevolution hat alle Pläne und Berechnungen durchkreuzt, die Großmächte haben von den Bulgaren eine ganz empfindliche Lektion bekommen. Am schwersten ist Rußland getroffen. Die Verräter - Negierung in Sofia rief ausdrücklich die Bulgaren zum Kaiser Alexander hin, die Bulgaren machten mit den Ruffenfreunden kurzen Prozeß und sperrten sie ein. Die Volkstreue hat dem kleinen Fürsten Alexander zu einem gewaltigen Sieg über den mächtigen russischen Czaren verholfen. Durch die Gegenrevolution hat sich die Lage ernster gestaltet, aber es ist doch zu hoffen, daß sich für jetzt in der einen oder anderen Weise alles friedlich ordnen wird. Allerdings, das wellen wir uns auch nicht verhehlen: Die bulgarischen Ereignisse haben die poltischen Verhältnisse einem großen Konflikt näher getrieben. Immer deutlicher wird es, daß unerwartete Zwischenfälle auch die umstchtigsteu diplomatischen Berechnungen über Orient - Angelegenheiten zerstreuen. Wohin das Gewitter einst zieht, läßt sich jetzt schwer absehen und Deutschland kann auch sehr ruhig allen Wetterwolken entgegenblicken, aber kommen werden sie und ein Menschenalter wird nicht mehr darüber vergehen. — Fürst Bismarck hat auf der Rückreise von Gastein, wo er noch in den letzten Tagen vom Kaiser Franz Joseph 'in stundenlangen Audienzen empfangen wurde, oen russischen Minister des Auswär, tigen von Giers in Franzcnsbad besucht, wo dann zweifellos über die unerwarteten Zwischenfälle verhandelt worden fein dürfte, aber dauernden Wert werden alle politischen Abmachungen nicht haben. Wie schon oben gesagt, der Orient zerstört alle Berechnungen. — Verschiedentlich wird gemeldet, Kalnoky wer e demnächst zum Besuch von Giers auch in Franzenöbad eintrcffen. Fürst Bismarck und Giers haben in Franzensbad viel gearbeitet; es sind dem „Berl. Tagbl." zufolge von Franzensbad nach Berlin, Wien und Petersburg binnen 24 Stunden 1100 Depeschen mit ungefähr 24000 Worten abgesandt worden.
Aus dem Auslände ist in dieser Woche, wo sich alles um Bulgarien und Fürst Alexander drehte, sehr wenig zu berichten. Aus Paris kamen drohende Nachrichten über ließ es Wanda durch ihr heiteres Geplauder nicht dazu kommen, daß er einen klaren Gedanken faßte. Das Mädchen war in rosigster Laune, scherzte und lachte wie ein Kind und blickte dann wieder den Gesellen so feurig und leidenschaftlich an, daß er unter diesem Blicke erzitterte und ein Gefühl im Herzen empfand, als könne er für seine Braut das Leben lassen.
Scherzend und plaudernd kamen die jungen Leute nur langsam vorwärts, denn Wanda blieb an vielen Schaufenstern stehen, um sich die darin zur Schau ausgelegten Gegenstände anzusehen und zu bewundern.
„Wie schön, o wie schön", stammelten von Zeit zu Zeit ihre Lippen, wenn farbenreiche Bänder, glänzende Roben ihre Aufmerksamkeit fesselten und dem Gesellen war es, als wurde der Brief, den er in der Tasche trug, immer schwerer, als finge das Geld den Umschlag zu durchbrennen an, als riefe es ihm zu: „Was bist Du für ein Geizhalz, daß Du der Geliebten nicht eine Freude machen, ihr nicht einen Wunsch erfüllen kannst."
In den Wind zerstoben waren alle reellen guten Vorsätze, vergessen, daß die fünfzig im Briefe eingeschlagenen Thaler sein ganzes Vermögen ausmachten, ausgetilgt die Berechnung, daß das Geld gerade nur hingereichi hätte, ihn von allen Schulden zu befreien; er sah auf Wanda, die mit glühenden Wangen vor dem Schaufenster eines Pelz- Händlers stand und eine Muffe und einen Kragen ans weißem Pelzwerk mit blauem Seidcnfutter bewunderte und trat mit ihr in den Laden.
Als er den Brief öffnete, um dem Kaufmann die Pelzgarnitur mit acht Thalern zu bezahlen, fiel ihm der Bogen entgegen, her mit der ungelenkten Schrift feiner Schwester, mit einigen zitternd geschriebenen Worten seiner Mutter bedeckt war. Er warf nur einen Blick darauf, faltete ihn dann zusammen und steckte ihn nachlässig in die Tasche zurück. Was sollte ihm jetzt die Erinnerung an die Vergangenheit, die mit einem leisen Wehegefühl in ihm Heraufziehen wollte, jetzt, wo die Gegenwart so strahlend war, wo sich das Mädchen, das sich in dem neuen Schmucke wie eine
den Gesundheitszustand des Präsidenten Grcvy. Es ist aber nicht so gefährlich damit. In Tonking herrschen Cholera und Ruhr in hohem Maße und namentlich sind viele französische Zivilbeamte davon befallen worden. Zur bulgarischen Frage verhielten fich die französischen Blätter etwas reserviert. Die Mehrzahl war der Ansicht, über lang oder kurz werde es im Orient zum sicheren Zusammenstoß kommen. Ganz besonders lebhaft beschäftigte man fich natürlich in England mit Bulgarien. Aber nirgends zeigte fich die Lust, Bulgariens wegen einen Krieg zu beginnen. An Zeitungsausfällen gegen Rußland hat es nicht gefehlt, aber die thun bekanntlich nicht weh. Im Parlament wird die Adreßdebatte fortgesetzt, etwas besonders Wichtiges liegt nicht vor. Gladstone Hal eine Erholungsreise nach Deutschland an den Rhein und nach Bayern angetreten. In Rußland haben die großen Militärmanöver um Petersburg ihr Ende erreicht. Die Petersburger Blätter sagen, die Revolution in Sofia haben auf den Zaren einen großen Eindruck gemacht, sie sei ihm ganz überraschend gekommen. Die Petersburger Leute müssen andere Menschen nur nicht für gar zu dumm halten! Wie Zar Alexander den Fürsten Alexander haßt, das pfeifen die Spatzen von den Dächern.
Jenseits des Ozeans scheint fich der Ausgleich zwischen Nordamerika und Mexiko wegen des verhafteten nord- amerikanischen Redakteurs Cutting zu vollziehen. Mexiko hat den Verhafteten freigetaffen, und damit ist die Geschichte in der Hauptsache beendet. Cutting wird übrigens über die Affaire gar nicht so ärgerlich fein, sie ist für ihn doch eine zu prachtvolle Reklame. — Don den Anarchisten, welche seiner Zeit in Chicago die großen Unruhen an» stifteten find sieben, darunter fünf Deutsche, zum Tode verurteilt worden. Das hat einen heilsamen Schncken verursacht, und die Herren Anarchisten reißen ans, wie die Hasen. — Auf den Präsideiiten der Republik Uruguay ist ein Mordversuch gemacht, bei welchem der Präsident aber nur leicht verletzt worden ist. Eine größere Zahl von Verhaftungen sind vorgenommen.
Bulgarien.
Telegraphische Nachrichten.
Berlin, 27. Ang. Wie von unzweifelhaft glaubwürdiger -Leite mitgeteUt wird, ist die Freilassung des Fürsten Alexander von Bulgarien auf russischem Boden auf Veranlassung des Kaisers Wilhelm geschehen Dieser soll, als er erfuhr, daß der Fürst erst auf russischem Boden gelandet und als russischer Staatsgefangener betrachtet werden solle, eine nur wenige Worte enthaltende Depesche an Kaiser Alexander III. gesandt haben, ungefähr des Inhalts: „er, Kaiser Wilhelm, hoffe, daß der Zar für die Königin ausnahm, an ihn schmiegte und ihm mit tausend fröhligen Worten dankte.
„Du bist so reich, Joseph," sagte sie lächelnd zu dem Gesellen, als sie wieder mit ihm auf der Straße stand, und warf ans den gesenkten Liedern einen schnellen, scharfen Blick auf ihren Verlobten, „Tn bist so reich, daß Du mir ost wie ein Zauberer vorkommst, der alle Wünsche erfüllen kann, noch ehe sie ausgesprochen sind."
„Sprich Du nur immer ans, was Dein Herz begehrt, Wanda," bat der junge Mann leise und drückte die Hand der Geliebten. Es war ihm in diesem Augenblicke wirklich so zu Mute, als besäße er genügende Mittel, um allen Wünschen des Mädchens nachzukommen, als brauche er nur zu gebieten, um immer wieder einen Geldbrief, wie den heutigen, aus der Heimat zu erhalten.
Als die Brautleute daheim anlangten, wurde die Pelz- gar nimr von den Geschwistern sehr bewundert, der Meister aber warf seiner Frau einen bekümmerten Blick zu und dann machten die beiden Alten dem Gesellen liebreiche Vorwürfe über seine Verschwendung.
„Du bist noch so sehr jung, Joseph, daß es mir ist, als fei es meine Pflicht, Dich vor einer Verschwendung zu warnen, wie Du in Deinem Herzen mit der Liebe für Wanda entsck '"a-n möchtest," sagte dcr Meister im väterlichsten Tone zu dem jungen Manne, „bedenke, wie Du bei mir im Vorschüsse bist, (der Geselle blickte sich erschreckt um und sah mit Genugthuung, daß Wanda das Zimmer verlassen hatte,) und suche erst wieder so weit zu kommen, daß Deine Ausgaben mit Deinen Einnahmen gleichen Schritt halten."
Der Geselle hörte ruhig und bescheiden die Ermahnung seines Meisters mit an, und verteidigte nur auf das Eifrigste die Geliebte, als Fran Nowitzka schüchtern fragte, ob Wanda den Einkauf der Garnitur herbeigeführt hätte, und dann seufzend erwähnte, die Eittlkeit wöge doch wohl noch nicht so ganz aus ihrem Charakter verbannt fein.
(Fortsetzung folgt.)