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Ur. 901.

Marburg, Sonnabend, 28. August 1886.

XXI. JohMng.

Erscheint täglich außer au Werktagen nach Sonn-und Eiertagen. Quartal- onnementS-Preis bei der

Expedition 31/« Mk., bei de» Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

WerMihc Zitmz.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt o. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudoll Moffe in Frankfurt a M-, Bcrlin,Vünchenund Köln; G. L. Daube und Co. n rank^urt a. M, B^rl n, Ha nov r u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expcd-tion: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von I oh. Ang. Koch.

Für den Monat September nehmen alle Postan­stalten, unsere Agentur in Kirchhain, sowie unsere Expedition hier Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung

mit ihren Beiblättern

entgegen.

Bulgarische Nachrichten.

Frankfurt, 26. Aug. DasFranks. Journal" meldet von heute mittag aus Jugenheim, dem Aufenthalte des Prinzen Alexander von Hessen: Fürst Alexander I. von Bulgarien meldete hierher bisher nur, daß er nach Breslau reise und von dort weitere Nachricht geben werde. Alle anderen Nachrichten sind verfrüht.

London, 26. Aug. Meldung derAgenturHavaS": Karaweloff bildete eine neue Regierung mit Stambuloff (Präsident der Sobranje) und Nikiforoff (bisher Kriegs­minister) als Regenten. Minister sind Stviloff (Aeußeres), Radoslawoff (Inneresh Geschoff (Finanzen), Oroschakoff (Justiz), Panoff (Krieg), Jovanokoff (Unterricht). In einer von Karaweloff erlassenen Proklamation heißt es: Infolge der jüngsten Ereignisse, welche das Land der Un­gewißheit preisgegeden hätten, und um des Wohles des Vaterlandes willen habe er, gestützt auf das Vertrauen des Volkes die Verwaltung übernommen und unter seinem Vorsitze die aus den obengenannten Mitgliedern bestehende Regierung gebildet. Hier herrscht vollständige Ruhe.

Sofia, 25. Aug. Stoiloff richtete an die Vertreter der Mächte ein Rundschreiben, worin er die Bildung der neuen provisorischen Regierung mitteilt und die Mächte bittet, diese Regierung anzuerkennen, gleichzeitig auch die Hoffnung ausspricht, daß die Mächte derselben Unterstützung und Vertrauen gewähren werden.

Bukarest, 26.Aug. Der Hofmarschall des Fürsten Alexander, Oberstleutnant v. Riedesel, reist von hier aus dem Fürsten Alexander, dessen Abreise von Reni nach einem hier noch nicht bekannten Bestimmungsorte gemeldet wird, entgegen. Derselbe soll den Auftrag haben, den Fürsten aufzufordern, unverweilt über Rumänien, wo ihn eine Deputation einholen würde, nach Bulgarien zurückzu­kehren.

Budapest, 26. Aug. DerP. Lloyd" erhält die erste authentische Darstellung eines Augenzeugen, der heute hier passierte, über die Absetzung des Fürsten Alexander. Im Komplott waren nur Clement, Zankow und Gruew, dessen Bataillon, durch zwei Kadettenkompanien verstärkt, um 2 Uhr morgens das Palais des Fürsten umzingelte, und jdie Wachen niedermachte. Dem auf den Lärm her­beieilenden Fürsten erklärte Gruew, die Armee verlange seine Abdankung, weil er den Zaren schwer beleidigt habe.

Der Fürst erwiderte:Wenn mich die Armee verläßt, so habe ich nichts mehr hier zu suchen", und unterzeichnete die fertige Abdankungsurkunde, worauf Fürst Alexander noch sagte:Gott schütze Bulgarien." Er wurde sodann samt seinem Bruder in verschiedenen Wagen nach der Grenze geschafft. Morgens wurde das Volk in die Kirche getrieben, wo jeder Anwesende zwei Rubel erhielt. Clement hielt den Gottesdienst. Hierauf wurde das Volk vor das russische Konsulat getrieben, wo es niederknien mußte, an­geblich um den Segen zu empfangen. Auf dem Balkon neben Bogdanow standen Clement und Zankow. Die Be­völkerung erfuhr erst später, was geschehen, und die Er­bitterung wurde allgemein. Da Telegraph und Post ge­schloffen waren, so schickten der österreichische und der deutsche Vertreter einen gemeinsamen Boten nach Pirot, um Depeschen aufzugeben, aber der wurde an der Grenze zurückgehalten, worauf der deutsche Vertreter zu Zankow ging und so energisch mit ihm redete, daß man den Boten passieren ließ. Karawelow und Nikosorow sind vollkommen unschuldig; beide waren wütend darüber, daß in ihrem Namen Befehle erteilt wurden, doch waren sie anfangs ohnmächtig, bis die energische Haltung der Truppen, welche außer Gruews Bataillon dem Fürsten treu blieben, ihnen Mut zum Auftreten gab.

Drangan Zankow, der Haupturheber der Revolution, ist bereits bei Jahren. In Sistow 1827 geboren, studierte er in Odessa,'Kiew und Wien. Obwohl er als junger Mann viel von der Befreiung Bulgariens träumte, trat er doch später anfangs der sechziger Jahre in türkische Dienste, wurde Adlatus des Varnacr Mutessarif und be­kleidete dann dieselbe Stellung beim Pascha von Rustschuk. In den siebziger Jahren trat er mit Gladstone in Ver­bindung und veröffentlichte einen Protest gegen die Greuel, welche die Türken angeblich in Batak verübt haben sollten. Fürst Alexander nahm Dragan Zankow im Jahre 1880 als Ministerpräsidenten, mußte ihn jedoch im Oktober desselben Jahres wieder entlassen, nachdem ein Bruder Zankows in der Konferenz der Donaukommission seine Stimme gegen die Präsidentschaft Oesterreichs abgegeben und infolge dessen der österreichisch-ungarische Vertreter in Sofia protestiert hatte. Zankow ward der Feind des Fürsten und das Haupt der russischen Partei. Er ist ein wirksamer Volksredner, hat aber selten zum Volke ge­sprochen. Seine ganze Zeit nahm die Organisierung der Agitation in Anspruch und die russischen Agenten besaßen in ihm ihre kräftigste Stütze. Er entfernte sich nur selten aus Sofia, enthielt sich aller öffentlichen Agitation, damit ihn sein Feind Karawelow nicht unschädlich mache. Seine in Sofia wohnenden Parteigenossen hielten ihre Beratungen in seiner Wohnung ab. Zankow äußerte Journalisten gegenüber wiederholt, daß er mit den Russen nicht unbe­

dingt sympathisiere, aber daß er gegen die Herrschaft des Fürsten Alexander und gegen Karawelow stets bereit sei, sich mit wem immer zu verbinden. Wie er sagte, hat der Fürst das Land dem Ruine nahe gebracht, welches nie­mals so arm war, als unter der Regierung Alexanders. Das Geld verprasse der Fürst und dem Volke verbleibe nicht einmal ein Bissen Brotes. Zankow setzte den Kampf mit immer größerem Erfolge fort. Wenn auch nicht in der Sobranje, so wuchs sein Anhang im Lande sehr. Immer größere Dimensionen nahm die Agitation dies- und jenseits des Balkans an, immer mehr wuchs der Aufruhr in Macedonien, und im Kabinett Karawelow brach die Krise aus. RadiSlawow, der gewesene Justiz­minister, gründete eine separate Partei, welche vielleicht näher zu Zankow stand, als zu Karawelow; die Verschwörer von Ost-Rumelien, die einstigen Parteigänger Karawelows, standen alle zu Zankow, da die eigentlichen Begründer der Union sich in ihren Hoffnungen getäuscht hatten.

Zankows OrganSvjetlina" veröffentlichte in seiner Nummer vom 9./21. August an der Spitze des Blattes folgendes: Der Fürst Battenberg hat aufgehört, Fürst von Bulgarien zu sein. Heute früh morgens sam­melten sich Volk und die Armee um das Schloß in Sofia und stellten durch eine an den nunmehr gewesenen Fürsten entsendete Deputation die Aufforderung, derselbe solle dem Throne entsagen. Der Fürst, der es schon eingesehen hatte, daß seine weitere Herrschaft in Bulgarien unmöglich sei und dies auch vor der Deputation bekannt, unterschrieb die formelle Abdikations-Urkunde. Es lebe Bulgarien! Auf der dritten Seite desselben Blattes, welches zufälliger­weise in Pirot noch vor der Grenzsperre einlangte, steht das Folgende: Die Freudennachricht, daß der Fürst Battenberg vom bulgarischen Throne abgesetzt wurde, durch­flog heute morgen mit Blitzesschnelle die Stadt. Das Volk strömte haufenweise zum Alexanderplatze, wo man sichgegenseitig zum freudigen Ereignisse beglückwünschte." Die Begeisterung wollte kein Ende nehmen. Ein Meeting wurde abgehalten, zu dessen Funktionären Zankow als Präsident, Sukna und Susalow als Komiteemitglieder ge­wählt wurden. Hierauf hielten Ankow, Natschowitz, Broutzkanow, Makedonski und der Oberst Kessiakow Reden an das Volk, in welchen demselben dazu gratuliert wurde, daß es sich des gekrönten Feindes entledigt habe. Unter Hurra-Rufen auf das bulgarische Volk, auf die tapfere Armee, den russischen Zar und das russische Volk wurde beschlossen, sich in die Kathedrale zu begeben und daselbst Gott für die Befreiung zu danken und den Allmächtigen um Schutz für das Eolk, die tapfere Armee, für unseren Beschützer, den russischen Zar, und für seine große Nation anzuflehen. Der Gottesdienst wurde in der Kathedrale vom Metropoliten Clement celebriert, worauf derselbe eine

Geschichtskalender.

28. August.

876. Ludwig der Deutsche stirbt.

1654. Der schwedische Reichskanzler Axel Graf von Oxen- stierna stirbt im 72. Lebensjahre.

1749. Joh. Wolfgang Göthe wird in Frankfurt a. M. geboren.

1862. Garibaldi wird bei Aspromoute verwundet und ge­fangen genommen.

1870.

28. August. Ausweisung der Deutschen aus Paris.

Wanda.

Von A. Gnevkow.

(Fottsetzung.)

Im Uebrigen lebte Joseph noch in einem solchen Taumel der Lust, Bräntigam der schönen Wanda zu sein, daß er beinahe unberührt von allem blieb, was die Geliebte und ihn betraf. Er brachte die Abende immer im Familtenkreise zu und wurde durch die Hingabe, die feurigen Liebkosungen Wandas in den Himmel erhoben, um dann wieder durch den kälteren Ausdruck ihres Gesichtes, ihres Wesens in einen Abgrund der Bekümmernis gestürzt zu werden. Mehr, viel mehr aber, wie durch ein gleichmäßiges Wesen, fesselten die koketten Launen seiner Braut den Gesellen, der dadurch der willenlose Sklave des Mädchens wurde. Wenn Joseph gedacht hatte, nach seiner Verlobung sparsamer werden zu können, so irrte er sich hieriu, deun Wanda sah mit auf­merksamem Auge jede kleine Versäumnis in dem Anzuge des Gesellen und wenn sie ihn zärtlich bat, einen besseren Rock, feinere Handschuhe anzuziehen, wenn er mit ihr auf der Straße erschien, dann wurde die Summe seiner Schulden in den Augen des jungen Mannes ganz klein, dann war es ihm, als sei er im Besitze eines großen Vermögens, um

seinen Gläubigern gerecht werden zu können, wann er eben wollte, und er ging hin und entnahm auf Rechnung, was die Geliebte eben von ihm verlangte.

Es mochten ungefähr vier Wochen nach der Verlobung Josephs vergangen sein, als eines Tages die Thür zu der Werkstatt aufging und Wanda in einem reizenden Morgen­kleide hineintrat und auf den Gesellen zuging. Es war noch niemals vorgekommen, daß die Meisterstochter die Schwelle der Werkstatt übertreten hatte, so lange sie er­wachsen war und selbst Joseph ging aus diesem Grunde seiner Braut mit erstauntem G-sichte entgegen.

Wenn Du wüßtest, was ich hier habe,- sagte sie mit schelmischem Lächeln, und hielt die Hand über einen Gegen­stand fest, den sie in der Tasche trug.

Das dürfte doch nicht schwer zu erraten sein," er­widerte Joseph heiter und suchte die Geliebte zu ergreifen; das Mädchen wich aber langsam vor seinen Händen zurück, weiter, immer weiter, bis sie vor der Thür der Werkstatt stand, wohin ihr der Geselle eilig folgte.

Schlange," murmelte der Altgeselle und blickte dem Paare finster nach

Auf dem Flure aber hielt der junge Mann die Geliebte umfaßt und entwand ihr liebevoll den bisher festverwahrten Gegenstand. Es war ein Postschein über einen Brief aus der Heimat, einen Geldbrief, wie Joseph mit einem Blicke wahrnahm.

Verlegen und mit befangerem Gesichtsausdrucke trat der Geselle einen Schritt zurück. Nichts war ihm unangenehmer, als daß Wanda, gerade- Wanda durch das Abuehmen des Scheins mit der Summe bekannt geworden war, die ihm seine Mutter gesandt hatte, denn undeutlich schwebten ihm die langen Erklärungen vor, die er dem Mädchen über die Verwendung des Geldes werde geben müssen. Tausend unklare Ausflüchten, die er gebrauchen wollte, schossen ihm blitzschnell durch den Kopf, während er die Geliebte an sich drückte uud ihr dunkles Haar streichelte, dann suchte er aber

zum ersten Male freiwillig von seiner Bram fottzukommm und sie bis zum Wohnzimmer geleitend, trennte er sich unter der Vorgabe von ihr, daß er eine dringende Arbeit in der Werkstatt zu erledigen habe.

In der Mittagsstunde beschloß Joseph mit dem Geld­scheine, den er unterschrieben und untersiegelt hatte, nach der Post zu gehen, um das Geld in Empfang zu nehmen, um auf dem H-imwege seine Gläubiger zu bezahlen. Kaum hatte er das Postgebäude im Rücken und den Geldbrief in der Tasche, auf die er, der Sicherheit halber die Hard drückte, als er au einem Schaufenster, nicht weit vom Por­tale, das zur Post führte, die schlanke, elegante Gestalt Wandas erblicke, die dort stand, und wie es schien, auf ihn gewartet hatte, denn sie trat, als er sich zeigte, mit lächelndem Gesichte auf ihn zu, und den Arm in den seinen legend, sagte sie scherzend:

Ist das auch eine Art und Weise, Joseph, um die Mittagszeit, im hellen, goldenen Sonnenschein einen Spazier­gang zu unternehmen und sein Mädchen daheim zu lassen? Hätte ich Dich nicht vom Fenster aus fortgehen sehen und wäre ick Dir nicht gefolgt, müßte ich jetzt zu Hause sitzen und flicken, so aber konnte ich Dir nachgehen, nachdem ich den Eltern vorgeredet habe, wir hätten eine gemeinsame Promenade verabredet.

War es dem jungen Manne zuerst unangenehm gewesen, Wanda auf seinem Wege zu treffen, so durchrieselte ihn jetzt eine hohe Freude, als er die Worte des Mädchens hörte. Er vergaß über der glückichen Offenbarung, daß seine Braut ihm entgegen gegangen war, lediglich um mit ihm zusammen zu fein, die Lüge, die sie ihren Eltern gegen­über als Entschuldigung ihres Fortgehens gebraucht hatte und schritt wie berauscht an der Seite der Geliebten dahin. Der Schnee glitzerte und blitzte auf den Dächern und Straßen, er knirschte unter den Füßen der jungen Leute uud funkelte unter dem blendenden Sonnenlichte, wie Tausende uud Aber­tausende von Sternen. (Fortsetzung folgt.)