Kr. lös
Marburg, Mittwoch, 25. August 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. D. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zllnstricrtes Sonntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck nnd Verlag von Joh. Ang. Koch.
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Oberhesfische Zeitung
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Bnlgarien.
ES ist nicht zu verkennen, daß nach den jüngsten Ereignissen Fürst Alexander offenbar Rußland zum Opfer gebracht worden ist! Seither machte ihm die Opposition zum Vorwurf, daß er die Selbständigkeit Bulgariens gegenüber der Türkei nicht genug vertreten habe, obwohl man wußte, daß Rußland die Zähigkeit der Türkei unterstützte und die letztere sogar weiter ging, als Rußland wollte. Und jetzt macht man dem Fürsten zum Vorwurf, er habe zu wenig Rücksicht auf das gute Verhältnis zu Rußland genommen! Uni' doch waren es gerade dieselben Leute, die ihm das zum Vorwurf machen, welche im vorigen Herbst den Aufstand erregt hatten, der den Fürsten nötigte, entgegen dem Berliner Vertrag die Vereinigung von Ost- rumelien mit Bulgarien zu vollziehen! Und auch jetzt sind es wieder dieselben, welche in ihrer Preffe angesichts der Konferenz über die Revision des organischen Statuts die größten Drohungen gegen die Regierung erhoben, wenn sie sich überhaupt auf dieses organische Statut einließe, und den Satz proklamierten: „Das vereinigte Bulgarien kann in der Zukunst nur durch ein und dasselbe Staats- grundgesetz verwaltet werden und nicht anders!" Eben diese Leute, welche solche Forderungen proklamieren, die ganz den Kundgebungen der russischen Negierung widersprechen, machen dem Fürsten den Vorwurf, er habe nicht genug Rücksicht auf Rußland genommen! Man sieht daraus, wie verworren die Situation ist und wie wenig überhaupt auf die Meinungsäußerungen von Leuten zu geben ist, bei denen der Rubel und die eigene Uebcrzeugung immer in Konkurrenz stehen und bei einem Volke, das heute dieser, morgen jener Agitation folgt. Die Leute wollen selbständig sein, und den Fürsten, der ihnen zu einer Selbständigkeit und einem Ansehen verhelfen hat, wie sie es sich selbst nicht konnten träumen laffeu, jagen sie fort, um sich wieder in die Vafallenschaft zu Rußland zu begeben! Wenn die Mächte das Schicksal eines solchen von der Revolution so völlig unterwühlten Volkes nicht für erheblich genug halten, um den Frieden Europas dadurch stören, zu lassen, so ist das sehr begreiflich. Etwas anderes freilich ist es, ob die Mächte es im Interesse der monarchischen Ordnung dulden können, daß in dieser frivolen Weise mit einem Fürsten
| umgesprungen wird, der wahrlich ein besseres Schicksal verdient gehabt hätte!
Der „Post" entnehmen wir folgende eigentümliche Mitteilung :
„Fürst Alexander, der einstige russische Kandidat für das Fürstentum Bulgarien, hatte, ohne es zu wissen, sich zum Vertreter englischer Interessen gemacht, die sich nicht auf seine, des Fürsten Erhaltung, sondern darauf richteten, Bulgarien als Zankapfel zwischen Rußland und Oesterreich zu schieben, in der Hoffnung, daß ein österreichisch - russisches Duell die Orienlfrage ohne Opfer an englischem Blut und Geld lösen werde. Diese Absicht ist nunmehr durch die Ereignisse vereitelt und England scheidet vorläufig aus der aktiven Balkanpolitik aus. In diesem Umstande erkennen wir ein friedliches Symptom | der Sage. Denn daß Oesterreich und Rußland nicht wegen I der Frage, wer jetzt Fürst von Bulgarien werden soll, übereinander herfallen werden, dafür bürgt uns schon die Thätigkeit des deutschen Reichskanzlers, die niemals be- - merkbarer war, als während der letzten Wochen. Von der Türkei dürfen wir annehmen, daß sie sogar im Geheimnisse der Absetzung war, wenigstens lassen die schwierigen Instruktionen der türkischen Kommissare für die Revision des bulgarischen Statuts darauf schließen, daß die Pforte dem Fürsten Alexander keine goldene Brücke bauen wollte. Nach diesem kurzen objektiven Ueberblick gehen wir im Voraus zur Tagesordnung über hinsichtlich -er sensationellen Auffassnngen, die wir jetzt während einiger Tage von verschiedenen Seiten hören werden'. Die Situation läßt sich dahin zusammenfassen, daß England mit seinen inneren Angelegenheiten beschäftigt ist, daß die Türkei weder die Macht noch die Absicht hat, gegen Rußland Krieg zu führen, und endlich, daß das Einvernehmen der drei Kaiser deutlicher als je erkennbar wird. Unter diesen Umständen können wir ohne Unruhe abwarten, ob irgend ein Aleko, Crestowitsch oder ein kleiner europäischer Prinz demnächst Fürst von Bulgarien wird. Die Knochen des bekannten pommerschen Grenadiers werden dabei nicht gefährdet werden." Nach diesen Auslassungen könnte es fast scheinen, als sei die Gefangennahme und Absetzung des Fürsten mit Vorwissen nnd Zustimmung der Mächte erfolgt, jedenfalls sei man durch die Vorgänge nicht überrascht. Das Ereignis wäre danach aufzufassen als ein Opfer für Rußland, um ihm den Stein des Anstoßes auf der Balkanhalbinsel aus dem Wege zu räumen und so den Frieden zu erhalten. Erstlich wäre aber doch das zu diesem Zwecke angewendete Mittel ein höchst bedenkliches, und auch der Erfolg würde infolge dessen ein höchst zweifelhafter fein. Jedenfalls legen die Mitteilungen der
„Post" einen Konflikt zwischen Rußland und England sehr nahe und nimmt es sich sonderbar aus, die Gefangennahme und gewaltsame Beseitigung eines Fürsten — also die Revolution — als ein „friedliches Symptom der Lage" bezeichnen zu hören. Wir sind begierig, ob sich diese Prophezeiung des opportunistischen Blattes be- Wahrheiten wird!
Zur Charakterisierung der panslavistischen Agitation in Bulgarien gegen den Fürsten teilen wir noch folgende Auslassung des Organs der Zankowisten, der „Swietlina" vom 13. August mit. D s Blatt erlaubt sich folgende Sprache gegenüber dem Fürsten:
„Aus Serbien kommen von Tag zu Tag beunruhigendere Nachrichten. Die serbische Regierung entwickelt eine fieberhafte Thätigkeit, um sich für einen neuen Krieg mit Bulgarien vorzubereiten und die Söhne Bulgariens werden von neuem Vater und Mutter verlassen und ihr Blut vergießen. Wenn dies einem wesentlichen Zwecke gelten würde, so würden die Bulgaren gewiß ihre heilige Pflicht mit Freuden erfüllen. Höchst beklagenswerter Weise ist aber die Ursache des uns bevorstehenden neuen Krieges mit den Serben nur in der verräterischen Politik des Prinzen von Battenberg und seiner nihilistischen Regierung zu suchen. Der Prinz hat cs darauf abgesehen, Bulgarien zu einer Festung gegen Rußland zu gestalten, um den Deutschen und Engländern zu Gefallen zu fein, und er hat unseren Beschützern, ja dem Zar selbst und den geheiligten Jdeeen aller orthodoren Slaven des Orients offene Feindschaft erklärt. Alle Welt weiß, daß Bulgarien, wenn diese widersinnige und für Bulgarien unheilvolle Feindseligkeit seitens des Prinzen von Battenberg gegen Rußland nicht bestände, sich wie früher aller Wohlthaten eines dauerhaften Friedens erfreuen und sich weiter entwickeln, sich konsolidieren und von Jahr zu Jahr bereichern würde, und eines Tages, im Augenblicke einer für Rußland und die Slaven günstigen Konstellation, wie sie sich schon zu wiederholten Malen eingestellt hat, würden durch einen Federstrich nicht bloß Ost- rumelien, sondern auch ganz Macedonien dem Fürstentum einverleibt werden. Jetzt dagegen harrt unser nicht nur unnützes Blutvergießen, innere Zersetzung, sondern auch die Zerstückelung und Verkleinerung Bulgariens, wie dies dem Plane der Engländer und Deutschen entspricht!"
Hieraus geht hervor, daß die Herren, welche dort die Sache „in der Hand" haben, doch so weitgehende Hoffnungen hegen, daß man dem friedlichen Wetter nicht lange trauen kann.
Die weiteren neuesten Nachrichten geben wir nachstehend: Konstantinopel, 23. Aug. Ein Rundschreiben der Pforte an ihre Vertreter im Auslande teilt denselben die Ereignisse in Sofia mit und beauftragt dieselben, die
Geschichtskalender.
25. August.
1248. König Ludwig IX. von Frankreich schifft sich zur Unternehmung des 7. Kreuzzuges bei AiguerworteS in Languedoc ein; stirbt auf seinem zweiten Zuge vor Tunis 55 Jahre alt 1270.
1278. Schlacht auf dem Machst lde zwischen Rudolf von Habsburg und Ottokar von Böhmen, welcher in ihr seinen Tod findet.
1758. Friedrich II. erficht namentlich durch die Tapferkeit der von Seydlitz geführten Reiterei einen mörderischen Sieg über die Russin bei Zorndorf (Cüstrin).
1769. König Friedrich II. und Kaiser Josiph H. haben eine Zusammenkunft zu Neisse.
1830. .Die Belgier erheben sich durch einen Aufstand in Brüssel gegen die Niederländische Herrschaft.
1870.
25. August. Kapitulation von Viiry.
Wanda.
Von A. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
„Und Sie meinen, lieber W . . . .", sagte der Eine von den Beiden, ein kleiner starker Mann mit lebendigen Zügen und durchdringend scharfen Augen, „Sie meinen wirklich, daß unter Ihrem Direktorat der Bühne eine Perle zugeführt werden solle, eine Perle, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht bekommen haben?"
„So sagte ich allerdings," warf der Andere mit leichtem Lackeln ein, „und ich begreife nicht, daß Sie so außer sich darüber geraten, lieber Freund, da es ja die Erfahrung gelehrt hat, daß von Zeit zu Zeit Gestirne am Bühnenhimmel auflammen, die alles um sich her in den Schatten stelsiu."
„Sie Glücklicher, der einen solchen Stern wußte," seufzte der Kleine pathetisch, und legte die Hand auf die Stelle
seiner Brust, wo das Herz zu |erlagen psi-gr, „seit ich Ihnen das Direktorat überließ, scheint der Segen der Bühne ein- kehren zu trollen, denn zu meiner Z it hatte ich von dem Augenblick an, wo Ihre Frau Mutter nicht mehr auftrat, nur über schwache mittelmäßige Kräfte zu gebieten."
„Aber Sie kommen vielleicht, nein, höchst wahrscheinlich sogar leichter zu all Ihren Kräften, wie ich zu meiner einen Kraft, die ich in Wirksamkeit treten lassen möchte," warf der neue Direktor mit scharfer Betonung der einzelnen Worte ein, und ließ die weiße, wohlgepflegte Hand über die hohe Stirn gleiten, als solle sie dort Falten der Sorgen und Anstrengungen verwischen.
„So hat Ihr Stern wohl gar eine mysteriöse Vergangenheit ?" fragte der Kleine Mann begierig und rückte der schlanken Gestalt seines Nachfolgers im Amte um einige Zoll näher.
.»Eine mysteriöse Vergangenheit, nein," antwortete der Gefragte ruhig, „wohl aber eine schwierige, und es kostet mich die, größten Anstrengungen, das Mädchen in dem zu unterweisen, was es schon sitzt für feine künftige Laufbahn leisten kann, ehe es im Stande ist, detaillierten Unterricht bei einem Schauspieler oder einer Schauspielerin zu nehmen."
„Also Sie sihen den Stern, Sie kommen häufig mit ihm zusammen, er hält sich hier in Warschau aus?' sprudelte der frühere Schauspieldirektor lebhaft hervor. „Ich sehe ihn täglich, er hält sich hier in Warschau auf, und doch kann ich nur höchst selten seine Gesellschaft genießen," lachte der junge Mann fröhlich hinaus, denn die Zudringlichkeit seines Bekannten fing ihn höchlichst zu belustigen an.
Der arme Mann, dem die geheimnisvollen Worte seines jungen Freundes vollends alle Beherrschung raubten, rückte unruhig auf seinem Sitze hin und her, und in das große, buntseidene Taschentuch, das er vor sich auf den Schooß gelegt hatte, hastig Knoten schlingend und wieder lösend, fragte er eifrig: „Ist sie hübsch?"
„Hübsch, welch unzureichender Ausdruck für das Mädchen," antwortete der junge Direkter mit einiger Extase, „sagen
Sie schön, unvergteichttcv, und Sie kommen dem näher, was über meinen Schützling zu sagen ist."
Der ehemalige Direktor seufzte tief auf. „Es ist und bleibt ein unversch--, wollte sagen, ein außergewöhn-
liches Glück, was der Mensch gleich beim Beginn seiner Laufbahn hat," murmelte er vor sich hin, „aber hören Sie, lieber W . . .," fügte er lauter hinzu, „Jugend hat keine Tugend, und wenn das Sprichwort auch sonst keine Anwendung auf Sie, den soliden jungen Mann, dem Muster aller Schauspieler findet, einmal kann der Verstand doch m t dem Herzen durchgehen, und Sie können da eine zukünftige, berühmte Schauspielerin herausfinden, wo die Liebe eben an der Geliebten gern derartige Talente entdecken möchte."
Der junge Direktor sprang von dem Soscha, auf dem er saß, auf, seine schlanke Figur richtete sich zu ihrer vollen Höhe empor, das feingeschuittene Gefickt glühte und die blauen Augen flammten und blitzten. „Ich suche die Liebe nicht, wo ich die Kunst pflege," rief er feurig, „denn, wie der Bildhauer nicht den Stein, wohl aber die Arbeit liebt, • die er an demselben ausüvr, so liebe ich meinen Schützling nicht, aber ich bewundere die Bildungsfähigkeit, ich ehre das Interesse des Mädchens und die Energie, mit der es sich sein Leben selbst gestalten will."
„So wünsche ich Ihnen Glück zu Ihrer Erwerbung," sagte der ältere Mann, sich nun gleichfalls erhebend, und dem Freunde die Hand bietend; verzeihen Sie es, wenn ich als abgebanttei Direktor mit ein wenig Neid auf alles das hinblickte, was in neuerer Zeit vielleicht Bessins geschieht, als in vergangenen Tagen und lassen Sie es unsere Freundschaft nickt vergelten."
Lächelnd versicherte der Direktor W .... dem alten Manne, daß er durchaus nicht böse auf ihn sei und geleitete ihn dann zur Thür hinaus. Als er wieder in fein Zimmer zurücktrat, blieb er sinnend vor einigen Por traits stehen, die die Wände schmückten. Es waren Gemälde berühmter Schauspielerinnen vergangener Zeiten, die sich da in einer ihrer Hauptrollen hatten malen lassen. (Fortsetzung folgt.)