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Ke. 197.

Marburg, Dienstag, 24. August 1886.

XXI. Jahrgang.

Geschrillt täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Ltze- nementS-Preis bei der 8f?- iticn 21/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Mz (erd. Bestellgeld). JnsrreionSgebühr für die aespaltene Zeile 10 Pfg. Renanvn für die Zeile 25 Pfg.

WcrWM Jtitoig.

Anzeigen nimmt entgegea die Expedition d Blatte-, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Franksurt a. M, Caffey Magdeburg und Wien: Rudolf Mosse in Frankfurt a Rt-, Berlin,München und Köln; E. L. Daube und So. n rantfurt a. M., B.rl n, Ha nov.r u.PariS-

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition- Martt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Rod).

Für den Monat September nehmen alle Postan­stalten, unsere Agentur in Kirchhain, sowie unsere Expedition hier Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung

mit ihren Beiblättern

entgegen.

Von der Valkanhalbinsel.

lieber Nacht kann es leicht anders werden", so kann man von Bulgarien und seinem Fürsten Alexander auch sagen, denn, übereinstimmende Depeschen aus Bukarest uno Konstantinopel vom Sonntag melden, daß Fürst Alexander von Bulgarien bei einer Inspektion in Widdin gefangen genommen und als Gefangener nach Lompalanka geführt worden ist; einer anderen Nachricht zufolge befindet er sich bereits außerhalb Bulgariens. In Sofia ist seine Absetzung ausgcrufen und eilte provisorische Regierung von Zankow und Karawelow, den Führern der beiden bisher feindlichen Parteien, gebildet worden.

Fürst Alexander, dessen persönliche Eigenschaften ein befseres Schicksal verdient hätten, stand seit einiger Zeit in der Luft zwischen Rußland/ welches ihn in die Stellung gebracht und England, welches ihn erst gewonnen und dann im Stich gelassen hatte. Seit cs feststand, daß England weder für eine Balkanfrage noch selbst für Konstantinopel, sondern nur für Indien Krieg führen werde, war Fürst Alexanders Stellung eine hoffnungslose. Die Türkei hat die russische Uebermacht genugsam gefühlt, um keinen isolierten Kampf gegen Rußland, namentlich nicht Bulgariens halber, zu wagen; es ist sogar als sicher anzunehmen, daß man in Konslaniinopel Kenntnis von der geplanten Ab­setzung des Fürsten Alexander hatte.

Was Oesterreich betrifft, so bürgen die Rücksprachen in Kissingen und Gastein dafür, daß es die ihm von England zugedachte Rolle, die bulgarischen Kastanien aus dem Feuer zu holen, nicht übernehmen wird. Wir können vielmehr erwarten, daß nach der Entfernung des Fürsten Alexander, den England als Keil zwischen Oesterreich und Rußland einzuschieben versucht hatte, eine kürzere oder längere Pause in der ewig wirbelnden Balkanbewegung ein­treten wird.

Die Leichtigkeit, mit der sich die Absetzung des Fürsten Alexander vollzogen hat, gestattet den Schluß, daß die Situation in Bulgarien nichtaus der Hand" gehen, sondern daß die demnächstige Lösung, wenn auch vielleicht eilte provisorische, jedenfalls keine kriegerische sein wird; für unseren Standpunkt ist es angezeigt, heut wieder eines Wortes eingedenk zu sein, welches Fürst Bismarck in einem kritischenMomente des BerlinerKongreffes aussprach:Meine Herren, wir sind hier nicht versammelt, um über das

Geschichtskalender.

24. August.

410. Alarich erstürmt Rom.

1313. Kaiser Heinrich vn. stirbt 51 Jahre alt zu Buon- convento bei Siena.

1572. Pariser Bluthochzeit (Bartholomäusnacht).

1631. Besetzung von Hersfild durch Herzog Bernhard von Weimar; Vertreibung der Mönche und Wiederaufhebung des katholischen Cultus.

1870.

24. Aug. Straßburger Güterbahnhof durch die Badenser genommen. Chalons besetzt.

Wanda.

Von A- Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Glück oder Unglück bargen für Joseph die Minuten, die jetzt folgen mußten, und er brauchte einige Zeit, ehe er es wagte, schüchtern und bescheiden zu klopfen. Ein leises Geräusch war zunächst das Einzige, was das Gehör des ängstlich Lauschenden erreichte, es klang, als ob sich Jemand schnell von seinem Sitze erhebe und etwas zur Seite räume, dann wurde es ganz still und nach einer Pause lud das schwach klingeudeHerein!* des Mädchens den Draußen­stehenden zum Nähertreten ein.

In dem Stübchen Wandas sah es traulich und gemütlich aus. Das Bett stand in einer Nische und war durch schnee­weiße Gardinen von dem übrigen Raume getrennt, der nur matt vom Lichte erhellt wurde, das durch die herabgelassenen dunklen Fenstervorhänge zu dringen vermochte. Wanda saß auf dem Sopha, auf einem Tisch vor ihr lag eine Näharbeit, aus deren Falten der Einband eines Buches hervorblickte, das der Geselle für eine Gebetssammlung hielt. Ein fast andächtiges Gefühl überkam Joseph, der zitternd an der Thür blieb, und er hätte auf die Knie vor dem Mädchen

Glück der Bulgaren zu beraten, sondern um den Frieden Europas zu sichern."

lieber die vorausgegangene Situation teilen wir folgendes noch mit:

Der Wortlaut der diplomatischen Note, welche die tür­kische Regierung auf Anregung der bulgarischen in Belgrad überreichen ließ, um Aufklärungen bezüglich der angeblichen Kriegsrüstungen Serbiens zu verlangen, sowie der hierauf erfolgten Antwortsnote der serbischen Regierung liegt jetzt vor. Der Text dieser Aktenstücke b estätigt in vollem Um­fange den Eindruck, den man von Anfang an von den gewechselten Noten haben mußte. Zunächst überraschen einigermaßen durch ihre Höhe die Angaben, welche die bul­garische Regierung der türkischen machen konnte; denn es heißt in der Note, daß Serbien außer den 100000 Ge­wehren, die es besitzt, soeben weitere 100000 Stück, sowie 30 Millionen Kartouchen und 265 neue Geschütze erhalten hat; daß man in Pirol, welches zu einer wirklichen Festung umgestaltet wurde, hinreichende Munitionen und Vorräte für den Bedarf einer Armee von 100000 Mann auf drei Monate aufgestapelt hat; daß in gleicher Weise in Nisch und Alexinatz Vorräte aufgehäuft wurden und daß in allen an der Grenze gelegenen Dörfern der Befehl erteilt wurde, die Ernte vor dem 15. August einzuheimsen; daß die Re­kruten, die erst am 15. November unter die Fahnen ein­berufen werden sollten, bereits seit zwanzig Tagen ein­gerückt sind; daß endlich zwei Klassen der Reserve nach und nach in die betreffenden Bataillone des stehenden Heeres eingereiht worden sind und endlich, daß auf allen wichtigen Positionen der Grenzlinie befestigte Werke und militärische Lagerplätze errichtet werden.

Zieht man hinzu, daß, wie diePolit. Korr." aus Belgrad meldet, der serbische Finanzminister wegen einer Anleihe auf Grund von Eisenbahn-Annuitäten mit einem Vertreter des Comptoir d'Escompte in Unterhandlungen steht so kann es kein Unbefangener dem Fürsten von Bulgarien verdenken, wenn er mißtrauisch wird. Noch seltsamer berührt die serhische Antwort, die am 4. d. M. erfolgte und die den Anschein hervorruft, als ob der Ver­fasser sich in einer maßlosen Aufregung befunden hat ober mit den im diplomatischen Verkehr üblichen Formen voll­ständig unbekannt gewesen ist. War die türkische Anfrage rein sachlich und höflich, so liest sich die serbische Antwort wie der schlimmste Beleidigungsbrief. Sie begnügt sich nicht damit, die Behauptung, daß Serbien rüste, als eine falsche und eingebildete zu bezeichnen, sondern sie spricht von phantastischen Unterstellungen und perfiden Insinuationen, und bezichtigt die bulgarische Regierung geradezu der Ver­leumdung. Ihr Haupttrumpf endlich ist der, daß Bul­garien nur das Gerücht von den serbischen Rüstungen sinken mögen, das ihn sonderbar bleich in dem Dämme - lichte voikam. In seiner gehobenen Stimmung bemerkte er nicht, daß ihm Wanda einen prüfenden raschen Blick zu­sandte, daß ein befriedigtes Lächeln über ihre Züge flog und sie unmerklich zur Seite rückte, um einen Platz auf dem Sooha neben sich frei zu machen, er war nur glücklich, daß ihn jetzt ein Raum mit der Geliebten umpfing, daß er ganz mit ihr allein war und ihr alles, alles sagen konnte, was fein Herz schon so lange bedrückt hatte. Und in dem Gefühle seines Glückes faßte er den Mut, näherzutreten und das Album mit einer beinahe ehrerbietigen Bewegung Wanda darreichend, sprach er leise von der Freude, die sie ihm machen würde, wenn sie die kleine Gabe annähme.

Und ich sollte sie nicht wollen, sie nicht mit tausend Freuden annehmen und das schöne Buch wert halten?" sagte Wanda und deckte wie in überströmenden Gefühlen die Hand leicht auf die Augen,oh, Joseph, wie schlecht kennen Sie mich, wenn Sie nicht wissen, daß alles, was von Ihnen kommt!*----sie hielt wie erschreckt

inne und schüttelte mit einer allerliebst trotzigen Miene den Kopf.Diese döse Angewohnheit, das Herz stets auf der, Zunge zu tragen,* murmelte sie leise vor sich hin und blickte wie abbittend zu dem Gesellen auf, der mit stürmischer Heftigkeit ihre Hand ergriff und dringend ausrief:

Sprechen Sie weiter, Wanda, um aller Heiligen Willen, lassen Sie mich nicht in Ungewißheit, über das, was Sie noch sagen wollten, denn Sie wissen es ja längst, daß mein Leben und Glück nur von Ihrem Ausspruche abhängt."

Und wie er so vor ihr stand, wie er sie an den Händen zu sich emporzog, und mit seinem hübschen, ehrlichen Gesichte voller Spannung und Erwartung in ihre Augen schaute, wandte sie den Kopf weg und stammelte mit unsicherer Stimme, nur dem Ohre des Liebenden vernehmbar:

Daß ich alles, was von Ihnen kommt, Joseph, mehr, viel mehr achte und liebe, wie die größten Geschenke, die mir Andere darbieten könnten.*

ausgesprengt habe, um selbst diesen unlauteren Zweck zu erreichen. Ohne daß man es will, wird man bei der Lektüre derselben von dem Gedanken verfolgt: so spricht einer, der auf bösen Wegen ertappt ist. Das eröffnet keine anmutige Perspektive für das weitere Verhältnis der beiden Balkanstaaten.

Der Korrespondent desStandard" berichtet sogar, wohl mit zu großem Pessimismus, aus Konstantinopel: Alles politische Interesse konzentriert sich hier auf die Kriegsrüstungen Serbiens und Bulgariens. Nach Privat­nachrichten aus Lvsia ist Fürst Alexander eifrig damit beschäftigt, seine Armee zu organisieren. Allseitig glaubt man an eine baldige Wiederaufnahme des Krieges mit Serbien. Nach demselben Gewährsmann hat sich einer der Konsuln dahin ausgesprochen, daß der Krieg binnen wenigen Wochen ausbrechen werde. Diese Ansicht wird unterstützt von Gadban Effendi, welcher dem Großvezier telegraphierte, daß Fürst Alexander fest glaubt, daß die Serben ihn angreifen werden, falls sie einen Anlaß finden. Der Ton der Depesche Gadbans beweist, daß er die An­sichten des Fürsten über die Pläne Serbiens teilt." Die bekannten türkischen Rüstungen scheinen allerdings solche Ansichten zu unterstützen.

Die Beratung des ostrumelischen Statuts ist unter­brochen worden, da sich die Türkei und Bulgarien selbst über die ersten Grundfragen nicht einigen konnten. Welche Stellung die spezifisch russischen Kreise dazu einnehmen, erläutert dieNowoje Wremja":Wir müssen uns vor allem", schreibt das genannte russische Blatt,auf die Wintersaison vorbereiten, die, wenn auch nicht an wirk­lichen politischen Ereignissen, so doch an äußerst intreres- santen Gerüchten reich sein und deren Mittelpunkt, wie im vergangenen Winter, die Sage der Dinge auf der Bal­kan-Halbinsel bilden wird. Die bulgarische Frage ist ja noch lange nicht definitiv entschieden. Täglich melden uns neue Nachrichten, die Regierung in Sofia bemühe sich, das organische Statut Ost-Rumeliens so abzuändern, daß eine Verschmelzung der autonomen Provinz mit dem Fürstentume unumstößlich werde. Eine solche Vereinigung wird aber Rußland, so lange sich die Verwaltung der bulgarischen Länder in der Hand des Battenbergers be­findet, nie zulassen. Da aber der Battenberger persona gratissima beim Hofe in Windsor ist, so wird Marquis Salisbury den passendsten Vorwand haben, um einen neuen Konflikt zwischen London und Petersburg herbeizu­führen und in diesen Konflikt auch Deutschland und Oester­reich-Ungarn hineinzuziehen."

Die Pforte sieht dem allem in eben nicht behaglicher Lage zu; sie hat diesen Wirrnissen gegenüber selbst ihre Indolenz aufgegeben und sucht neben den militärischen auch ihre finanziellen Hilfsquellen flüssig zu machen. Der

Sie liebt mich!* jauchzte der Bursche auf und den Arm um die schlanke Gestalt Wandas legend, drückte er sie fest und innig an sich.

Eine Viertelstunde darauf, nachdem sich der Sturm der Gefühle bei Joseph gelegt hatte, saß er neben der Geliebten auf dem Sopha, hielt ihre Hand in der seinen und drückte sie von Zeit zu Zeit liebevoll. Es war so still in dem kleinen Gemache, nur undeutlich drang der Lärm von der Straße hinein, die beiden junge Leute sprachen wenig mit einander und endlich erinnerte sich der Geselle der Eltern und bat das Mädchen, mit ihm hinunterzukommen und ihren Segen für den Bund ihrer Herzen zu erflehen.-

Leise zog Wanda ihre Hand aus der des jungen Mannes und ihren Kopf matt gegen die Polster des Sophas zurück- finten lassend sagte sie verlegen und leise:Laß mich erst zu mir selber kommen, Joseph, in meinen Schläfen geht es und hämmerts und es ist am besten, wenn Du jetzt hinnnter- gehst, damit unser Beisammensein nicht auffällt.*

Der Geselle erhob sich und richtete einen vorwurfsvollen Blick auf die Geliebte, aber ehe er noch Wort zu erwidern vermochte, legte das Mädchen den Arm um seinen Hals und bot ihm die frischen Lippen zum Kuß. Dieser Kuß, leicht und doch glühend, raubte dem jungen Mann alles Nachdenken und ehe er noch zur Besinnung kam, stand er auf dem halbdunkleu Raume vor dem Stübchen Wandas. Ein kleines Frösteln überschlich sein Herz, unwillkürlich fiel ihm der lange dunkle Gang ein, den er im Traum durch, wandert hatte, und er athmete erleichtert auf, als ihm das volle Sonnenlicht vom Flurfenster aus entgegenstrahlte. Während diese kleine Liebesszene in dem Stübchen Wandas spielte, saßen in dem Wohnhanse, das nur durch einen schmalen Hof von dem Gebäude getrennt war, welches der Tischlermeister bewohnte, zwei Herren in einem eleganten Zimmer des zweiten Stocks und mrterhielten sich ans daS Lebhafteste. (Fortsetzung folgt)