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Marburg, Freitag, 20. August 1886.

XXI. Jahrgang.

Ur. 191.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Lonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Die Gefängnis-Arbeit,

das ist unbestreitbar, bietet für manche Handwerkskreise eine Konkurrenz, die, hier mehr, dort weniger empfunden, schwer ;u bekämpfen ist. Zu den Preisen, zu denen die Gefängnis-Arbeit abgesetzt wird, kann eben ein Gewerbe­treibender nicht liefern. Man streitet sich hauptsächlich darüber, ob diese Konkurrenz im ganzen eine große oder kleine ist Vielleicht, bei ganz flottem Geschäftsgänge würde auf die Gefängnis-Arbeit weniger geachtet werden, während in der jetzigen, stilleren Zeit schon die kleinere Konkurrenz empfindlich wirkt, aber darauf kommt es nicht so sehr an, als vielmehr auf die Hauptfrage, ob eine Aenderung in dem bestehenden Verhältnis geschafft werden kann. Ver­schiedene Innungen und Handwerkcrvereine haben sich an die Reichsbehörden gewendet, und für das preußische Mili­tärkontingent hat ja auch bekanntlich der Kriegsminister Bronsart von Schellendorf die Zusage erteilt, den Versuch zu machen, Militär - Stiefeln durch Gefängnisarbeit Her­stellen zu lassen. Ob der Versuch reellere Folgen haben wird, bleibt abzuwarten; jedenfalls wird aber ein Vorgehen in dieser Richtung allein noch keine durchgreifende Abhilfe bringen. Dazu ist die Zahl derer, welche sich durch die Gefängnisarbeit benachteiligt vermeinen, zu groß, und nicht minder die Zahl der Gefängniffe und der Gefangenen.

Wenn von übereifrigen Bekämpfern der Gefängnis- Arbeit gesagt wird: Gefängnis - Arbeit darf nicht sein, so schießen sie damit über das Ziel hinaus. Stille sitzen und die Hände in den Schoß legen, können die Gefangenen nicht und dürfen es auch nicht, dann würde andernfalls Numero Sicher ein noch mehr gesuchtes Quartier werden, als cs jetzt schon ist, wo die Gefängnismauern für die arbeitsscheuen Subjekte längst allen Schrecken verloren haben. Im Gegenteil muß gearbeitet werden, daß sie abends vor Müdigkeit umfallen. Die Sache ist nur: welche Arbeit! Die Gefangenen außerhalb des Gefäng­nisses bei Wege - Arbeiten und dergleichen anzustellen, geht wohl oft, aber nicht immer. Es muß auch darauf geachtet werden, daß die Gefängnisinsassen in solchen Fällen be­schäftigungslosen Leuten, die gern arbeiten möchten, nicht den Verdienst fortnehmen. Es bleibt also immerhin ein sehr großer Teil vyn Zeit für die Arbeit innerhalb der Gefängnismauern übrig, die nicht unbenutzt verstreichen darf. Wie diese nun ausfüllen?

Wir meinen, es muß alles zusammenwirken, um die Konkurrenz der Gefangenenarbeit für Gewerbe und Hand­werk zu beseitigen. Durchführung fiskalischer Arbeiten im Gefängnis ist wegen des billigeren Preises sicher zu em­pfehlen, denn spart der Staat Geld, haben auch die Steuer­zahler den Vorteil davon. Weiter ist zu empfehlen, daß

Geschichtskalenver.

20. August.

1400. Kaiser Wenzel wird abgesetzt, an seiner Stelle zum Kaiser ernannt Ruprecht von der Pfalz.

1477. Maria von Burgund, Tochter Karls des Kühnen, und der Erzherzog Maximilian von Oesterreich feiern mit großer Pracht ihre Vermählung zu Gent.

1595. Starb, fast 90 Jahr alt, der ehemalige Lehrer am Pädagogium zu Marburg, Philipp Pistorius aus Nidda, eigentlich Becker geheißen, ein Bruder des Superinten­denten Pistorius zu Nidda, als Advocat am Hofgericht zu Marburg, der L-tzte in Hessen, welcher noch Luthers und Melanchthons Schüler gewesen war und bei der Einführung der Reformation in Hessen an seinem Teil mitgewirkt hatte.

1639. Martin Opitz von Boberfeld, der Vater der deutschen Dichtkunst, stirbt in seinem 43. Lebensjahre zu Danzig an der Pest.

1672. Revolution im Haag, di; Brüder de Witt ermordet, Wilhelm HL zum Erbstatthalter ernannt.

1854. Die Oesterreicher besetzen mit Zustimmung der Türkei die Donaufürftentümer.

W a n v a.

Von A- Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Der Geselle achtete weder auf das Erstaunen der alten Frau, noch auf den ernsten Blick, der ihn aus den klugen Augen des Meisters traf, er hing wie gebannt an den dunklen Augensternen Wandas, die ihm zulächelten, und er errötete vor Freude, als sie ein heimliches, schnelles Kopf­nicken für ihn zur Begrüßung hatte.

Das Leben im Hause des Tischlermeisters nahm nun allgemach wieder, wenigstens äußerlich/ den Charakter an, den es vor Ankunft der ältesten Tochter gehabt hatte. Das Essen erschien regelmäßig auf dem Tische, die Augen der Fran Meisterin erhielten ihren alten Glanz, der Meister leitete die Arbeit und freute fich über jedes Kunstwerk, das

die Gesängnisverwaltung solche Artikel fabrizieren läßt, für die nur kleinere Mengen von Produzenten vertreten sind, welche die Konkurrenz weniger zu beachten haben, und daß sie einzelne Gegenstände soweit herstellen läßt, daß sie von Gewerbetreibenden weiter verarbeitet werden können, diesen also schon aus dem billigeren Ankaufspreis einen Nutzen erwächst. Es ist zu erwarten, daß ein solches Ver­fahren die Löhne der freien Arbeiter nicht beeinträchtigen wird, denn der Arbeitgeber hat ja in diesem Fall nur Nutzen durch die Gefängnisarbeit. Endlich aber können auch kleinere Gewerbetreibende einzeln oder vereint sich nach einem ganz bestimmten Plane die Gefängnis - Arbeit dienstbar machen und derselben bestimmte Vorrichtungen überlaffen. Man kann nun sagen: so wird wohl dem Arbeitgeber geholfen, aber dem freien Arbeiter erwächst nun ans der Gefängnis - Arbeit eine Konkurrenz! Diese Ansicht ist nicht zutreffend! Hat der Arbeitgeber Mangel an Verdienst, hat ihn naturgemäß auch stets der Arbeiter. Billigere Produktion bei gleich guter Qualität schränkt aber den Absatz nicht ein, sondern vermehrt ihn im Gegen­teil, so daß also auch dem freien Arbeiter kein Nachteil, sondern aus dem gesteigerten Absatz nur Nutzen erwachsen würde. Unmöglich ist somit die radikale Beseitigung der Gefängnis-Arbeit, wohl möglich aber ihre praktische Aus­nutzung.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Aug. Anläßlich ihrer heutigen fünf­zigjährigen Dienstjubiläen verlieh der Kaiser dem General v. Obernitz sein Bildnis in der Uniform des ersten Garde- Regiments, dem General v. Dannenberg das Großkreuz des Roten Adlerordens, dem General v. Steinäcker das Großkomiurkreuz des Hohenzollern - Ordens. Die erste Abteilung der diesjährigen großen Flottenmanöver ist beendet und das Geschwader der vier schweren Panzer­schiffeBaden",Württemberg",Sachsen" undOlden­burg" nebst dem AvisodampferZielen" auf einige Tage wieder in den Kieler Hafen zurückgekehrt, um dort aufs neue Kohlen einzunehmen. Diese ersten Manöver der Panzerschiffe, die in der Bucht zwischen der mecklen­burgischen und schleswig-holsteinischen Küste vorgenommen wurden, bestanden größtenteils in Scharfschießen nach großen schwimmenden Scheiben und in ähnlichen artilleristischen Uebungen. Dieselben sollen sehr befriedigende Resultate ergeben haben. Der oberste Chef der Flotte, General von Caprivi, wohnte diesen Manövern aus dem Admiral- schiff des Vizeadmirals v. Wickede,Baden", einige Tage lang bei und begab fich dann auf dem Avisodampfer Zielen" nach dem Hafen Warnemünde, um von dort

nach Berlin zurückzukehren. Allgemein gerühmt wird der Eifer und die Tüchtigkeit, mit welcher Prinz Heinrich, der zweite Sohn des Kronprinzen von Preußen, die verant­wortliche Funktion des ersten Offiziers nach dem Kom­mandanten auf dem PanzerschiffOldenburg" versieht. Der 24jährige Prinz wird auf besonderes Verlangen des Kronprinzen wie auf seinen eigenen Wunsch hin in keiner Hin­sicht geschont und muß seinen beschwerlichen Dienst bis in die geringste Kleinigkeit, ganz wie jeder andere Offizier, versehen. Das Geschwader der KorvettenMoltke", Stein",Stosch" undPrinz Adalbert" nebst dem AvisodampferSophie", unter dem Kapitän zur See, Stenzel, hat sich am 16. August mit dem Geschwader der Panzerschiffe vereinigt, um mit demselben gemeinsame Manöver auszuführen. Der Eingabe des Mittel- rheinischen Fabrikanten-Vereins an den Reichskanzler, be­treffend die einheitliche Regelung des Submissionswesens, sind, nach denBerl. Polit. Nachr." folgende Motive bei­gegeben:Für die Industrie ist kaum irgend eine Frage von größerer und einschneidender Bedeutung, als die des Submissionswesens. Der weitaus größte Teil der Arbeits­und Lieferungsverträge wird auf dem Wege der Submis­sion vergeben. In erster Linie ist dies bei allen Staats- bebörden, sodann bei Provinzialbehörden, Städten, Eisen­bahnen und in neuerer Zeit auch bei Privaten der Fall. Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, hat der Mittel­rheinische Fabrikanten - Verein stets die Frage der einheit­lichen Regelung des staatlichen Submissionswesens int Auge behalten und dieselbe wiederholt zum Gegenstände seiner Beratungen in Vorstands- und Plenarsitzungen, zuletzt in derjenigen vom 5 Mai d. Js. gemacht. Der Verein ist ungeteilt der Ansicht, daß das Submissions­wesen hauptsächlich an dem Mangel einer einheitlichen Be­handlung kranke, daß nicht nur die einzelnen deutschen Partikularstaaten nach verschiedenen Grundsätzen verfahren, sondern daß sogar bei den einzelnen Ministerien desselben Landes eine große Verschiedenheit in Auffassung und Hand­habung hervortrete. Ferner wird konstatiert, daß in einigen Ländern häufig ein Unterschied zwischen den Angehörigen des engeren Vaterlandes und den übrigen deutschen Sub­mittenten gemacht werde. Hierzu kommt noch, daß die meisten der bestehenden Submissionsbedingungen so un­vollkommen und von solcher Beschaffenheit sind, daß die­selben der Industrie zum Nachteil gereichen und die letztere schwer darunter leidet. Dieser Zustand tritt noch schärfer bei allen nicht direkt staatlichen Behörden, bei Städten und Privatbahnen, bei welchen ein regelrechtes Submis- sionsverfahren oft gar nicht eingehalten wird, obgleich man ihm den äußersten Anstrich eines solchen verleihen will.

die Arbeitsräume verließ, in der Werkstatt, wo das Winkel­maß und der Hobel regierten, herrschte rührige Thätigkeit.

Was auch dazu gethau worden war, Wanda in den Augen von Joseph Kowalsky herabzusetzen, wie man seinen Blick auch durch die Warnung in Bezug aus des Mädchens Charakter zu schärfen gesucht hatte, der Geselle vermochte keinen Fehler bet der Geliebten zu entdecken, und nach und nach wurden auch Vater und Mutter freundlicher zu der Tochter, die ihnen keinen Anlaß zur Klage gab und ein ganz anderes Leben begann, wie sie es vor ihrer Hinreise zu der alten Tante geführt hatte.

Schon in aller Frühe des Morgens, wenn Frau Nowitzka noch schlief, stand das Mädchen auf, um den Kaffee zu be­sorgen, und nahm ihm Laufe des Vormittags der Mutter all die vielfachen häuslichen Arbeiten ab, die diese sonst zu besorgen hatte.

Am Nachmittage aber saß Wanda zumeist auf ihrem Giebelstübchen, um sich dies und das zu nähen und anszu- beffern, wie sie stets vorgab, und Abends hatte sie ihren festen Platz an dem großen runden Tische in der Wohn­stube und arbeitete für ihre Eltern oder Geschwister. Dabei hatte sie für die Ihrigen eine gleichmäßige, herzliche Freund­lichkeit und eine beinahe rührende Anhänglichkeit und Sorge für den Altgesellen der trotzdem zurückhaltend und kalt gegen das Mädchen blieb.

Joseph zürnte deshalb dem alten Manne aus vollem Herzen, und wenn ihm derselbe auch von Zeit zu Zett zuraunte:Hüten Sie sich, die Schlange schläft nur!" dann hatte der junge Mann jedes Mal ein verächtliches Achselzucken für den unliebsamen Warner in Bereitschaft.

Tu sollst sehen, Jasch, es wird in unserm Hause eine Liebschaft geben," sagte Frau Nowitzka in jener Zeit einmal zu ihrem Manne,der Joseph hat ja nur Augen für Wanda und wie es scheint, will diese dem jungen Burschen auch wohl."

Nun, wenn Gott zugiebt, daß aus den Beiden ein Paar wird," antwortete schmunzelnd der Meister,bann will ich gern Ja und Amen sagen. Ein tüchtiger Nach­folger in meiner Tischlerei käme mir als Schwiegersohn

gerade recht und Wanda scheint sich ja, den Heiligen fet es gedankt gebessert zu haben."

Näher und immer näher kam die schöne Weihnachtszeit, und Joseph faßte bereits die großartigsten Pläne, wie er Wanda zum neuen Jahre beschenken wollte. Trotz vielfacher Vertraulichkeiten, die ihm das Mädchen gestattete, war er doch noch nicht so weit gekommen, ihr erklärter Liebhaber zu sein, und es galt daher auch noch bei der Bescheerung, den guten Schein aufrecht zu erhalten. In Folge dessen mußte Jeder im Hause zum Feste eine kleine Gabe von ihm empfangen, wenn das reiche Geschenk für die Geliebte nicht allzusehr auffallen sollte, und ob die Ausgaben sich dadurch wohl etwas mehrten, das galt dem jungen Manne, der doch schon in Schulden steckte, ziemlich gleich. So solide und vernünftig der Geselle gewesen war, ehe die Meisterstochter heimkehrle, so blind und toll wirtschaftete er darauf los, nun sie im Hause war, weil er hoffte, durch äußeren Auf­wand dem Mädchen, das nach seiner Meinung hoch über Allen an Bildung und Manier stand, näher zu kommen.

Noch war der erste Anzug in dem Geschäfte des Kleider­händlers nicht vollständig bezahlt, als er fich schon den zweiten Rock geben ließ; das Kaufen von Handschuhen, feinen Chemisettes und dergleichen hörte nicht auf, und dazu brachte er der Geliebten von seinen Spaziergängen die schönsten Bouquets und Blumentöpfe mit. Nicht lange und der junge Mann war hier und da in der Stadt Geld schuldig und hatte sich einen bedeutenden Vorschuß von seinem Meister geben lassen, ohne daß er einen Pfennig nach Hause geschickt hätte. Der Gedanke an seine Mutter, an feine Schwester wurde ihm unangenehm; er schrieb deshalb selten nach der Heimat, und that er es ja einmal, so suchten die beiden Frauen in dem polnischen Dörfchen vergebens nach einem Worte der Liebe in den Zeilen; der Geselle lieferte eben nur flüchtige Beschreibungen von den Spaziergängen, die er mit der Familie seines Meisters gemacht, schrieb von seiner Angefehenheit in der Werkstatt, aber nichts von seiner Sehnsucht nach den Angehöiigen, nichts von dem Fortschreiten in seiner Arbeit und den Ersparnissen, die er gemacht hatte. (Fortsetzung folgt.)