Nr. Lv»
Marburg, Mittwoch, 18. August 1886.
XXI. Jahrgang
»d&ii.nt täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Nbormements-Preis bet der Expedition 3*/* Ml., bet den Postämter 2 Ml. 50 Pfg. (e{d. Bestellgeld). gefertümSgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Ketlamen für die Zeile 95 Pfg.
(Ob krlMlhc Jfitmiß.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux von Haafenstein undBogler in Frankfurt a. M , Gaffel, Magdeburg und Wien; Rudoli Stoffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln: G. L. Taube und Go. n rant'urt a. M, B rl n, Ha novcr ».Paris-
Wöchentliche Beilagen: A nitlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
—Illustriertes Sonntagsblatt.
Zuchthäusler «Us Volksvert reter.
Die italienischen Wahlkreise Forli und Ravenna.haben den Galeerensklaven Cipriani, dessen erste Wahl vom italienischen Abgeordneten hause fast einstimmig für un- giltig erklärt war, nochmals auf den Schild gehoben und dem Sträfling von Porto Longora ist foirdt eine Ehre zu Tell geworden, die auch sseine Schicksälsgeiiosien im Reiche mit berechtigtem Stolze erfüllen kann, denn es geschieht tatsächlich zum ersten N tale, daß das Volk einen Mann zu seinem Vertreter ervoählt, den die Geschworenen zum Mörder gestempelt. Es wird über den Fall in Italien heiß und leidenschaftlich gestritten. Die einen rufen bewegt, Italiens Genius müsse sich vor Ächam das Antlitz verhüllen; die Anderen wieder bedauern die Verirrung, erklären sie aber durch den bekannten edlen und großmütigen Sinn der Ron mgnolen, worunter sie allerdings recht mannigfaltige Dinge verstehen. Dank diesen zwei schönen Tugenden nämlich steht die Romagna in Wahrheit heule noch, obwohl sie bedeutend zahmer geworden ist, außerhalb des Gesetzes; dank ihnen wurden in Revenna, Forli und Ceseua in frecherer Zeit Polizeibeamte erstochen, ein Statthalter erschossen^ gemeine Verbrecher als Märtyrer verehrt. Erst in letzter Zeit hat sich mit knapper Rot ein . Halbwegs erträgliches Verhältnis zwischen den Behörden und der Bevölkerung gebildet. Die Romagnolen waren von jeher unverträgliche und tolle Menschen, die gegen alles auftraten, was als ein Ausfluß der Regierungs- Gewalt betrachtet werden durfte. Aber auf den erworbenen schlimmen Ruf find sie stolz, und damit er nicht vergehe, wählten sie den Zuchthäusler Cipriani.
Hamilcar Cipriani ist einer jener fahrenden Ritter, deren es in Italien viele gegeben. Nachdem er 1866 unter Garibaldi an dem abenteuerlichen Zuge nach Tirol .teilgenommen, verschwand er, um ein Jahr später in .Alexandrien aufzutauchen. Zwei Jahre lebte er dort von dem Ertrage seiner Arbeit in einem Kaufmannsgeschäft, Lann geriet er in eine dunkle liederliche Gesellschaft. Eines Abends machte er mit feinen Freunden Skandal in den Straßen, zwei arabische Wächter stürzten herbei, die anderen flohen, und Cipriani tötete die Wächter mit seinem Messer. Vom italienischen Konsul vor Gericht gefordert, brannte er durch nach Paris, wo er als Kommunist an den dortigen Kämpfen teilnahm. Verwundet wurde er gefangen, zum Tode verurteilt, aber zur Verbannung nach Kayenna begnadigt. Die erste Amnestie gab ihm seine Frechst wieder; als er aber in Paris angelangt war, verwies man ihn des Landes und er ging wieder nach Italien. In Forli wollte man ihn als „Apostel der Menschenrechte" im Triumph empfangen, aber im schönsten Moment verhafteten ihn zwei Gendarmen und überlieferten
Geschichtskallenver.
18. ÄUgUlt.
1700. König Karl XII. von Schweden nötigt den König Friedrich IV. von Dänemark zum Abschluß des Friedens von Tratzendahl.
1717. Belgrad wird von Prinz Eugen genommen.
1765. Kaiser Franz I., der Gemahl der Maria Theresia, stirbt zu Ausdrucks- ihm folgt sein Sohn Joseph H. tm Alter von 24 Jahren.
1807. Napoleon erläßt das Dekret zur Gründung des Königreichs Westphalen.
1812. Die Franzosen erstürmen Smolensk.
1849. Der Prinz Wilhelm von Preußen führt den geflüchteten Großherzog von Baden in seine Residenz zurück.
1870.
18. August. Schlacht bei Rezonville und Gravelotte. Französische Armee vollständig geschlagen und von Paris ab- geschuitten.
Wanda.
Von 31. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Jahre gingen hin, die anderen später geborenen Kinder des Tischlermeisters erlangten die Reife zur Schule, und wunderbarer Weise brachte sie mein Freund Nowitzky in die hiesige städtische Bürgerschule und nur die älteste Tochter blieb in der Anstalt für junge Damen. Es war ersichtlich, daß sich der Tischlermeister mit seinen Gefühlen zwischen Thür und Angel befand, denn wenn er eines Teils Wanda gern hätte an dem Unterricht Teil nehmen laffen, den der Rektor I ... den Bürgerkiuder» gab, fürchtete er andererseits ein Unrecht zn begehen, wenn er das Kind von dem Wege ableitete, den es auf seine Veranlassung zu höherem Wissen, desieren Manieren eingeschlagen hatte. Aber, wie es nicht taugt, wenn die Kinder eines EliernpaareS einen verschiedenen Glauben haben, so ist eS auch stets zum
ihn den Gerichten. Vom Schwurgericht wurde er wegen des Doppelmordes in Alexandrien für schuldig befunden und zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Man streitet noch jetzt in juristischen Kreisen, ob die Sache dem strengen Rechte entsprach und nicht etwa Verjährung hätte eintreten sollen. Das Volk in der Romagna dachte aber ganz anders, es stellte den Mörder als einen von der Regierung verfolgten Märtyrer dar und erachtete seine Befreiung von den Fesseln für eine sittliche Pflicht. Durch seine stürmische Teilnahme für den Galeerensträfling hat es wieder einmal alle seine Tugeuden bewährt, denn es hat Cipriani gewählt trotz aller Abmachungen, welche von Seiten selbst der erbittertsten Gegner der Regierung gemacht wurden. Der Galeerensklave Nr. 1004 ist Mitglied des italienischen Parlaments in Rom. Die Ehre ist freilich eine bescheidene, und das vernünftige Italien wird Rewenna darum nicht beneiden. Schlimm ist's nur, daß die Regierung selbst, wenn sie es vorher beabsichtigt hätte, bei den jetzigen Umständen dem König keine Begnadigung Ciprianis mehr wird Vorschlägen können. Das allerschlimmste dabei ist aber das schmerzliche Erstaunen Italiens über die neueste Tollheit der edlen Romagna. Gegen derlei unsinnige Thaten giebt es nur ein Mittel: Das vollständige Ignorieren. Hat man sich einmal dazu entschlossen, dann wird die Romagna von der eitlen Sucht, eine besondere Stellung im Königreiche Italien einzunehmen, geheilt sein und endlich einmal vernünftig werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Aug. Alle, welche den Kaiser bei seiner Ankunft in Potsdam zu sehen Gelegenheit hatten, rühmen fein gutes Aussehen und seine erstaunliche Rüstigkeit. Auch die kaiserlichen Leibärzte sind mit dem Ergebnis seiner diesjährigen Badekuren durchaus zufrieden; nichtsdestoweniger haben sie dem greifen Herrscher für die nächsten Wochen die größte Schonung anempfohlen und nur die allernotwendigsten Empfänge sollen stattfinden; aus diesem Grunde unterbleibt auch vorläufig der Empfang des Gesandten v. Schlözer, der bereits Berlin verlassen hat und erst vor seiner Rückkehr nach Rom dem Kaiser seine Aufwartung machen wird. — „Daily News" widersprechen auf das entschiedenste den „Berl. Polit. Nachr." darin, daß keine Aktion des deutschen Geschwaders auf Samoa stattgefunden habe. Die Flagge des anerkannten Königs sei nieder- gerissen und derselbe durch Repressalien genötigt worden, sich unter amerikanischen^Schutz zu stellen. „Es ist nicht wahr — heißt es am Schluß — daß die Regierung der Vereinigten Staaten das Vorgehen ihres Konsuls desavouiert,- sondern den neuesten Nachrichten zufolge halten
Schaden, wenn die Geschwister nicht in gleicher Weise erzogen werden. Es konnte nicht ausbleiben, daß Wanda bei der großen Eitelkeit, die ihr Hetz beherrschte, bald anf- hörte, sich daheim glücklich zu fühlen, daß sie die Schwestern und die Brüder über die Achseln ansah und ganz und gar die große Dame zu spielen anfing, die sich einbildete, der liebe Gott habe sie für viel bessere Zwecke geschaffen, als im Hause eines Tischlermeisters ihre Tage hinzubringen.
Es war um jene Zeit, als ich anfing, Wanda eingehender zu beobachten und ich folgte ihr oft, wenn sie zu ihren Freundinnen, besonders wenn sie zu Felicita W . . . ging. Was ich nun da zu sehen bekam, erfreute nicht gerade mein Herz, das noch immer mit seiner Liebe nicht von dem hübschen, damals fünfzehnjährigen Mädchen lassen wollte. Wenn sie so vor mir herschritt mit ihrem schlanken Wüchse, ihrem leichten Gange und ich wenige Schritte hinter ihr war, sah ich oft, wie sie den Kopf kokett aufmarf, wie sie den Herren zulachte, die Bemerkungen zu ihr machten, wie sie auch häufig junge Burschen traf, und mit ihnen gemeinschaftlich ihren Weg fortsetzte. In einer stillen Stunde machte ich sie selbst auf das Unpassende ihres Benehmens aufmerksam, aber was konnte ich dagegen einwenden, wenn sie mir unter tausend Schmeicheleien erklärte, sie sei ja noch ein Kind und die Herren seien Freunde Felicitas Bruder gewesen, der sich im Hause seiner Mutter aufhielt, um auch Schauspieler zu werden. Ein Jahr nach diesen Begebenheiten überraschte uns Wanda durch die Erklärung, daß sie das Haus ihrer Eltern zu verlassen wünsche und zur Frau SB ... . Übersiedeln wolle, um sich für die Bühne vorzubereiten, zu deren Betreten sie nach Ansicht der Schauspielerin das größte Talent haben sollte. Sie können sich wohl denken, welchen Sturm diese thörichte Rede des Mädchens in dem einfachen, schlichten Hanse des Tischlermeisters hervorrief, der eS von alten Zeiten her nur kannte, daß die Töchter seiner Familie als wackere Eheftauen von der Seite ihrer Eltern fortgegangen waren. Es schien einige Tage, als könne gar nicht alles wieder ins rechte Geleise bei uns
sie dasselbe während der Untersuchung, zu deren Vornahme ein Kommissar entsandt wurde, aufrecht. Es ist wahr, daß jetzt „Ruhe" herrscht, allein dies ist die Folge des entschlossenen Vorgehens von „Diamond" des Vereinigten Staatenschiffes „Mohican" in Gemeinschaft mit den Konsularvertretern dieser zwei Mächte. Es ist denselben gelungen, den Folgen des unglücklichen Vorgehens des deutschen. Geschwaders entgegenzuarbeiten, indem sie den deutschen Konsul veranlaßten, dem Rebellenkönig seine Unterstützung zu entziehen, die deutsche Flagge, die 16 Monate hindurch an Stelle der samoaschen geweht hat, zu streichen und die Rebellentruppen persönlich zu überreden, sich zu zerstreuen und in ihre Heimat zurückzukchren. Die zwei „gegnerischen" Parteien haben nicht ihre Waffen niedergelegt, nur die Rebellen sind bewogen worden, dies zu thun, und jetzt gezwungen, zu ihrer Lehnspflicht gegen ihren wahren König zurückzukehren." Ohne uns irgendwie mit dem englischen Standpunkt, der diese Darstellung beherrscht, zu identifizieren, können wir nur konstatieren, daß uns von Anfang an die sichtbare Schönfärberei der „Berl. Polit. Nachr." nicht der Wahrheit zu entsprechen schien. — Ein ebenso prachtvolles, wie kostbares Geschenk ist unserem neuen Landsmann Prinz Dido von Didotown im Auftrage Sr. Kaiserlich Königlichen Hoheit des Kronprinzen in der Flora zu Charlottenbnrg überreicht worden. Dasselbe, eine massiv goldene Medaille in der Größe eines Thalers, zeigt auf dem Avers das vortrefflich gelungene Brustbild des Kronprinzen, in haut relief gearbeitet, mit der Umschrift: „Friedrich Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen", während sie auf dem Revers die Initialen des Kronprinzen mit der Kaiserkrone befinden. Die Medaille, die an einer schweren goldenen Kette um den Hals zu tragen ist, ruht in einem blauen Sammet-Etui auf weiß-seidenem Grunde. Begleitet war das Geschenk von folgendem Schreiben: „Neues Palais, Wildpark, 14. August 1886. Euer Wohlgeboren beehre ich mich in Höchstem Auftrage beifolgend ein von Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit dem Kronprinzen für den Häuptling Dido zur Erinnerung an dessen Besuch im Neuen Palais bestimmtes Medaillon mit der Bitte ganz ergeben)! zu übersenden, die Aushändigung ^desselben an den Genannten gütigst übernehmen zu wollen, von Kessel, Major und persönlicher Adjutant. — An Herrn Hagenbeck Wohlgeboren zu Charlottenburg."
Heidelberg, 14. Aug. lieber die der Universität von Höchster Stelle gewordenen Geschenke ist noch folgendes mitzuteilen: Die Großherzogin hat der Universität den Thrvnsessel geschenkt, auf dem der Großherzog bei dem Eröffnungsakt des Jubelfestes in der Aula Platz nahm. Dieser Sessel bleibt fortan in der Aula. Ferner hat die kommen, denn die Meisterin brachte ihre Zett mit Weinen hin und das Essen kam schlecht zubereitet ober zu spät auf den Tisch, der Meister ging mit gesenktem Kopie umher, und kümmerte sich nicht um die Arbeit, Wanda war unsichtbar, und mir selbst lag es wie ein Alp auf der Brust. Wie ich später hörte, hatte das rebellische Mädchen für einige Zeit Stubenarrest erhalten, und zwar hauptsächlich darum, weil ihr Verkehr mit der Schauspieler - Familie unterbrochen werden sollte. Aber nichts ist schwerer zu hüten, als ein Mädchen, das nicht dumm ist und ein erfinderisches Gehirn hat. Wenn wir auch monatelang nicht entdecken konnten, daß Fräulein Felicita, oder was ich mehr fürchtete, ihr sauberer Bruder wieder in Zusammenhang mit Wanda kamen, geschehen mußte es doch sein, und eines schönen Morgens war das Giebelstübchen in unfttm Hause leer und das Vögelchen entflohen.
Jene Stunden voll so tiefen Leides, wie sie nur Elteru- herzen durchkämpfen können, jener endlos lange Tag, der zwischen der Flucht Wandas und ihrem Wiederauffinden lag, reichte hin, nm in meinem Herzen alles Mitgefühl, alle Teilnahme zu ertöten. Ich war, als ich die Straßen Warschaus durcheilte, nur der kaltherzige und faltblütige Polizist, der mit wahrer Lust der Spur eines Verbrechers folgt. Und weil ich ebenso viel ruhiger, wie die Eltern in dem Verfolgen meines Flüchtlings mar, gelang es mir auch zuerst, ihn aufzufinden. Das Vögelchen hatte wahrscheinlich gedacht, es brauche mir die Flügel auszubreiten, um davonzufliegen und das Geld spielte keine Rolle bei der Flucht. Weit war Wanda nun eben mit dieser Ansicht nicht gekommen, denn wenn die Schauspielerin ihr auch wohl den Rat erteilt hatte, das elterliche Haus zu verlaffen, sie war doch klug genug gewesen, sich an der Flucht selbst durch nichts zu beteiligen, und so fand ich denn auch das Mädchen nicht bei der Familie W . . . ., wohl aber auf dem entferntesten Bahnhofe der Stadt, wo ich sie ziemlich ttübselig die kleine Baarschast ihres Portemonnaies überzählen sah.
(Fortsetzung folgt)