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Rr. 191.

Marburg, Dienstag, 17. August 1886.

XXI. Jahrgang.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sauntagsblatt.

Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.

Zrrrn 17. August.

Hundert Jahre sind verflossen, seitdem in seinem Lieb- lingsschloffe Sanssouci bei Potsdam der Mann die Augen schloß, dessen Name jedes deutsche Kind schon kennt, von dessen beispielloser Volkstümlichkeit zahllose Anekdoten und Geschichten zeugen, der Mann, dessen Name unvergeßlich in dem ehernen Buche der Geschichte eingetragen steht, nach dem ein ganzes Jahrhundert genannt wird: Friedrich II., der König von Preußen, der Große und der Einzige ge­nannt. Beides mit Recht! Sein ganzes, langes Leben war ein Leben voll von Kampf und Arbeit, aber was er schuf, es hatte herrlichen Bestand, auf der Grundlage, die er gelegt, erhebt sich heute das stolze deutsche Kaiserreich. Der „Alte Fritz", wie der Volksmund den großen König nennt, war kein spezifisch preußischer, er war ein deutscher Held, der in jenen schlimmen Zeiten, welche der Auflösung des „heiligen römischen Reiches deutscher Nation" voran­gingen, jeden Deutschen mit Stolz empfinden ließ, ein Deutscher zu sein! Friedrich der Große von Preußen, der an Körper kleine König mit dem unwiderstehlichen Feuer­geist, der auf dem Thron alle Bitterniffe des Lebens er­fahren, aber sie alle auch überwunden, ist ein deutscher Nationalheld geworden, und deshalb sagen wir heute: Gesegnet sei sein Andenken!

Wir haben es an diesem ernsten Gedächtnistage nicht nötig, ein Lebensbild des Mannes zu geben, dessen Andenken wir in stiller Ehrfurcht feiern! Das Leben des „Alten Fritz" kennt jeder deutsche Mann, er kennt den König, der gleich einzig als Feldherr, Staatsmann und Monarch, der als kaum Dreißigjähriger zum erstenmale das Schwert ergriff, um seine gerechten Ansprüche auf Schlesien zu ver­teidigen. Einzig ist auch die Jugend dieses Fürsten! Unter der harten Erziehung des strengen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I., seines Vaters, streifte er hart am Schafott vorbei, lernte das Gefängnis und seine Qualen kosten, aber er lernte auch alle die kleinen Züge der Ver­waltung kennen, die es doch erst sind, welche den Staat groß machen. Und Friedrich Wilhelm I. hat, als die Ver­söhnung zwischen ihm und dem „Flötenspieler" eingetreten war, wohl erkannt, welcher Geist in dein Kronprinzen stecke, denn bei einer bitteren Zurücksetzung, die vom Kaiser­hofe in Wien ihm widerfahren war, rief er, auf den Kron­prinzen Friedrich deutend, aus: „Da steht einer, der mich rächen wird!" Auf Friedrich den Großen auch paßt das Wort seines großen Ahnen, des Kurfürsten Friedrich Wil­helm: „Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor!“

Sechsundvierzig Jahre hat Friedrich der Große das Staatsruder Preußens gehandhabt! Und wie hat er es

gehandhabt! Als Mensch unterlag auch er einzelnen Irr­tümern, aber wenn diese auch vom Volke empfunden wurden, es wandte seinem Könige doch die unbegrenzteste Liebe und Verehrung zu. Und jene Irrtümer verschwin­den vollständig fast, wenn wir sehen, wie der König nach den furchtbaren Jahren des siebenjährigen Kampfes gegen halb Europa unermüdlich, selbstlos von früh bis spät an der Hebung des Wohlstandes seines arg zerrütteten Landes arbeitete, immer auf dem Posten, alles selbst genau prüfend, in Wahrheit nicht mehr, als der erste Diener des Staates. Sein gewaltiges Wort: Der Fürst ist nur der erste Diener seines Landes!, hat er treu und wahr erfüllt, bis zum Tode. Erst der Tod hat den greisen Körper von der schweren Arbeitslast befreien können. Friedrich der Große schuf ein neues Preußen, nach innen und nach außen, seine unerbittliche Gerechtigkeit schützte den Bürger im Fleiß seiner Arbeit! Als Dichter, Schriftsteller und Philo­soph war der König, zu dessen Zeit von einer deutschen Litteratur kaum die Rede, dem Französischen geneigt, aber er hat nicht einmal den Deutschen verleugnet. Er wollte der deutschen Litteratur das beste geben, was sie brauchen konnte, Raum und Zeit zur Entwickelung. Und dann als Fridericus Rex aus dem siebenjährigen Kriege heimkehrte, ließ er ganz allein für sich in der Charlottenburger Kapelle einen Lobgesang anstimme», und als die Jubeltöne mächtig erbrausten, bedeckte der ruhmgekrönte König und Feldherr das Gesicht mit den Händen und — weinte bitterlich.

Ein echter Deutscher war Friedrich II. als König und Staatsmann. Seine Bestrebungen auf Einigung der deutschen Fürsten, der deutsche Fürstenbund, entsprossen einem heißen Patriotismus und Nationalitätsgefühl, deutsch war seine ganze Politik. Ganz Deutschland, das zum großen Theil gegen ihn in'Waffen stand, jubelte ihm zu, als die Franzosen von ihm bei Roßbach geklopft wurden. Wohl stand dem großen Feldherrn eine Reche tapferer und großer Generale zur Seite, wohl fügte ihm sei» Starrsinn auch manchen harten Schlag zu, aber stets erwies sich der König als der Größte, er rang sich^urch, während ihn die bittere Not oft zwang, mit den Soldaten am Wacht­feuer zu kampieren. Groß steht die Gestalt des Königs so in jeder Hinsicht da und Niemand hat es gewagt, sein Bild anzutasten. Als Napoleon I. nach der Schlacht bei Jena am Sarge des Alten Fritz in der Garnisonkirche in Potsdam stand, nahm er den Hut ab und sagte leise zu seinem Gefolge: „Lebte er noch, so wäre ich nicht hier!"

In dem schönen Sansouci bei Potsdam hat Friedrich II. die herrlichsten Tage seines Lebens in königlicher Einfach­heit, geliebt von seinem Volke, bewundert von einer Welt,

gelebt, dort ist er in der Morgenfrühe des 17. August 1786 verschieden, allein, in den Armen eines Dieners. Das launische Schicksal hatte dem Könige Alles gegeben, nur Eins ihm versagt, die Freuden eines glücklichen Familien­lebens. Einsam hat der König seine letzte Lebenszeit in Sanssouci gelebt, nur seinem Lande sich widmend, die Ver­waltung haarscharf verfolgend. So ist er allein entschlafen I Als aber die Trauerkunde hinausdrang in das Land und in die Staaten Europa's, da begann die einmütige Klage um den Dahingeschiedenen, der für seine Zeit der Erste, der Größte gewesen war. Er starb, und Niemand, der ihm gleich war, blieb zurück. Aber die Werke und Thaten Friedrichs des Großen, dieses ersten und größten Vor­kämpfers der neusten Zeit, sie starben nicht mit ihm, sie trugen, mochten auch schlimme Krisen noch eintreten, doch herrliche Früchte und gereichten dem ganzen deutschen Vater­lande zum Heil und Segen. Schlicht und einfach ist des großen Königs Wesen trotz allen Ruhmes und aller Ehren stets gewesen, stets geblieben; wir ehren ihn deshalb um so höher, und um so leuchtender strahlt jetzt am deutschen Ruhmeshimmel der Name Friedrichs des Großen, des Einzigen!!

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Aug. Ihre Majestät die Kaiserin hat mit ihrem Gefolge heute früh, nach mehrwöchigem Aufent­halte, Schlangenbad wieder verlassen und trifft heute abend 9 Uhr von Eltville aus mittelst Extrazuges wieder in Potsdam ein und wird daselbst im König!. Stadtschloffe absteigen. — Von dort begiebt sich Ihre Majestät morgen mittag, nach Beendigung des Gottesdienstes nach Schloß Babelsberg, woselbst die kaiserlichen Majestäten dann ge­meinsam in der nächsten Zeit residieren werden. — Am Tage der Ankunft des Kaisers in Straßburg, am 10. September, wird abends großer Zapfenstreich, Münster- beleuchtung und allgemeine Illumination stattsinden. Am 11. September findet um 11 Uhr die große Parade und nach derselben das übliche Paradediner und Theatervor­stellung statt, zu welcher Abordnungen der einzelnen Truppen, die in Parade gestanden, Einladungen erhalten. Am 12. September ist großer Festgottesdienst und nachmittags Offiziers-Pferderennen auf der Spereniusel. Am 13. Sept, beginnt das Kaisermanöver und für den Nachmittag ist ein Promenadenkonzert in der Markthalle und Besichtigung der Blumenausstcllung geplant. Abends findet eine Gala- Vorstellung im Stadttheater statt. Am 14. Sept, ist eine Besichtigung der Universität und des Münsters ge­plant mit Empfang der Professoren und der Studenten--

Geschichtskalender.

17. Angriff.

' 1544. Die Universität Königsberg wird vom Herzoge Albrecht I. geweiht.

1646. Eroberung von Kirchhain durch "den Hessen-Darm­städtischen General Edelstein.

1786. Friedrich 11. von Preußen stirbt zu Sanssouci an der Wassersucht in seinem 74. Lebensjahre, ihm folgt sein Neffe Friedrich Wilhelm II.

1833. Baselstadt und Baselland werden von der Tagsatzung als besondere unabhängige Cantone aneikannt.

1866. Die Preuß. Staalsregierung legt dem Landtage die königliche Botschaft über die Vereinigung des Königreirs Hannover, des Kurfürstentums Hessen, des Herzogtums Nassau und der freien Stadt Frankfurt mit Preußen vor.

1870.

17. August. Gefecht der „Grille" und dreier Kanonenboote gegen ein französisches Geschwader bei Rügen.__________

Wanda.

Von A- Gnevkow.

(Fortsetzung.)

„Und wenn ich wenig erkenntlich dafür wäre?" bemerkte der junge Mann in dem G.fühle seiner Ohnmacht, mit trotziger Stimme.

„Dann hätten wir, der Meister und ich, doch wenigstens unsere Schuldigkeit gethan, der Meister, indem er mir den Auftrag gab, Sie mit dem Sachverhalt bekannt zu machen, ich, indem ich diesen Aufttag jetzt ausführe. Es ist unsere Absicht, Sie nicht blindlings einem Abgrunde zutaumeln zu lassen, dessen Tiefe Sie nicht kennen, denn wir haben wohl be­merkt, daß Ihre Blicke, gestern und heute, nur anWanda hingen."

Der Geselle wurde rot und wollte auffahren, der alte Mann legte aber seine Hand mit nachdrücklichem Ernste auf seinen Arm und ihn so auf seinem Platze fesselnd, sagte er mit bewegter Stimme: „Was ich Ihnen jetzt erzählen will, hat bisher noch Niemand aus meinem Munde gehört, denn wie ein Vater es nicht gern verrät, wenn ihm eins

seiner Kinder Schande macht, so geht cs mir mit Wanda Nowitzka, die ich als kleines Mädchen auf meinen Knieen schaukelte, und die ich ehemals liebte, als wäre es mein eigenes Kind gewesen."

„Ehemals!" wiederholte Joseph, wie aus einem Traume erwachend, das Wort des Erzählers und blickte mit starren glanzlosen Augen in das Gcsicht des Altgesellen.

„Ja, ehemals," bekräftigte dieser mit einem ernsten Aufblick seiner klugen, grauen Augen und fuhr dann fort:

„Eine innige Freundschaft verband mich von unser ge- meinschaftltch verlebten Judendzeit an mit Jasch Nowitzky, unserem jetzigen Tischlermeister, und als er, der mehr Mittel besaß, wie ich, Meister wurde, blieb ich bei ihm Geselle, blieb es auch dann noch, als ich selbst Gelegenheit hatte, unabhängig zu werden, denn es gefiel mir in seinem Hause, und da das Mädchen, dem ich meine Liebe geschenkt hatte, starb, war es meine Absicht, niemals zu heiraten. Mit Leib und Seele lag ich meinem Handwerk ob, das ich erst in den späteren Jahren ergriffen hatte, nachdem ich, dem Willen meiner Eltern folgend, längere Zeit auf einem Se­minare zubrachte, um Schullehrer zu werden, Jahre um Jahre war ich schon im Hause meines Freundes, ich wurde Altgeselle, und habe als solcher ganz die Stelle eines Werk­führers, und die Werkstatt steht unter meinem Kommando.

Mein Frenud Nowitzka verheiratete sich, und ich teilte aus vollem Herzen alle Leiden und Freuden, die das alte Ehepaar trafen. Und eine große, sehr große Freude war es, als der Himmel ihm das elfte Kind schenkte, und als- mir der Meister das winzige, kleine Würmchen in den Arm legte, und mit väterlichem Stolze sagte: „Ist e8 nicht ein Prachtwädel, Wladis?" Da nickte ich zustimmend, und die Thräne, die mir heiß im Auge emporquoll, verbürgten mir die warmen Gefühle, die ich für die Kleine hegte. In der That wurde Wanda mein ganzer Augapfel, und blieb es um so mehr, als die Ehe der Nowitzkys mehrere Jahre nach Wandas Geburt kinderlos blieb, denn die übrigen Ge­schwister sind alle ganz bedeutend jünger, wie die älteste Tochter.

Noch sehe ich die Kleine vor mir, mit dem frischen, leb­haften Gesichtchen, den dicken braunen Locken und den Schelmen­

augen, und es ist mir, als höre ich ihren trippelnden Schritt mit dem sie zu mir gelaufen kam, um mir schmeichelnd dies und das abzuve: langen. Und ich muß es nur gestehen, ich war ebenso schwach zu dem Kinde, tote es Vater und Mutter waren, und Wanda e> hielt, was sie nur eben wollte, an Spielsachen, Naschwerk und bunten Kleidern. Besonders waren es Putzgegenstände, die das Mädchen am beharr­lichsten verlangte, und die schönste Puppe konnte Wanda nicht so erfreuen, wie ein buntes Band, mit dem sie dann stundenlang vor dem Spiegel stand und es sich um den Hals, durch die Haare wand. Anfänglich amüsierten wir uns, ja, wir lachten über die Eitelkeit des Kindes, denn eS sah ja drollig aus, wenn sich die kleine Person auf die äußersten Spitzen der Zehen erhob, um in das Glas des Spiegels sehen zu können, und später, als Wanda zur Schule kam, achteten wir nicht mehr auf die eitlen Schwächen des Kindes. Wie in unfern Zeiten alles auf den Fortschritt bedacht ist, zog cs Meister Nowitzky auch vor, seiner Tochter eine bessere Erziehung zu Teil werden zu lassen, tote sie die Bürgertöchter sonst zu bekommen pflegen, und er brachte Wanda in eine höhere Töchterschule. Das hübsche, stets sauber und nett gekleidete Mädchen erwarb sich hier bald die Liebe der Lehrer und Lehrerinnen und auch einige Freundinnen, deren Eltern eine ganz andere Stellung in der Welt einnahmen, wie cs der schlichte Tischlermeister that. Es fiel uns bald Allen hier im Hause auf, daß Wanda nicht mehr das unbefangene Wesen wie früher hatte, sie stellte größere Anforderungen in Bezug auf ihre Toi­lette, fand dies und das in den Zimmern ihrer Eltern nicht fein genug eingerichtet, tadelte wohl auch gelegentlich einmal trotz ihrer jungen Jahre, die einfache Ausdrucksweise von Vater und Mutter und suchte in ihren Freistunden so viel tote möglich bet ihren Freundinnen zu sein. Ganz besonders gern ging sie zu der Tochter der Schauspielerin W . . ., die mit ihr die gleiche Schule besuchte, und wenn die auf­geputzte, gezierte kleine Dame kam, um unser Kind zum Unterricht abzuholen, ärgerte ich mich, denn ich hatte die unbestimmte Empfindung, daß cs Fclicita W... war die keinen guten Einfluß auf Wanda ausübte. (Fortsetzung folgt.)