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Rr. 18»

Marburg, Sonnabend, 14. August 1886.

XXI. Jahrgang.

GrchrUlht Jcituiig

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Kriertagen. Quartal. Lbsnnements-Breis bei der Expedition 21/« Mk., bei de» Postämter 2 St!. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionszebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. NeÄamen für die Zeile

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25 Pfg.______________

Wöchentliche Beilaacn: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Sonntagsblatt

Petition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Die Moral des Freiberger Sozialistenprozefies.

In wie unerhörter Weise die sozialdemokratischen Ab­geordneten die parlamentarische Redefreiheit zur Verbreitung von unwahren Behauptungen behuss Verhetzung gegen die bestehende Staatsordnung mißbrauchen, ist im Laufe des Sommers bekanntlich von Gerichtswegen in der für die betreffenden Sozialdemokraten beschämendsten Weise kon­statiert worden. Schon der Umstand, daß es sich dabei nicht um einen Einzelsall handelt, den man der beteiligten Persönlichkeit allein zur Last legen kann, sondern daß eine Mehrheit von Fällen vorlieat, welche aus Planmäßigkeit der Ausbeutung der Rednertribüne zu verläumdcrischen Angriffen gegen die Negierung und ihre Organe schließen läßt, wirft ein scharfes Licht auf den sittlichen Gehalt der Leiter der sozialdemokratischen Bewegung. Denn es gehört in der Thal ein hoher Grad von Gewissenlosigkeit dazu, das Mandat eines Vertreters der deutschen Nation und die damit verknüpften Privilegien zu benützen, um, ohne eine strafrechtliche Verantwortung fürchten zu müffen, ver­leumderische Anschuldigungen in die Oeffentlichkeit zu schleu­dern. Daß durch ein solches Gebühren zugleich ein ge­ringer Grad von Achtung vor der Würde und dem An­sehen der Vertretung des deutschen Volkes an den Tag gelegt wird, ist selbstverständlich und zugleich sehr charakte­ristisch für die Vertreter einer Richtung, welche stch mit Vorliebe als die Vertreterin der Rechte der breiten Maffen der Bevölkerung ausgibt. Allein damit nicht genug. Der Freiberger Sozialistenprozcß hat Enthüllungen über die Beziehungen der sozialdemokratischen Führer zu einander gebracht, welche nur zu geeignet sind, den aus den er­wähnten Prozcßoerhandlungcn gewonnenen Eindruck eines sittlichen Defekts zu vervollständigen und zu verstärken. Wenn eine Partei, wie die sozialdemokratische, die Um­wälzung der gesamten Staats- und Gesellschastsorganisation, ja zum Teil selbst der heut geltenden sittlichen Ordnung bezweckt und überdies unter dem sonst läuternden Drucke staatlicher Ausnahmemaßregeln steht, so wäre doch, soferu diese Bewegung in der That einen tieferen sittlichen Gehalt hätte, vor allem ein Verhältnis vertrauensvollster Gemein­schaft des Denkens und Fühlens zwischen den Leitern der Bewegung zu erwarten. Aus den Auslassungen der in jenen Prozeß verwickelten sozialdemokratischen Führer, ins­besondere des hervorragendsten unter ihnen, Bebels, geht aber das genaue Gegenteil hervor; es erhellt daraus, daß selbst die parlamentarischen Vertreter der Partei sich gegen­seitig auf das äußerste mißtrauen und des Verrates oder sonstiger Unwürdigkeiten für fähig halten. Nun, sie müffen sich ja unter einander am besten kennen und wissen, was sie von einander zu halten haben. Aber Männer, denen so ihre nächsten Genoffen nicht über den Weg trauen, eignen sich sürwahr nicht dazu, die Träger des Vertrauens

weiter Schichten der Bevölkerung zu sein, von ihnen kann man noch weniger ein von reinen Motiven geleitetes, ledig­lich dem Besten des Volkes gewidmetes Wirken erwarten. Dasselbe Mißtrauen, mit dem sie sich unter einander be­handeln, muß ihnen und ihren Lehren vielmehr entgegen­gebracht werden.______________

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Aug. Seil heule vormittag weilt Se. Majestät der Kaiser und König wieder in seinem Heim, auf dem so herrlich an der Havel gelegenen Lieblings­schlosse Babelsberg. War es in früheren Jahren die Station Großbeeren, auf welcher der Monarch nach der Rückkehr aus dem Bade die Bahn zu verlassen pflegte, so war des kürzeren Weges wegen bereits im vorigen Jahre der Ort Drewitz an der Wetzlarer Bahn als Endstation der langen Fahrt gewählt worden, wo der Kaiser auch heute wieder ausstieg. Das von schönen Parkanlagen um­gebene, in üpvigem Grün gelegene Stationsgebäude prangte in herrlichem Schmuck. Von dem Dache wehten preußische Fahnen; mächtige Guirlanden aus Eichenlaub, mit Blumen aller Art durchwunden, schmückten _ den Eingang zu den Kaiserzimmern, von dem an den Fliesen über den Perron nach dem Geleise sich eine dichte doppelte Hecke exotischer Gewächse entlang zog. In dem Innern der Zimmer ent­faltete sich ein herrlicher Blumenflor, eine Spende der Bahnbeamten. Rach und nach sanden sich aus den um­liegenden Ortschaften und aus Potsdam eine Anzahl Fa­milien, Hoch und Niedrig, ein, nm den geliebten Monarchen bei seiner Ankunft zu begrüßen. Von der maison mili- taire Sr. Majestät waren Generaladjutant Fürst Anton Nadziwill, die Flügeladjutanten Oberst v. Lindequist, Kom­mandeur des 1. GarderegimeutS zu Fuß, Oberst v. Winter­feld und Oberstleutnant v. Petersdorff eingetroffen, seiner der Landrat Stubenrauch in der Uniform des 1. Garde- Regiments zu Fuß. Auch der Amtsvorsteher Berendt auf Klein-Beeren, der den Kaiser früher bei seiner Ankunft in Groß-Beeren zu begrüßen pflegte, hatte sich eingesunden. An der Hinterfront des Bahnhofsgebäudes hatte der Krieger- Verein von Drewitz mit seiner Fahne Aufstellung genommen, daneben die Schuljugend im Sonntagsstaat. ES war ge­nau 10 Uhr 50 Minuten, als der Kaiserliche Extrazug in den Bahnhof einlief. Während sich die Waggons mit dem großen Gefolge leerten die sämtlichen Herren, Graf Lehndorff, General v. Albedyll, Graf berponcher, General- Arzt Dr. v. Lauer rc. waren in Zivil erschien Se. Majestät am Koupöfenster seines Salonwagens. Als die hehre Gestalt des Monarchen sichtbar wurde, entblößte die Menge auf dem Perron das Haupt, während die Offiziere salutierten. Im Militärüberrock und Mütze, dazu den Orden pour le merite und das Eiserne Kreuz erster und

zweiter Klasse, schritt der hohe Herr die Stufen zum Perron herab, gefolgt vom Generaladjutanten Grafen von der Goltz, und begrüßte sich sogleich mit dem Fürsten Radziwill, diesem die Hand reichend. Auf jedem Gesicht war die unverhohlene Freude über das gesunde Aussehen des Monarchen zu lesen, welcher in vollster Gesundheits­frische, das lächelnde Antlitz von der Sonne des südlichen Klimas etwas gebräunt, bie Menge mit der Hand an der Mütze grüßte. Nach einem längeren Gespräch mit den oben erwähnten Flügeladjutanten und dem Landrat verab­schiedete Se. Majestät sich von den nach Berlin weiter- fahrenden Herren seines Gefolges und begab sich demnächft Über die Perronhalle, wo kleine Mädchen und die Schwester des Landrats Buketts überreichten, die der Kaiser dankend entgegennahm. Als er in das Wartezimmer eintreten wollte, wurde ihm noch von dem Töchterchen des Stations- Vorstehers Hellmann ein schönes Bukett von Maröchal Niel-Rosen mit den Begrüßungsworten überreicht:Will­kommen, Eure Majestät! Gott schütze und erhalte Eure Majestät noch recht lange!", wofür der huldvolle Dank nicht ausblieb. Als der Kaiser den Wagen bestieg, stimmte die Schnljugend die Motette:Jehovah" von Selcher an, der Kriegerverein präsentierte, und unter brausenden Hurra­rufen trat der hohe Herr über Neuendorf und Nowaweß die Fahrt nach Babelsberg an. Gleich hinter Drewitz bot sich ihm bereits ein heimisches militärisches Schauspiel. An der Chaussee stand eines der Potsdamer Garde-Ulanen- Regimenter, welches nach dem Manövrieren gerade diese Stelle passierte, aufmarschiert.

Die Gasteiner Kaiserentrevue wird namentlich in ösierreichischen Blättern noch sehr lebhaft und mit großer Offenheit besprochen. So lesen wir in einem Wiener Blatte:Gasteins glanzvolle Kaisertage sind zu Ende. Es war nur der äußere, aber immerhin ein historisch hochbedeutsamer Ausdruck eines inhaltsvolles Stückes Welt­geschichte, welches sich unter der spannungsvollen Teilnahme Europas auf dem romantischen Boden des Alpenthales abgespielt hat. Man braucht seinen Blick nur nach der Vergangenheit zurückzuwenden, um die hohe Tragweite der eben verflossenen Tage in ihrer ganzen verheißungsvollen Bedeutung zu ermessen. Wie die düsteren Schatten einer versunkenen Traumwelt heben sich die Ereignisse der letzten zwanzig Jahre von dem leuchtenden Hintergründe des er­hebenden Schauspieles ab, dessen frohbewegte Zeugen wir soeben in Gastein gewesen. Welch' gewaltiger historischer Umgestaltungsprozeß der politischen Verhältnisse Mittel­europas bezeichnet die Grenzen dieser beiden Dezennien. Liegt nicht eine ganze Welt zwischen den Augusttagen des Jahres 1866 und jenen von 1886, zwischen dem Frieden von Prag und den Kaisertagen von Gastein? Mit Stolz kann die deutsche Nation zurückblicken aus den Dornen-,

Gefchichtskalender.

14. August.

1319. Waldemar der Große, Markgraf von Brandenburg, stirbt 28 Jahre alt.

1431. Ein gegen die Hussiten aufgebotenes allgemeines Kreuzheer wird von diesen bei Regensburg in die Flucht geschlagen.

1640. Trafen vor Fritzlar die beiden Hauptarmeen der kriegführenden Mächte, die kaiserliche unter Piccolomini, die schwedische unter Bauer, zusammen, und lieferten sich mehrere blutige Gefechte. Zu der erwarteten entscheidenden Schlacht kam es jedoch nicht.

1865. Das Herzogtum Lauenburg wird vom Könige von Preußen gekauft.

1870.

14. Aug. Straßburg cernieit. Schlacht bei Courcelles, Franzosen nach Metz znrückgeworfen. ._________________

Wanda.

Von A- Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Sie ist wie eine König-n," murmelte der junge Mann vor sich hin, als er dann später die dunklen Treppen zu seinem Dachstübchen hinanstieg, und er hatte die Empfindung, als sei er selbst plötzlich unendlich armselig und geringe geworden.

In dem kleinen Raume angekommen, in dem sein Bett und der Koffer mit seinen Sachen stand, unterwarf er zum ersten Male seine Garderobe einer sorgfältigen Prüfung, ohne sich zuzugestehen, daß er es Wandas Wegen that, daß er hoffte, die Geringschätzung, die das Mädchen ihm gezeigt hatte, durch eine gewähltere Kleidung zu entkräften. Er trug den schwarzen Rock, den er bisher nur als guten an« gezogen hatte, nahe znm Lichte seiner Lampe und fand, daß

er an den Räten abgetragen anssähe, daß das Tuch nichl besonders fein sei und der ganze Rock nicht mehr geeignet wäre, Sonntags von ihm verwendet zu werden. Nicht besser erging es ihm mit m hreren anderen seiner Kleidungsstücke, und er bedauerte nur, daß der kommende Tag ein Feiertag war, an dem die Läden geschlossen blieben.Ich muß mir einen neuen Anzug kaufen", sagte er zu sich selbst,und ich denke, sie werden mir hier in dem Geschäfte nebenan die Sachen überlassen, wenn ich mich verpflichte, monatlich eine bestimmte Summe darauf abzutragen."

Nachdenkend, blieb er noch lange Zeit auf dem einzigen Stuhle in seinem Dachkämmerchen sitzen und stützte , den Kopf in beide Hände. Seine Gedanken zogen nach seinem Heimatsdorfe und hielten Einkehr in dem ärmlichen Hause, das Mutter unb Schwester bewohnten.Sie haben doch keine Ahnung, was das Leben in der Stadt kostet", sagte er einmal beinahe laut vor sich hin und suchte damit eine leise anklagende Stimme seines Herzens zu beschwichtigen, die ihn an den Augenblick mahnen wollte, wo er versprochen hatte, das Leben der Mutter sorgenfrei zu gestalten.

Erst zur späten Stunde fand Joseph den Schlaf, und auch dann noch quälten ihn böse Träume, in denen er Wanda Nowitzka vor sich hineilen sah, ihr blindlings folgte, ohne sie doch je erreichen zu können. Sein erster Gedanke beim Erwachen galt der Meisterstochter, er sah ihr Benehmen, vom gestrigen Abende in einem viel milderen Lichte und begann ein gewisses Mitleid für sie zu empfinden.Sie ist aus einem anderen Tone geknetet, wie ihr Vater, ihre Mutter, ihre Geschwister unb wir selbst," gestand er sich ju, und fte wird deshalb verkannt unb schlecht behandelt, ich' wünschte nur, sie hieße mich ihren Frennb sein unb ge­stattete mir, baß ich mich ihrer gegen Jebermann annehmen dürste."

Mit so günstigen Gefühlen für die Tochter der alten Lenke betrat Joseph die Wohnstube der Familie, um den Meister zur Meffe abzuholen, wie sie es am Tage vorher

verabredet hatten. Aber weder der Meister noch die Meisterin waren in dem Zimmer, unb auf einem Stuhle am Fenster saß nur in hellem Morgcnkleide, ein Morgenhäubchen auf ben dunklen Locken, Wanba Nowitzka, unb verbarg beim Hereintreten des Gesellen hastig ein Buch, in dem sie ge­lesen hatte.

Joseph machte verlegen an der Thür Halt und blickte verwirrt auf das schöne Mädchen, das ein wenig bleich aussah, als hätte es eine-schlaflose Nacht durchgemacht.

Ich störe wohl, Paninka?" (Fräulein) fragte er höflich unb wollte sich wieber entfernen.

Wauba ließ ihren Blick wie am vergangenen Tage prüfenb über ben jungen Mann gleiten, unb als sie das tiefe Rot bemerkte, das unter biefem Blicke bie Wangen Josephs überflog, huschte ein leises Lächeln ber Befriedigung um ihre Lippen. Sie stand auf, trat zu dem Gesellen, und ihm die Hand reichend, sagte sie zögernd, wie mit einer ge­wissen Verlegenheit kämpfend:Seien Sie nicht böse, daß ich gestern unartig zu Ihnen war, aber, in ber Heimat nn- freuublich empfangen, zog sich mein Herz zusammen unb ich würbe trotzig unb unliebenswürdig." Sie senkte den Kopf unb ein tiefer Seufzer hob ihre Brust.

Joseph athmete erleichtert auf. Die Selbstvorwurfe, die Wanda sich machte, ließen sie in seinen Augen erst recht zur Märtyrerin werden, die irgend unter einer unverstän­digen Laune der Eltern litt, und die Abbitte ihm gegenüber streifte den letzten Hauch von Unweiblichkeit ab, den er dem Mädchen am gestrigen Abend noch znm Vorwurf gemacht hatte.

Mit einem beinahe andächtigen Gefühle hielt et die kleine wohlgepfl-gte Hand, die Wanda mit leisem Drucke in seine legte, einen Augenblick lang fest und stellte stch dann mutig einen Stuhl neben den Sitz des Mädchens, auf den stch dieses wieder niedergelassen hatte.

(Fortsetzung folgt.)