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Kr. 188.

Marburg, Freitag, 13. August 1886.

XXI. Jahrgang

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal» Abonnements-Preis bet bet Expedition 2*/. Mk., bei bea Postämter 2 Mk. 50 Wg. sexcl. Bestellgeld). JnsertionSgebübr für bie gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für bie Zeile 25 Pfg.

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B- r( n, Ha nover u.Paris^

Wöchcntliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Iah. Aug. Koch.

Zu der Monarchenzusammenkunft in Gastein verzeichnet dieDeutsche Zeitung" in Wien das Gerücht, Gras Kalnoky komme nicht bloß nach Gastein, um die politische Bedeutung der Kaiserzusammenkunft äußer­lich deutlicher zu kennzeichnen; er sei vielmehr berufen, um der Unterzeichnung eines neuen, von ihm und dem Fürsten Bismarck in Kissingen aufgesetzten Bündnisver­trages zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland beizu­wohnen und die verfassungsmäßige Gegenzeichnung dieses Vertrages zu vollziehen. Bemerkenswert für das Verhält» nis, welches augenblicklich zwischen den beiden Mächten und dem Zarenreiche obwaltet, ist ein Artikel des mit dem Ballplatze in Fühlung stehendenPester Lloyd", dem wir die folgende Stelle entnehmen:

Rußland wird niemals auf die hundertjährigen Ueber- lieferungen feines Volkstums und seiner Dynastie verzichten können; es wird stets trachten, sich den Besitz und die Oberhoheit im Orient zu sichern. Oesterreich-Ungarn da­gegen hat weder Besitz noch Oberhoheit anzustreben; es hat lediglich jede fremde und feindselige Gewalt vom Orient fernzuhalten und es ist vielleicht eine der inhaltschwersten Fügungen der Geschichte, daß an den beiden am meisten bedrohten Punkten des Orients, in Rumänien und in Bul­garien , es Fürsten deutscher Abkunft sind, welche der russischen Invasion die Wege vertreten und damit zugleich die Träger der einzig möglichen Orientpolitik Oesterreich- Ungarus sind."

Mit diesen Worten hat derPester Lloyd" ein ver­nichtendes Urteil über die Politik des Wiener Kabinetts im serbisch - bulgarischen Kriege ausgesprochen. Statt den Fürsten Alexander zu unterstützen, hat damals das Wiener Kabinett seinen Gesandten in Belgrad, den Grafen Kheven- Hüller, ruhig gewähren lassen, wie derselbe zuerst, wenig­stens durch seine Passivität, dem König Milan es ermög­lichte, den freventlich heraufbefchworenen Krieg zu beginnen und nachher durch sein direktes Eingreifen die Bulgaren von der Erreichung berechtigten Siegesgewinns abhielt. Doch das nur nebenbei. Unsere Absicht ist hauptsächlich hier, einige bemerkenswerte Stimmen der Presse über die Zweikaiserzusammenkunst zu bringen. Das inspiericrte Wiener Fremdenblatt" schreibt im Hinblick auf die man­cherlei Anschauungen, welche über den Zweck der Gasteiner Entrevue geltend gemacht werden:

Wie emsig man bestrebt ist, die Gasteiner Entrevue zum Ausgangspunkte nichtiger und überflüssiger Kombi­nationen zu machen, an der Hauptsache selbst mäkelt nie­mand. Diese Hauptsache aber bleibt für uns selbstver­ständlich das Bewußtsein von der Fortdauer der innigen Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland, jener Beziehungen, welche seit Jahren den Grundpfeiler

Geschichtskalenver.

13. August.

1626. Starb Johannes Wink-lmann, Prof, der Theologie und Superintendent, erst in Marburg, dann in Gießen, und nach der Verlegung der letztgenannten Universität wieder in Marburg.

1704. Der Kaiserliche Feldmarschall Eugen, Prinz von Savoyen, und der Englische General Herzog von Marl­borough gewinnen über die Franzosen den entscheidenden Sieg bei Höchstädt und Blendheim.

1727. Nicol. Ludw. Graf von Zinzendorf stiftet die Brüder­gemeinde zu Herrnhut.

1849. Der ungarische Dictator Görgey ergiebt sich bei dem Flecken Vtlagos den Russen auf Gnade und Ungnade.

1870.

13. Aug. Siegreiche Gefechte der Badenser bei Straßburg.

Wanda.

Von A. Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Sie sahen Alle, von der gemütlichen Frau Meisterin an, bis hinunter zu dem jüngsten Sprößllnge der Familie, dem achtjährigen, blauäugigen Jungen, den immer heiteren, be­scheidenen Gesellen gern kommen, und Joseph, der sich bet seinem alten Lehrer im Dorfe mancherlei Kenntnisse er­worben hatte, der einen offenen Kopf uno gute Manieren befaß, fühlte mit stolzer Genugthuung, daß ihm sein Meister einen Vorzug vor den anderen Gesellen, die niemals das Wohnzimmer betraten, einräumte.

Der alte Nowitzky besaß eine sehr zahlreiche Familie und die älteste Tochter, ein Mädchen von zwanzig Jahren, hielt sich seit Jahren bei einer Tante in einer kleinen Stadt auf, um dort das Nähen zu erlernen.

Tas Nähen?" hatte Joseph mit einem gewissen naiven

unserer Politik bilden und, wie die Erfahrung gezeigt hat, im stände waren, durch so lange Jahre den Frieden des Weltteils zu sichern. Die Ueberzeugung von Cem- hohen Werte und der segensreichen Bedeutung dieses Bundes er­füllt die Gesamtbcvölkerung unserer Monarchie, in diesem Bunde sieht jede Partei im Reiche das Unterpfand des Friedens nach außen, die feste Grundlage unserer aus­wärtigen Politik. Wie tief auch die ernsten politischen Kreise jenseits der Leitha von der wohlthätigcn Bedeutung dieses Bündnisses durchdrungen sind, wie sehr dieser Bund auch dort getragen ist von der freudigen Zustimmung der Völker, davon zeugen die bemerkenswerten Worte des Nemzet", die mit Wärme betonen, daßdas mitteleuro­päische Friedensbündnis nicht bloß auf dem Einverständnis der Monarchen, Staatsmänner und Diplomaten beruht, sondern auf der aufrichtigen Sympathie und der starken öffentlichen Meinung der beteiligten Völker."

In ähnlicher Weise läßt sich auch dieWiener Presse" vernehmen. Interessant ist, wie die italienischen Blätter die augenblickliche Stellung der appeninischen Halbinsel zu den zwei Kaisermächten auffassen. In Erwiderung auf einen Artikel derTribuna" begründetJl Popolo Romano" die volle Berechtigung und Opportunität des Bündnisses von Jtaliest mit Deutschland und Oesterreich - Ungarn. Das offiziöse Blatt führt zunächst aus, daß dieses Bündnis ja doch auch unter Mitwirkung solcher oppositioneller Fak­toren abgeschlossen worden sei, die heute bei der Leitung derTribuna" maßgebend seien:

Wer die Bedingungen und gegenseitigen Verpflich­tungen dieses Bündnisses kenne, werde gestehen müssen, daß diese von den zwei mit Italien verbündeten Mächten loyal cingehalten wurden. Alles, was dieTribuna" dies­falls einzuwenden finde, seien durchaus keine positiven, sondern nur vage, willkürliche, kleinliche Argumente. Das eine werde jeder Urteilende anerkennen, daß das Bündnis mit den Zenträlmächten die Stellung Italiens in Europa erhöht und das Land von jener ewigen Unruhe und mora­lischen Niedergeschlagenheit befreit habe, in die es nach dem Berliner Vertrage gesunken war, und daß es ihm Beach­tung nach außen, sowie größere Sicherheit bei Entwicke­lung seiner eigenen politischen Aktion verschaffte. Sonst wäre Italien, das ohnehin im europäischen Konzerte klein dastehe, minimal klein geworden. Um übrigens von an­deren Staaten noch weitere Gewährungen, als die einge­gangenen Verpflichtungen, verlangen zu können, müßte es vorerst selber solche zu leisten im Stande sein. Auch wäre es lächerlich, zu glauben, daß Oesterreich und Deutsch­land des Bündnisses mitJtalien wirklich absolut bedürfen."

Don den französischen Blättern ist es die ultra - chau­vinistische radikaleFrance", eines der dem Kriegsminister Boulanger nahestehenden Blätter, welches von der Gasteiner

Erstaunen gefragt, als er von dem Altgesellen eines Abends die Thatsache erfahren, daß der Tischlermeister noch ein Kind sein nannte, von dem in der Familie niemals die Rede war, und fügte verwundert hinzu:Ich dächte, zum Nähen könnte man leichter in Warschau, wie in einer abgelegenen Gegend kommen."

Jawohl, jawohl, mein Junge, Sie haben nicht Unrecht, aber es giebt Verhältniss , Verhältnisse* und dabei hatte sich der Altgeselle mit einer ärgerlichen Miene den Kopf gekratzt,Verhältnisse, die es oft unmöglich machen, einen erwachsenen Menschen zu behandeln und, wo die Rute klein nicht angewandt worden ist, muß man sie später desto mehr gebrauchen."

Nach diesen mysteriösen Worten war der alte Mann brummend fortgegangen und Joseph lag, zum ersten Male in seinem Leben, stundenlang wach im Bette, ohne den Schlaf zu finden und ertappte sich am andern Morgen dabei, daß der Hobel müßig in seiner Hand ruhte und seine Ge­danken zu Wanda Nowitzka geeilt waren, von der nie eins der Familienglieder sprach und deren Bild er nur zufällig in dem Album des Altgesellen gesehen hatte.

Sie muß sehr hübsch sein," dachte der junge Mann von der Zeit an oft bei sich und vergegenwärtigte sich das blühende Gesichtchen, die großen, lebhaften Augen und die etwas phantastische Haartracht, die ihm die in bunten Farben ausgeführte Photographie gezeigt halte,sie muß sehr hübsch sein und es würde gar nichts schaden, wenn sie das Nähen bald begriffen hätte und zu ihren Eltern heimkehrte."

Und dieser Wunsch sdllte schneller noch in Erfüllung gehen, wie es sich der Geselle gedacht hatte, denn er war kaum ein halbes Jahr im Hause des Tischlermeisters, als der Postbote an einem klaren Winter tage dem Meister einen schwarzgesiegelten Brief überbrachte, in dem Wanda mit wenigen kurzen Worten den Tod der alten Tante anzeizte, der nach kurzer schmerzloser Krankheit erfolgt war. Wenige Stunden nach Empfang des Schreibens reiste der Meister

Kaiser-Begegnung Notiz nimmt Das Blatt schließt seins Betrachtungen wie folgt:

Wahrscheinlich wird man in Gastein beschließen, die Neutralität zu wahren und es vermeiden, sich zwischen der geheimnisvollen Politik Rußlands und den dunklen Plänen Englands auszusprcchen. Sollte Frankreich berufen werden, in diesem Konflikt seine Meinung abzugeben, so hat es nur eine Haltung einzunehmen. Diese gleichzeitig loyalste und gewandteste Haltung wird darin bestehen, unsere In­teressen und unsere Rechte in den Vordergrund zu stellen. Das beste Mittel, uns Respekt zu verschaffen, ist, uns weder von England noch von Rußland ins Schlepptau nehmen zu lassen. Wenn diese beiden Mächte sich gegen­seitig beschuldigen, den Berliner Vertrag zu verletzen, so haben wir zwischen beiden kein Urteil zu fällen, sondern zu erklären, daß die internationalen Verträge zu unserem Nachteil in Egypten und Rumelien verletzt worden sind und daß wir dringlichst die Aufhebung der rumelischen Zolllinie und die Räumung Egyptens durch die Engländer wünschen. Unsere Unterstützung ist dem gesichert, der am besten unsere Interessen und unsere Rechte wahrt."

Nkan sieht, wie enthaltsam selbst die Nevanchehelden geworden sind. Auch Frankreich sind die Trauben wieder einmal sauer geworden. Der gemäßigt republikanische Temps", ein besonders mit russischen Dingen sich be­fassendes Blatt, schreibt über dieselbe Angelegenheit:

Man braucht nicht mehr darauf zurückzukommen: Deutschland und Oesterreich bleiben verbündet und ver­einigen ihre Kräfte, um den Frieden in ganz Europa auf­recht zu erhalten. In dieser Absicht hatte sich vor einigen Jahren Rußland beigesellt, allein dies scheint kein glück­licher Versuch gewesen zu sein. Die große nordische Macht hat ihre historische Sendung weder in Europa noch in Asien vollbracht; sie ist in voller Ausdehnung und die vornehmlich konservative Rolle, den Frieden zu verteidigen und die bestehende Ordnung in Europa aufrecht zu er­halten, paßt dem Reiche nur schlecht, das früher oder später gegen den Bosporus und den indischen Ozean durchbrechen wird. Die Interessen Rußlands und die hieraus folgende Verhaltungslinie sind den Anstrengungen der Mächte gerade entgegengesetzt, welche das europäische Gleichgewicht in seiner jetzigen Gestalt erhalten wollen, weil dieses durch eine Verschiebung verloren ginge. Nichts kann diesem tiefgehenden Antagonismus vorbeugen und trotz des festen Willens des Herrn v. Bismarck und des Zaren wird Rußland aus einer Allianz scheiden müssen, welche für die Dauer einer Abdankung gleichkäme."

Deutsches Reich.

Berlin, 11 Aug. Der kaiserliche Botschafter am königlich italienischen Hofe, von Keudell, hat einen ihm

nach der kleinen Stadt, in der seine Verwandte gewohnt hatte und blieb dort, bis das Begräbnis vorüber war. Am vierten Tage aber, als Joseph Abends, nach vollzogenem Tagewerke, in das Wohnzimmer der Familie trat, fand er sich plötzlich dem Mädchen gegenüber, das er mit allen Kräften seiner Seele in der vergangenen Zeit herbeigesehnt hatte.

Aber war diese hochgewachsene, schlanke junge Dame, im rauschenden, schwarzen Kleide, die das Haar in Hunderten von kleinen Locken arrangiert hatte, wirklich die Tochter des schlichten alten Ehepaares, das so freundlich zu ihm war, dem er Abends die Gazeta (Zeitung) vorlesen durfte und mit dem er in seiner schlichten Weise Meinung, n und An­sichten über die Politik austauschte.

Ware die Mutter Gottes aus dem Rahmen, der ihr Bild daheim in der Kirche umgab, herausgekommen und zu Joseph getreten, der junge Mann hätte nicht unbefangener und verwirrter aussehen können, wie er es jetzt that, und ein spöttisches Lächeln zuckte um Wandas volle, rote Lippen, als sie, den Gesellen von Kopf bis zum Fuße mit ihren Blicken messend, in wegwerfendem Tone seinen Gruß er­widerte.

Joseph blieb au dem Tage nicht lange im Wohnzimmer der Familie. Es war ihm, als hätten alle Gegenstände in dem Stübchen, die ihm doch sonst so traulich und gemütlich erschienen, ein anderes Aussehen gewonnen, als wären sie armselig und ungehörig für das schöne Mädchen, das mit stolzer, gelangweilter Miene auf dem kleinen, geblümten Sopha saß, nur von Zeit zu Zeit ein Wort in die Unter­haltung warf, und auf Alle einen Druck auszuüben schien, s.lbst auf den kleinsten Knaben, der sich scheu in den Winkel am Ofen zurückgezogen hatte und von dort aus seine große blauen Augen mit einem halb verwunderten, halb erschreckten Ausdruck auf die älteste Schwester richtete.

(Fortsetzung folgt.)