Äs. 187.
Marburg, Donnerstag, 12. August 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Oesterreich im Orient.
Alle Großmächte Europas — mit Ausnahme von Deutschland und Frankreich natürlich — könnten im aller- tiefsten Frieden und in dauernder Freundschaft mit einander leben, wenn der berüchtigte Hexenkessel im Südosten unseres Erdteiles, Orient genannt, nicht existierte. Immer wieder kommt von dort her der erste Luftstrom, welcher die Staaten trennt, und alle Augenblicke taucht die orientalische Frage in irgend einer anderen Ecke der Balkanhalbinsel in neuer Form und in schärferer Form auf. Erst waren es die ßhristenstämme der Halbinsel, die vom „Joch der Türkei" befreit werden sollten, und das gab willkommenen Anlaß, die orientalische Frage immer wieder von neuem aufznrollen. Jetzt sind so ziemlich alle Christen befreit; Bosnien und die Herzegowina stehen unter österreichischer Verwaltung, Montenegro, Serbien, Rumänien sind vergrößert und ganz unabhängig vom Sultan geworden, Griechenland ist vergrößert, das Fürstentum Bulgarien ist gebildet, Rumelien hat von der Paschawirtschaft nichts mehr zu befürchten; befreit ist also alles, was zunächst befreit werden konnte. Damit, so meint der schlichte Menschenverstand, hätte eigentlich die Orientfrage von selbst Ruhe finden sollen. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Jetzt stellt sich heraus, was von vornherein der Kern aller Orientpolitik war, die Orieutfrage ist keine Zivilisationsund Kultur-Angelegenheit, es ist lediglich eine Machtfrage. Jede der interessierten Großmächte wünscht die andere dahin, wo der Pfeffer wächst, und möchte sich im Orient den größten Einfluß sichern.
Rußland hatte durch den letzten Türkenkrieg so recht vor den Thoren von Konstantinopel Posto gefaßt; die Herrlichkeit dauerte aber nur ihre Zeit, sein Einfluß wurde in Bulgarien gebrochen, und die Großmächte, namentlich England, sorgten schon dafür, daß der Zar den äußersten Schritt nicht lhat und Bulgarien okkupierte. Kurz, Rußlands Orientpolitik war trotz Batum ein glanzvoller Reinfall; daher auch die herrschende Verstimmung in Petersburg und der Neid gegen Oesterreich, das einen viel größeren Vorteil gewonnen hatte. Oesterreich hatte vom Berliner Kongreß bereits die Verwaltung von Bosnien und der Herzegowina zugesprochen bekommen, wenn diese türkischen Provinzen dem Namen nach auch unter der.Oberhoheit des Sultans verblieben. Der gute Biffen, welchen die europäischen Staatsmänner in Berlin für Oesterreich- Ungarn bereitet hatten, war freilich etwas gepfeffert; die Besetzung der Provinzen kostete Blut und namentlich beim Sturm auf Serajewo, welches die türkische Bevölkerung erbittert verteidigte, ’ müßte mancher Soldat ins Gras beißen. Auch macht die Verwaltung dieses österreichisch-ungarischen
Rcichslandes heute noch einen Zuschuß nötig; aber Oesterreich hat damit eine feste Position gewonnen, von der aus es leicht in die Händel der Balkanstaaten eingreifen kann. Oesterreich hält seine Hand auch auf Serbien; das tiefverschuldete Land ist an Oesterreich fest gekettet, und Oesterreich ist es ja auch gewesen, welches nach den wiederholten Niederlagen der Serben einem Vormarsch der Bulgariern auf Belgrad hemmend in den Weg trat. Durch Serbien ist die einflußreiche Stellung der Wiener Negierung im Balkan verstärkt, sie steht mitten auf dem Boden der Balkanwirren, während Rußland fernab sitzen muß. In Serbien ist die Bevölkerung von der österreichischen Freundschaft zwar sehr wenig erbaut; sie träumt von einem großserbischen Reiche unter einem neuen Zar in Belgrad, aber wo die Bajonette den Ausschlag geben, kommt es auf die Volksstimme nicht viel an, die Macht gibt den Ausschlag.
Bon der Gestaltung der Dinge im Orient wird die Freundschaft zwischen den Drei-Kaiser-Mächten stetig abhängen. In Rußland weiß man sehr wohl, daß Oesterreich der gefährlichste Nebenbuhler im Balkan selbst ist, daß England erst später, bei der Frage von Konstantinopel, in Betracht kommt. Die Balkanhalbinsel ist groß und man könnte sich über die Teilung, wenn dies die Geschicke einst wollten, wohl einigen; aber wer vermag es denen Recht zu machen, die nicht etwas haben wollen, sondern alles, und diese Herren von Nimmersatt sind die Panslavisten in Rußland. Czar Alexander hat in den letzten Dezennien manche trübe Erfahrungen gesammelt, im Kriege und im Frieden nicht gerade immer erfreuliches erlebt und deshalb hört er nicht auf die Worte jener, die schon in der jetzigen Position Oesterreichs im Orient eine Beleidigung für Rußland erblicken und denen die Tage von Plewna aus dem Gedächtnis enlschwunden sind. Ob er aber ganz von aller Eifersucht auf den Nachbar frei ist? Wer weiß das; die bulgarische Angelegenheit hat den sonst recht gutmütigen Czaren-recht reizbar gemacht Alles das ist aber bei weitem kein Symptom ernster Feindschaft. Oesterreich hat bisher die Wege Rußlands im Orient nicht direkt gekreuzt, und in absehbarer Zeit wird das auch kaum geschehen; aber bei den Zwischenfällen, die im Orient möglich, ist es Aufgabe der Fürsten und Staatsmänner, solchen Zerwürfnissen von vorherein vorzubcugen. Und daß Rußland eine ihm entgegengestreckte Hand zu- rückweisen sollte, wo in Deutschland auch noch ein guter Berater dasteht, erscheint für jetzt nicht glaublich.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Ang. Der gestern abend hier eingetroffene und int russischen Bvtschaftshotel abgestiegene Minister v. Giers
ist um 2*/» Uhr nach Franzensbad abgereist; er hatte vormittags um 11 Uhr einen Besuch im Auswärtigen Amte abgestattet. Unterstaatssekretär Graf Berchem gab demselben bis zum Bahnhofe das Geleite. — General von Werder, Militärbevollmächtigter in Petersburg, ist zum Gouverneur von Berlin, Generalmajor von Kameke zum Kommandanten von Stettin ernannt worden. — Die Gesetzsammlung veröffentlicht heute das Gesetz, betreffend die Bewilligung von Staatsmitteln zur Beseitigung der im unteren Weichselgebiete durch die diesjährigen Frühjahrshochfluten herbeigeführten Verheerungen. Der Staatsregierung wird der Betrag von 740000 Mark zur Verfügung gestellt und zwar: 1. zur Gewährung von Beihilfen an die im unteren Weichselgebiete durch die diesjährigen Frühjahrshochfluten Beschädigten, insbesondere a. an einzelne Beschädigte zur Erhaltung int Haus- und Nahrungsstande, b. zur Wiederherstellung beschädigter Deiche; 2. zur Wiederherstellung der durch die Frühjahrshochfluten beschädigten fiskalischen Plehnendorfer Schleuse. — In einem Artikel des „Düsseld. Anz." über „Die Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung" heißt es: Bei Anwendung der Zauberformel „Ueberproduktion", die alles erklären soll, wird zu leicht übersehen, daß die verminderte Kaufkraft keineswegs notwendig eine Folge der beginnenden Welthandelskrisis zu sein braucht, sondern auf besonderen Gründen beruhen kann, welche die Verbrauchsfähigkeit eines Landes schwächen und den Absatz der Jndustrieprodukte beeinträchtigen. Eine solche Ursache der verminderten Kaufkraft, welche früher da war als der Beginn der Einschränkung der Produktion, der Verminderung der Arbeiterzahl und des Sinkens der Löhne in der Industrie, haben wir in Deutschland. Das Deutsche Reich würde in viel reicherem Maße Jndustrieerzeugnisse verbrauchen, wenn nicht die Hälfte der Bevölkerung unter dem Niedergang der Landwirtschaft zu leiden hätte, welcher noch hinter den Auischwung der deutschen Industrie in den Jahren 1879 bis 1883 zurückdatiert und mit der industriellen Ueberproduktion auf dem Weltmärkte nichts zu thun hat. Die Gewerbetreibenden der kleinen Landstädte haben längst begreifen gelernt, wie sehr die Blüte ihrer Geschäfte von dem Gedeihen der Landwirtschaft abhängig ist. Die Handelskammern scheinen sich jedoch dessen noch nicht voll bewußt zu sein, wie sehr die Lage der Ackerbauer auf Großindustrie und Handel zurückwirkt; denn nur vereinzelt findet sich in ihren Berichten der Hinweis daraus, wie wenig bei der notwendigen Einschränkung aller Bedürfnisse der Land- mann dem Warenverkäufer zu verdienen giebt. Ueber dem Schlagwort „Ueberproduktion" vergesse man also nicht, daß der Jnlandsverbrauch von Judustrieartikeln in einem
Geschichtskalender.
12. August.
1099. Großer Sieg der Christen unter Gottfried von Bouillon über ein ägyptisches Heer bet Ascalon.
1631. Bündnis zu Werben a. d. Elbe zwischen König Gustaf Adolf von Schweden und Landgraf Wilhelm V.
1714. Die Königin Anna von England stirbt; mit ihr erlischt das Geschlecht der Stuart, es folgt das Haus Hannover mit Georg l. Urenkel Jacobs I- von England.
1759. Friedrich II. erleidet feine schwerste Niederlage von den Oesterreichern unter Laudon und den Russen unter Solttkow bei Kunersdorf (Frankfurt a. O.) In demselben Jahre fällt Ewald v. Kleist.
1813. Kaiser Franz I von Oesterreich erklärt Napoleon den Krieg.
1870.
12. August. Die französische Regierung ordnet die Austreibung aller Deutschen aus Parts an.
Wanda.
Bon 31. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Der junge Mann, der nur um wenige Jahre älter war, wie Jaguscha, schrieb eine klare deutliche Handschrift, und, wie der Blick der Schwester auf den Zeilen ruhte, war es ihr, als sähe sie wieder den schlanken, dunkellockigen Jungen vor sich, der der Stolz der Mutter und der Liebling des alten Lehrers gewesen war. Tausend mutwillige, übermütige Streiche fielen ihr ein, die Joseph in seinen Knabenjahren verübt hatte, Streiche, die er bann immer wieder durch feine Gutmütigkeit auszugleichen suchte, und sie konnte es nicht begreifen, daß der Schreiber jener kalten und rücksichtslosen Worte, die vor ihr lagen, derselbe Joseph sein konnte, der vor einem Jahre ungefähr mit dem Ranzen auf dem Rücken nach Warschau gewandert war, um dort bei einem Meister Geselle zu werden, nachdem er im Dorfe die
Tischlerei erlernt hatte. „Ich muß Geld haben, wenn ich mir nicht ein Leids anthun soll", lautete eine Stelle des Briefes, und doch hatte Joseph beim Abschiede der Mutter gesagt: „Nun will ich fernen Pfennig mehr von Dir haben und Du sollst bald sorgenfreie Tage sehen." Jaguscha schüttelte den Kopf und faltete das Papier zusammen, denn was nützte es ihr, daß der Bruder weiterhin flüchtig geschrieben hatte, er stecke in Schulden, habe nichts mehr anzuziehen und könne sich in der Werkstatt nicht zeigen, — die Thatsache stand fest, Joseph war leichtsinnig geworden, zu Hause durfte er nicht kommen, wenn die Nachbarn nicht mit Fingern auf ihn zeigen sollten, und geholfen mußte ihm werden.
Das Mädchen ging hin und schloß mit dem Schlussel, der darinnen steckte, die buntgemalte Truhe der Mutter auf, aus der sie ganz unten einen Leinwaudbeutel mit klingendem Selbe nahm. Seufzend löste sie die Schnur, die den kleinen Schatz zusantmenhielt, und begann sorgsam die Münzen zu sortieren und zu zählen. Es war viel Kupfergeld in dem Bcutelchen, gemischt mit Zwei- und Viergroschenstücken, die sich die Wittwe mühsam durch Spinnen am Feierabend erworben hatte. Wie Fremdlinge machten sich hin und wieder große blitzende Thaler zwischen den kleinen Geldstücken breit, und der leichtsinnige Sohn in der Hauptstadt ahnte nicht, als die Schwester ihren Brautschatz ihm zusandte, wie viel Muttersorgen und Mutterfreuden an dem (Selbe hafteten.
Als Jaguscha die Summe überzählt hatte, packte sie sie samt einem Briefe, den sie schon im Laufe des Tages ihrem Bruder geschrieben, in ein buntes Kattuntuch und nahm sich vor, Beides am anderen Tage der Gräfin aufs Schloß zu bringen und sie zu bitten, die Abrefse zu machen und die Sendung der Post zu Übermitteln.
* * *
In einer der Hauptstraßen von Warschau lag bas Möbel- magazin des Tischlermeisters Nowitzky, vor dessen Schaufenstern die Vorübergehenden gern stehen blieben, um die ziehrlichen Sophas, die Hochlehmgen Stühle und die blankpolierten Tische anzusehen.
Der alte Meister war ein reicher Mann durch seine gelungenen Arbeiten geworden und blickte mit stolzer Selbstzufriedenheit auf die anderen Tischler in der Hauptstadt herab, von denen er wußte, daß Keiner sich so leicht mit ihm messen konnte.
Freilich hatte er, wie er auch gern zugab, stets Glück mit den Gesellen gehabt, die er zur Arbeit erwarb und noch vor kaum einem Jahre war ihm ein junges Blut von der Landstraße aus ins Haus geschneit gekommen, das nur bet einem Dorftischler in die Lehre gegangen war, aber dieser Tischler mußte sein Handwerk aus dem Fundamente verstanden haben, denn Joseph Kowalsky führte den Hobel und das Winkelmaß weit besser, wie alle anderen Gesellen in der Werkftabt.
„Den muß ich festhalien!" dachte der Meister in den ersten Tagen, die der junge Manu bei ihm zubrachte, und sein Blick ruhte mit Wohlgefallen auf der kräftigen, muskulösen Gestalt, auf den freien, offenen Zügen des neuen Gesellen. — „Was meinen Sie, daß ich dem Kowalsky wöchentlich geben kann?" fragte er dann später den Altgesellen, mit dem er auf freundschaftlichen Fuße stand, und er legte der Summe, die ihm sein Arbeiter nannte, aus freien Stücken ein paar Thaler zu, weil er fand, daß sie den Leistungen Josephs gegenüber zu gering war.
Joseph Kowalsky blieb im Hause des alten Tischlermeisters und schrieb in bet ersten Zeit so glückliche und vernünftige Briefe an die Seinen, daß Mutter Marinka allen Heiligen dankte und die Schreiben, von einem Hause zum andern gehend, den Dorfbewohnern vorlas.
Und es fehlte dem jungen Manne in der Stadt auch nichts, was sein Wohlbehagen noch irgendwie hätte erhöhen können. Hatte er sich am Tage in der Werkstatt müde gearbeitet, dann zog er in der Regel seine blaue Arbeitsblouse aus und den schwarzen Sonntagsrock an, den ihm seine Mutter noch selbst in den Ranzen gepackt hatte und ging hinunter in die Zimmer seines Meisters, wo dieser zur Unterhaltung mit seiner Familie und dem Altgesellen zu fitzen pflegte. (Fortsetzung folgt.)