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Nr. 186.

Marburg, Mittwoch, 11. August 1886.

XXI. Jahrgang.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M-, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudol« Moste in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Go- n rantfurt o. M-, B, rl n, Ha nover u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition. Markt 21. Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.

Deutschland, Oesterreich - Ungarn, Rußland.

In Wildbad Gastein sind Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joseph wie alljährlich zusammengekoinmen, um ihren Völkern durch die sichtliche Darlegung ihrer herzlichen Freundschaft zu zeigen, daß das Friedensbündnis zwischen den beiden Kaiserreichen auf fester, sicherer Grundlage fußt, die wohl geeignet ist, auch einem heftigen Wetter sturm Trotz zu bieten- Diesesmal sind beide Monarchen von ihren leitenden Ministern begleitet, der beste Beweis, daß es in diesem Jahre sich nicht allein um herzliche Begrü­ßungen, sondern auch um ernste, bedeutungsvolle politische Arbeit handelt. Zwischen Deutschland und Oesterreich be­darf es keiner langen Diskussionen. Die Jntereffen der beiden Kaisermächte kreuzen einander nicht, den friedlichen Gesinnungen der beiden Monarchen entspricht die einmütige Ansicht ihrer Minister. Wenn also gegenwärtig Fürst Bismarck und Graf Kalnoky zur Kaiserzusammenkunft in Gastein hinzugezogen sind, so wird es sich schwerlich darum handeln, zwischen Deutschland und Oesterreich lange oder neue Abmachungen zu pflegen, es gilt vielmehr die Rege­lung der Beziehungen zu anderen Staaten, zu Italien und namentlich zu Rußland. Das Verhältnis zwischen den Kaiserstaaten und Italien ist ein freundschaftliches während der ganzen letzten Jahre gewesen, wenn auch Italien, aber nicht zu seinem Vorteil, manchmal seine eigenen Wege ging. Eine Verlängerung dieser guten Beziehungen liegt im Jnter- effe einer jeden der drei Mächte und wird kaum auf allzu schwere Hindernisse stoßen; nicht ganz so leicht ist die Neu­bestimmung des Verhältnisses zu Rußland, und darin dürfte die eigentliche Aufgabe dieser Kaiserzusammenkunft zu suchen sein.

Wir haben die Kaiserentrevuen von Skiernewice und Kremsier gehabt, aber seitdem auch den bulgarischen Zwischen­fall. Durch das Verdrängen des russischen Einflusses aus Bulgarien und Rumelien ist Zar Alexander persönlich arg gereizt, viel mehr aber noch die panslawistische Klicke, die bis in die letzten Tage hinein getobt und gewettert hat. Diese Kreise haben von dem Dreikaiscrbündnis erwartet, es würde Rußland die Freiheit geben, im Orient nach Be­lieben zu schalten und zu walten. Wäre Rußland aber gewaffnet gegen Bulgarien vorgcgangen, so wäre die Folge allem Anschein nach ein Weltkrieg gewesen, dem Oesterreich und Deutschland nicht mit Freuden entgegengesehen hätten. Mit Ausnahme von Frankreich ist die panslawistische Partei in Rußland auf alle Staaten schlecht zu sprechen: auf England, weil dies den russischen Plänen direkt in den Weg trat, auf Deutschland, weil dies nicht rücksichtslos für das Zarenreich Partei nahm, auf Oesterreich, weil dies Serbien unter seinem Einfluß hält, während Rußland keinen abhängigen Staat auf der Balkanhalbinsel mehr hat.

Geschichtskalender.

11. August.

843. Friedens- und Teilungs»ertrag vor Verdun. 1228. Kaiser Friedrich II. tritt den 5. (6.) Kreuzzug an. 16 2. Starb plötzlich der Prinz Moritz, Sohn des Land­grafen Moritz, in einem Alter von zwölf Jahren, ein frühreifes und frommes Kind. Er war das dritte Kind der ungemein anmutigen, und leiblich wie geistig zarten frühverstorbenen ersten Gemahlin des Landgrafen Moritz, Agnes, Gräfin zu Solms-Laubach, von deren vier Kindern keins das vierzigste Jahr erreichte.

1849. Kossuth legt die Präsidentschaft Ungarns in Görgeys Hände.

1870.

11. August. König Wilhelm erläßt eine Proklamation an das französische Volk.

Wanda.

Von A- Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Langsam hatte Jaguscha ihre Hand aus der des Michel gezogen und war einen Schritt zurückgetreten.

Du solltest dem Willen Deines Vaters nachkommen," sagte sie kalt und legte den Kopf fest gegen einen Zweig des Apfelbaumes, der mit seinen duftenden Blüten das lauschige Plätzchen des jungen Paares erreichte,und Du solltest um die Verwandte werben und Dich in den reichen Hof hineinheiraten."

Aber weun ich doch nicht will, wenn keine Andere meine Frau werden soll, wie?" rief der junge Mann heftig.

Dann sage ich Dir, daß es mit uns doch aus und vorbei ist," erwiderte Jaguscha leise und jetzt schien es, als klänge ein ttefes Weh aus ihren Worten.Ich kam heut zu Dir hinaus, um Abschied zu nehmen, denn höre wohl auf, Michel, was ich Dir anvertraueu will: der Brautschatz, den ich Dir ins Haus bringen kcuute und der Deinen Vater

Diese Stimmung hat zu dem Handstreich von Latum ge­führt, sie spiegelt sich in den heftigen Ausfällen der russischen Presse, in der Reserviertheit der Regierung in Petersburg wieder. Herr von Giers reiste noch nicht nach Deutsch­land, das ist das beste Merkzeichen der Situation.

Eine Feindschaft Rußlands gegen Deutschland und Oesterreich ist bisher nicht vorhanden, eben so wenig wie eine Annäherung zu Frankreich. Alexander III. und die französische radikale Republik können keine wahren Freunde mehr werden, das hieße Wasser mit Feuer mischen wollen. Was will Rußland? Es will etwas mehr freie Hand, in Petersburg fühlt man den Drang, etwas zu thun, deshalb will man sich Zeit und Gelegenheit frei halten. Rußland mag in Asien sich so viel schlagen wie es will, Oesterreich und Deutschland werden sich nicht groß darum kümmern, anders stellt sich die Sache auf der Balkan­halbinsel, wo auch Oesterreich insbesondere wichtige In­teressen zu wahren hat. Darüber werden neue Be­sprechungen, und wir können hoffen, auch Verständigungen erfolgen. Czar Alexander und sein Minister Herr von Giers haben ruhigeres Blut, als der tolle Panslavisten- haufe, sie erkennen recht wohl, daß Rußland in Verbin­dung mit Deutschland und Oesterreich nur Ehre gewinnen kann, und bei dem redlichen Willen, gute Freundschaft zu halten, lassen sich auch Meinungsverschiedenheiten aus­gleichen, und dies zu thun, ein neues Drei-Kaiser-Bündnis vorzubereiten, ist die Bedeutung der Entrevue von Gastein.

D-tttsch-s Reich.

Berlin, 9. Aug. Aus dem Auswärtigen Amt be­richtet dieKöln. Ztg.": Der bisherige deutsche Gesandte in Chile, Freiherr Schenck zu Schweinsberg, ist zum Gesandten in Persien und der bisherige Legations- Sekretär in Madrid, Freiherr von Gutschmidt, zum Ge­sandten in Chile ernannt worden. Letzterer wird in Madrid durch den Legationssekretär Grafen Tattenbach er­setzt werden, der bisher in Belgrad war. Für den Reichstag sind gegenwärtig 4 Mandate erledigt und zwar die für das Herzogtum Lauenburg, für Bromberg, Haders­leben und Straßburg-Graudenz. Die beiden letzteren Wahl­kreise sind durch den Tod der Mandatsinhaber der Abgg. Junggreen «Däne) und v. Lyskowski (Pole) vakant ge- .worden, während das Lauenburger Mandat durch die Er­nennung des Abgeordneten Grafen Herbert v. Bismarck zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, das Brom­berger, durch die des Abgeordneten Gerlich zum General­konsul in Calcutta erledigt wurden. Für Lauenburg ist die Nachwahl auf den 21. d. Mts., für Bromberg auf den 23. d. Mts. anberaumt; in Lauenburg stehen sich ein konservativer Kandidat, Graf Bernstorff, und ein deutsch-

vtelleicht vermocht hätte, unsere Heirat zuzugeben, ist fort, wir haben ihn verbraucht, verbrauchen müssen, und Jahre, lange Jahre würden vergehen, ehe ich mir wieder etwas zusammensparen könnte."

Ich bin jung und kann war ten," bemerkte der Bursche trotzig.

Aber Du wirst vergeblich gegen den Zorn des Vaters ankämpfen, und die Mutter Gottes bewahre mich davor, zwischen Vater und Sohn zu treten. Nein, Michel," und jetzt schmiegte sich das Mädchen mit voller Hingebung an die Brust des Geliebten, .laß uns Abschied von einander nehmen, suche mich in den nächsten acht Tagen nicht auf, aber dann komm noch einmal hierher, denn ich will einen letzten Dienst von Dir verlangen."

Der junge Mann hatte wie in halber Betäubung der raschen, hastigen Rede des Mädchens gelauscht und rieb jetzt, wie aus einem Traume erwachend, die Stirn.

Ich begreife nicht, wo das alles hinaus soll," rief er ungeduldig und schlang den Arm fest um die Taille Ja- guschas.Meinst Du, ich würde Dich in aller Ewigkeit lassen, weil Du mir etwas von dem fehlenden B.autschatz vorerzählst? Willst Du mir denn nicht anvertrauen, wo Ihr das Geld gelassen, was es mit dem Gerede der Leute auf sich hat, und wie ich im Stande bin, Dir einen Dienst zu leisten?"

Du fragst zu viel auf einmal, Michel," erwiderte das Mädchen mit einem Lächeln,denn, was es mit dem Gerede der Leute auf sich hat, darf ich Dir ebenso wenig sagen, wie Du eS wissen sollst, wozu wir die Brautrhalcr brauchen. Hast Du mich aber lieb, daun komme am Sonnabend über acht Tage in der Nacht um dreiviertel zwölf Uhr hierher, und erwarte mich auf der Stelle, wo wir jetzt stehen."

Aber wozu das alles, Jaguscha," fragte der Bursche fast schüchtern.

Weil ich mich fürchte, allein nach der Kapeffe auf dem Friedhöfe zu gehen, und weil ich doch dort sein muß, acht Tage nach Pfingsten, in der Nacht um zwölf Uhr, vom Sonnabend zum Sonntag, denn, wenn man dem heiligen

freisinniger, Berling, gegenüber; außerdem haben die Sozial­demokraten eine Zählkandidatur aufgestellt. In Bromberg kandidiert für die Konservativen Oberverwaltungsgerichts- Rat Hahn, für dieDeutschfreisinnigen" Kammergerichts- Rat Schröder; der Kandidat der Polen für dieseix Wahl­kreis ist noch nicht bekannt. Im Abgeordnctenhause sind 5 Mandate vakant; die Abgeordneten Jacobs (Bent­heim-Lingen), Kleist v. Bornstedt (Brandenburg-Westhavel- land-Zauch-Belzig), v. Lyskowski (Löbau x und Büchtcmann (Stadt Posen) sind gestorben und das Mandat des Abgeord­neten Schreiber >Marburg) ist durch dessen Beför­derung im Staatsdienste erloschen. Die Gewerbe­deputation des hiesigen Magistrats hat an den Vorsitzenden derFreien Organisation junger Kaufleute" die Auffor­derung gerichtet, sich über die von weiten Kreisen des in kaufmännischen Geschäften angestellten Personals gewünschte Ausdehnung des Krankenversicherungszwanges auf beit Kauf­mannsstand gutachtlich zu äußern. Besagte Aufforderung hat solgenden, weitere Kreise interessierenden Wortlaut: Von feiten beteiligter Kreise ist neuerdings an die städti­schen Behörden das Verlangen herangetreten, die in Berlin beschäftigten Handlungsgehülfen und Lehrlinge durch Er­laß eines Ortsstatuts gemäß § 2 Nr. 2 des Gesetzes über die Krankenversicherung der Arbeiter dem Krankenver- sicherungszwange unterworfen zu sehen. Da es für die städtischen Behörden von größter Bedeutung ist, die An­sichten derjenigen kennen zu lernen, bereit Interessen durch die Ergreifung einer derartigen Maßregel berührt werden würden, so erlauben wir uns das ganz ergebenste Ersuchen um gefällige Beaittwortung folgender Fragen: 1. Erscheint die Ausdehnung des Kraukenversicherungszwanges auf männliche und weibliche Handlungsgehülfen und -Lehr­linge, ausschließlich der Gehülfen und Lehrlinge in Apo­theken, für Berlin geboten? 2. Würden sich event. Ab­stimmungen empfehlen, welche das Hineinziehen solcher Personen in den Versicherungszwang verhindern sollen, bereit soziale Stellung eine Befreiung von betn Zwange wünschenswert erscheinen läßt? Würde insbesondere der Versicherungszwang auf solche Personen beschränkt werden müssen, deren Arbeitsverdienst eine bestimmte Grenze nicht übersteigt, und wie würde diese Grenze zu fixieren sein? Würden Maßregeln zu treffen sein, um auch Personen, deren Einkommen zwar innerhalb dieser Grenze bleibt, die aber, abgesehen von dem Falle des § 3, Absatz 2 des Krankenversicherungsgesetzes, infolge ihrer eigenen Lebens­stellung ober ber ihrer Eltern tc. ber Unterwerfung unter ben Zwang nicht bedürftig erscheinen, von letzterem frei zu lassen, unb welche Merkmale würden hier aufzustellen fein? 3. Würde sich die Aufnahme sonstiger spezieller Be­stimmungen in bas Ortsstatut empfehlen bezw. welche?

Stephan um jene Zett einen frischen Blütenkranz bringt, ist er ben Verwandten gnädig, und wird meinem Bruder Joseph helfen."

Michel hatte feinen Arm wieder leise um Jaguscha gelegt und sie sanft an sich gezogen.Mein armes Mädchen," murmelte et halblaut,also den Joseph betriffts und um seinetwillen seit Ihr in Kummer und Sorgen. Ich werde Dich in diesen Tagen nicht aufsuchen, um den Vater in Sicherheit zu wiegen, und die Reise nach Warschau zu Hintertreiben, am Sonnabend aber bin ich bei Dir, und wenn wir unser Gebet für den Joseph vereinen, wird Gott ihm gewiß gnädig sein."

Jaguscha hatte still der Rede des Geliebten gelauscht, und ihren Kopf müde an seiner Brust ruhen lassen. Als er geendet hatte, machte sie sich sankt aus seinen Armen frei, und ihm die Hand bietend, sagte sie, Abschied nehmend: Ich muß jetzt gehen, Michel, die Suppe steht am Feuer, und die Mutter wird erwacht sein, und nach mir rufen."

Und Du kannst nicht einen Augenblick mehr bei mir bleiben?"

Nein, Michel, geh heim, und die Mutter Gottes nehme Dich in ihren Schutz."

Jaguscha huschte davon, und verschwand im Innern ber Hütte. Michel blieb noch einige Minuten unter bem Flieder- strauche stehen, bann ging er mit großen Schritten bem väterlichen Hanse zu.

Das Gärtchen hinter Mutter Marinkas Hause war toieber einsam, nur bie Grillen zirpten wie vorher am Wege, baS Gequak ber Frösche tönte vom nahen Sumpfe herüber, unb bie Nachtigall sang ihr klagendes Sieb.

In ber Stube, wo bie Kranke lag, herrschte tiefe Stille. Die alte Frau schlief ruhig unb athmete leicht unb ohne Beschwerben. Jaguscha hatte die Suppe weiter vom Feuer gerückt, und las bei dem Scheine eines Oellämpchens schon zu wieberholten Malen den Brief bes Bruders, dessen ein» zelne Worte sich ihrem Gedächtnis doch schon ganz voll­ständig eingeprägt hatten. (Fortsetzung folgt.)