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ftr. 189.

Marburg, Dienstag, 10. August 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich Allster an Seritcgen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal» Abonnements-Preis bei bet Expedition 21/* Mk., bei ten Postämter 2 Ml. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). JniertionSgebühr für bie gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für bie Zeile % Pfg.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch. i i ---------- -......--HHHMMB« I ' 'MIN I! ' ' SBBaMHBB ---L_U

Die Lage in Spanien.

In Spanien ist zur Abwechselung wieder eine Minister­krisis ausgebrochen. Wenn ein solcher Fall in England, Frankreich oder selbst Rußland eintritt, so berührt er auf irgend eine Weise auch die Politik anderer Staaten. Eine spanische Ministerkrisis kann aber als eine rein häusliche Angelegenheit angesehen werden. Spaniens äußere Politik ist gleich Null und wenige Leute würden sich auch ein­gehender um die Ministerkrisis kümmern, wenn nicht die Person der Regentin, der Witwe König Alfons, Teilnahme und Interesse erwecken würde. Sicherlich hat es ihr nicht an Warnungen gefehlt, sich nicht auf den gefährlichen Posten der Regentschaft zu stellen, allein mit einem Selbst­vertrauen, das so oft Erfolge erreicht, hat sie es unter­nommen, Ordnung und Vernunft in ein Chaos von Dünkel und Eigennutz zu bringen, das Land zu neuem Leben zu erwecken.

Viel wäre für Spanien schon gewonnen, wenn seine Bewohner die heutige Stellung ihres Landes wirklich er­kennen würden. Aber dem ist nicht so. Die Spanier leben in dem Wahne, daß die alte große Vergangenheit nicht vorüber ist, daß sie tadellos als die alten Spanier dastehen, deren wilde, aber tapfere Regimenter durch ein Jahrhundert den Schrecken Europas bildeten, daß es nur an ihnen läge, wieder eine unüberwindliche Flotte auszu­schicken, der zwar die Elemente, aber nicht die Menschen Herr werden könnten. Eine Nation, gegen früher zu Knirpsen herabgekommen, bildet sich ein, noch immer ein Riesengeschlecht zu sein; das ganze Volk leidet an Größen­wahn. Als die Regentin im vorigen Jahre auftrat, da glaubte man, daß das Land nach den vorangegangenen Er­fahrungen endlich zu sich kommmen und bessere Zustände eintreten würden. Aber in dem Augenblicke, wo wirklich eine Reform in Szene gehen soll, zeigt sich, daß die Dinge genau so, wie früher, stehen.

Als die Regentin ihren selbständigen Geist durch die Berufung eines liberalen Ministeriums bekundete, bot sich ihr der richtige Mann zum Vollzüge reformatorischer Pläne in dem Finanzminister Kamacho. Dieser erfahrene Mann gehört zu den wenigen, die den Sitz des Uebels in Spanien erkennen und der dringend auf Sparsamkeit hinarbeitete. Das Budget, welches er aufstellte, wich daher von den Schablonen-Budgets seiner Vorgänger ganz entschieden ab. Besonders unterstellte er 60 Millionen Pesetas Militär­fonds, mit denen heidenmäßig gewirtschaftet wurde, sowie gewisse Staatsgüter, welche nach altem Schlendrian von Beutejägern ausgenutzt wurden, seiner eigenen Aufsicht. Diese Fonds sollten im Budget figurieren, weil, wie Kamacho angab, der Staat mit seinen Mitteln haushalten müsse und nicht schon wieder neue Steuern ausschreiben könne. Thatsächlich verfolgte er aber dabei noch einen anderen Zweck. Die Verfügung, welche die Generale über den 60-Millionen-Fouds haben, macht eine Menge Militärs

von ihnen abhängig, verschafft ihnen Leute und die Mittel, bei Gelegenheit ein Prouunciamento zu verkünden und dem Thron, mit dem Schwert in der Hand, Gesetze vorzu­schreiben. Man kann sich denken, in welches Wespennest Kamacho mit der beabsichtigten Reform stach. Hinzu kam nun noch die Entziehung der Ausnützung der Staats­güter, von welchen auch viele Gemeinden Nutzen, natürlich widerrechtlichen, gezogen hatten. Das ist ja aber in Spanien gleich, die Hauptsache ist Geld.

Der Effekt dieser Maßregeln war deshalb, daß der Finanzminister nicht nur das Militär, sondern auch zahl­reiche Beutejäger und Gemeinden gegen sich aufbrachte, und als dritter im Bunde der Opposition gesellten sich auch die Fabrikanten hinzu, welche sich durch den mit Eng­land abgeschloffenen Handelsvertrag beeinträchtigt glauben. Die Regentin machte angesichts dieser Sachlage Vermitte­lungsvorschläge, aber da zeigte sich Camacho wieder als echter Spanier. Sein? Hartnäckigkeit erlaubte ihm nicht, nachzugeben, und statt wenigstens einen Teil des beabsich­tigten Guten durchzuführen, legte er schmollend sein Amt nieder. Seinem Beispiel folgte der Kriegsminister Sala­manca, und selbst vom Ministerpräsidenten Sagasta heißt es, daß er regierungsmüde fei. Ueber den ferneren Ver­lauf der Ministerkrisis lassen sich natürlich keine weiteren Vermutungen machen, da man ihren Umfang nicht einmal genau kennt. Möglich, daß das Ministerium Sagasta einen neuen Finanzminister findet, möglich, daß es einem konservativen Ministerium weichen muß. Durch die jetzige Krisis scheint die Regentschaft selbst noch nicht bedroht; aber daß es Spanien gelingen wird, sich selbst zu ver­jüngen, daran kann man fast zweifeln.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Aug. Ueber die Rückreise des Kaisers ist jetzt folgendes bestimmt: Kaiser Wilhelm wird am 10. d. morgens seine Kur beenden und sodann nachmittags Gastein verlassen, um nach Berlin, bezw. Potsdam zurück­zukehren. Um iVi Uhr nachmittags reist der Kaiser zu Wagen nach Lend ab, wo die Ankunft um 3'/» Uhr er­folgt. Von dort wird mittelst Sonderzugs die Reise nach Salzburg fortgesetzt, daselbst kommt er um 5 Uhr an und wird im Europäischen Hof absteigen, wo um 53 Uhr ein Essen stattfindet. Am 11. August wird der Kaiser nach­mittags 3*2 Uhr von Salzburg über Passau nach Regens­burg Weiterreisen, daselbst um 9 V. Uhr eintreffen, zu Abend speisen und um 10 Uhr die Rückreise fortsetzen. Am 12. August trifft Se. Majestät um 1 Uhr 25 Min. früh in Hof, um 5 Uhr in Leipzig und um 6A Uhr in Güter­glück ein, wo der Kaffee im Wagen eingenommen wird. Von Güterglück reist der Kaiser um 7 Uhr 5 Min. nach Drewitz weiter und trifft dort um 81/* Uhr ein. Von Drewitz führen bereitstehende Hofwagen den Kaiser und die Herren seines Gefolges nach Schloß Babelsberg.

Geschichtskalender.

10. August.

955. Kaiser Ottos des Großen Sieg über die Ungarn auf dem Lechfelde.

1519. Ferdinand Magelhaens tritt die erste Reise um die Welt von dem Hafen von St. Lucas aus an.

1610. Kaufte Landgraf Moritz den Vogtding (Gerichts­barkeit) an dem Frauen-Münster bei Obermöllrich (Frcm- Münsterkirche" gewöhnlich genannt) von dem Letzten der, in Vermögenszerrüttung verfallenen und zum großen Teil durch wüstes Leben dem Aussterben schon ganz nahe gekommenen von Falkenberg zu Falkevberg. Einst war dies Geschlecht eins der reichste», mächtigsten und angesehensten in ganz Hessen.

1792. Die Tuilerien werden gestürmt, Ludwig XVI. be- giebt sich in den Schutz der Nationalversammlung, wird des Thrones entsetzt und darauf mit seiner Familie in dem Temple gefangen gehalten.

1809. Die Universität zu Berlin wird gestiftet.

1870.

10. August. Die Festungen Lützelstein und Lichtenberg kapitulieren.

Wanda.

* Von A. Gnevkow.

(Fortsetzung.)

.Und auf dem Lehmboden tanzten wir," fuhr die Alte fort, »daß die Fenster klirrten, und wir jauchzten, daß es die Musik weit übertönte. Wenn aber der blonde Matschek sich im Mazurek mit mir schwank, dann sahen die Anderen zu, dann klatschten sie in die Hände, und der junge Pan rief von der Straße ans:Bravo, bravo!" Was galt

es, daß ich damals schon achtundzwanzig Jahre zählte, die Marinka wurde doch von allen hübsch gefunden, und der schönste Bursche dis Dorfes, der Matschek mit den kurzen Kniehosen und der langen, scharlachroten Weste mit blanken Knöpfen, war ihr Schatz und tanzte nur allein mit ihr. Aber hinten, ganz hinten in der Schänke stand der Ignatz Kowalsky mit feinem bleichen aufgedunsenen Gesichte, und wenn mich der Arm des Matschek fester umschlang, wenn ich den Kopf an seine Schulter lehnte, dann ballte er die Faust und lachte ingrimmig, bis die jungen Burschen ihr Recht gebrauchten und den Störenfried zur Thür hinaus- brachtev. Hei, nun ging die rechte Lust erst für mich an, ich jauchzte noch einmal so hell, drehte mich noch einmal so leicht, und während ich tanzte, tanzte, ging der Ignatz zu meinem Vater und handelte mich für eine Flasche Brannt­wein ein.Oh Kind, Kind," jammerte die Alte und deckte die Hand über die Augen,bewahre Dich der heilige An­dreas und lasse Deinen künfiigen Mann kein Trunkenbold sein. Gieb dem Michel gute Worte, daß er den Branntwein abschwört, damit es Dir nicht geht, wie es mir und meiner Mutter ging, denn mein Vater trank, Dein Vater, der Ignatz Kowalsky trank, und sie schlugen ihre Frauen und brachten ihre Familien an den Bettelstab."

Arme Matka," seufzte Jaguscha leise,so mußtest Du den Matschek aufgeben?"

Ja wohl, arme Mutter, arme Marinka," murmelte die Kranke vor sich hin,ich glaubte, das Herz müsse mir brechen, als der Matschek in die Fremde ging und ich mit Ignatz vor den Altar treten mußte, aber es hielt, es ging auch dann nicht in Stücke, als mein Mann Abend für Abend in der Schänke faß und Haus und Hof, das stattliche Bauern­gut vertrank und verspielte, und ich konnte weiter leben, als ich hörte, daß der Matschek auf seiuem Marsche weiter oben im Lande eines reichen Bauern Tochter geheiratet

Die Kaiserin wird am 14. d. abends von ihren Sommer­reisen zurückkehren, an demselben Tage in Potsdam ein­treffen, im dortigen Stadtschlosse übernachten und sich am nächsten Tage ebenfalls nach Schloß Babelsberg begeben. Den Abendblättern zufolge sprach sich der Kaiser dahin aus, daß von einem allgemeinen feierlichen Begehen des Todestags Friedrichs des Großen Abstand genommen werden soll; an der Ruhestätte des großen Königs in der Potsdamer Garnisonkirche soll am 17. August ein Gottes­dienst unter Teilnahme von Vertretern der Potsdamer Truppenteile stattfinden; die königliche Familie wird, soweit sie in Potsdam anwesend ist, bei dieser Feier erscheinen. Daß die verlängerte Anwesenheit des preußischen Ge­sandten am Vatican, Herrn von Schlözer, mit Verhand­lungen wegen der weiteren Umgestaltung der Maigesetz­gebung in Zusammenhang gebracht wird, scheint sich in­soweit zu bestätigen, daß in der Zwischenzeit weitere Ver­handlungen mit dem Vatikan stattgefunden haben, und es wird versichert, daß dieselben einen glatten und befriedigenden Verlauf genommen haben. Da Herr v. Schlözer nunmehr gestern hier eingetroffen ist, um sich demnächst zu seinen Verwandten nach Lübeck zu begeben, so ist anzunehmen, daß wenigstens die allgemeinen Grundzüge für die bevor­stehende Revision der Maigesetze zwischen der preußischen Regierung und der Kurie vereinbart worden sind. Nachdem der Papst den Domherrn I 'r. Redner als Bischof von Kulm bezeichnet hat, unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß diese Ernennung die königliche Bestätigung er­halten wird. Diese namentlich unter den obwaltenden Umstanden sehr wichtige und schwierige Personenfrage hat zu sehr umfangreichen Verhandlungen zwischen der preußischen Regierung und der Kurie Anlaß gegeben, ohne daß eine Einigung erzielt werden konnte; es war nicht leicht, eine Persönlichkeit ausfindig zu machen, die gleich geeignet ist, das Vertrauen der Regierung und der polnischen Bevölkerung zu erhalten Dr. Redner, welcher der polnischen Sprache vollständig mächtig ist, soll der gemäßigten und versöhn­lichen Richtung der katholischen Geistlichkeit in Westpreußen angehören und wiederholt seinen Einfluß zur Verminderung von Verwickelungen mit der Staatsgewalt geltend gemacht haben: seine Ernennung gilt deshalb als ein Zugeständnis der Kurie und unsere Regierungskreise knüpfen an die­selbe die Erwartung, daß die polnische Propaganda, die bisher in Kulm einen ihrer Hauptmittelpunkte besaß, dort fortan unter dem neuen Bischof keinen günstigen Boden mehr finden werde.

Der Kultusminister hat untenn 3. August er. an die königlichen Regierungen der Provinzen Ost- und West, Preußen, der Rheinprovinz und der Provinz Hessen-Nassau nachfolgenden, den andern Regierungen zur Kenntnisnahme mitgeteilten Zirkularerlaß gerichtet, worin es heißt: In letzter Zeit ist wiederholt die Frage zur Erörterung gelangt, in wie weit bei vorhandenem doppelten Wohnsitz einer

habe. Ich hatte ja meine Kinder, uni als Ignatz der Schlag traf, genau auf der Stelle, wo wir damals tanzten, als er mir tot ins Haus gebracht wurde und ich mit meinen Kleinen hier in die Hütte zog, die mir die Gnade der Bauern überließ, da habe ich gearbeitet und gerungen, habe das tägliche Brod für Euch erworben und Tag und Nacht nicht geruht, bis ich auch noch einen Sparpfennig für Dich und den Joseph ersparte, den der Sohn nun schon verbraucht hat." Die Kranke athmete tief auf und fank erschöpft in die Kissen ihres Bettes zurück, während Jaguscha unhör­baren Schrittes hin und herging, um das Abendessen vor, zubereiten.

Plötzlich klopfte es an die Fensterscheibe, und als das Mädchen hineilte, um zu sehen, wer da sei, ries eine Helle Stimme von außen:

Hörst Du mich, Jaguscha, der Michel möchte Dich sprechen, er wartet schon eine Viertelstunde im Garten hinter Eurem Hause."

Jaguscha fuhr zusammen und wurde bleich bis in die Lippen hinein, dann dankte sie dem Mädchen, das sie von der Ankunft des Geliebten benachrichtigt hatte, und eilte zu dem Lager der alten Frau. Die Kranke hatte das Gesicht der Wand zugekehrt und wollte schlafen oder mit ihren Gedanken allein sein, denn sie hielt die Augen geschlossen und forderte ihre Tochter mit leisen Worten auf, den Michel nicht warten zu lassen.

Jaguscha schlang sich ein Tuch um den Kopf und eilte hinaus in die mondscheinlose Frühltngsnacht.

Leise, leise zirpten die Grillen im Grase, vom nahen Sumpfe herüber ertönte das Gequak der Frösche, die Blumen teilten ihren würzigen Duft den Lüften mit, und in dem Fliederstrauche hinter Mutter Marinkas Haus fang eine einsame Nachtigall ihr klagendes Liebeslied.

Jaguscha war vorwärts gestürzt, ohne sich ihrer Gefühle