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Marburg, Sonntag, 8. August 1886.
XXI. Jahrgang
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition; Marti 21. — Redaktion, Druck und Verlag von 2oh. Aug. Koch.
Wochenschau.
Kaiser Wilhelm setzt seine Badekur in Wildbad Gastein mit gutem Erfolge fort, ebenso die Kaiserin Augusta in Schlangenbad. Allerdings hat die in Gastein eingetretene kühlere Witterung dem greisen Herrn etwas Schonung auf« erlegt, doch bewegt sich der Kaiser durchaus munter und frisch. Am letzten Sonnabend ist auch die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich in Gastein angekommen und hat sofort unserem Kaiser, der darauf gar nicht vorbereitet war, einen Besuch abgestattet. Montag Abend sind über München Fürst und Fürstin Bismarck gefolgt. Der Reichskanzler ist in München, wo er dem Prinz-Regenten Luitpold seine Aufwartung machte, äußerst herzlich empfangen. Am Sonntag treffen Kaiser Franz Joseph von Oesterreich und der Minister Graf Kalnoky noch im Wildbade ein, es erhält also die Zusammenkunft der beiden Monarchen durch die Anwesenheit der beiderseitigen leitenden Staatsmänner, die schon in Kissingen einander ausgesprochen haben, erhöhte politische Bedeutung. Die Kaiserzusammenkunst, die auf wirklicher Freundschaft zwischen dem deutschen und dem österreichischen Kaiserstaate beruht, wird gegenwärtig • um so herzlicher begrüßt werden, als sich zwischen Nuß- ; land und England neuerdings wieder Reibereien bemerkbar i machen. Mögen sich, wenn sie es durchaus nicht anders haben wollen, andere schlagen, wenn wir nur Ruhe und Frieden genießen.
Ein echtes, frohes nationales Fest ist während der Dauer der ganzen Woche am schönen Neckar in der alten romantischen Stadt Heidelberg gefeiert worden, die Jubiläumsfeier des fünfhundertjährigen Bestehens der Heidelberger Universität. Aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes sind ehemalige Angehörige der berühmten Hochschule herbeigeeilt, um deren Ehrentag festlich begehen zu helfen; die ganze großherzoglich badische Fainilie war zugegen und als Vertreter unseres Kaisers der deutsche Kronprinz. Glanzvolle Tage haben sich in Altheidelberg abgespielt; sie sind durch keinen Mißklang gestört worden und werden, was besonders der Kronprinz. in seiner Rede hervorhob, auch ferner dazu beitragen, die Einmütigkeit unter allen deutschen Stämmen, die Verbindung zwischen Nord und Süd immer fester zu ketten. Es war ein schönes, patriotisches Fest, getragen durch hohe Begeisterung und das Bewußtsein, daß es gerade Heidelberg, das durch die Zerrissenheit und Uneinigkeit des alten deutschen Reiches so viel gelitten, beschieden gewesen, feinen großen Ehrentag im neugeeinten, neugekräftigten deutschen Kaiserreich, unter dem festen Schutz und Schirm des deutschen Kaisers zu feiern. Mögen der Stadt und Universität Heidelberg noch viele frohe Tage beschieden fein.
Die Reife des chinesischen Botschafters Marquis Tseng nach Kissingen und seine Audienz beim deutschen Kronprinzen in Potsdam wird andauernd viel besprochen. Der Botschafter hat in Deutschland eine ganze Reihe von industriellen Etabliffements besucht, und es gilt auch als
zweifellos, daß sein Besuch bei uns vor allem wirtschaftliche Bedeutung hat. Man spricht von der Anlage einer neuen, durch Deutschland führenden Telegraphenlinie London- Peking, aber es hat sich wohl auch noch um mehr gehandelt. Mag die Reife der deutschen Industrie zum Vorteil gereichen.
Verstorben ist der hochberühmte und von allen Nationen Europas gleich geschätzte Komponist und Klaviervirtuose Franz Liszt in Bayreuth, wohin er zur Beiwohnung der Festspiele im Wagner-Theater gekommen war und ist auf dem dortigen Kirchhof bestattet. Der deutsche Kronprinz hat einen Kranz auf feinem Sarge niederlegen lassen.
Eine Ersatzwahl zum deutschen Reichstage hat im Wahlkreise Eßlingen stattgehabt. Gewählt ist der national- liberale Kandidat Adä gegenüber dem Demokraten Retter. — Unerwartet war der Ausgang, welchen der Prozeß gegen eine Anzahl sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter vor dem Landgericht in Freiberg genommen hat. Die Anklage lautete bekanntlich auf Unterhaltung einer geheimen, ungesetzlichen Verbindung. Während aber das Landgericht in Chemnitz, das früher mit der Sache befaßt war, auf Nichtschuldig erkannte, hat das Freiberger Gericht einen Teil der Angeklagten zu 9, den Rest zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt.
Einen verhältnismäßig raschen Fortgang nimmt die Bewaffnung der deutschen Infanterie-Regimenter mit dem neuen Repetiergewehr. Es wird gar nicht so sehr lange dauern, bis die durchgängige Einführung der neuen Waffe erfolgt ist. .
Auch große Männer haben ihre schwachen Setten. Kriegsminister Boulanger in Paris gilt dem französischen Volke seit seinem „mörderischen" Duell bekanntlich als ein großer Mann, aber jetzt hat seine Größe doch einen recht bedenklichen Knacks bekommen und sein Ansehen hat sich beträchtlich vermindert. Das kam folgendermaßen. Als letzthin über die Ausweisung des orleanistischen Prinzen Herzog von Anmale in den Kammern debattiert wurde, wurde dem Minister vorgehalten, er habe ja früher selbst dem Herzog allerlei Schmeicheleien gesagt und um die Gunst gebeten, um dadurch schneller avancieren zu können. Damals sagte Herr Bonlanger: I Gott bewahre, von alledem ist keine Silbe wahr. Jetzt passiert die niedliche Geschichte, daß die monarchistischen Blätter Faesimiles verschiedener Briefe Boulangers aus früheren Jahren an den Herzog veröffentlichen, welche jene Behauptung vollinhaltlich bestätigen. Der Minister will sich nun wie ein Aal durch die vorhandenen Widersprüche winden, indem er sagt, die Briefe seien allerdings echt, aber er sei, nachdem die Orleans zu konspirieren begonnen, ein eifriger Anhänger der Republik und habe deshalb auch das Prinzen- ausweisungsgesetz stramm ausgeführt. Jedenfalls hat Boulanger zuerst nicht die Wahrheit gesagt und bann hat er sich als ein Streber entpuppt, dem jedes Mittel zum Vorwärtskommen recht ist. Die Sache ist sehr schmutzig,
aber Minister wird Herr Boulanger doch bleiben, denn die Radikalen, die jetzt in Paris das Heft in der Hand haben, haben für ihn keinen passenden Ersatzmann.
In Spanien kippelt das Ministerium Sagasta infolge des Rücktrittes des Finanzministers Kamacho ganz fürchterlich. Es scheint ein Krach kommen zu sollen.
In London hat sich endlich die Umwandlung des Ministeriums auch äußerlich vollzogen. Gladstone hat sein Premierministeramt niedergelegt und Lord Salisbury hat dasselbe übernommen. Das Parlament wird bald zu einer kurzen Session zusammentreten, ernstlich an die Arbeit geht es aber erst im nächsten Jähr.
In Belfast (Irland) hat es neue Schlägereien zwischen den Orangisten und den Anhängern Parnells gegeben, bei denen, wie gewöhnlich, wieder die Polizei mit der Waffe dreinschlagen mußte. Dagegen sind die Bauernunruhen auf der schottischen Insel Tiree in der Hauptsache beendet.
In Amsterdam sind, tote gleich erwähnt fein mag, keine neuen Ruhestörungen mehr vorgekommen. Auch das Begräbnis der bei den vorwöchentlichen Ruhestörungen Getöteten ist völlig still verlaufen.
Zum Besuch des Kaisers von Rußland sind der Erzherzog und die Erzherzogin Karl Ludwig von Oesterreich in Peterhof eingetroffen. Allgemein gilt diese Visite als ein sicherer Beweis dafür, daß die Beziehungen zwischen Rußland und Oesterreich wenigstens gegenwärtig gute sind. — In Oesterreich-Ungarn machen die Deklamationen der ungarischen Heißsporne gegen die Beförderung General Janskys noch immer viel von sich reden. Ministerpräsident Tisza ist jetzt beim Kaiser Franz Joseph in Ischl und da wird sich die Sache wohl ausgleichen. Man behauptet in Wien, infolge der Kissinger Ministerbesprechungen würden sich auch die Zollbeziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich bessern. Zu wünschen wäre es in der Thal!
Aus der Balkanhalbinsel liegt von Belang nichts vor. Die serbische Volksvertretung hat jetzt auf Antrag des Finanzministers den weisen Beschluß gefaßt, zu beraten, wie die Finanzlage des Staates dauernd gut zu gestalten fei. Gesagt ist das leicht, gethan schwer!
Ins Zanken geraten sind Nordamerika und Mexiko. Die mexikanische Regierung hat einen amerikanischen Redakteur verhaften lassen, wozu sie kein Recht hatte, und nun ist „Bruder Jonathan" ganz fürchterlich erzürnt, daß auf fein Verlangen nicht sofort die Freilassung des Verhafteten erfolgte. Mexiko wird schon nachgeben, denn einen Krieg um eine solche Lappalie wäre gar zu dumm._______
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Aug. Der russische Minister des Aenßeren von Giers soll am Montag, möglicherweise schon am Sonnabend von Petersburg abreisen und begiebt sich nach Franzensbad. Nach Gastein geht Minister v. Giers nicht, er dürste jedoch anderswo mit dem Fürsten Bismarck zusammentreffen. — Die Verfügung des Kultusministers,
Geschichtskalender.
8. August.
870. Teilung Lothringens zu Mersen zwischen Carl dem Kahlen und Ludwig dem Deutschen.
165 l. Starb die Landgräsin Arnalia Elisabeth, Wttwe des Landgrafen Wilhelm V., geborene Gräfin von Hanau, Regentin während der Minderjährigkeit ihres Sohnes Wilhelms VI. dreizehn Jahre lang, von 1637 bis 16o0, während welcher Zeit sie die Zügel der Regierung mit ausgezeichneter Einsicht und Festigkeit führte, und unter der Mirwirkung günstiger Zeitverhältnisse das bei dem Tode ihres Gemahls dem Untergänge nahe gebrachte Hessen - Cassel nicht allein rettete, sondern wieder in weit bessere Zustände versetzte, als dieselben zu des Landgrafen Moritz Zett, wenigstens seit 1623 gewesen waren.
1858. Die Königin Victoria von England bestimmt durch die Jndiabill das Privilegium der engl. ostindischen Kompagnie aufzuheben und die Regierung Indiens in die eigene Hand zu nehmen.
9. August.
1221. Dominicus de Gnzman ans Castilien, Stifter des Ordens der Dominicaner-Mönche (Predigermönche), stirbt zu Bologna.
1607.' Einführung des Ritus des Brodbrecheus in der altftäbter Kirche zu Cassel.
1805. Oesterreich tritt der ruffifch-englischen Allianz gegen Frankreich bet.
1830. Louis Philippe, Herzog von Orleans, wird als erblicher König von Frankreich ausgerufen.
1854. Auf König Friedrich August von «achseu folgt dessen Bruder Johann.
1870.
8. August. Armeebefehl König Wilhelms.
9. „ Bazaine übernimmt den Oberbefehl. — Der
Kommandant von Straßburg weist die Uebergabe zurück.
Wanda.
Von A> Gnevkow.
(Fortsetzung.)
„Du weißt Mutter," sagte sie sanft, „daß ich schon zu früher Stunde nach dem Gutshause hinaufging, denn die Komteß ist am besten zeitig zu sprechen. Ich las ihr den Brief Josephs vor und sie hörte mir zu, legte die weißen, feinen Hände in einander und sah mir mit den großen, hellen Augen aufmerksam in das Gesicht."
„Die Mutter Gottes erhalte ihr den klaren Blick," murmelte die Leidende vor sich hin.
„Als ich den Brief fertig gelesen hatte," fuhr ^agnscha fort, „als ich fragend die Komteß ansah, trat sie auf mich zu und sagte bestimmt: „Einmal," und sie betonte das Wort, „einmal müßt Ihr dem Joseph noch helfen, man darf keinen Menschen versinken lassen, ohne ihm immer und immer wieder die Hand zur Rettung zu bieten; habt Ihr kein Geld, um es ihm hinzusenden?"
„Und Du sagtest nein, Jaguscha?" bemerkte die Alte hastig. „Du gabst es nicht zu, daß wir noch ein paar Thaler unser nennen, denn das Geld ist Dein, Dein Brant- schatz, und wenn Du ihn fortgiebst, darf Dich Michel Tucholsky nicht zum Altar führen."
Die Augen der alten Frau, die das Dämmerlicht zu durchdringen suchte, gewannen etwas Lauerndes, als wolle sie die geheimsten Gedanken deS Mädchens von dessen Gesicht ablesen, und ihre Finger griffen unruhig und unsicher auf der Bettdecke umher.
Jagmcha stieß einen tiefen Seufzer aus, ihre Wangen überflog eine dunkle Röte und ihr Blick starrte in die Ferne, als sähe er das Gespenst einer einsamen, verlassenen Zukunft vor sich aufsteigen.
„Du hast recht, Mutter," sagte sie nach einer Pause mit bebender Stimme, ich habe der Komteß erwidert, wir hätten kein Geld, denn ich dachte nicht an meine Brcmtthaler, und die Gräfin hat mir die Hand gedrückt, auf die herabhängenden Tapeten an den Wänden, die zerrissenen Bezüge der Möbel gedeutet und geklagt, daß sie nichts ihr eigen nennen, daß ihr Haus dem Verfalle entgegen ginge, und sie wünsche, ihr alter Vater thäte die Augen zu, bevor das Elend hexein- bräche."
„Und nun, Jaguscha, nun?" fragte die alte Frau begierig.
„Nun sende meinen Brantschatz dem Joseph," sagte das Mädchen mit einem trüben Lächeln, „und wenn der Michel Tucholsky die arme Jaguscha nicht heiraten darf, weil es sein Vater nicht will, bann wird der Michel mir treu bleiben und warten, bis ich mir die Brautthaler zusammengearbeitet und gespart habe.'
„Du bist ein gutes Kind, eine gute Schwester," murmelte die Kranke leise, „das Geld wird dem Joseph helfen, er wird seine Schulden bezahlen, sich einen neuen Anzug kaufen und nicht mehr leichtsinnig in den Tag hinein leben, wie bisher. Oh, wie das gnt thut, wie bas den Stein von der Brust wälzt, nun will ich auch wieder gesund werden, will nicht sterben, ich hätte es ja nicht ertragen, nicht mit ansehen mögen, wenn mein Joseph arm und zerrissen nach der Heimat zurückgekehrt wäre. Und weißt Du, Jaguscha," fuhr sie flüsternd fort, „wenn der Joseph erst Meister wird, ziehen wir zu ihm, und er muß Dir alles wiedergeben, was Du ihm jetzt leihst."