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Nr. 1S3

Marburg, Sonnabend, 7. August 1886.

XXI. Jahrgang.

Cr-ifUnt täglich außer an ILerktsgen m-Ä Sonn- und Fti.-ltagen. — Quartal- Lbvnnements-Preis bei bet Expedition 21/« 'Ult. bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). JasertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux vvn Haasenstein undPozler in Frankfurt a. M, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudol> Moste in Frankfurt a M., Berlin,^ünchenund Köln; G. L. Daube und Co n rank urt a. Di., B-rl n, Ha nrvcr u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Lonntagsblatt.

Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. irm— >i> ------- .tt, . ,.. --~am.-.-.T.-r

Zur Kaiserzusammenkunft in Gastein.

Zusammenkünfte der Monarchen werden von den Völkern immer freudig, als Zeichen des Friedens und seiner Er­haltung, begrüßt; nicht ganz mit Recht! Wir haben schon viele Entrevuen erlebt, die geeignet schienen, den Frieden für die halbe Ewigkeit zu verbürgen urid wenige Jahre später standen dieselben Monarchen im Kriege einander gegenüber. Welche Hoffnungen sind z. B. nicht auf das erste Drei-Kaiser-Bündnis gebaut? Es hat knapp ein halbes Dutzend Jahre gedauert und wäre nicht schnell wie der Wind das gute Bündnis zwischen Berlin und Wien gekommen, so hätten wir einen dentsch-russisch-französischen Krieg, einen Weltkrieg, durchzufechten gehabt. Im vorigen Herbst war weiter erst die Kaiserzusammenkunst in Krem- sier zwischen den Kaisern Franz Joseph und Alexander. Man hat damals große Festlichkeiten gefeiert, sich mit Liebenswürdigkeiten überhäuft, und wenige Monate später standen sich Rußland und Oesterreich wegen der Orient­frage doch wie Katze und Hund gegenüber. Darum ver­trauen wir am besten nur den Monarchenentrevuen, die in ihren Folgen sich wirklich erprobt haben. Aendert sich schon im gewöhnlichen Leben binnen kurzer Zeit vieles, so ist das erst recht im Leben der Nationen der Fall. Erst aus der Erfahrung kann man wirkliche Schlüsse auf die Zukunft ziehen; was bei glänzenden fürstlichen Festen sehr rosenrot sich ausnimmt, das erscheint später nur zu leicht trüb und grau.

Geprüft und bewährt ist die Freundschaft zwischen Deutschland und Oesterreich dagegen, bewährt auch die Herzlichkeit der Begegnungen der beiden Kaiser, die sich Jahr für Jahr begrüßt und damit das Bündnis der beiden Stationen immer wieder zu offenem Ausdruck gebracht haben. Das ist ein Bild, das in den beiden Völkern wirkliche Freude weckt, das ist ein Ereignis, das mit wahrer Befriedigung begleitet wird. Was helfen alle „guten Be­ziehungen" zwischen Fürsten und Staaten, wenn sie in den Zeiten der Not sich nicht als echt erweisen und dann nicht Farbe halten? Darüber dürfen wir bei unseren Beziehungen zu Oesterreich aber beruhigt sein; das Band, welches die beiden Kaiserreiche verbinde', hat sich auch in schlimmen Stunden unzerreißbar erwiesen, die feste Einigkeit zwischen Berlin und Wien hat wiederholt halbgezückte Schwerter in die Scheide zurückgedrängt. Es ist keine leere politische Phrase, sondern eine sichere unumstößliche Thatsache, daß aus dem deutsch-österreichischen Bündnis der Friede Europas beruht. Die Gründe dafür sind einfach. Die beiden mitteleuropäischen Kaiserstaaten haben nur gemeinsame In­teressen, welche in der Erhaltung des Völkerfriedens gipfeln, nicht solche, die im Gegensätze zu einander stehen. Dar­aus ergiebt sich von selbst der Entschluß, gemeinsam allen Friedensstörern in den Weg zu treten.

Kaiser Franz Joseph wird in diesen Tagen, begleitet

von dem Minister des Auswärtigen, Grafen Kalnoky, der früher schon mit dem deutschen Reichskanzler in Kissingen Besprechungen hatte, in Gastein eintreffen, wo sie die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich, unser Kaiser und Fürst Bismarck bereits erwarten. Seit längerer Zeit sind zum ersten Male somit wieder die beiderseitigen leitenden Minister mit ihren Monarchen in Gastein und das mag wohl dar­auf hindeuten, daß den beiden Kaisern eine genaue Ge­samtübersicht über die europäische Lage gegeben werden soll. Was in Kissingen im Voraus verhandelt, wird jetzt zum wirksamen und sicheren Abschluß kommen und ebensowenig, wie zwischen den beiden Staatsmännern, werden zwischen den beiden Kaisern Meinungsverschiedenheiten anftauchen. So können wir auch in diesem Jähre die Kaiscrzusammen- kunft vertrauensvoll als eine altbewährte Friedensbürgschaft begrüßen; es fehlen ihr die glänzenden Festlichkeiten, aber tausendmal mehr wert ist die warme Herzlichkeit, die natür­liche Einfachheit der beiden kaiserlichen Verbündeten. Die beiden einstigen Rivalen, Deutschland und Oesterreich, sind in die richtigen Bahnen eingelenkt, sie verfolgen gemein­same Ziele, statt sich auf ihren Wegen zu kreuzen; sehr selten ist eine solche Einigung in der Geschichte der Völker und deshalb wird auch immer herrlich dastehen der große deutsch-österreichische FriedenSbund.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Aug. Der Staats Minister und Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, Dr. Lucius, ist nach Heidelberg abgereist. — Der Bevollmächtigte zum Bundesrat, königlich württembergische Staatsrat v. Schmid, ist nach Süddeutschland abgereist. — Der französische Botschafter am hiesigen Allerhöchsten Hofe, Baron de Courcel, ist nach Berlin zurückgekehrt und hat die Geschäfte der Botschaft wieder übernommen. — Nach einer von feiten des Kriegsministers an den Justizminister ergangenen Mitteilung hat sich seit einer Reihe von Jahren die Zahl der Fälle stetig vermehrt, in denen die Militärgerichte Untersuchungen wegen solcher strafbaren Handlungen zu führen hatten, welche von den Militärpersonen vor dem Eintritt in den Dienststand begangen und vor diesem Zeit­punkt auch schon bei den Zivil-Justizbehörden zur Anzeige gebracht waren. Aus der Vermehrung der gedachten Fälle erwachsen, nach Ausführung des Kriegsministers, für die militärdienstlichen Interessen erhebliche Nachteile, da die Ausbildung der Rekruten durch die Untersuchung und Strafvollstreckung beeinträchtigt wird. Mit Rücksicht auf diese Mißstände hat der Justizminister durch Verftigung vom 23. Juli den Beamten der Staatsanwaltschaft und : den Gerichten die möglichste Beschleunigung des Verfahrens ! in den gedachten Strafsachen und dem Vorsitzenden ins- : besondere die Anberaumung der Hauptverhandluiig auf nahe Terminstage empfohlen. — Bekanntlich sind mehrfach

; Wünsche laut geworden, die auf Aendernngen des Kranken- | versicherungsgefetzes in Einzelpunkten abzielen. Neuerdings hat auch eine in Düsseldorf abgehaltene Versammlung von Gemeindebeamten und Kaffeuvorständen bezügliche Beschlüsse formuliert. Der „Hann. Kour." faßt die Hauptgesichts- punkte dieser Aenderungsbestrebungen folgendermaßen zu­sammen: „Es kann nicht überraschen, wenn bei einem Gesetze von so großer Tragweite, wie das am 1. Dezember 1884 in Geltung getretene vom 15. Juni 1883, schon nach 1'/- Jahren Wünsche nach Ergänzungen und Ab­änderungen in größerer Zahl hervorgetreten sind. Der Wunsch der Reichsregierung, allen Beteiligten gerecht zu werden, hat deshalb zur Hervorhebung von fünf Bestim­mungen dieses Gesetzes geführt, über bereit Aenderungs- bcbürftigteit balbthnnlichst die Aufsichtsbehörden der Kranken­kassen, und zwar zweckmäßig nach Beratung mit den Kassenvorständen, gegen bie Regierungsbehörden unb diese wiederum gegen die Zentralbehörden sich zu äußern haben. Es sind dieses neben der nicht gerade dringlichen Möglich­keit der Abschaffung dreitägiger Karenzzeit (§ 6 Abs. 2) der vielfach zur Umgehung der Versicherungspflicht benutzte Absatz 2 des § 3, die aus dem § 6 Nr. 1 resultierende Verpflichtung der Kassen, den zwar im Kassenbezirke be­schäftigten, aber außerhalb desselben wohnhaften Mitgliedern ohne Beitragserhöhung die kostspieligere ärztliche Behand­lung nebst Arznei zu gewähren, sowie die Ungerechtigkeit gegen die unverheirateten Mitglieder, welche darin liegt, wenn auf gründ des § 21 Nr. 5 den verheirateten Mit­gliedern freie Arznei und ärztliche Behandlung der Familien­mitglieder, sowie deren Ehefrauen dreiwöchige Wochenbett- unterstützung bei gleich hohen Beiträgen der Ledigen und Verheirateten gewährt wird, endlich die durch den § 49, Absatz 1 beschränkte Meldepflicht der Arbeitgeber, infolge deren sowohl angebliche Mitglieder qualifizierter Hülfs- kaffen Gelegenheit finden, dem Beitritte zu den Orts­krankenkassen unb ber Zahlung von Beiträgen sich zu ent­ziehen, obgleich diese Kassen im Falle bet wirklichen Er­krankung doch zu bereu Unterstützung verpflichtet sind. — Die von anderer Seite aufgeworfene Frage, ob den Hinter­bliebenen von Selbstmördern die gesetzlichen Sterbegelder zu versagen sind, wird anscheinend der Regelung durch die Kasienstatute ebenso zu überlassen sein, wie nach § 26, Nr. 2 die Versagung oder Verringernng des statuten­mäßigen Krankengeldes im Falle der selbstverschuldeten Krankheit oder Körperverletzung der statuarischen Regelung überwiesen ist. Die Fürsorge für die Beerdigung würde alsdann den Orts- und Landarmenverbänden anheimfallen."

— Die Untersuchung wegen Landesverrat gegen den ehemaligen Leutnant Alfred v. Hartung und seine im Gefängnis ihm angetrante Ehefrau (geb. Teichmüller) scheint umfangreicher werden zu sollen, als dies bis jetzt geahnt worden, beim bie ehemalige Geliebte des Hartung,

Geschichtskalender.

7. August.

1106. Kaiser Heinrich VII. stirbt zu Lattich.

1616. Wurde die Stadt Marburg durch ein damals für unerhört halsbrechend gehaltenes Unternehmen in unge­wöhnliche Bewegung gesetzl: am 18. Dezember 1615 hatte ein Sturmwind den Knopf mit dem Ritter von ber Turmspitze auf ber Eltsabethkirche herabgeworfeu, und an dem heutigen Tage wurde er durch einen Steindecker aus Gießen — lange hatte man weit und breit Niemanden finden können, welcher das Wagstück hätte unternehmen wollen — glücklich wieder aufgesetzt. Der kühne Stein­decker empfing 100 spanische Thaler, und noch die Mar­burger Enkel ja die Urenkel erzählten von dem Wieder­aufsetzen des Ritters, welches ihre Großväter mit angesehen hallen.

1687. Die Oesterreicher unter dem Herzoge Kail von Lothringen bringen den Türken eine schwere Niederlage bei Mohacz bei; Ungarn wird infolgedessen für immer dem habsburgischen Hause als ein Erdreich zugesprochen.

1814. König Friedrich Wilhelm HL von Preußen wird in Berlin nach seiner Rückkehr aus Frankreich feierlich "empfangen.

sNachdruck öerboten.1 Wanda.

Bon il. Gnevkow.

Die Sonne sank rotglühend im Westen hinter Wolken- gebirgen hinab und empfing vor ihrem Scheiden noch mit einem strahlenden Abschiedsblicke das graue, altersschwache Hüttchen, das mit seinen niedrigen Wände», seinem schiefen zerbröckelten Dache am Ende des langen, von Polen be­wohnten Torfes stand.

In das einzige Stübchen des kleinen Hauses bahnten

sich die Sonnenstrahlen ihren Weg und beleuchteten grell die buntgemalten Heiligenbilder, mit denen die Wände bedeckt waren, den Brettertisch, bie wackligen Holzstühle bajor, und das Mädchen, das sich an den kalten Lehmofen lehnte und mit düsterer verzweifelter Miene vor sich hinstarrte.

„Jesus Maria! Jaguscha, giebt cs kein Mittels" unter­brach plötzlich eine Stimme die Stille des kleinen Gemaches, unb in ber bunkelsteu Ecke des Stübchens, wo bas große Himmelbett staub, regte es sich schwach unb eine runzlige alte Hanb versuchte, bie Garbinen zur Seite zu schieben.

Das Mädchen fuhr zusammen, ber bleiche Teint bes schmalen ausdrucksvollen Gesichtes rötete sich leicht unb bie Brust hob unb senkte sich schnell unter bem Mieber von geblümtem Kattun.

„Seins, Matka", (Mutter), klang es mit tiefer, tonloser Stimme ba toieber, unb fest tneinanber schloß bas Mäbchen bie schlanken hartgearbeiteten Finger.

Die alte Frau stieß einen tiefen Seufzer aus unb währenb einiger Zeit hörte Jaguscha nur bas einförmige Murmeln ber Gebete, bie bie kranke Mutter vor sich hin­lallte, unb sah burch die Spalte der Gardine, wie bie Lei- benbe mit fieberhafter Gefchwinbigkeit bie Perlen ihres Rosen­kranzes burch bie abgemagerten Hänbe gleiten ließ.

Leise trat Jaguscha vorn Ofen fort unb unhörbaren Schrittes zu bem Tische, auf bem ein Fläschchen Mebizin staub, bas sie prüfend gegen das Licht hielt, urnschüttelte unb bann zu bem Bette ber Kranken trug.

„Matka, mußt jetzt von ber Medizin nehmen," sagte sie in leicht befehlender Weise zu der Leidenden unb hielt bie Flasche mit bem Heiltranke dicht an die heißen Lippen ber Fiebernden.

„Laß mich sterben, Jaguscha," stönte aber bie Alte unb stieß bie Hanb ber Tochter unsanft zurück, „ich habe lange genug gelebt, um Dich unb ben Joseph aufwachsen zu sehen unb nun ist es bester, daß die Kunde von Josephs Schande

Über mein Grad hinwegweht, als daß sie meine Ohren aus dem Munde der Nachbarn hören."

Jaguscha war in die Knie gesunken, die. langen Flechten ihres Haares hatten sich gelöst und hingen nun weit über ihren Nacken herab, ber Kopf richtete sich aufwärts und die bleichen Züge erhielten im grauen Dämmerlichte etwas farblos Gespensterhastes.

„Trink Mutter, und fei ruhig," sagte sie leise, während sie es versuchte, ben Kopf ber Mutter wieder nach sich um» zuweuden, „Gott unb alle Heiligen werben uns beistehen unb ben Stuber von schlechten Wegen zurückhalten."

Ein leises Schütteln burchbebte ben Körper ber Kranken, das Fieber war augenscheinlich stärker geworben, sie stieß ben Heiltrank abermals fort, richtete sich im Bette halb in die Höhe unb fragte mit heftiger, aufgeregter Stimme:

„Unb Du warst im Schlosse, Kind, hast bie Gräfin ge­sehen unb um Rat gefragt?"

„Ich erzählte Dir schon, baß ich bort gewesen bin, Mutter," ertoiberte Jaguscha, sanft unb fuhr mit ber Hanb glättend über bie Decke bes Lagers.

Die Kranke legte bie knöchernen Finger mit pressenbem Drucke auf bie Stirn.

„Wie bas hier pocht unb hämmert," sagte sie leise, „es ist fast, als ginge ein Mühlrad darin umher und nähme mir alle meine Gedanken. Glaubst Du wohl, Kind, daß ich nicht mehr weiß, wie Du es im Schlosse gefunden hast und was bie Gräfin Dir sagte, unb mein Denken war doch so frisch, wie es nur bas Deine sein kann."

Die Stimme ber alten Frau löste sich in Thränen auf, große klare Tropfen rannen über bie runzligen Wangen bis auf bie gefalteten Hänbe hinab und Jaguscha begann schnell, mit weicher Stimme das heut Erlebte noch einmal zu wiederholen.

(Fortsetzung folgt.)