Rt. 18*.
Marburg, Freitag, 6. August 1886.
XXI. Jahrgang.
grsü mt täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Keiertagerr. — Quartal- Ndounrments-Preis bei der fcpeoition 21/« Mt., bei den Hostämter 2 Ak. 50 Lf§. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Steif amen für die Zeile 25 Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haosenstein undBogler in Franlfurt a. M, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mofle in Franlfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n rankiurt a. M., 'B' r( n, Ha nover u.Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
” Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Marquis Tseng in Berlin.
Das „himmlische Reich" der langzöpsigen Chinesen ist bis vor ganz wenigen Zähren so ziemlich ein Gegenstand allgemeinen Spottes gewesen, dessen Grundlage wesentlich die bekannte englisch-französische Expedition von 1860 nach Peking war. Damals hatten sich die Chinesen so jammer- voll gezeigt, daß kaum im Ernst von ihrer kriegerischen Tüchtigkeit gesprochen wurde. Es wurde weiter gespöttelt über die Abgeschlossenheit Chinas, die bis in die allerneueste Zeit gedauert hat und der Ausdruck „chinesische Mauer" bedeutet ja alles andere eher, nur nichts rühmliches. Da kam in den letzten Jahren der Krieg mit Frankreich. In Paris meinte man, es handle sich uni einen neuen militärischen Spaziergang, und diese Ansicht fand auch in Europa ziemlich allgemeinen Glauben. Personen, die genauer die chinesischen Verhältnisse kannten, wie sie sich mit Hilfe abendländischer Organisatoren in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre gestaltet hatten, warnten vor Unterschätzung der Macht Chinas, fanden aber kein Gehör. Und doch halten sie, wie der Verlauf der französischen Expedition zeigte, in der Haupsache Recht. Selbst mit einer Armee von 50—60 000 Mann richteten die Franzosen nur wenig aus, empfingen auf der Insel Formosa und bei Langsou hi Tonking wiederholt Schläge. Seit der Zeit hat mau China denn mit anderen Augen angesehen, und als gar bekannt wurde, die Negierung in Peking beabsichtige den Bau großer Eisenbahnen, die sie abendländischen Unternehmungen übertragen wolle, da fehlte es nicht an Hochachtungsbezeugungen. Bei der jetzigen Geschäflsmisöre war der chinesische Eisenbahnbau, um den sich englische, französische und deutsche Industrielle bewarben, ein sehr fetter Bissen.
Mit der chinesischen Regierung in Peking selbst mag es noch ziemlich seltsam und altchinesisch ausschauen, aber China besitzt hervorragende Männer, die dem modernen Wesen freundlich gegenüberstehen. Das ist in China selbst der mächtige Vize-König Li-Hung-Chang, eigentlich der erste Mann im Lande, der viele Eutopäer in chinesische Dienste gezogen hat, und in Europa der Botschafter Tseng. Den Titel „Marquis", der in China gar nicht existiert, hat man ihm in Paris gegeben und aus alter Gewohnheit wird der Botschafter nun Marquis Tseng genannt. Dieser Mann ist es, der den Reichskanzler in Kissingen besucht hat und einige Tage später vom deutschen Kronprinzen in Potsdam in Audienz empfangen wurde. Auf kaiserlichen Befehl sind ihm auch Ehren zu Teil geworden, wie sie sonst nur fürstlichen Personen erwiesen werden. Deutschland hat bisher zu China recht gute Beziehungen unterhalten. Deutsche Offiziere und Beamte sind in chinesischen Diensten, verschiedene chinesische Kriegsschiffe sind auf
Geschichtskalenver.
6. August.
1195. Heinrich der Löwe stirbt 66 Jahre alt zu Braunschweig.
1605. Heftiger Tumult in Marburg wegen Einführung der Verbesserungspunkte: die Tumultuanten drangen in die Stadtkirche und mißhandelten die dort funktionierenden von Landgraf Moritz erngesetzten Pfarrer.
1806. Kaiser Franz H. leg: die deutsche Wahlkrone nieder und erklärt sich zu einem erblichen Kaiser von Oesterreich.
1840. Louis Napoleon, der Neffe Napoleons L, versucht in Boulogne ein Attentat gegen Louis Philippe, wird aber gefangen und nach Ham abgeführt.
1849. Oesterreich schließt mit dem Könige Viktor Emanuel von Sardinien Frieden.
1870.
6. August. Siegreiche Schlacht bei Wörth. Mac-Mahou vollständig geschlagen, 2 Adler, 6 Mrtrailleusen, und 30 Geschütze erbeutet, 12000 Gefangene gemacht. — Schlacht bei Saarbrücken, Franzosen geschlagen. — Die ersten franz. Gefangenen in Berlin.__
Graues Haar.
itz Eine Reiseerinnerung aus Italien.
Vom schlanken Glockenturme der Kirche von San Lorenzo in der alten Stadt Chiaucuna ertönte mit Hellem Schlage die achte Abendstunde. Der weite Platz vor der Kirche, den die gewaltigen Massen der Alpen abschließeo, war dicht von Menschen gefüllt. Zwischen den Gestalten der Männer huschten schlanke Mädchenleiber im bunten Putz herum, und die barfüßige Jugend, die für einen Augenblick der Aufsicht der Mutter entronnen, balgte sich im Sande umher. Dazu von allen Lippen rastloses Plaudern und Lachen, blitzende Augen, ein rechtes südländisches Volksbild, trotzdem im Hintergründe der ewige Schnee auf den Gipfeln der Alpen
deutschen Werften erbaut und kürzlich hat die neue ost- asiatifche Dampferliuie ; ie bestehenden Verbindungen noch gefestigt. Die Verbindungen sind, das muß aber vor allem im Auge behalten werden nicht so sehr hochpolitischer, als vielmehr wirtschaftlicher Natur. Was sollen auch politische Abmachungen zwischen den beiden, durch Tausende von Meilen getrennten Ländern für einen größeren Wert haben? Einen solchen Zweck konnte also die Reise des Marquis Tseng, die allgemeine Beachtung gefunden hat, schwerlich haben, sie muß den wirtschaftlichen Beziehungen gegolten haben.
Der Botschafter, der binnen kurzem nach Asten zuruck- kehrt, ist dort zum Chef des neu errichtete» Marineamtes ernannt worden. Der Gedanke liegt also nahe, daß er sich wegen des Baues weiterer Kriegsschiffe hat umsehen wollen. Aber das würde immer noch nicht seine Anwesenheit in Kissingen und Potsdam, sowie die ganz besonderen Ehrenbezeugungen, die ihm erwiesen worden, erklären. Vor der Hand ist keine Andeutung darüber gegeben, welches der eigentliche Hauptzweck der Reise des Botschafters nach Deutschland gewesen, denn behaupten zu wollen, es handele sich um einfache Höflichkeitsvisiten, klingt doch unter den jetzigen Umständen zu naiv. China ist ja in Berlin durch einen eigenen Gesandten vertreten; es bedarf also nicht der Reise eines anderen chinesischen Diplomaten zu uns, wenn nicht etwas besonderes vorgelegen. Vielleicht hat die Tour wirklich großen wirtschaftlichen Besprechungen, den Bahnbauten, gegolten, die für die deutsche Industrie von wesentlichem Vorteil sein würden. Wäre das der Fall gewesen, wir könnten zufrieden sein.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Aug. Wie das „Deutsche Tagebl." meldet, wird der König von Portugal in der Zeit vom 20. bis 24. August zum Besuche des Kaisers Wilhelm in Berlin eintreffen; später wird der König von Portugal dem Dresdener Hofe einen Besuch und von dort aus einen Abstecher nach Wien machen, um den Kaiser Franz Joseph zu begrüßen. Von Wien aus gedenkt der König seinen Schwager, den Fürsten Leopold von Hohenzollern, in Sigmaringen aufzusuchen und dort einige Zeit zu verweilen. Voraussichtlich dürfte der König den Manövern im Elsaß beiwohnen und alsdann entweder noch kurze Zeit zum Besuche des Königs von Schweden nach Stockholm gehen oder sich von Kiel oder Hamburg direkt nach Lisiabou wieder einschiffen. Zum 28. September, dem gleichzeitigen Geburtstage des Kronprinzen von Portugal und seiner Gemahlin," wird der König Ludwig in Lissabon zurückerwartet. — Die „Neue Fr. Presse" begleitet die Kaiserentrevue in Gastein mit folgenden Betrachtungen: So feierlich und zugleich so im Abendrotstrahl erglänzte. San Lorenzo hat seine eherne Stimme erschallen lassen; im Augenblick ist es still geworden, leises Flüstern nur, und der Abendwind spielt mit den farbenreichen Tüchern, welche die dunklen Köpfe bedecken.
Himer der weißen Mauer, welche die Kirche von San Lorenzo von dem Platze abschließt, erhebt sich mit dem Glockenschlage acht ein leiser Gesang, der mächtiger und mächtiger anschwillt, bis er gewaltig dahin klingt. Und dann kommt es herangeschritten, int langsamen, feierlichen Zuge, mit langen Wachskerzen in den Händen, Kinder, Männer, Frauen int Fcstfchmuck, dazwischen zahlreich Chorknaben, Geistliche mit Fahnen und Kreuz, Schar um Schar, int langen, langen Zuge. Hell blinken die Kerzen durch den Abend, und durch die lautlose Stille schallt der ergreifende Gesang der Prozession. Weiter und weiter schreiten die Reihen, das Volk drängt heran oder sinkt betend auf die Knie, dicht hinter den schmucken Alpenjägern, die die Eskorte der Prozession bilden. Immer mehr dehnt sich der Zug aus, und wie er die bergige, enge Straße hinanschreitet, bildet die Gesamtheit der Kerzen ein glänzendes, blendendes Feuermeer. Und immer klarer, dringender tönt dazwischen der Lobgesang!
Jetzt kommt ein Trupp junger Mädchen int festliche» Gewand, mit Blumen bekränzt, die langen Haare weit über die Schultern auf den Rücken herabwallend. Wie süß die Töne von den frischen Lippen schallen, wie andächtig die Augen an dem Bilde der Gottesmutter hängen, das ihnen vorausgetragen wird. Kein Blick seitwärts, wo eine große Zahl junger Leute die blühenden Gestalten mit prüfendem Auge mustert. Gleich ist der Zug zu Ende, da geht es summend durch die dichte Menge; „Das ist sie, das ist sie!" Und dann erschallt wieder das Murmeln der unterbrochenen Gebete. Wem galt das? Da, in der vorletzten Reihe ging ein junges Mädchen, in andächtiger Schwärmerei, die blitzenden Augen zum steruenbesäten Firmament erhoben, ein prächtiges Auge boll südländischer Jugendglut, während die Hände den Rosenkranz hielten und die Lippen sich betend
herzlich ist die Freundschaft zwischen Oesterreich - Ungarn und Deutschland vielleicht noch niemals zu einem sichtbaren Ausdrucke gekommen, wie es in diesen Tagen der Fall ist. Heute ist Fürst Bismarck in Gastein angekommen, wo der deutsche Kaiser weilt und die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich ihm die liebenswürdigste Aufmerksamkeit erweist; in wenigen Tagen wird auch Kaiser Franz Joseph in Begleitung des Grafen Kalnoky in dem Salzburger Wildbade eintreffen, um den befreundeten deutschen Monarchen persönlich zu begrüßen. Es ist, als ob diesmal mit einer gewiffen Absichtlichkeit von der gewohnten Entrevue der beiden kaiserlichen Freunde jede steife höfische Courtoisie und jeder Schatten einer kühlen politischen Erwägung abgestreift, dagegen die liebgewordene Begrüßung mit einem fast familiären Charakter umgeben werden soll, denn auch der in Reichenhall weilende Enkel des deutschen Kaisers, Prinz Wilhelm von Preußen, wird sich in Gastein einstellen, um am künftigen Sonntag der Entrevue beizu- wohneu. Wären nicht auch die beiden leitenden Minister diesmal, wie schon seit langem nicht, in der Umgebung ihrer Monarchen, so würde die Herzlichkeit der Beziehungen zwiscken den beiden Herrscherhäusern der Begegnung das ausschließliche Gepräge ausdrücken; aber daß auch Fürst Bismarck und Graf Kalnoky, nachdem sie jüngst erst in Kissingen einander gesehen haben, bei der Zusammenkunft anwesend sein werden, erhöht die Feierlichkeit derselben und damit zugleich ihre politische Bedeutung, ja, man darf wohl sagen, daß es gerade dieser Umstand ist, welcher zu der Vermutung Anlaß liefert, daß vor aller Welt in dem österreichischen Bade dem Bunde zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland eine besondere Weihe gegeben werden soll. — Die Herbstmanöver nahen wieder heran und da ist für die beteiligten Gemeinden sowohl, wie für die einzelnen Interessenten, welche die Truppen einquartieren sollen, ein Hinweis am Platze, was für Naturalleistungen bei Truppenübungen gesetzlich verlangt werden. Bei Kautonierungen auf Märschen und Kommandos ist von dem Quartiergeber an Quartierräumen zu gewähren: 1. für die Charge der Generale: 3 Zimmer und eine Gesindestube; 2. für die Charge der Stabsoffiziere (Obersten, Oberstleutnants und Major) 2 Zimmer und eine Gesindestube; 3. für die Charge der Hauptleute, Rittmeister und der Leutnants: 1 Zimmer und ein Burschen- resp. Dienergelaß; für Feldwebel und Portepeefähndriche je eine Stube; 5. für Unteroffiziere je 2 eine Stube; 6. für alle Uebrigen Schlafkammern. Jeder Offizier u. s. w. hat Anspruch auf au- gemeffene Ausstattung des Zimmers; zum mindesten auf ein reines Bett, einen Spiegel, für jedes Zimmer auf einen reinen Tisch und einige Stühle, auf einen Schrank, sowie Wasser- und Trinkgeschirr. Für Heizung und Er- bemegten. Aber das wallende schwarze Haar war stark mit weißen Fäden gemischt, eine seltsame Erscheinung, welche die Blicke aller Zuschauer auf sich zog. Jene aber schritt weiter, nnbekümmeit um alles, was sie umgab, still, scheinbar allem Irdischen abgewandt. Und weiter und weiter nahm der glanzende Zug seinen Weg durch die geschmückten, festlich erleuchteten Straßen, bis endlich die Mauer von San Lorenzo alles wieder in sich aufnahm.
Die Uhr der Kirche schlug Mitternacht! Auf dem Platze hielt die mit vier kräftigen Pferden bespannte Eilpost. In dem zweisitzigen Coupee lehnte sich fröstelnd ein einsamer Passagier in die Ecke, der über den Comersee am nächsten Morgen in der Hauptstadt der Lombardei in Mailand eintreffen wollte. Es war empfindlich kühl geworden. Wenige Augenblicke vor der Abfahrt wurde die Coupeethür nochmals geöffnet, der Conducteur bot einem weiblichen Wesen die Hand und half ihm hinein auf den Sitz. Die Thür schlug zu, die Peitsche knallte und rasselnd bewegte sich die Post durch die engen Straßen der Stadt, hinaus in die stille Nacht. Im scharfen Trabe ging es auf der Landstraße durch das Mairathal, das von steilen, düsteren Bergen eingeengt ist, vorwärts, dem Comersee zu. Im Schein der Wagenlaternen aber, deren Strahlen zitternd durch den engen Raum tanzten, sah der frühere Passagier die weiße» Fäden im dunklen Haar des jungen Kopfes blitzen, in der That, es war die allgemeine, angestaunte Mädchenfigur aus dem Prozessionszuge. Für den leichten Festanzug bot ei« kleines Mäntelchen nur schwachen Schutz und recht verlangend richteten sich die dunklen Augen nach der dicken, warmen Reisedecke, in die sich der Nachbar eingehüllt. Ein offenes Angebot fand gleiche Annahme, und eine weiche Mädchenstimme flüsterte leise Dankesworte. Draußen tanzten phantastische Felsgestalten im Schimmer des Wagenlichts vorüber, aber kein Laut, kein Ton, als das Rollen der Räder, das Knirschen des Sandes. Und da legte sich die Müdigkeit auf die jungen Augen, der Kopf sank seitwärts, zwischen den halbgeöffneten Lippen drangen ruhige, gleichmäßige