Rr. 181.
Marburg, Donnerstag, 5. August 1886.
XXI. Jahrgang.
Lr1-V?int täglich Putzer an Werktagen nach eonn-unb Feiertagen. — Quartal- Lbonnements-Preis bei bet Sxpedirion 2*/« Ml., bei ben Postämter 2 Mk. 50 Sfg. (excl. Bestellgelb). Jnsertionsoebühr für bie gehaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für bie Zelle 25 Pfg.
GrrMchk Jcitmiii.
Anzeigen nimmt entgegen bie Expedition b BlatteS, sowie b Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg unb Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin, München unb Köln; G. L. Daube unb öd. n rantturt a. M., rl n, Ha nover ».Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntaasblatt.
Expedition« Markt 21. — Redaktton, Druck und Verlag von Ioh. Aug. Koch.
MMMK J ........ ' ■nTwr-rn.i_r_.-r- tMTCJLJ V -1H-! „n. ---■—L-X—J
Es spinnt sich an.
Schon Jahre bevor, ehe ein größerer Krieg wirklich seinen Anfang nimmt, machen sich gewisse Zeichen bemerkbar, die ihn dem aufmerksamen Beobachter ankündigen. Es sind nun oft nur unwesentliche, scheinbar geringfügige Details, aber sie gewinnen an Bedeutung, wenn man von ihnen auf die ganzen Verhältnisse schließt. So gingen den beiden Kriegen von 1866 und 1870, ebenso dem russisch - türkischen Kriege von 1878/79 Anzeichen voraus, die bestimmt darauf schließen ließen, daß diese Kriege über kurz oder lang eintreten würden. Der Krieg zwischen Preußen und Oesterreich war schon vor dem gemeinsamen Feldzuge nach Schleswig - Holstein sicher, uno als der Schlag von Königgrätz gefallen war, da war es so gut wie sicher, daß der nächste Tanz den Nothosen gelten würde. Schon gleich nach dem österreichischen Kriege war in Deutschland alles aus einen Feldzug am Rhein vorbereitet, und wenn die Wolke auch damals noch vorüberging, einige Jahre später erschien sie von neuem und verzog sich nicht wieder. Gegenwärtig sind wir beffer daran; das Bündnis mit Oesterreich ist ein vortreffliches Gegengewicht gegen etwaige Kriegsgelüste, und wir brauchen uns deshalb nicht große Kopfschmerzen zu machen. Anders sieht es aber an einer anderen Stelle aus, und darauf bezieht sich die Ueber- schrift dieses Artikels.
Es ist noch in der Erinnerung unserer Leser, daß im vorigen Jahre ein Krieg zwischen Rußland und England unmittelbar vor der Thür stehen zu schien. Die Ruffen waren plötzlich über die Turkmenenhauptstadt Merw gegen die afghanische Grenze und gegen Herat vorgebrochen und machten Miene, die letztere, den Schlüssel Indiens genannte Stadt, selbst zu besetzen. Es kam zu blutigen Zusammenstößen mit den Afghanen; in England wurde teilweise mobilisiert, in Rußland nicht minder; aber da, als alle Welt die Kriegserklärungen erwartete, vertrugen sich plötzlich die feindlichen Parteien wieder. Das Geheimnis dieser schnellen, wenigstens verhältnismäßig schnellen Versöhnung hat sich inzwischen aufgeklärt. Lediglich die Thatsache, daß beide Teile nicht genügend zum Kriege bei den dortigen Schwierigkeiten des Terrains vorbereitet, hat sie davon absehen lassen, zum Gewehr zu greifen. Seitdem ist aber sehr viel geschehen. Die große russische Bahn, welche Zentralasien mit Rußland verbindet, hat Merw bereits überschritten nnd nähert sich bereits der afghanischen Grenze; auf der anderen Seite haben die Engländer nach Kräften in Nordwestindien Eisenbahnen und Festungen gebaut, ihre Truppen dort verstärkt. Kurzum, aus dem Wege zur Kriegsbereitschaft sind bedeutende Schritte vorwärts gethan.
Rußland und Oesterreich sind ebenfalls Nebenbuhler im Orient; aber die Balkanhalbinsel ist groß und deshalb eine friedliche Teilung der beiderseitigen Machtsphären wohl recht gut möglich. Ganz anders steht die Sache mit Rußland und England. Nicht nur, daß der Streit über die Oberherrschaft in Zentralasien zwischen beiden zu ent
scheiden, Rußlands Vorgehen im Orient ist auch für Englands Sicherheit in Indien eine Lebensfrage. Beim ersten Schritt, welcher Rußland Konstantinopel näher bringt, ist auch England zum Vorgehen gezwungen, denn Konstantinopel in russischen Händen bedeutet die höchste Gefährdung der englischen Verbindungen mit Indien. Darum war England in der bulgarischen Frage der schärfste Gegner Rußlands, darum unterstützte es mit allen Kräften die Erstarkung Bulgariens und Rumeliens, denn wäre das Fürstentum eine Satrape Rußlands, so stände der Zar vor dem Thor von Konstantinopel. In Petersburg hat man die englische Gegnerschaft quittiert durch die Aufhebung des Freihafens von Batum. England kann dagegen praktisch nichts thun, es nimmt aber diese Hiebe zur Kenntnisnahme und ist auf Revanche bedacht.
Es ist ganz außer Zweifel, daß die Stimmung einflußreicher Kreise in Rußland, der Generalität und der Panslavisten, für einen Krieg mit England ist. Jetzt fangen auch sogar die panslavistischen Blätter schon ganz offen an, den Krieg als sehr möglich hinzustellen und was in diesem Falle das Wort „möglich" bedeutet, braucht wohl nicht weiter erst dargelegt zu werden. Der russische Minister des Auswärtigen, Herr von Giers, hat in diesem Jahre noch nicht, wie es sonst stets geschehen, den Fürsten Bismarck besucht. Aus Feindschaft gegen Deutschland ist die Reise nach Deutschland sicher nicht unterblieben, aber wir haben auch gute Beziehungen zu England und darauf ist Rücksicht zu nehmen. Dadurch erklärt sich vielleicht das Fernbleiben des russischen Ministers am ehesten. In London ist zudem wieder eine konservative Regiernng an's Ruder gekommen, die ganz besonders fest entschlossen ist, sich von Rußland in Asien nicht zuvorkommen zu lassen, und das hat wohl nach Petersburg ebenfalls zurückgewirkt. So ergeben sich verschiedene Zeichen einer wachsenden Verstimmung zwischen London und Petersburg; das aufgestiegene Wölkchen verschwindet wohl nochmals wieder, aber wir glauben wohl kaum, daß die Freundschaft zwischen beiden Staaten dauernd erhalten bleibt. Noch zehn Jahre, vielleicht auch zwanzig mögen hingehen, um so sicherer kommt aber dann der Schlag. So lange ein russisch- englischer Krieg sich in Centralasien abspiegelt, berührt er Europa wenig. Anders gestaltet sich die Sache, wenn die Frage: Konstantinopel! dabei auftaucht! Und ob das nicht der Fall sein wird? Wer vermag in die Zukunft zu schauen und zu sagen, wo sich die Wölkchen festsetzen, die zeitweise noch ganz leicht am politischen Himmel umherflattern !
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Aug. Der Kaiser beendet, wie nunmehr feststeht, seine Kur in Gastein am 10. d. M. und wird am 12. hier, resp. in Babelsberg eintrcffen und dort bis zu den . Manövern Wohnung nehmen. — Der Austausch der Ratifi- ’ kationsurkunden zu der deutsch-englischen Ucbereinkunft vom
2./6., welche die preußisch-englischeLiterarkonvention von 1846 und 1855 auf die bisher vertragslosen Teile des Reiches ausdehnt, sand am 29./7. in London statt. Die Ueber- einkunst tritt drei Monate nach Austausch der Urkunden in kraft. — In der Aula der Universität fand mittags ein Festakt anläßlich des Geburtstages von König Friedrich Wilhelm III. statt. Als Vertreter des Hofes war anwesend der Kammerhcrr des Kaisers Geheimrat Graf Bernstorff, vom Kultusministerium der Unterstaatssekretär Lucanus und Geheimrat Althoff; außerdem wohnten der Feier der Direktor der Museen, Geheimrat Schöne, der Kommandeur des Kadettenhauses, sowie andere hervorragende Persönlichkeiten bei Die Feier begann mit dem Gesänge des Psalms: „Wohl dem, der ohne Wandel lebet", worauf Rektor Kleinert eine Festrede hielt, in welcher er die Beziehungen Friedrichs des Großen zur Universität beleuchtete An die Festrede schloß sich eine Mitteilung über die Erfolge der Bewerbungen und die Preisausgaben, sowie die Verkündigung der neuen Preisaufgaben. Mit dem Gesänge: „Herr, gedenke unser nach deinem Worte", schloß die Feier. — Der Geheime Ober-Justizrat Herzbruch, seit Jahren Präsident der Justiz-Prüfungs-Kommissivn und ältester vortragender Rat im Justiz-Ministerium, ist in Bad Liebenstein, wo er in Ferienurlaub weilte, gestern nachmittag plötzlich verstorben. Die Beerdigung wird hier stattfinden.
Heidelberg, 3. Aug. Der Kronprinz von Deutschland traf gestern um 8 Uhr mit einem Extrazuge von Bayreuth ein. Er wurde am Bahnhofe vom Großherzoge von Baden, dem Prinzen Ludwig Wilhelm von Baden, dem kommandierenden General von Obernitz, dem preußischen Gesandten in Karlsruhe, von Eisendecher, dem gesamten großherzoglichen Hofstaate, dem Prorektor, an der Spitze des engeren Senats der Universität, dem gesamten Stadtrate, sowie den Spitzen der Zivil- und Militärbehörden empfangen. Nach herzlichster Begrüßung des Großherzogs schritt der Kronprinz, welcher die Uniform seines schlesischen Dragoner-Regiments mit dem badischen Hausorden angelegt hatte, die als Ehrenwache aufgestellte achte Kompanie des zweiten badischen Grenadier-Regiments Nr. 110 ab und gab bei der darauf folgenden Vorstellung der Anwesenden dem Prorektor Bekker gegenüber seiner Freude Ausdruck, vom Kaiser hierher gesandt zu sein. Jedes einzelne Mitglied des Universitätssenats ward mit huldreichster Ansprache seitens des Kronprinzen, seitens des Großherzogs mit Händedruck begrüßt, welch letzterer den Dank der mit Rangerhöhung oder mit Ordensdekorationen Ausgezeichneten huldreichst erwiderte; die beiden Bürgermeister, sowie die Doktoren Wilckens und Oolz wurden vom Kronprinzen in die Unterhaltung gezogen. Nach einem viertelstündigen Aufenthalte bestiegen der Kronprinz, der Großherzog, sowie Prinz Ludwig die offenen großherzoglichen Equipagen, denen Spitzreiter vorausritten, und begaben sich durch die dichten Zuschaucrmassen, von begeisterten Hochrufen begleitet, nach dein großherzog-
Gefchichtskalender.
5. August.
1529. Frieden zu Eambray zwischen Franz l. und Carl V.
1716. Sieg des Prinzen Engen über die Türken bei Peter- wardein.
1870.
5. August. Die Verschanzungen der Franzosen auf dem Spicherer Berg werden erstürmt.
Im Münchener Hofbrünhans.
Es ist eine gar prächtige Stadt, die Residenz an der rauschenden Isar, mit ihren vielen großartigen Bauwerken und selbst der, welcher in Berlin kreuz und quer umhergewandert, macht doch Augen, wenn er die stolzen Bauten in Isar-Athen schaut. Sie haben es verstanden, die bayerischen Könige, aus München eine Stadt zu machen, die sich sehen lassen kann, und wenn die Münch'ner Stadt des Bayern Stolz ist, so hat er ganz Recht.
Was nun aber das Allerschönsi' in der Stadt München ist? Nnn, wird die Frag' dem Münchener von echtem Schrot und Korn vorgelegt, so anwort't er wohl ganz gewiß: Das Hofbräuhaus, und fragt dann der in der großen Stadt unbekannte fremde Gast nach dem Weg, so meint er überlegen : „O, da gehen S' nur gerad' aus, jedes Kind zeigt Ihnen nachher Bescheid!" Ter Mann hat Recht; um zum Hosvräuhaus zu kommen, braucht man sich nicht zu sorgen, da weiß Jeder, Groß und Klein, ganz genau Bescheid! Und da sind wir halt schon! Wer die sogenannten „echten" Bierkneipen in anderen großen Städten gesehen, bei denen schon das Aeußere des Hauses herausgestutzt ist, als fei das die Hauptsache, und nicht ein gutes Glas Bier, und
erwartet nun vom Hofbräuhaus etwas Achuliches, der wird sich freilich arg enttäuscht finden. Im Hofbräuhaus zu München ist das Bier die Hauptfach', und nicht allerlei dekorationer Ausputz und Flitterkram. Und der, welcher anfänglich die Rase gerümpft, der sagt später, wenn er diverse Maß' intus hat, gerad' wie der eifrigste Münchener Lokalpatriot: „Ja, sowas, wie das Münchener Hofbräuhaus, haben's anderswo doch nicht!"
Durch einen rechten, echten Thorweg, nicht durch ein neumodisches Portal mit Schnitzereien und Flitter« und Klunkern, kommen wir auf den Hof des Hauses. Na, er sieht just gerad' so aus, wie ein Hof an einer tüchtigen Wirtschaft. Von den Wänden ist einiger Kalk herabgefallen, aber nicht in's Bier, und deshalb macht das weiter nichts aus. Zur Linken sprudelt aus einem Wafferrohre ein munterer Strahl in das darunter befindliche Bassin. Darin spült sich der neue Gast am besten selbst einen Bierkrug aus, eine Maß, das heißt einen ganzen Literkrug, und nicht so ein jämmerliches Dreizehntel-, oder Vierzehntel-Lster-Glas. Mit so etwas fängt man im Hofbrünhans erst garnicht an! Ja, und woher den Krug nehmen, wenn keiner drinnen im Wafserbasfin steckt? Thu, die Augen auf, werter Gast. Siehst du mitten im Hofe liegt aus dem Bierwagen das mächtige Faß, gerad' zugeschnitten auf den Münchener Durst, nur daß ein einziges doch, wohl nicht lang' reichen thät', darunter stehen ein paar Krüge, auch da auf der Wagendeichsel, just so, wie sie die Zecher aus der Hand gesetzt. Denn man gebraucht hier nicht eben geschnitzte Eichenstühle, um ein paar Maß auszutrinken. Wer keine Lust hat, hiueinzuspazieren, der fitzt auf der Wagendeichsel recht schön und auch ganz bequem, und will er da nicht, nun, so ist in den Holz- und Kohlenverschlägen an der anderen Hof. wand auch noch Platz. Auf einer tüchtigen Klobe Holz fitzt
sich's ganz prächtig, dazu einen vollen Krug und eine neue Zeitung, das ist die rechte Hof-Idylle im Hofbräuhaus. Wer gar nur einige wenige Augenblicke Zeit hat, holt sich seinen Krug vom Schänktisch, stellt sich an die Wand und trinkt? Die Beine ihnen dabei nicht weh, denn bei dem Bier wird auch der Inhalt des Literkruges mit Sturm genommen und die zweite Maß zu überwinden, das ist ebenfalls keine Hexerei.
Und nun gehen wir in die gepflasterte Schänkhalle. Da liegt das Faß nnd zwei stramme Männer besorgen mit wunderbarer Schnelle Zapfen, Schänken, Geld einstreichen. Ist der Andrang sehr groß, so werden einige Fässer zu gleicher Zeit aufgelegt. Hier gehtS mit Dampf, und muß es auch, denn das Bier geht noch schneller ab wie frische Semmel! Die Leute müssen ja ihr Hab und Gut vertrinken, meint da eine besorgte Hausfrau, immer literweis, und an einem haben sie noch nicht genug; was macht das für eine Zeche? Ohne Sorgen, Verehrte, so schlimm ists nicht, denn der Krug Hofbräu, wohlgemerkt der ganze, geaichte Liter, kostet gerade 22 Pfennige, sage und schreibe zwei und zwanzig Reichspfenuige. Bei dem Preis kann man immer schon „noch Einen zum Abgewöhnen" trinken, nicht wahr? Und die Güte des Bieres? Nun, davon lange reden zu wollen, wäre schon 'eine Sünde gegen das Hofbrünhans, „ausgezeichnet — selbstverständlich!"
Und nun gehen wir in den Haupttaum, den nach der Sttaße zu gelegenen „Keller." Auch darin alles schlicht und einfach, hölzerne Bänke an den Tischen und darauf das bunteste Publikum, das man sich denken kann. Für das« Hofbrünhans ist keiner zn vornehm. Dienstmann, Dienstmädchen, Beamter, Handwerker, Kaufmann, Lehrer, Soldaten, kurzum alles durcheinander und oft mit den schöneren Hälften! Und auch die können sich nicht beklagen.