fit. 179.
Marburg, Dienstag, 3. August 1886.
XXI. Jahrgmkg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchham. - Illustriertes Sonntagsblatt.
___________________________________________________ Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Die neue englische Regierung
ist gebildet worden. Nur wenig mehr als ein Jahr ist es her, daß Gladstones verkehrte auswärtige Politik sein damaliges Ministerium stürzte und den konservativen Lord Salisbury ans Ruder brachte. Bis zum Anfang dieses Jahres blieb letzterer im Amt, und es ist ihm während seiner Amtsperiode gelungen, den von Gladstone häßlich verfahrenen Karren der auswärtigen Politik wieder auf den rechten Weg zu bringen. Die Beziehungen zu Deutschland wurden die besten, der Streit mit Rußland wurde beigelegt, die egyptische Frage geregelt. Den Kriegsgelüsten der Griechen schob Lord Salisbury durch sein Ultimatum einen kräftigen Riegel vor; so hatte die konservative Regierung im ganzen gut gewirtschaftet, als Gladstone, gleich nach der Eröffnung des neuen Parlamentes, sich mit den Irländern unter Parnell zusammenthat, und durch ein Mißtrauensvotum in der irischen Frage Salisbury beseitigte. Und dann schlug Gladstone selbst eine irische Reform vor; er verlangte eine Nationalregierung für die grüne Insel. Er unterlag aber, da ein Teil seiner eigenen liberalen Genoffen sich gegen ihn kehrte, im Parlament, und er unterlag erst recht bei den Neuwahlen, welche der Parlamentsauflösung folgten. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als abermals von der Bühne der Regierung abzutreten und die Zügel des Regimentes seinen siegreichen Gegnern zu überlassen — für längere oder kürzere Zeit!
Die Parteiverhältnisse waren nach der letzten Wahl solche, wie England sie noch nie gesehen. Statt der bisherigen beiden Parteien, den Tories (Konservativen) und den Whigs (Liberalen), waren jetzt auf einmal vier Parteien da, von denen keine einzige die Mehrheit im Parlament besaß: Zuerst die Konservativen, dann die liberalen Unionisten, die sich wegen der irischen Streitfrage von Gladstone losgesagt, die liberalen Gladstoneaner und endlich die Irländer, die jetzt mit Gladstone zusammengehen. Den Konservativen fehlte nur eine kleine Zahl von Sitzen im Parlament zur Mehrheit, aber es fehlte doch immer etwas, und deshalb bot ihr Führer Salisbury den liberalen Unionisten einige Sitze im Kabinett an. Die Unionisten lehnten ab, versprachen aber die Unterstützung der konservativen Regierung, wenn diese auf sie Rücksicht nehme bei der Einbringung von Gesetzesvorlagen für Jrlmtd. So ist denn das neue Ministerium ein durchaus konservatives, in seiner Zusammensetzung wesentlich dasselbe, wie vor einem Jahre, und doch nicht dasselbe, denn diesmal ist es entschlossen, seine Stellung energisch zu verteidigen. Es beweist das die Ernennung des rücksichtslosen und erst 37jährigen Lord Churchill zum Schatzkanzler und Führer des Unterhauses, der wichtigste Posten im Kabinett, auf dem es gilt, Gladstone direkt entgegenzutreten. Lord Salisbury kann das nicht, weil er Mitglied des Oberhauses ist. Außer ihm ist aber der radikal - konservative Churchill der einzige Mann unter den Konservativen, der es mit Gladstone aufnehmen könnte. Leiter der auswärtigen Politik ist Northcote, ein ruhiger Mann. In der auswärtigen
Politik Englands wird überhaupt kein Wechsel eintreten, denn auch der liberale Minister des Auswärtigen, Lord Rosebery, hat ganz nach Herz und Sinn der Konservativen gehandelt.
Die Hauptfrage ist: Wird die neue Regierung lange am Ruder bleiben? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Es kommt das ganz auf den Erfolg der Maßregeln an, welche sie in der irischen Frage beschließt, und auf den alten Gladstone, der trotz seiner 78 Jahre thatkräftig die Führung der Opposition im Unterhause übernimmt. Gladstone hat durch den letzten Wahlausfall einen sehr schweren Schlag bekommen, aber er ist ein Schlaukopf, der zur rechten Zeit auch eine solche Niederlage wettzumachen weiß. Er bringt Dinge aufs Tapet, an die früher niemand gedacht hat, dreht und modelt sie so, daß sie schließlich doch Zustimmung finden. Der Riß, der zwischen ihm und seinen liberalen Gegnern entstanden, ist ein ziemlich tiefer> aber keine Gegnerschaft ist so groß, daß nicht schließlich eine Aussöhnung erfolgen könnte, wenn sie nur recht ein» geleitet wird. Auf der anderen Seite sind freilich auch die liberalen Unionisten durch den gemeinsamen Wahlkampf eng an die Konservativen gekettet. Mau muß ganz abwarten also und daran denken, daß Ueberraschungen jetzt auch in England eine Mode geworden sind.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Aug. Durch Allerhöchste Verordnung ist gemäß § 3 der Verordnung vom 21. Juni 1886, betreffend die Kommission für deutsche Ansiedelungen in den Provinzen Westpreußen und Posen, bestimmt, daß die Ansiedelungs- komniissiou für Westpreußen und Posen ihren Sitz in der Stadt Posen hat. — Der gegenwärtig in Berlin weilende chinesische Gesandte in London, Marquis Tseng, besuchte mit seinen beiden Begleitern die Jubiläums-Kunstausstellung. Gestern nachmittag um 1 Uhr folgte derselbe einer Einladung der kronprinzlichen Herrschaften zum Diner nach dem Neuen Palais bei Potsdam. — Die Entsendung eines außerordentlichen päpstlichen Vertreters zur Teilnahme an der Heidelberger Jubelfeier hat hier einen ausgezeichneten Eindruck gemacht; man erblickt darin einen neuen Beweis der Versöhnlichkeit und des Entgegenkommens des Papstes Leo XIII. und schlägt ihn um so höher an, als die Universität Heidelberg seit vielen Jahrzehnten einen ausgeprägt protestantischen und oeutschnationalen Charakter trägt und manche ihrer Lehrer Führer im kir henpolitischen Kampfe der jüngsten Zeit waren. Dieser bemerkenswerte Schritt des Papstes veranschaulicht deutlich die große Wandlung, die seit kurzem in den Beziehungen des deutschen Kaiserreichs zur Kurie eingetreten ist, und gibt einen Maßstab dafür, wie weit die Verständigung zwischen den beiden Teilen bereits gediehen ist. Auch im Zentrumslager wird man die Bedeutung dieses neuen Zeichens der Zeit gewiß zu würdigen wissen. — Die zur Reichskasse gekommene Ist-Einnahme betrug an Zöllen und Verbrauchssteuer abzüglich der Verwaltungskosten und Ausfnhr-
vergütung im ersten Vierteljahr des Rechnungsjahres 120771666 Mk. oder 23324101 mehr als in derselben Vorjahrszeit. Zölle brachten 4765814 (129266 mehr), Tabaksteuer 1349 083 (128 725 mehr), Rübenzuckersteuer 46713882 (22466921 mehr), Salzsteuer 9 073049 (66208 mehr), Branntweinsteuer 17015 565 (427097 mehr), Brausteuer 4864213 (87051 mehr), Spielkartensteuer 280060 (181'33 mehr', Wechselstempel 1620278 (50260 weniger), Stempel für Wertpapiere, Kauf- und Anschaffungsgeschäfte, Lose zu Privatlotterien 1492592 (2221594 mehr), Lose zu Staatslotterieen 949 690 (89892 weniger), Post (42926020 (1916085 mehr), Reichseisenbahn 11219900 Mk. (273 600 weniger.) — Bei den diesjährigen Manövern zum erstenmale ist den daran teilnehmenden Offizieren eine Annehmlichkeit dadurch geschaffen, daß sie sich ohne weiteres in den Fortgenuß ihrer gewohnten Zeitungslektüre setzen können, und zwar einfach dadurch, daß sie bei der Postanstalt ihres Garnisonortes die Nachsendung ihrer Zeitung beantragen und dafür nur 50 Pfennig für den vierwöchigen Zeitraum entrichten. Dieser Postanstalt ist das jeweilige Kantonnementsquartier der Garnison bekannt, dieselbe leitet dahin mit aller Beschleunigung und Sicherheit die Korrespondenz und auch die solchergestalt nacherbetenen Zeitungen über. — Zur Feststellung des Umfanges der Friedericianischen Litt: - ratur wünscht der Kultusminister zu erfahren, was in den verschiedenen Universttäts- rc. Bibliothen an Schriften dieser Art vorhanden ist. Zu diesem Behufe hat er den Bibliotheksleitern ein Verzeichnis von Ausgaben und Ueber- setzungen der Werke Friedrichs des Großen mit dem Ersuchen zugehen lassen, genau festzustellen, welche von den darin verzeichneten Schriften in der dortigen Bibliothek vorhanden sind, und eine eingehende Untersuchung vorzunehmen, ob sich noch Schriften, Ausgaben und Ueber- setzungen.bet Friedericianischen Litteratur vorfindeu, welche in das Verzeichnis nicht aufgeuommeii worden sind. — Der Johanniter-Orden hat mit den Diakonissen-Mutter- häusern in Deutschland eine Vereinbarung getroffen, nach welcher evangelische Frauen und Jungfrauen auf seine Kosten in einem sechsmonatlichen Lehrgänge in der Krankenpflege ausgebildet werden, um so teils für Kriegs- und sonstige Notfälle eine eigene Pflegegenosfenschaft zu gewinnen, teils überhaupt für Kranken- und Gemeindepflege im Volke vorgebildete Kräfte zu erlangen. Die Krankenpflegerinnen, welche den Lehrgang beendet haben, werden durch den Herrenmeister des Ordens zu „dienenden Schwestern" desselben ernannt und für Kriegs- und andere Notfälle von ihm einberufen. Den dienenden Schwestern bleibt es überlassen, sich mit Krankenpflege in ihren Wohnorten nützlich zu machen. Die näheren „Bedingungen" werden von den Vorsitzenden der Bezirksvereine der einzelnen Ordenögenossenschaften mitgeteilt. Der vorbereitende Unterricht dauert 6 Monate. — Von Antwerpen aus werden, so schreibt die „Schles. Ztg.", nach schlesischen Dörfern in großer Zahl anonym gedruckte deutsche Briefe
Geschichtskalender.
3. August.
1492. Columbus geht von Palos aus unter Segel.
1628. Wallenstein zieht von dem vergeblich belagerten Stralsund ab.
1770. König Friedrich Wilhelm III. wird geboren.
1866. Preußen und Oesterreich schließen Waffenstillstand.
Um die denkwürdigen Ereignisse des Jahres 1870 vollständig rum Abdruck zu bringen, lassen wir hier die der letzten Tage des Monats Juli noch folgen:
1870.
28. Juli. Napoleon geht zur Armee nach Metz.
29. „ Napoleon UL übernimmt den Oberbefehl der Rheinarmee.
31. Juli. König Wilhelm geht zur Armee. — Amnestie für politische Vergehen und Verbrechen. Proklamation des Königs von Preußen an sein Volk.
2. August. König Wilhelm übernimmt das Kommando über die deutschen Heere.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Oben auf der Terrasse angelangt, blickten sie zurück; str waren den Andern weit voraus geeilt. Am nächsten Kwr ihnen der kleine Fritz, der jetzt auf Golmauns Rappen ®>f sie zutrabte! dann kam Helene, vom Baron Leopold geführt, während die alte Gräfin und Frau von Hochberg langsam den in Biegungen hinauffahrenden Fahrweg zu
Wagen zurücklegten und Fritz Golmann neben dem letzteren ging.
Valentine war auch heute einfach weiß gekleidet, eine eben aufgeblüte Rose hatte sie im Haar und ein Vergißmeinnicht-Sträußchen vor der Brust stecken. Sie sah hinreißend schön aus und Alfred fühlte sich stolz über den Besitz einer solchen Tochter, die er so lange entbehrt hatte, um sie — menschliches Geschick! — nun bald einem Anvern znzuführen.
Noch Niemand hatte ihm ein Wort von dem Verhältnis Valentinens zum Baron gesagt, doch sein scharfer Blick hatte es bereits halb erraten. Trotzdem sie nicht von ihres Vaters Seite wich, irrten doch ihre Augen zuweilen suchend umher; der Graf gewahrte dies und folgte wiederholt der Richtung ihres Auges; diesmal begegnete sein Auge dem Leopolds. „Nnn, wie Gott will!* dachte er. „Ist er ihrer wert, woran ich nicht zweifle, so sollen sie glücklich sein; ich will ihnen sicher nichts in den Weg legen!*
Man hatte, als die beiden Damen mit dem Wagen oben angelangt waren, diesen sofort zur Station zurück geschickt, und Fritz Golmann war ebenfalls mit einem Reitknecht, der noch ein gesatteltes Pferd führte, dahin geritten, denn in einer Stunde etwa mußten Bergens und Heimbecks ans der entgegengesetzten Richtung eintreffen.
Die Gesellschaft hatte sich auf der Terasse im Kreise niedergefetzt, um dort die Ankunft des Restes der Familie abzuwarten und dann unter den majestätischen Buchen, wo die Tafel bereits gedeckt war, zu dinieren.
Auf dem Rückweg nach dem Schlosse hatte, wie schon gesagt, Leopold die Gräfin Helene geführt und ihr erzählt, in welcher Weise er Valentinens Spur gefunden. Er hatte mit Beredtsamkeit ihr feine Liebe zu dem jungen Mädchen
geschildert und mitgetetlt, daß seine Murrer, nachdem diese Valentine kennen gelernt, rückhaltlos ihre Einwilligung zu seiner Verbindung gegeben, ehe man noch eine Ahnung von der wirklichen Herkunft Valentinens haben konnte; daß jedoch Valentine die Aufdeckung dieser Herkunft zur Vorbedingung ihrer Vermählung mit ihm gemacht habe.
„Wenn ich nnn, gnädigste Frau,* schloß Leopold, „um Ihre freundliche Unterstützung unserer Wünsche bet Ihrem Herrn Gemahl bitte, dem ich dieselben vorzutragen nicht zögern werde, so bin ich dazu aus doppeltem Grunde berechtigt, indem einmal Valentine meine Liebe erwidert und wir ohne ihre Hartnäckigkeit längst verbunden fein würden; dann endlich, weil ich doch immerhin wesentlich zur Lösung der verwickelten Verhältnisse beitrug, denn ohne mich würde Herr Marschall nie Valentinens Spur, wie auch ich nicht ihren Vater gefunden haben.*
„Sie werden meines Beistandes nicht bedürfen, Baron," entgegnete Gräfin Helene freundlich, „denn Sie haben ein Anrecht auf meine Stieftochter, welches mein Gemahl anzu- erkennen nicht zögern wird. Doch will ich trotzdem gern mich zu Ihrer Verbündeten machen."
Auch Frau von Hochberg hatte während der Rückfahrt der Gräfin-Mutter die Familienbeziehungen und den Charakter ihres Neffen geschildert, und die alte Dame war innerlich erfreut darüber.
Der Baron, feinem Naturell nach ein Mann von schnellem Entschluß, der es nicht vermochte, einen einmal ins Auge gefaßten Weg anders, als schnell und direkt zn gehen, nahm sofort die Gelegenheit war, als Alfred mit feinem Schwager über die Rückfahrt des Wagens nach der Station und die Mitnahme eines Reitpferdes für Heimbeck sprach, um ihn um einige Worte unter vier Augen zu bitten. (Schluß folgt.)