Ne. 178
Marburg, Sonntag, 1. August 1886.
XXI. Jahrgang
SriL -inL täglich jiu&et an Werktagen nach Sonn« und ärierrogen. — Quartal» Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/< Ml., bei den Postämter 2 Ml. 50 PfS- (excl. Bestellgeld). JnsertionSoebübr für die sef seltene Zeile 10 Pfg. Sleklamcn für die Zelle 25 Pfg.
MnMche jritimg.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. n rankiurt o. M-, Bcrl'N, Ha nvver u.Paris-
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expeditione Martt 21. — Redaktion, Druck und Setlag von Joh. Aug. Koch.
Wochenschau.
Kaiser Wilhelm setzt in Gastein seine Badekur fort, nachdem eine kurze Unterbrechung eingetreten war, weil sich der greise Herrscher infolge ungünstiger Witterung eine Indisposition zugezogen hatte, die aber gegenwärtig vollständig wieder gehoben ist. Auch die Kur der Kaiserin Augusta in Schlangenbad nimmt einen befriedigenden Verlauf. Wie mitgeteilt wird, steht es jetzt fest, daß der deutsche Kronprinz auch in diesem Jahre in Bayern Anfang September Militärbesichtigungen abhalten wird. Zu Anfang der Woche hat der Kronprinz in seinem Neuen Palais in Potsdam den zur Zeit in Berlin befindlichen Häuptling Samson Dido aus Kamerun empfangen und sich längere Zeit mit demselben unterhalten. - Verstorben ist der Gouverneur von Berlin, General der Kavallerie von Willisen.
Die Hundstage stehen zwar im Kalender groß und breit verzeichnet, aber die erholungsbedürftige Menschheit, die fich in Sommerfrischen und Bädern umhertummelt, merkt wenig von ihrer Glut. Sie hat so ziemlich Tag für Tag mit dem allzu reichlichen Regensegen zu kämpfen gehabt, und daß dadurch die Laune keine bessere geworden, läßt sich denken. Hat die Hundstagszeit ihren Wärme- Charakter nun auch so ziemlich verleugnet, die andere ihr zukommende Eigentümlichkeit hat sie jedoch beibehalten: die der politischen Langweile. Auch die Staatsmänner und Minister sind in den Bädern, aber was die da zwischen grünen Wiesen und rauschenden Bächlein mit einander verhandelt, davon vernehmen neugierige Ohren nichts. Und wenn sich auch dieser oder jener sensationslüsterne Berichterstatter anstellt, als sei er bei den Besprechungen zwischen dem Reichskanzler Fürsten Bismarck und dem österreichischen Minister Grafen Kalnoky der dritte Mann gewesen, im Grunde genommen weiß er — nichts. Es ist eigentlich auch ganz unütz, sich die Köpfe über die Verhandlungen von Kissingen zu zerbrechen. Als der Kanzler seinem Kollegen zum Abschied freundschaftlich fest die Hand drückte, da sagte das deutlich genug: „Wir bleiben die Alten!", und das genügt. Es geht überhaupt wieder ein allgemeiner Friedenshauch durch die Welt. Herr von Giers, der russische Minister des Auswärtigen, kann zwar noch immer nicht nach Deutschland kommen, „weil er als fürsichtiger Hausvater für die Ausstattung seiner Tochter sorgen muß, die demnächst Hochzeit macht", aber, wenn auch das vorläufige Fernbleiben einen anderen Grund haben sollte, deshalb geht die Freundschaft zwischen Rußland und Deutschland doch noch nicht aus den Fugen. Die thatsächlich bestandene Spannung zwischen Rußland und Oesterreich wird aber durch die Reise des Erzherzogs Karl Ludwig von Oesterreich nach Petersburg beseitigt. Auch die Erneuerung der guten Beziehungen zwischen Deutschland-Oesterreich und Italien scheint sicher, nachdem die Italiener auf die Franzosen wegen der Ablehnung des italienisch - französischen Schiffahrtsvcrtrages spottschlecht zu sprechen sind. Und damit es endlich an gar nichts fehlt, hat der hervorragendste der chinesischen Gesandten in Europa, Marquis Tseng, dem Reichskanzler in Kissingen einen Besuch ab-
Geschichtskalender.
1. August.
1498. Columbus entdeckt das Festland von Amerika (Orinoko Gebiet.)
1589. König Heinrich UL von Frankreich wird von dem Dominikaner-Mönche Jacques Clement meuchlings ermordet (Erloschen des Hauses Valois.)
1664. Der Reichsfeldherr Montecuculi erficht einen glänzenden Sieg über die Türken bei dem Kloster St. Gotthard an der Raab.
1759. Der Herzog Ferdinand von Braunschweig siegt über die Franzosen bei Minden.
1798. Der engl. Admiral Nelson vernichtet die französische Flotte bei Abukir. •
1806. Der Kaiser Napoleon erklärt, daß er daS deutsche Reich nicht mehr anerkenne.
1808. Der von seinem Bruder Napoleon zum Könige von Spanien eingesetzte Joseph Bonaparte muß aus Madrid wieder abziehen.
2. August.
1552. Kaiser Karl V. sieht sich zum Abschlüsse des Passauer Vertrages genötigt (Befreiung der gefangenen Fürsten, Restttutton Philipps von Hessen, völlige Religionsfreihett der Protestanten.)
1850. Durch das Londoner Protokoll wird Dänemark von den auswärtigen Mächten seine Einheit gewährleistet.
1870.
2. August. Die Franzosen greifen Saarbrücken an.
gestattet. Trotz der naffen Hundstage ist also die Stimmung eine gute; nur in bezug auf Frankreich sieht es etwas flau aus.
Von einzelnen Ergebniflen aus dem Reiche ist nur wenig zu melden. In Mainz hat am letzten Sonntag mit großem Glanz die feierliche Inthronisation des neuen Bischofs Dr. Haffner stattgefunden. Damit ist der letzte, längere Zeit vakant gewesene Bischofsstuhl in Deutschland neu besetzt worden, und die äußerlichen Anzeichen des Kirchenstreites sind damit beseitigt. — In Freiberg in Sachsen ist zum zweiten male gegen eine Anzahl sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneten wegen Unterhaltung geheimer ungesetzlicher Verbindungen verhandelt worden. Das Urteil wird erst in der kommenden Woche erfolgen. — Die deutsche ostafrikanische Gesellschaft macht große Anstrengungen, um Geld für bedeutendere Unternehmungen in ihrem Gebiet aufzubringen. 600 000 Mk. sollen bisher in Deutschland gezeichnet sein.
Viel von sich reden gemacht hat ein Erlaß des neuen österreichischen Handelsministers Marquis Bacqnehem, in welchem die Handelskammern aufgefordert werden, ihre Wünsche bezüglich des bevorstehenden Abschlusses eines neuen Handelsvertrages mit Deutschland zu äußern. Man wollte aus der Fassung des Erlasses darauf schließen, der Minister wolle die Schutzzollpolitik aufgeben und zum gemäßigten Freihandel zurückkehren. Das war aber ein Irrtum. Marquis Bacquehem tritt genau in die Fuß- stapsen seines Vorgängers. — Die Cholera in Triest und Umgebung hat zu verschiedenen Volkstumulten Anlaß ge- gegeben; die Bevölkerung ist von dem thörichten Aberglauben befangen, die Aerzte vergifteten die Kranken und hat deshalb seine Wut namentlich gegen diese gerichtet. Verschiedene Doktoren mußten von der Gendarmerie aus den Händen der Leute befreit werden. ।
Nach dem großen Boulanger-Halloh ist in Frankreich nun endlich Ruhe eingetreteu; zwar arbeiten die guten Freunde des Generals ganz offen fort, um den Kriegsminister nach und nach zum Nationalheros zu machen, aber die große Menge kümmert sich doch augenblicklich weniger darum. Wegen der neuen Hebriden-Inseln in der Südsee, die bekanntlich von französischen Truppen zur Bestrafung räuberischer Eingeborener besetzt sind, wird es wohl einen niedlichen Streit mit England geben. Auf Andrängen der englischen Kolonieen in Australien hat der englische Minister des Auswärtigen an die französische Regierung die Aufforderung gerichtet, die Truppen sofort von den Hebriden-Inseln zurückzuziehen. In Paris will man davon natürlich wenig oder gar nichts wissen und beruft sich, auch völlig mit Recht, auf das Beispiel, welches die Briten in Egypteil gegeben haben. Das war auch nichts anderes!
Die Bildung des neuen Ministeriums Salisbury in London ist nun endlich nahe gerückt. Das Kabinett wird nur aus Konservativen bestehen, dagegen wird es von den Gemäßigt-Liberalen unterstützt werden. Das Ministerium des Auswärtigen wird der junge und sehr heißblütige Lord Churchill übernehmen, im vorigen Jahre bekanntlich
der eifrigste Verfechter eines Krieges mit Rußland. In Nordschottland sind Bauernunruhen entstanden, welche die Absendung von Militär nötig gemacht haben.
Der Schauplatz blutiger Anarchistenkrawalle ist in dieser Woche die Stadt Amsterdam gewesen. Ein Teil der Arbeiter ist schon längst von anarchistischen Agitatoren aufgehetzt gewesen und es haben bereits wiederholte Zusammenstöße mit der Polizei stattgefunden, bei denen die letztere zu öfteren Malen den kürzeren -flog. So schlimm, wie in dieser Woche, ist es allerdings noch nie gewesen. Es wurden regelrechte Barrikaden aufgeworfen, die vom Militär durch scharfes Gewehrfeuer nach mehrstündigem Kampfe gesäubert wurden. Der Kampf dauerte den ganzen Montag, abends bis in die Nacht hinein. 25 Tote und 90 Verwundete sind gezählt worden und besonders ist die Polizei, die sich zu schwach erwies, arg mitgenommen worden. Mehrere Minister haben sofort den Schauplatz der Unruhen aufgesucht.
In die Arbeiten der serbischen Skuptschina in Nisch ist jetzt etwas Zug gekommen. Am bemerkenswertesten ist, daß die kriegslustige Stimmung trotz der von den Bulgaren empfangenen Prügel ungeschwächt fordauert. Es ist in der Adresse der Volksvertretung an den König ganz offen ausgesprochen, er möge bei passender Gelegenheit von neuem mit Bulgarien anbinden. Nun, in diesem Falle würden andere Leute auch noch ein Wort mitsprechen.
In Sofia hat die bulgarisch - rumelische Nationalversammlung ihre Arbeiten beendet und ist mit dem Dank des Fürsten für ihre Leistungen nach Hause gegangen. In Bulgarien, wie Rumelien herrscht jetzt vollständige Ruhe.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Juli. Der Kaiser wird von seiner diesjährigen Badereise gegen Mitte August wieder auf Schloß Babelsberg erwartet. Der Tag der Rückkehr ist noch nicht definitiv bestimmt, doch ist aus dem Schlosse bereits die Weisung eingetroffen, zur genannten Zeit die Zimmer für den hohen Herrn zur Aufnahme bereit zu halten. Der Eptrazug, welcher den Kaiser zurückbringt, wird des Morgens um 8 Uhr herum auf der Station Dewitz bei Potsdam einlaufen, wo die Equipage bereit steht zur Fahrt nach Babelsberg. Es beißt, daß der Kaiser jedenfalls vor dem 17. August zurückkehren wird, um an diesem Tage an der in Aussicht genommenen Gedächtnisfeier für den großen Preußenkönig in der Garnisonkirche in Potsdam, unter deren Kanzel die Gebeine Friedrichs des Großen ruhen, teilzunehmen. Bis zur Abreise zu den Manövern gedenkt der Kaiser abwechselnd in Babelsberg und Berlin zu residieren. — Der „Reichsund Staatsanzeiger" widmet dem verstorbenen General der Kavallerie Frhrn. von Willisen, Gouverneur von Berlin, folgenden Nachruf: „In dem Verewigten hat die Armee den Verlust eines ihrer ausgezeichnetsten Reiter-Offiziere zu beklagen, der mit aufopfernder Hingebung an die Pflichten des Berufs eine hervorragende Begabung für die Führung der Kavallerie und für die Erziehung und Heranbildung dieser Waffe zu dem Niveau höchster kriegerischer
Am Schatte« des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Nachdem Baron Hartenstein und Inspektor Marschall am frühesten Morgen abgercist und in B. eingetroffcu waren, fuhr der erstere sogleich nach Heimbecks Wohnung, deffen Adresse ihm Marschall gesagt, der ihm auch von den engen Banden der Familie Biela, Bergen und Heimbeck erzählt hatte. Er stellte sich Waldemar, den er zu Hause traf, selbst vor und erzählte ihm das Resuttat seiner Reise, sein Verhältnis zu Valentine und Frau von Hochberg und mußte, als nun auch Hedwig durch ihren Gatten geholt und ihm vorgestellt war, ausführlich dieser über Valentine berichten. Während ihrer Unterredung traf auch an Heimbeck eine Depesche mit der frohen Nachricht aus Nehrungen ein, infolge deren beschlossen wurde, je eher je lieber dahin abzureisen. Auch Herr und Frau von Bergen mußten natürlich von der Partie sein. Sie ließen sich auch um so weniger bitten, als der gemeinsckaftliche Besuch in Behrungen ohnehin schon auf dem Festprogramm stand, und jetzt höchstens um 14 Tage früher vorgenommen werden mußte.
Leopold hätte die beiden Familien gern begleitet; seine Ungeduld, Valentine wieder zu sehen, ließ ihn jedoch nicht ruhen und er reiste noch an dem nämlichen Tage nach Behrungen weiter, um dort, wie er sagte, die Ankunft der anderen lieben Gäste zu melden.
So war er denn auch der erste, der auf dem alten Familiensitze in später Nacht noch eintraf. Fritz Golmann, durch die Baronin von seiner Ankunft unterrichtet, war ihm
bis zur nächsten Eisenbahnstation entgegengefahren und Frau von Hochberg erwartete ihn noch mit Valentine im Salon.
Das Wiedersehen brauchen wir nicht zu schildern: die Feder ist dazu machtlos; das Herz malt sich dergleichen besser aus und schneller, als sie es zu schreiben vermag.
„Valentine", sagte Leopold, auf das erglühte Mädchen zutretend und seine beiden Häade ergreifend, „ich habe mein Wort gelöst . . ."
„Und sie wird auch das ihre halten, Leopold", unterbrach Frau von Hochberg; „Graf Biela, Valentinens Vater, wird morgen hier erwartet, und ich zweifle nicht, daß er gern den Bund Eurer Herzen segnen wird. Bis dahin bleibt sie meine Tochter und ich hatte ja Eurer Liebe schon meiner Sanktion gegeben."
Statt jeder Antwort ließ Valenttne ihr Köpfchen an seine Brust finken. Es war die erste reine und ungetrübte Glücksstunde seit dem Beginn ihrer Liebe.
Als gegen Mittag des folgenden Tages die Ankunft des Wagens gemeldet ward, der Alfred und Helene brachte, ging man bis zum Partthor der Ankommenden entgegen; zuerst Valentine mit Frau von Hochberg am Arm und den kleinen Grafen Frist an der Hand, ziemlich weit hinter ihr folgte die Gräfin-Mutter, geführt durch den Baron. Fritz Golmann, von der Station aus zu Pferde dem Wagen das Geleit gebend, war diesem etwas vorausgeeilt.
Als nun auf ein Zeichen Golmanns der vierspännige Wagen dicht vor dem Parkthor plötzlich hielt und Valentine das verkörperte Ebenbild ihrer seligen Mutter, fich dem-