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Marburg, Sonnabend, 31. Juli 1886.

XXI. Jahrgang-

Erscheint täglich außer an Werktagen nach eonn- und Feiertagen. — Quartal» Lbomiemsnts-Dreis bei bet -kpedition 2*/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 $fg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebüdr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Ättlamen für die Zelle 25 Pfg.

(OlinljrlTildjr Jrituiig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Franlfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. n _ raiit'urt a. M , B^rl n, Ha nover u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.

ExpeditionMarkt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

Für die Monate August und September nehmen alle Postanstalten, unsere Agentur in Kirchhain und unsere Expedition Bestellungen aus die

Oberhessische Zeitung

nebst deren Beiblätter

entgegen.

Im Geschichtskalender werden auch die Gedenk­tage der Jahre 1870, 71 aufgeführt.

Abonnements - Preis für 2 Monate bei der Post (frei ins Haus) ..... Mk. 1,94.

Bei unserer Agentur in Kirchhain . „ 1,74.

Bei unserer Expedition ... „ 1,50.

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Ueber die Konkurrenz

der nordamerikanischen Viehzucht ist von der deutschen Landwirtschaft viel und nicht ohne Grund geklagt. Von Nordamerika aus sind die Preise schwer gedrückt worden. Alles Ding hat aber seine Zeit! Das landwirtschaftliche Departement der Vereinigten Staaten von Nordanierika in Washington hat kürzlich einen Bericht über die Verhältnisse der dortigen Viehzucht veröffentlicht, welcher in manchen Beziehungen den deutschen Landwirten große Beruhigung gewähren muß, da daraus hervorgeht, daß die amerikanische Konkurrenz im allgemeinen nicht in der Zunahme, bei Schafen sogar in der Abnahme begriffen ist. Bessere Zeiten, nach denen sich unsere Landleute so sehr sehnen, sind vielleicht näher, als sie denken und werden sich ganz von selbst einstellen. Der Viehbestand in den Vereinigten Staaten hat 1886 gegen 1885 trotz der starken Bevölke­rungszunahme nur mäßig zu-, bei Schafen sogar stark ab- genommen. Anßerdem wird in dem Bericht noch zuge­standen, daß die Vermehrung zum Teil nur auf genauere Zählung Zes Viehes zurückzuführen sei, namentlich ist das bei den Schweinen der Fall. Was die Schafe anbetrifft, so stellt der Bericht noch einen weiteren Rückgang in Aus­sicht, da in den östlichen Staaten bei gestiegenen Boden­preisen die Schafzucht entschieden unergiebig geworden ist. Fleisch und Wolle stehen augenblicklich zu billig. Im Staate Prnnsylvanien, der starke Schafzucht betrieb, sind im letzten Jahre die Herden nm 300 000 Stück vermin­dert worden. Zudem räumen wilde Hunde und Wölfe arg unter den Tieren auf. Der Staat Illinois hat bei einem Bestand von etwas über 800000 Schafen nach amtlichen Berichten jährlich durch Hunde 30000 Schafe verloren. Die meisten Schafe, je über 6 Millionen Stück, finden sich in Texas und Kalifornien, aber beide Staaten sind kaum in der Lage, den europäischen Markt zu beschicken Schweine­zucht hat in den östlichen Staaten sehr nachgelassen, weil Fleisch zu billig ist und Mästung daher nicht lohnt. Außerdem macht sich die Schweinecholera wieder sehr un­angenehm bemerkbar. Rindvieh hat sich etwas vermehrt, die Gesamtsumme gerechnet

Sämtliche Staaten der Union stimmen in ihren Klagen über den tiefen Stand der Preise für Fleisch, Milch, Käse, Butter und Wolle überein, und ebenso darin, daß eine erhebliche Zunahme der Viehzucht nicht möglich sei, weil sie sich nicht lohne. Im Staate Nervyork sind bereits 30000 Milchkühe abgeschafft, weil sie mehr kosten, als sie einbringen, und die großen Städte des Ostens beziehen einen Teil der von ihnen verbrauchten Butter-, Käse- und Fleischmengen aus dem Westen. Da der Preisfall ledig­lich eine Folge der den Bedarf übersteigenden Ueberpro- duktion ist, letztere aber jetzt aufgehört hat, so müssen auch die Fleischpreise sehr bald steigen. Hierin liegt das Tröst­liche für den europäischen Landmann. Die Preise können nicht tiefer sinken, weil schon bei den jetzigen die ameri­kanische Schaf- und Schweinezucht zurückgegangen ist, und die Rindermastung nicht mehr betrieben wird. Der loh­nendste Zweig in Nordamerika scheint die Pferde- und Manltierzucht zu sein, da der heimische Bedarf infolge der Zunabmc der Farmen und Ackerbaufläche beständig wächst. Nordamerika hat keine bedeutende Ausfuhr in diesem Ar­tikel gehabt; 2—4000 Pferde und ebensoviele Maultiere sind alles, was alljährlich verschifft wurde, und auch diese kamen nicht nach Europa, sondern nach Kanada, Kuba rc. Wir können daher mit Gleichmut die verhältnismäßig günstige Lage dieses Artikels ansehen, der dem deutschen Landwirt keine Konkurrenz macht. Interessant ist ein Ver­gleich der Viehbestände von Nordamerika und Deutschland. Nordamerika hat 31,2 Millionen Ochsen und Kälber, 14,2 Millionen Milchkühe, 12 Millionen Pferde, 2 Mill. Maultiere, 48,3 Millionen Schafe, 46 Mill. Schweine. Deutschland besitzt ungefähr 6,7 Mill. Ochsen und Kälber, 9 Millionen Milchkühe, 3,5 Millionen Pferde, ! 000 Maul­tiere, 19 Millionen Schafe und 9 Millionen Schweine bei einer der nordamerikanischen nahezu gleichkommenden Be­völkerung. Auf den Kopf fällt also in Amerika etwa viermal so viel Vieh, wie in Deutschlands Die daraus hervorgehende Ueberproduktion hat naturgemäß die Preise tief gedrückt; sie sind aber so tief gekommen, daß selbst drüben der Verdienst schwindet. Nun wird e6 also wieder aufwärts gehen!

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Juli. Der „Reichsanzeiger" meldet: Der Kaiser ernannte zu Mitgliedern der Ansiedelungs­kommission für Westpreußen und Posen den Oberpräsi­denten Graf Zedlitz-Trützschler (als Präsidenten), den Oberpräsidenten von Ernsthausen (als stellvertretenden Präsidenten); ferner zu Mitgliedern auf drei Jahre den Präsidenten der Generalkommission Beutner zu Bromberg, den Generallandschaftsdircktor Staudy zu Posen, sowie die Rittergutsbesitzer Kcnnemann auf Klinka, Müller auf Gurschno, Wehle auf Bulgowo, Kries auf Smarszewo und den Generallandschaftsdirektor v. Körber-Körberode zu Graudenz. — Von dem Kaiser ist der Wittwe des ver­

Geschichtskalender.

31. Jult.

1634. Starb der mit Recht allgemein geehrte Vizekanzler Hermann Vultejus zu Marburg.

1809. Der Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig- Oels erscheint mit ferner schwarzen Schaar vor Braun- ftfcmeia und schlägt den franz. General Rewbel.

Im Schatten des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung.)

„Herr Baron, ich bin bereits durch den hiesigen Polizei­direktor, bei dem ich eben war, von Ihrem Hiersein und dessen Zweck unterrichtet und hätte mich auch ohne Ihre Benachrichtigung sofort melden lassen. Ich wünsche von ganzem Herzen, daß sie das Räthscl lösen, bei dem mein Verstand in die Brüche gekommen ist."

„Nun, so hören Sie denn", begann der Baron: „Meine Tante, die Baronin Hochberg in M., hielt sich vor nicht ganz achtzehn Jahren unfern dieser Gegend auf einem ihr durch Erbschaft zugefallenen Gut auf; sie war Witwe ge­worden und verbrachte die ersten Jahre nach dem Tode ihres Mannes dort tn ländlich-stiller Zurückgezogenheit. Von der Königin, der sie noch heute Freundin und Vertraute ist, wiederholt dringend um Rückkehr an den Hof gebeten, entschloß sie sich endlich, nach M. zurückzukehren. Bis zur nächsten Eisenbahnstation fuhr sie in eigener Equipage.

Er teilte sodann dem Inspektor die dem Leser bekannte Auffindung des Kindes mit, das von seiner Taute später als Tochter adoptiert, jetzt seine Braut geworden sei.

Mit größter Spannung hatte der Inspektor den Worten gelauscht, er gab nun seinerseits als Ergänzung einen

detaillierten Bericht über den Raub Valevtinens, die Unter­schiebung des andern Kindes von Seiten Rodes, die Auf­findung der vermeintlichen Tochter des Grafen und die schließliche Entdeckung, daß Emilie nicht die Tochter des Grafen sei. Der Inspektor schloß seine Erzählung mit den Worten: „Nun, Herr Baron, ich denke, wir können uns jetzt gegenseitig gratulieren, denn wir haben Beide gefunden — zweifellos gefunden — Sie den Vater — ich das Kind."

Leopold drückte dem Inspektor die Hand. „Welches Glück", rief er, „daß ich Sie getroffen; — und das über­aus Merkwürdige bei der ganzen Sache ist, daß Valentine, meine Braut, sich in diesem Augenblicke mit ihrer Mutter, meiner Tante, auf dem Stammschloffe ihres Vaters in Behrungen befindet. Nun, mein bester Inspektor, ich über­lasse es Ihnen, den Grafen Biela von unserem Fund in Kenntnis zu setzen; ich selbst werde heute Abend noch an meine Tante nach Behrungen telegraphieren."

„Herr Baron," sagte der Inspektor, „auch ich werde mir erlauben, auf diesem Wege den Grafen Biela in W. von diesem glücklichen Ereignis zu benachrichtigen."

„Gewiß, lieber Marschall, thun Sie das unverzüglich!" entgegnete Leopold. „Morgen reisen wir dann zusammen nach B., da die Zeit für heute schon zu weit vorgerückt ist."

Trotzdem saßen der Baron und Marschall, nachdem die Depeschen aufgegeben waren, im heitersten! Gespräch bei­sammen, und mehrmals mußte der Wirt frische silberbehelmte Flaschen herbeitragen; waren doch Beide in bester Laune, da sie beide ihr Ziel erreicht hatten.

* *

Im Botschafts - Palais zu* W. herrschte an einem Mai- abende reges Leben. Diener liefen hin und her mit ge­packten Koffern, die sie nach dem Hausflur brachten, eine

storbenen Gouverneurs von Berlin, General von Wrllisen, das nachfolgende herzliche Beileids-Telegramm, datiert Bad Gastein am 27. Juli, zugegangen: „Die Nachricht des Ablebens Ihres von mir so hochgeschätzten Gemahls, des Gouverneurs meiner Residenz, ist mir heute zugegangen. Es geht mit Ihm ein ruhmreicher General in Krieg und Frieden zu Grabe, dessen Name in der Geschichte glänzt. Wenn der Tod seinem langen Leiden ein Ende gemacht hat, so ist Ihre gerechte Trauer nur zu natürlich. Durch das Bewußtsein Ihrer treuen Pflege und dieselbe bis zum letzten Augenblicke gethan zu haben, wird der Himmel Ihnen Lohn und Trost gewähren, wie alles, was Gott über uns verhängt. Mit innigster und wärmster Teil­nahme, gnädige Frau, Ihr mitfühlender König Wilhelm." — Am Sonntag Abend gedenkt der Kronprinz, begleitet von seinen beiden persönlichen Adjutanten, Major v. Kessel und Major Graf Schlieffen, sich von hier nach Heidelberg zu begeben. Nach seiner Rückkehr von Heidelberg wird sich der Kronprinz mit seiner Familie auf drei Wochen nach der Insel Sylt begeben. — Der Kultusminister Dr. von Goßler wird sich ebenfalls auf eine offizielle Einladung des Jubiläums-Festkomitees zu den Festlichkeiten nach Heidelberg begeben. Als Heidelberger Student hat der Minister dem Korps der Saioborussen angehört. — Die „Berl. Pol. Nachr." versichern heute nochmals, daß die norddeutschen und süddeutschen Minister einig seien in ihrem Bedauern über die Ablehnung der bisherigen Branutwein- steuervorlage, aber auch einig in der Ueberzeugung von der Nutzlosigkeit einer neuen Vorlage, so lange nicht die Wähler die Notwendigkeit einer anderweiten Besteuerung des Brannt­weins erkannt und dementsprechend bei den Wahlen gestimmt haben. — Die deutschen Subventionspostdampfer sind, wie die„Nordd. Allg.Ztg." mitteilt, schon bei den ersten Fahrten auch von fremden Postverwaltungen zur Versendung von Briefsäckeu in erheblichem Umfange benutzt worden. Neuerdings hat auch die japanische Postverwaltung die nötigen Maßnahmen getroffen, um mittels der deutschen Postdampfer Briefsäcke aus Yokohama, Kobe und Nagasake nach verschiedenen Ländern des Weltpostvereins regelmäßig befördern zu lassen. — Prinz Georg von Sachsen ist mit seinen beiden jüngeren Söhnen und seinen Töchtern Prinzessinnen Mathilde und Maria Josepha in Berlin eingetroffen und besuchte u. a die Jubiläums-Kunstausstellung. — Der bisherige Oberpräsident v. Günther hat sich von dem Stadtverordneten-Kollegium zu Posen verabschiedet. — Der neue Regierungspäsident zu Oppeln, Graf Baudissin, soll am 7. k. M. durch den Oberpräsidenten von Seydewitz in sein Amt eingeführt werden. — Kürzlich bereiste der Kronprinz von Italien auch Baden. Seinem Wunsche, nirgends amtlich empfangen und begrüßt zu werden, wurde allenthalben nachgekommen. — Der französische Botschafter in London, Waddington, hat, wie der „Kreuzztg," aus Paris depeschiert wird, den ihm von Herrn v. Freycinet angebotenen Berliner Botschafterposten endgiltig abgelehnt.

außergewöhnliche Zahl von Telegrammen war im Laufe des Tages von dem Botschafter empfangen und abgesandt worden; unten im Flur stand die Equipage der Herrschaft waitend und Beamte der Kanzlei liefen in den Korridoren auf und ab. Was hatte diese außergewöhnliche Regsamkeit zu bedeuten?

Als nämlich am Morgen der Botschafter Graf Alfred Biela mit der Gräfin Helene gerade beim Frühstück behaglich plaudernd saß, war plötzlich vom Inspektor Marschall die überraschende telegraphische Kunde eingetroffen, daß endlich des Grafen Tochter gefunden sei und auf dessen Stamm­schloß in Behrungen als Valentine v. Hochberg, Adoptiv­tochter der Baronin v. Hochberg, weile. Kaum hatte sich Graf Alfred und Helene von dieser unerwartenden Freude erholt, als noch zur Bestätigung die Telegramme von Valen­tine und der alten Gräfin Biela ans Behrungen anlangten.

Das war der Grund zur Aufregung, welche das gesamte Biela'sche Hauspersonal in Bewegung fetzte.

Endlich war alles zur Abreife bereit; der Graf erteilte seinem Vertreter, dem ältesten Botschaftsrat, die letzten In­struktionen und folgte dann seiner Gemahlin in den Wagen, der sie rasch dem Bahnhof zuführte.

Die Gefühle Alfreds nach diesen übereinstimmenden, jeden Zweifel ausschließenden Nachrichten lassen sich denken. So batte er denn nun endlich sein Kind wieder. Er konnte die Zeit nicht erwarten, seine Tochter ans Herz zu drücken. Viel zu langsam ging der Kurierzug; er hätte ihm eine telegraphische Schnelligkeit gewünscht. Helene teilte ans vollem Herzen die Freude ihres Gemahls; waren doch seine Freuden und seine Schmerzen im vollsten Maße auch die ihrigen.

(Fortsetzung folgt.)