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Mavburg, Freitag, 30. Juli 1886.
HI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sanutagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktton, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Die wahren Vertreter des arbeitenden Volkes haben sich die sozialdemokratischen Abgeordneten im deutschen Reichstage bei jeder Gelegenheit genannt, mochte dagegen protestiert werden, so viel da wollte. Sie blieben bei ihren Behauptungen, indem sie es an Reden nicht fehlen ließen, die sich eigentümlich zu ihrer praktischen Thätigkeit ausnahmen. Die wahren Vertreter des arbeitenden Volkes ließen es gerade im Reichstage an praktischer Arbeitsamkeit fehlen und bekannt ist ja, daß in den Reichstagskommissionen, wo weniger geredet, aber um so mehr gearbeitet werden muß, die Herren Sozialdemokraten es häufig vorzogen, durch ihre Abwesenheit zu glänzen. Trotz alledem blieben sie, vermöge der Eigenschaft des „Großen Mun es", bei ihren kühnen Ausführungen, erweiterten sie sogar dahin, daß die Arbeiter nur in der Sozialdemokratie ihr Heil und ihre Zukunft erblickten. Die Arbeiter sind in der großen Mehrzahl einfache Menschen; solche bombastischen Reden sollen sie erst recht perplex machen und Gehorsam gegen die sozialdemokratischen Agitationen, und für eine Zeit lang mag ja auch wohl das angehen. Kommt aber die Zeit der Not, dann pfeift der Wind ans einer anderen Ecke, der stolze Mut wird schwach, man erkennt den wahren Wert der agitatorischen Reden. Besonders infolge des Streikes haben es sich manche Arbeiter, die mit dem großen Strom schwimmen zu müssen glaubten, blutsauer werden lassen müssen, um ihre durch den Streik ruinierte Wirtschaft nur einigermaßen wieder in Stand zu bringen. Und haben sie dann mit klarem Blick die Resultate der Arbeitseinstellung abgewogen, dann hat es auch aus manchem Munde geheißen: „Einmal und nicht wieder!"
Worin beruht die Macht der Sozialdemokratie? Nicht in den erfahrenen Arbeitern, sondern in jungen Leuten. Ein praktischer Arbeiter, der sich den Wind um die Nase hat wehen lassen, der pfeift auf die sozialistische Herrlichkeit, er weiß -ganz genau, wo Barthel den Most holt.
Aber die junge und jüngere Arbeiterwelt, besonders in den Großstädten! Da kommt ein junger, unreifer Bursche von vierzehn oder fünfzehn Jahren in ie Lehre; er will nach den Schuljahren „forsch" leben und überall mitsprechen können. Gesellen oder Gehilfen sind eifrig bei der großen sozialen Tagesfrage in den Mußestunden, und da schnappt der junge Mensch dann mit der Zeit manches Wort auf, dessen wahre Bedeutung er nur halb oder gar nicht versteht. Es muß anders werden! Das Wort gefällt auch ihm. Daß es bei Fleiß und tüchtiger Arbeit seinerseits auch recht wohl anders werden kann, ja, daran denkt er nicht, er rechnet sich auch schon zu den „unterdrückten Männern von der schwieligen Faust!" Eine gedeihliche Lektion würde dem jungen Menschen die Raupen bald aus dem Kopf treiben, aber wer achtet groß auf die Redereien eines nur halb erwachsenen Burschen? Mittlerweile vergeht die Lehrzeit und beim Eintritt in das Gesellen- oder Gehilfen-Leben finden sich auch schnell gute Freunde, die dem neuen Kollegen den unklaren Kopf mit Phrasen erst recht verdrehen Einige Zeit noch — und der Rekrut der Sozialdemokratie ist gewonnen. Es geht weiter und weiter, bis endlich die „große Sache" einen neuen Anhänger zählt, der freilich oft genug auch nicht ein Fünkchen von Erfahrung über das besitzt, wofür er spricht.
Das ist die Art und Weise, wie sich die Sozialdemokratie rekrutiert; deshalb ist es erklärlich, warum die Sozialdemokraten in der letzten Reichstagssession eine Herabsetzung des Alters für daö Wahlrecht forderten. Es ist aber doch ganz selbstverständlich, daß erst dann ein Staatsbürger über Staatsangelegenheiten durch seine Wahl ein Urteil abgeben kann, roenn er gelernt hat, sich selbst eine Existenz als Arbeitgeber ober Arbeitnehmer zu schaffen. Wer selbst noch nichts versteht, soll sich auch nicht anmaßen, über ihm viel ferner liegende Dinge zu sprechen. Es ist schwer, sehr schwer, dem Einfluß der Loizaldemo- kra!ie auf die jungen Köpfe entgegenzuarbeiten, um so mehr müßte es aber jeder thun, der die Erziehung junger Leute unter sich hat. Ein gutes Wort zur rechten Zeit thut Wunder!
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Juli. Kaiser Wilhelm nahm Mittwoch früh in Wildbad Gastein ein Bad; die Morgenpromenade und die Spazierfahrt mußten Iiegenwetters halber ausfallen. Zum Diner tourcen verschiedene Persönlichkeiten mit Einladungen beehrt. Die Indisposition des Kaisers ist vollständig gehoben. — Aus Kissingen langte in Gastein ein Schreiben an, ans dessen Inhalt hervorgeht, daß der Reichskanzler Fürst Bismarck mit seiner Familie nunmehr definitiv zwischen dem 3. und 5. August daselbst einzutreffen gedenkt. Für diesen Fall wurde bereits mit der Zurüstung der Gemächer im Schwcizerhause, welches die Mitglieder
der fürstlich Bismarckschen Familie bewohnen werden, begonnen. Mit Bestimmtheit verlautet, daß Fürst Bismarck von Gastein nach München gehen wird, um dem Prinz- Regenten Luitpold seine Aufwartung zu machen Einer Einladung des preußischen Gesandten, Grafen Werthern, folgend, wird der Reichskanzler in dessen Palais absteigen. Heber die Dauer seines Münchener Aufenthaltes sind noch keine Bestimmungen getroffen worden. — Die preußische Regierung hat angeordnet, daß gegen Zigeunertrupps, welche sich lästig zeigen, mit aller Energie vorgegangen werde,: soll. — Aus Paris wird gemeldet, daß der Botschafter Graf Münster im Hinblick auf die ziemlich kühlen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich in diesem Jahre einen längeren Urlaub nehmen werde. — Dem „Pos. Tgbl." zufolge wird Graf Zedlitz-Trützschler bald nach dem 1. August seine Amtsthätigkeit als Oberpräsident der Provinz Posen antreten und zugleich auch den Zusammentritt der Landansiedlungskommission bewirken. — Die Beisetzung des verstorbenen Gouverneurs von Berlin, Generals von Willisen, hat Mittwoch nachmittag auf dem Jnvalidenkirchhof daselbst ftattgefunben. — Der Gesandte Chinas in London Marquis Tseng wird, dem Vernehmen nach, morgen im Laufe des Tages aus Kissingen, wohin er sich zum Besuche des Reichskanzlers Fürsten v. Bismarck von London aus begeben hatte, in Berlin eintreffen, einige Tage hier verweilen und hierauf nach Petersburg Weiterreisen. — Dr. Schwarz, der in amtlichem Auftrage im Herbste v. I. eine Reise in das Hinterland von Kamerun unternahm, hat, wie offiziös gemeldet wird, trotz der kurzen Dauer seiner Reise mit mehreren Häuptlingen Verträge abgeschlossen, nach welchen sich diese Häuptlinge mit ihrem Gebiete der Oberhoheit des deutschen Kaisers unterwerfen. Damit sei so ziemlich der ganze Ostabhang des Kamerun- Gebirges unter deutschen Schutz gestellt. Man verspricht sich von dort große Ausbeute an Kautschuk. Die Fortsetzung der Reise des Dr. Schwarz sei durch die spionierenden Boten des Großhändlers King Bell vereitelt, die sich im Bafamarilande mit den Kalabarhändlern verbunden und der Erpedition an dem Punkte den Weg verlegt hätten, wo man hoffen konnte, das Hinterland des Kamerun- gebirges offen zu legen. Die schwache Expedition hätte daher umkehren und auf dem nahen Munzofluß nach Kamerun zurückfahren müssen. — Von der französischen Grenze wird wiederholt gemeldet, daß rücksichtslos alle deutschen Waren bei der Einfuhr nach Frankreich mit Beschlag belegt werden, wenn sie einen französischen Stempel tragen, es genügt dazu schon der einfache Stempel „Nouveautos de Paris" oder „Modes Parisiennes." — Bei Spandau fand Dienstag nachmit'tag ein Festungs- manöver statt, welchem der deutsche Kronprinz beiwohnte. — Der siebzigste Geburtstag Professor Rudolf Kneists ist am Dienstag abend von der Berliner Studentenschaft
Geschichtskalender.
30. Juli.
1232. Wurde der bekannte Beichtvater der heiligen Elisabeth, Konrad von Marburg, welcher sich durch Ketzerversolgung bet dem hohen und niebein Adel der Umgegend verhaßt gemacht hatte, durch den Ritter von Dernbach bei Kappel in der Nähe von Marburg erntet!et.
1830. Louis Philippe, der Herzog von Orleans, erscheint, von dem Banqnier Soffitte eingeladen, und erklärt sich bereit, die provisorische Regierung Frankreichs zu übernehmen.
Im Schatten des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
„Hat jener Herr Ihnen gesagt, ob er das Kind suche oder die Eltern?"
„Das Kind.«
„Kennen Sie seinen Namen?"
„Warten Sie, Herr Baron — er heißt — Marschall, Polizei Inspektor Marschall."
„Ist Ihnen vielleicht bekannt geworden, ob er privatim, ober in behördlichem Auftrage reist?"
„Wenn ich mich recht erinnere, in privatem."
„Ich bin Ihnen für diese Nachricht unendlich verbunden, weil ich die Eltern jenes Kindes suche und glaube, daß jener Mann von den Eltern ausgeschickt ist. Nach Bärfelde, faßten Sie? Wo liegt das und wie weit entfernt von hier?"
„Etwa acht Meilen, doch ohne Eisenbahnverbindung, wenigstens ohne direkte. Sie kommen mit Extrapost schneller dahin, als wenn Sie den Umweg mit der Bahn machen."
„Ist Ihnen bekannt, was den Mann gerade dahin führt?" „Ja. Er sagte mir, das Kind, welches et suche, fei dort geboren. Seine Eltern, in einer der Familie geheim
gehaltenen Ehe dort wohnend, seien durch Raub um ihr Kind gekommen. Der Räuber hake dasselbe in dieser Gegend verloren und bann ein anderes Kind untergeschoben, das er später dem Vater — die Mutter sei kurz nach der Geburt gestorben — gegen eine ansehnliche Belohnung aus- geliefert habe."
„Nannte er Ihnen den Namen des Vaters?"
„Nein; doch er muß nach den beiläufigen Aeußerungen des Beamten ein angesehener Mann fein, der sich augenblicklich in B. befindet, jedoch bald nach W. übersiedeln wird, roenn er nicht schon dort ist."
„Und glauben Sie, daß io, diesen Inspektor Marschall in Bärfelde finden werde?"
„Ich glaube das versichern zu können, denn er war im Begriff, mit der Post dahin abzureisen, als ich ihn in Blankenstein vorgestern sah. Er war übrigens ziemlich mutlos und schien wenig Hoffnung mehr auf Erfolg zu haben."
* *
*
In der Frühe des nächsten Morgens verließ der Baron das Gut zu Pferde und ritt nach seiner Wohnung zurück, die er sich in einer Mittelstadt gemietet hatte. Hier ließ er alsbald Extrapost bestellen und reifte kurz daraus mit seinem Bedienten ab.
In Bärstlde eingetroffen, begab er sich sofort nach der Polizeidirektion. Nachdem er den Polizeidirektor über seine Person aufgeklärt und sich gehörig legitimiert hatte, teilte er dem Beamten den Zweck, seiner Reise mit und sagte ihm, daß ein Polizeibeamter ckus B., wie er mit Sicherheit erfahren, vor ihm nach Bärfelde gereift fei, er glaube auch, daß ihre Ziele die gleichen seien, um so mehr, als jener das Kind, und er die Eltern suche; er fragte dann den Polizeidiener, ob ein Inspektor Marschall von der Polizei zu B. sich ihm bereits vorgestellt habe.
„Ich kann Ihnen die gewünschte Auskunft geben," ent
gegnete der Beamte. „Der Inspektor Marschall ist fett gestern hier und logiert im „Hotel zum Freihvf," wo Sie ihn, wenn nicht früher, doch heute Abend trtffen werden."
„Ich werde mich nach demselben Hotel fahren lassen." „Mir ist außerdem die Angelegenheit nicht fremd, denn sie hat mir vor 17 Jahren oder so — ich war noch ganz neu auf meinem hiesigen Posten — manche schlaflose Nacht verursacht. Hier hatte der Raub stattgefunden und bis zu einem gewissen Punkte war es uns auch möglich geworden, die Spur der Räuber zu verfolgen. Dann aber war diese so total verloren, daß jedes weitere Recherchieren nutzlos blieb, obgleich der Vater des Kindes, ein Graf Biela, weder Mühe noch Kosten scheute und die gewiegt sten Beamten der Geheimpolizei aus der Residenz ohne Unterlaß thätig waren."
Baron Leopold dankte dem Polizeidirektor und fuhr dann nach dem „Freihos". Dort erfuhr er, daß Inspektor Marschall ausgegang n sei, jedoch bald zurückkehren werde. Der Baron ersuchte den Hotelbesitzer, den Inspektor, sobald derselbe zurückkommen werde, zu ihm zu führen.
Leopold hatte sich Zeitungen bringen lassen und rauchte behaglich auf dem Sopha ausgestreckt, eine Zigarre, als Jnspettor Marschall gemeldet ward.
Nachdem der Baron den Jnspecktor mit einigen freundlichen Worten bewillkommnet und seiner Freude Ausdruck gegeben, mit ihm endlich einmal zusammengetroffen zu sein, fuhr er fort:
„Unsere Interessen, bester Herr Inspektor, sind solidarisch; ich gebe Ihnen mein Wort darauf: das Kind, welches Sie suchen, ist — ich zweifle nicht mehr daran — meine Braut und will nicht eher meine Frau werden, bis sie weiß, wer ihre Eltern sind. Doch von Geschäften später! — Jetzt lesen Sie dieses hier (er reichte ihm den Empfehlungsbrief), dann, so Gott will, fahren wir morgen zusammen nach B."
(Fortsetzung folgt.)