Rr. 175.
Marburg, Donnerstag, 29. Juli 1886.
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. -
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Humor in der Weltgeschichte.
Die ernste Weltgeschichte liebt mitunter auch ein lustiges Stücklein, sie sorgt dafür, daß der spärlich gewordene Humor wenigstens nicht ganz ausgeht. Und ein solches humorvolles Ereignis hat die letzte Woche gebracht. Als aus Paris gemeldet wurde, die französische Deputiertenkammer habe vor Schluß ihrer Session den ihr zur Genehmigung unterbreiteten Schiffahrtsvertrag zwischen Frankreich und Italien abgelehnt, da wurde der Nachricht, die für Deutschland nur geringes oder gar teilt Interesse bot, wenig Beachtung geschenkt. Seitdem hat sich aber die Sache sehr geändert, und aus dem leisen Lüftchen der Vertragsablehnung ist in Italien ein ganz gehöriger Sturm entstanden. Es ist richtig, daß die Verwerfung des Vertrages für Italien manche Nachteile im Gefolge hat, aber dieselben sind doch kaum so gewaltig, daß daraus ein völliger Bruch der französisch - italienischen Freundschaft hervorzugehen brauchte. Bekanntlich haben nämlich noch immer viele Italiener trotz der Annäherung ihrer Regierung an Deutschland und Oesterreich für Frankreich geschwärmt, wie denn auch ein großer Teil der französischen Revanchemänner darauf rechnete, die Italiener würden ihnen im nächsten Kriege mit Deutschland zur Seite stehen. Diese franzosenfreundlichen Italiener haben denn auch in ihren Blättern nach allen Kräften getobt, als es kürzlich gerüchtweise hieß, die Beziehungen zwischen Italien und den Zweikaisermächten sollten jetzt aufs neue für die Zukunft geregelt werden. Sie protestierten heftig gegen einen neuen Vertrag oder wollten für den Abschluß desselben Bedingungen aufstellen, als seien Deutschland und Oesterreich in das schöne Italien bis über die Ohren verliebt. Man prahlte mit der wahren Herzensneigung Frankreichs zu Italien und beteuerte hochheilig, Italien könne nur im innigen Zusammengehen mit Frankreich glücklich werden.
Frau Historia hat alle diese Deklamationen und Schwa- dronaden vernommen, und da hat sie den sonst so ernsten Mund zum Lachen verzogen. Es kam, gerade mitten in die extravagantesten Auseinandersetzungen, die Nachricht von der Ablehnung des Schiffahrtsvertrages in Paris. Und nun ist es geradezu ergötzlich, genau dieselben Organe
Italiens, welche eben noch gegen die Erneuerung des Allianzvertrages mit den Kaisermächten deklamierten oder dieselbe von Bedingungen abhängig niachen wollten, welche geradezu anmaßend, wenn sie nicht allzu lächerlich gewesen wären, dieselben Organe, welche den Anschluß an Frankreich befürworteten — nun mit einem Male gegen den republikanischen Nachbar Front machen zu sehen und erklären zu hören, daß zwischen Italien und Frankreich nicht nur jede Freundschaft, sondern jedes ruhige Nebeneinanderleben sogar unmöglich sei, und alles das nur eben wegen des Schiffahrtsvertrages. Die französischen Blätter haben ihre lieben, guten italienischen Nachbaren mit freundlichen Worten und höflichen Entschuldigungen, wie, die Sache sei ja gar nicht so wichtig, beruhigen wollen, aber alles umsonst. Die italienischen Zeitungen toben ununterbrochen gegen Frankreich und erklären rundweg, daß es mit der Freundschaft zwischen beiden Ländern nun radikal aus ist, daß dieser Zwischenfall eine noch viel größere Beleidigung Italiens bedeute, als die frühere Annexion von Tunis. Am angenehmsten kommt dieser humorvolle Zank, der auf einmal die italienischen Parteien geeinigt, für die Regierung in Rom. Die kann jetzt ruhig mit Deutschland und Oesterreich weiterunterhandeln, niemand - stört sie mehr bei diesem Beginnen.
Der Vertrag zwischen Deutschland, Oesterreich und Italien ist kurz die Triple-Allianz genannt worden. Der Ausdruck Allianz-Bündnis ist eigentlich nicht zutreffend, da Italien mehrfach seine eigenen Wege in der Auswärtigen Politik gegangen ist, die freilich alles Andere ihm eingebracht haben, nur keinen Ruhm. Es handelt sich wohl nur um gewisse Vereinbarungeu zur Sicherung des Friedens, deren Bedeutung freilich in keiner Weise unterschätzt werden soll, da sie int Hinblicke auf Frankreich von großer Wichtigkeit sind, denn allein werden die Franzosen es nicht so bald wagen, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Die glückliche Verlängerung der bestehenden Beziehungen mit Italien ist also auch für uns zum mindesten von großem Interesse. Wie weiter oben gesagt, soll diese Verlängerung zur Zeit in Frage stehen und bei den Partei- Verhältnissen in Italien hätte ein lebhaftes Geschrei gegen dieselbe immerhin Schwierigkeiten Hervorrufen können, denn die Italiener sind durch ihr Glück zu sehr verwöhnt und deshalb übermütig geworden. Deshalb ist der komische Zwischenfall in Paris gerade zur rechten Zeit gekommen; die jetzigen feindlichen Brüder werden sich schließlich zwar wieder aussöhnen, aber dann wird auch die Triple-Allianz erneuert fein und das ist das schönste Stücklein Humor bei der ganze Sache.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Juli. Tie Kaiserin hat der Witwe des verstorbenen Generals von Willisen in Berlin sofort nach Empfang der Todesnachricht in warmen Worten ihr tief- tiejgesühltes Beileid aussprechen lassen. Der Kronprinz wird im Auftrage seines kaiserlichen Vaters der heute, Mittwoch, stattfindenden Trauerfeier beiwohnen. — Ein
offiziöses Berliner Telegramm der „Kölnischen Zeitung" bezeichnet die Nachrichten über bevorstehende wichtige Umwandlungen im diplomatischen Personal als Unwahrheiten. Keine jener Veränderungen, welche den Grafen Münster, den Grafen Hatzfeld und den Grafen Bismarck betreffen sollen, sei auch nur entfernt in Aussicht genommen. — Man versichert, daß der abermalige Auf- schub der Reise des Ministers v. Giers ins Ausland durch Gründe veranlaßt fei, die mit der Politik schlechterdings nichts zu thun haben und nur persönlicher Natur sind. Eine Zusammenkunft in Kissingen erscheint jetzt durch den Aufschub unwahrscheinlich. — Es fällt der „Nat.-Ztg." zufolge in Berlin auf, daß Baron de (Sourcet auf den besonderen Wunsch des Ministerpiäsidenten Freycinet schon am 29. d. M. dorthin zurückkehren wird, also zu einer Zeit, wo alle leitenden und maßgebenden Persönlichkeiten fern von Berlin weilen und im politischen Leben der Neichshauptstadt die übliche Sommerruhe herrscht. Dian nimmt an, daß auf französischer Seite das Bedürfnis vorliegt, wegen einzelner Fragen mit dem Auswärtigen Amt in Berlin eine unmittelbare Fühlung zu gewinnen und führt in dieser Beziehung hauptsächlich den Streit zwischen Frankreich und die Kongoregierung in Brüssel an. — An den höheren Bürgerschulen fällt der Zeitpunkt der Erreichbarkeit des Zeugnisses für den einjährig-freiwilligen Militärdienst mit dem Abschlüsse des Lehrknrses der Schule selbst zusammen und wird die Befähigung für den einjährigen Dienst durch das Bestehen der Abgangsprüfung erwiesen. An den anderen höheren Schulen mit mehr als sechsjährigem Kursus wird die Berechtigung zum einjährigen Dienst nach Absolvierung des sechsten Jahreskursus ohne besondere Abgangsprüfung erworben. Es genügt das Zeugnis des Lehrerkollegiums, daß der Schüler reif zur Versetzung in den siebenten Jahreskursus (Obersekunda) sei. Die unbedingte Einhaltung der an das erfolgreiche Absolvieren des sechsten Jahreskursus zu stellenden Forderungen bei Ausstellung der Frei- willigen-Zeugnisse ist noch durch besondere Anordnungen des Kultusministeriums sicher gestellt. In betreff der Lehranstalten von neunjährigem Lehrkursus (Gymnasien, Realgymnasien, Ober-Realschulen) bilden die bloßen Schulzeugnisse der Reife zur Versetzung nach Obersekunda hinreichende Gewähr für das Vorhandensein des erforderlichen Bildungsgrades, da an diesen Anstalten die durch staatliche Aufsicht gesicherten Abgangsprüfungen regelmäßig statthaben. Dagegen finden sich, wie aus den hierüber eingeforderten Nachweisungen ersichtlich geworden ist, unter den höheren Schulen von siebenjährigem Lehrkursus manche, bei denen unter äußerst schwacher Vertretung des siebenten (obersten) Jahreskursus Abgangsprüfuiigen an einigen überhaupt noch nicht, an anderen mehrere Jahre nach einander nicht stattgefunden haben. Bei einer derartigen Sachlage wird die vorher bezeichnete, in der regelmäßigen Abhaltung der Abgangsprüfungen liegende Garantie für die Einhaltung der Lehrziele in Frage gestellt und die Lehranstalten von siebenjährigem Kursus treten dadurch den schulen von sechsjährigem Kursus nahe. Mit Rück-
Geschichtskaleuder.
29. Juli.
1693. Der französische Feldmarschall von Luxemburg besiegt die Holländer bei Neerwinden._________________________
Im Schatten ves Lebens.
Roman von V. Felsberg.
(Fortsetzung.)
Während ihre Blicke stumm und erwartungsvoll an der Gräfin hingen und Valenttne sich die stürmische Zärtlichkeit der allen Dame und die Szene mit dem Medaillon vergebens zu erklären vermochte, war man am Schloßportal angelangt und betrat jetzt, von Golmann geführt, den zu ebener Erde gelegenen Speisesaal.
„Valentine!^ rief Frau v. Hochberg, deren Blick zufällig sofort aus Emiliens Bild gegenüber der Eingangsthür gefallen war.
„Nein Emilie!- sagte Gräfin Biela, indem Thränen ihre Stimme fast erstickten; „die Mutter Valeutineus! — Und hier,' fügte sie hinzu, indem sie die geheime Feder des Medaillons öffnete, dasselbe Bildl*
„Komm an mein Herz, meine Enkelin!* rief sie dann laut weinend; „und so lange vergeblich Gesuchte, Tochter meines Sohnes und Nichte dieses hier, des Bruders Deiner seligen Mutter!*
Wir überlassen es dem Leser, sich die nun folgende Szene vorzustellen: wie Valentine erfuhr, daß Fritz ihr Bruder, Fritz Golmann ihr Onkel fei; wie die alte Gräfin sie herzte und küßte, wie sie Fritz auf die Arme nahm und ihr Brüderchen liebkoste, wie Golmann sie nnter Thränen »mfaßt hielt und sie sich bann nicht vom Auschanen des Bildes ihrer verklärten Mutter trennen konnte; wie endlich
Frau v. Hochberg unter Freuden- und Wehmutsthänen die Verlorene und Wiedergesundene an ihr Herz drückte!
Man ward durch den Eintritt eines Dieners gestört, der eine Depesche an Fran v. Hochberg brachte. Sie war von Baron Leopold gesandt und enthielt nur in wenigen Worten die Nachricht, daß Valentine eine geborene Gräfin Biela, die Tochter Alfreds fei; daneben versprach der Baron sein baldiges Eintreffen. Diese Nachricht verscheuchte den letzten Zweifel über die Abstammung Valentincns. Die alte Gräfin Biela und ihre wunderbar wiedergesundene Enkelin teilten nun sofort dem Grafen Biela in W. diese frohe Kunde telegraphisch mit, indem sie zugleich die sehnsüchtigsten Wünsche aussprachen, den Sohn und Vater bald umarmen zu können.
Baron Hartenstein hielt sich schon fett mehreren Monaten in der Gegend auf, die ihm seine Tante als diejenige bezeichnet hatte, in welcher sie vor zirca 18 Jahren ihre Adoptivtochter gefunden hatte. Im Anfang hatte er die Gegend planlos stürmisch durchstreift, überall fragend und Erkundigungen einziehend, doch er kam bald zu der Ueber- zeuguny, daß er in dieser Weise wenig, wahrscheinlich nichts ausrichten würde. Er gönnte sich einige Tage der wohlverdienten Ruhe und begann währenddem sich einen andern Feldzugsplan zu entwerfen. Er ließ sich in die ihm ebenbürtigen Kreise einführen und war vermöge seines Ranges und seiner großen Liebenswüidigkett bald ein gern gesehener und gesuchter Gast. Er machte dabei durchaus kein Hehl ans dem eigentlichen Grunde seiner Anwesenheit in jener, feinem engeren Vaterlande so fern liegenden Gegend Deutsch - lands und war unter der Hand unablässig bemüht, feinen Zweck zu erreichen. Doch all' fein Forschen war bis dahin ohne Erfolg geblieben.
Eines Tages, kurz vor Schluß der Jagd, war er von einem Rittergutsbesitzer zum Trcibjageu eingelaben, nach dessen Beendigung mit jenem nach seinem Rittergute geritten, um dort, weil er eine zu weite Tour nach Hause hatte, zu Übernachten. Nach dem Souper saßen die anwesenden Herren noch lange beim Wein und der Zigarre. Man sprach über Politik, Pferde, Hunde und dergleichen mehr. Hartenstein hatte mit einem der Herren, einem Fabrikanten aus der Gegend, eine Zeit lang zwanglos geplaudert und war dabei — sein Ziel stets vor Augen — auch auf das Thema gekommen, welches ihn vor allen Dingen interessierte.
„Kennen Sie die Gegend hier herum genau?- fragte er nun den Industriellen.
„Wie meine Tasche, Herr Baron!*
„Und wohnen auch schon lange hier?*
„Ich bin hier geboren und jetzt 47 Jahre alt*
„Ist Ihnen erinnerlich, daß vor etwa 17 bis 18 Jahren in hiesiger Gegend ein nur wenige Monate alles Kind — ein Mädchen — im Walde verschwand?*
„Hm! — erinnerlich ist wir davon gar nichts; aber eigentümlich ist es doch, daß Sie der Zweite sind, der mir fett Kurzem — feit etwa vierzehn Tagen — diese Frage vorgelegt.*
.Und wer fragte Sie außer mir darnach?*
Ein Herr aus B., ein höherer Polizeibeamter, der schon seit einiger Zeit ab- und zugehend, hier in der Gegend war. Erst vorgestern begegnete ich ihm wieder.*
„Und wo ist dieser Herr zn finden?*
„Er sagte mir vorgestern, daß er nach Bärfelde abreifen wolle, um dort feine Nachforschungen mit Hülfe der dortigen Behörden neu zu beginnen.* (Fortsetzung folgt.)