Ne. 174.
Marburg, Mittwoch, 28. Juli 1886.
XXI. Jahrgang.
«»scheint tLglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» LLonnements-Vreis dei der Expedition 21/« Mk., bei den Postämter 2 Ml. 50 Bfä- (erd. Bestellgeld). Jnsert'urnSqebüdr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Rdiaaten für die Zeile 25 Pfz.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
” ™ Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang Koch.
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Die Ausbildung des Kaufmanns.
Alle Urteile, die im Auslande über die Lage der deutschen Industrie gefällt werden, und die fast ohne Ausnahme die im Vergleich zu andern Ländern günstigere Situation der deutschen Industrie und des Handels anerkennen, suchen den Grund für diese Thatsache fast ebenso ausnahmslos in der Intelligenz und Rührigkeit des deutschen Industriellen und Kaufmannes. So finden wir neuerdings in der „St. James Gazette" folgende Ausführungen. „Der britische Unternehmungsgeist ist schwerfällig. Der britische Kaufmann verläßt sich zu sehr auf seine Handelskammer und seine Kenntnis der Nationalökonomie, während die praktische Energie seiner Nachbarn ihn aus den Märkten treibt. In Deutschland beispielsweise fehlt es auch nicht an Handelswissenschaft, aber es ist dort wenigstens ebenso viel, was man, ohne jemanden zu nahe zu treten, brutale Energie nennen könnte, vorhanden, und jeder Tag beweist, daß der deutsche Geschäftsmann seine reichliche Belohnung dafür erntet. Fast alle Zweige der Industrie befinden sich in Deutschland in blühendein Zustande. Kürzlich ist in der Eisenindustrie freilich ein kleiner Rückgang eingetreten, dafür wird Deutschland aber allmählig ein furchtbarer Konkurrent für den Schiffsbau am Tyne und dem Clyde. Die deutschen Geschäftsleute vertreten ihre Interessen mit unermüdlicher Geduld und mit großem Erfolg auch im Auslande, und das sollten sich die Engländer besonders merken. Was die Deutschen an der Westküste Afrikas erreicht haben, ist bekannt. Man hat allen Grund anzunehmen, daß jetzt Marokko sich unter ihrer kommerziellen Vermessung befindet. Die Franzosen haben dort nicht den erwünschten Erfolg gehabt, und da Großbritannien sich mit wenigem begnügt, so „beißt der Teutone zu" .... Daß eine „Nation von Krämern" mit einem Handel über die ganze Welt sich Deutschland zum Beispiel nehmen muß, ist beschämend. Und dennoch sollte es geschehen. Wie bereits angeführt, schlagen uns die Deutschen nach einzelnen Richtungen wie im allgemeinen. Sie sorgen dafür, daß ihre Handlungs-
Geschichtskalender.
28. Juli.
1432. Die Hussiten vor Naumburg (Naumburger Kirchfest.) 1656. König Karl X. schlägt mit Hülfe des großen Kurfürsten die Polen in der Schlacht bei Warschau.
1742. Der Friede zu Breslau und Berlin beendet den ersten schlefischen Krieg.
1794. Robespierre wird, 36 Jahre alt, mit noch 20 seiner Anhänger guillotiniert.
1833. William Wilberforce, der unermüdliche Vorkämpfer für die Abschaffung des Sklavenhandels, stirbt zu London.
Im Schatte« des Lebens.
Roman von P. Felsberg.
(Fortsetzung.)
In diesem Augenblick wurden die Baronin und Valentine gemeldet. Mit doppeltem Interesse hing nun der Gräfin Blick an dem jungen Mädchen, und ihre große Zuneigung zu demselben erklärte auch sie sich nun durch die Bande des Blutes. Nein, sie hatte keinen Zweifel mehr an der Identität Valentinens mit ihrer Enkelin.
Bald hatte sich die Gesellschaft, der sich auch Fritz Gol- manu und dessen fast unzertrennlicher Begleiter, Gras Fritz, augeschloffen, dem Seeuser genähert und die Gräfin pro- ponierte eine Fahrt auf dem ruhigen Wasserspiegel. Sie wußte es so eiuzurichten, daß sie mit Frau v. Hochberg und Golmann das eine Boot bestieg, während Valentine mit Graf Fritz in einem andern Platz nahmen, dessen Führung einer der Gartengehilfen übernahm.
Golmann steuerte sein Boot so, daß sie außer Gehörwette des andern blieben.
Nach einigen einleitenden Bemerkungen rückte die Gräfin
gehilfen außer ihrer eigenen eine oder zwei fremde Sprachen lernen. Das gibt ihnen überall einen großen Vorteil. Dann senden sie polyglotte „Reisende" über die ganze Welt, und das ist auch keine britische Praxis."
Also auch dieses Urteil gipfelt darin, daß die deutschen Kaufleute ein größeres Maß von Kenntnissen besitzen, das ihnen in allen und jeden Beziehungen vorteilhaft zu statten kommt. Wie uns das einerseits nur mit Genugthuung erfüllen kann, legt es uns andererseits die Verpflichtung auf, darauf zu sehen, daß auf dem eingeschlagenen Wege fortgeschritten und in Zukunft womöglich noch größere Fortschritte in dieser Beziehung gemacht werden.
Bei dieser Umschau wird man bald zur Erkenntnis kommen, daß im Großen und Ganzen für die Ausbildung und Fortbildung des Kaufmanns bei uns noch sehr wenig geschieht, und daß der Kaufmannsstand in dieser Beziehung als Aschenbrödel behandelt wird. Die verschiedenen Zweige des Handwerks besitzen ihre Fortbildungs- und Fachschulen, in denen die Lehrlinge nicht nur die erforderliche Weiterbildung in allgemeiner Beziehung erhalten, sondern die sie auch auf ihren speziellen Beruf vorbereitet und die theoretische Ausbildung übernimmt. Die Fortbildungs- und Fachschulen erfahren die erfreulichste Förderung und Unterstützung der Behörden kommunalen und staatlichen Charakters und zwar auch in materieller Beziehung.
Für die Ausbildung des Kaufmanns dagegen geschieht, einzelne große Städte abgerechnet, gar nichts. In den meisten Fällen ist der Kaufmannslehrling darauf angewiesen, sowohl seine allgemeine Fortbildung als die gerade für seinen Beruf so nötigen theoretischen und Sprachkenntnisse durch Selbststudium zu erwerben. Mit welchen Schwierigkeiten das aber für einen jungen Menschen verbunden ist, begreift der ohne weiteres, der einmal einen solchen Versuch gemacht hat. Hier muß Wandel geschaffen werden. Man wende nicht ein, daß die jetzigen Zunände genügten, da sie das oben dargelegte erfreuliche Resultat gezeitigt hätten. Nimmt man an, daß die Intelligenz des Kaufmanns für seine Erfolge Ausschlag gebend ist, so kann man für den Aufschwung des Handels nicht genug solcher genügend gebildeten Kaufleute wünschen. Auch unser heutiges höheres Schulwesen ist durchaus nicht geeignet, den Mangel von kaufmännischen Fortbildungsschulen zu ersetzen. Man denke nur an die Unfähigkeit unserer Schulen, den Schüler auch nur mit einer der modernen fremden Sprachen gehörig vertraut zu machen und nun gar mit der Sprache, wie sie der Kaufmann gebraucht. Die privaten Handelsschulen sind nicht jedem zugänglich und so ist als einzig rationelles Mittel die Errichtung von kaufmännischen Fortbildungs - Fachschulen nach dem Muster derjenigen für die Handwerker in möglichst großer Zahl zu fordern. Die.Kosten sind gering und an dem Entgegenkommen der Behörden wird es nicht fehlen, wenn die Sache erst einmal in Fluß gekommen ist.
direkt auf ihr Ziel los — sie konnte eben die Entwickelung, die fast sichere Erfüllung ihrer Hoffnung kaum erwarten.
„Ich habe in letzter Nacht vielfach unruhig geschlafen,* sagte sie zur Baronin, „und da kommen einem gar vielerlei Gedanken. So dachte ich auch an Ihre liebe Valentine. Sie erzählten mir in Baden-Baden, im vorigen Sommer, sie sei eine Adoptivtochter; ist es indiscret, zu fragen, beste Freundin, wer die Eltern des Kindes waren?"
Frau v. Hochberg warf einen schnellen Blick auf Golmann, der anscheinend ausschließlich mit seinen Rudern beschäftigt war.
„Golmann," bemerkte die Gräfin, „ist ein erprobter Freund unseres Hauses — ja, noch mehr als das, er ist sogar ein naher Verwandter desselben; Sie können seiner Discretion — falls diese notwendig — im Voraus sicher sein. Wenn Sie mir über Valentine erzählen wollen, was Sie können — meine Freundin, so werde ich Ihnen auch über Fritz Golmann erzählen, was ich weiß; also vertrauen wir einander. — Und ich glaube, die Mitteilungen werden sich ergänzen," schloß die Gräfin, mit dem Kopfe seltsam nickend.
Frau v. Hochberg blickte überrascht die Gräfin an: — „Welcher Zusammenhang," dachte sie, „kann zwischen Valentine und dem Intendanten der Gräfin bestehen?"
Doch sie begann: — „Wenn ich in diesem Augenblick wüßte, Frau Gräfin, wer die Eltern meiner Valentine sind und wo ich sie ftnbett könnte, so würde mich das unaussprechlich glücklich machen."
Sie erzählte nun die dem Leser bekannte Art und Weise der Auffindung des Kindes, gab die Oertlichkeit ungefähr an, wo der Vorfall sich begeben hatte, erwähnte der in den gelesensten Zeitungen erlassenen Aufforderungen, die sämtlich erfolglos geblieben waren, und schloß mtt der Liebes- und
Deuttches Reich.
Berlin, 27. Juli. Verschiedene Blätter, auch bayerische, meldeten dieser Tage mit aller Bestimmtheit, daß die übliche militärische Besichtigungsreise des deutschen Kronprinzen nach Bayern in diesem Jähre unterbleiben werde. Gutem Vernehmen nach ist diese Meldung unbegründet. Nach den bisher getroffenen Reisebestimmungen wird sich der Kronprinz in den ersten Tagen des Monats September nach Bayern begeben und wird daun am 12. September als Vertreter seines Kaiserlichen Vaters der silbernen Hochzeitsfeier des hohenzollernschen Fürstenpaares in Sigmaringen beiwohnen und sich von dort zu den Kaiser- manövern nach dem Elsaß begeben. — Die schon für die nächste Zeit erwartete Zusammenkunft zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Minister v. Giers hat, wie man der „Kölnischen Zeitung" aus Petersburg vom 24. d. Mts. telegraphiert, neuerdings einen Aufschub erfahren, da Herr v. Giers, der sich zur Zeit bei der Kaiserlichen Familie in Peterhof aufhält, sich entschlossen hat, wegen der Vorbereitungen zur bevorstehenden Vermählung seiner Tochter, seine Reise ins Ausland fürs erste auszusetzen. — Laut Verfügung des Eisenbahnministers sind die bei den Staatsbahndirektionen beschäftigten Regierungs-Maschinen-Bauführer und Maschinenmeister zu benachrichtigen, daß sie fortan den Titel Regierungs-Bauführer und Regierungs- Baumeister tragen. — Aufsehen erregt die bevorstehende Ersetzung des bisherigen Leiters des Schulwesens in Marienwerder, Gedicke, durch den Negierungsrat Perkuhn, welcher, früher Staatsanwalt im Posenschen, später nach Entfernung Ledochowskis das Vermögen der Posener Diözese verwaltete und den Ruf genießt, eine besondere Energie gegen die Polen entwickelt zu haben. — Gegenüber einem Dementi der „Magdeb. Ztg." hält die „Kreuz-Ztg." ihre Meldung, daß eine Aenderung des militärischen Berichterstatterwesens bevorstehe, aufrecht und weist auf ein gleiches Vorhaben in Oesterreich hin. Sie schreibt: „Es liegt auf der Hand, daß ein dortiges Vorgehen in bezeichneter Richtung auch bei uns die Erwägung Hervorrufen muß, inwieweit wir dem gegebenen Beispiele folgen sollen. — Die norddeutschen Spiritus-Industriellen werden sich noch einmal eine ernste Rüge von seilen der Regierungsblätter zuziehen, wenn sie in ihren Organen fortfahren, den Bundesrat anzugreifen, daß er nicht vor seinen Ferien noch die Verlängerung der Steuerkreditfristen für die Branntweinbrenner beschlossen hat. Unter dem 8. Juni, als man mit Sicherheit das Nicht-Zustandekommen eines wenn auch nur vorläufigen Steuergesetzes voraussehen konnte, hatte der Vorsitzende des Vereins der Spiritusfabrikanten, der frühere Abgeordnete Kiepert - Marienfelde, den Antrag auf Verlängerung der Steuerkreditfristen an den Bundesrat gerichtet. Am 3. Juli wurde dieser Antrag den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Durch persönliche Rücksprache mit maßgebenden Personen war nun versucht worden, die Entwickelung der Angelegenheit in ein schnelleres
Leidensgeschichte Valentinens und des Prinzen, ihres Neffen, wie sie auch der Bemühungen des Letzteren erwähnte, der sich immer noch in der Gegend befand, wo Frau v. Hochberg Valentine gefunden hatte, um die Spur ihrer Eltern dort aufzufinden.
Die Gräfin Biela war schon überzeugt.
„Seltsam!" sagte sie, und drückte der Frau v. Hochberg die Hand. „Doch das Medaillon," fuhr sie fort, „das Sie an dem Kinde sanden, trägt Valentine es noch?
„ES ist dasselbe, welches sie stets, auch in diesem Augenblicke trägt."
„Und befinden sich in demselben zwei Porträts, das eines Mannes und das einer jungen Frau?"
„Nur das eines schönen jungen Mannes," entgegnete Frau v. Hochberg.
Man landete in diesem Augenblicke. Die Insassen des ändern Bootes erwarteten schon am Ufer die Ankommenden.
„Darf ich Sie bitten, beste Freundin, mir das Porträt des Medaillons zu zeigen?" .
„Valentine," sagte Frau v. Hochberg, „lose Dem Medaillon und gieb es der Gräfin."
Mit zitternde» Händen öffnete die alte Dame das Medaillon; — Das Bild ihres einzigen Sohnes, wie er vor etwa 18 Jahren ausgesehen, erblickte sie. Mit Thräuen, die sie nicht mehr zurückzuhalten vermochte, preßte sie Valentine an ihr Herz. Der Frau v. Hochberg wehmütig die Hand drückend, flüsterte sie mehr, als sie sprach: „Lassen Sie mich dies Medaillon in der Hand behalten, bis wir im Speisesaal angelangt sind, dann will auch ich erzählen!"
Tie Baronin schien eine Ahnung zu haben, daß auch für sie und Valentine Enthüllungen sich vorbereiteten.
(Fortsetzung folgt.)