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Rt. 173.

Marburg, Dienstag, 27. Juli 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und geiertcgen. Quartal- LLonnementS-Preis bei bei Expedition 2'-/« Ml., bei den Postämter 2 Ml. 50 Bfg. (excl. Bestellgeld). Jniertionsgebübr für die aefpofiene Zeile 10 Pfg. Rrficm^n für die Zeile 25 Pfg.

OIikcheUllsk Aitmz.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux ron Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M-, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudol' Mofse in Frankfurt a M., Berlin,V ünchen und Köln; G. L. Daube und Co. n rant'urt a. M-, B ri n, Ha ntD. t u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Lerlag von Joh. Ang. Koch.

Für die Monate August und September nehmen alle Postanstalten, unsere Agentur in Kirchhain und unsere Expedition Bestellungen aus die

Oberhessische Zeitung

nebst deren Beiblätter

entgegen.

MB* Im Geschichtskalender werden auch die Gedenk­tage der Jahre 1870/71 aufgeführt.

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Agitationen gegen Deutschland.

Es ist eine bekannte Thatsache, daß der jetzige Kaiser von Rußland in jüngeren Jahren die Verehrung, welche so viele russische Großen dem Franzosenthum in sehr hohem Grade widmen, in vollem Maße geteilt hat. Der furcht- bare Tod seines Vaters, über den die Pariser Ultras ein Jubelgeschrei erhoben, hat diese jugendlichen Illusionen sehr vermindert; es kam dann wohl noch einmal eine Zeit, in welcher die Herren Jgnatiew, Skobclow und Konsorten am Kaiserhofe in Petersburg mit ihren französischen Syrn- pathieen dominierten, aber auch diese Periode ist vorüber­gegangen. Alexander III. ist seit Skierniewice ein guter Freund Deutschlands und Oesterreichs geworden. Selbst der reifere Mann gedenkt aber doch noch ab und zu seiner Jugendträume und auch der Czar hat das bewiesen. Zu der Enthüllung des Denkmals des Generals Chanzy. der in Petersburg eine zeitlang als französischer Botschafter gewesen war, jn seiner Vaterstadt Nouart, welche ihrer ganzen Qualität nach von vornherein einen ausgesprochen deutschfeindlichen Charakter tragen mußte, sandte er eigens den aus Urlaub in Petersburg befindlichen russischen Mili­tärbevollmächtigten in Paris, General Fredcriks, der be­kanntlich auch tapfer in das Revanchehorn mitgeblasen hat. Die Worte des Generals sind persönliche Auslassungen und haben daher keinen Wert weiter, denn daß mancher russische Offizier im Verein mit Frankreich auf Deutsch­land losschlagen möchte, das ist so bekannt, daß kein Wort mehr darüber verloren zu werden braucht. Bemerkens­wert ist nur die demonstrative Entsendung des Generals auf eigenen Befehl des Czaren und daß rem General ge­rade keine besonderen Vorschriften über sein Verhalten bei der Feier gemacht sind.

Aus dieser Thatsache haben die Franzosen, ihrem chau­vinistischen Charakter gemäß, sofort große Hoffnungen auf ein dcreinstiges Revanchebündnis mit Rußland geschöpft! Das ist dummes Zeug und die russische Botschaft in Paris hat das auch sehr trocken erklärt. Diese Erklärung hätte abkühlend wirken sollen; aber so leicht lassen die Franzosen

ihre Extravaganzen nicht fahren und einer der Pariser Hauptschrcier hat daraus sogar den Muth zu einem ganz besonderen Heldenstücklein gewonnen. Der größte Maul­held in Paris, der am meisten die Revanche predigt, ist bekanntlich Herr Paul Döroulode, fiines Zeichens Dichter. Die letztere Beschäftigung hat ihm wohl zu wenig einge­bracht und deshalb gründete er die Patriotenliga, in der alle nur möglichen Deutschfeinde vertreten sind und die in Paris dank der mordsmäßigen Reklame ein großes Wort führt, so daß auch die Regierung mit ihr rechnen muß. So ist Herr Deroulede ein angesehener Mann ge­worden, der noch dazu die Taschen voll Geld hat und ein höchst bequemes Leben führen kann. In letzter Zeit hat er Italien und Griechenland besucht, überall gegen Deutsch­land geredet und cs verstanden, noch mehr von sich selber reden zu machen. Alles war aber dem wackeren Patrioten nicht genügend, und so hat er denn nun auch einen Eroberungö- zug nach Rußland unternommen, um die Russen für ein Bündnis mit Frankreich zu gewinnen, sie wenigstens einem solchen geneigt zu machen.

Der Gedanke, daß es ein simpler Privatmann unter­nimmt, ein politisches Bündnis zwischen zwei mächtigen Staaten zu Stande zu bringen, ist so herzlich dumm, daß man darüber lachen könnte. Leider ist gar nicht so viel zu lachen dabei. Die Idee mit dem Bündnis ist freilich abgeschmacktes Zeug; aber wie es auf der ganzen Welt Dumme giebt, die auch die thörichten Geschichsten glauben, so giebt in Europa zahlreiche Leute, die auf eine tüch­tige Brandrede gegen das Deutsche Kaiserreich so versessen sind, wie der Fisch auf einen fetten Köder. Mr. Törou- lede kennt seine Leute. So ist denn seinem Erscheinen in Rußland selbst von Blättern, welche der Regierung, oder richtiger gesagt, dem Hofe und der an demselben herr­schenden panslavistischen Klique, nahestehen, mit langen Artikeln begrüßt, als ob es sich um Wunder was für einen großen Mann handelte. In Odessa, wo der fran­zösische Agitator den russischen Boden betrat, ist ihm von allen jenen Elementen, die auf das Deutschtum schlecht zu sprechen sind, ein großer Empfang bereitet worden und was für Reden dabei gehalten wurden, braucht wohl nicht weiter gesagt zu werden. Herr Düroulede ist in Rußland zur Modeneuheit geworden! Was zwischen Petersburg und Berlin abgemacht ist, daran kann er auch nicht entfernt rütteln, aber man sieht wieder einmal, was die Franzosen für die Zukunft von Rußland erhoffen.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Juli. Fürst Bismarck begiebt sich, dem Vernehmen nach, in den ersten Tagen des August nach Gastein zu dem Kaiser. An diese Nachricht wird die weitere geknüpft, daß im Laufe desselben Monats Kaiser Franz Joseph dem deutschen Reichskanzler eine Audienz erteilen wird. Diese Aussicht verstärkt noch den Kreis der von allen Seiten einlaufenden Friedensnachrichten. In

fast erhöhtem Maße dürfte dieser Hochsommer zu einer Zeit der Sammlung für alle werden, welche den ernsten Willen verfolgen, die Ruhe Europas in gegenseitiger Ver­ständigung der Interessen vor planlosen Gewaltsamkeiten einzelner sichcrzustellen. DieBerl. Polit. Nachrichten" versichern, daß angesichts der Zusammensetzung des gegen­wärtigen Reichstages die Regierung diesem Reichstage keine weitere Branntweinsteuervorlage machen werde. Die Wähler müßten zunächst über die Bedürfnisfrage ent­scheiden. lieber das Verhältnis der Taufen zu den Ge­burten in der evangelischen Landeskirche Preußens werden folgende auf das Jahr 1884 bezügliche Daten bekannt. Geboren wurden im genannten Jahre im Gebiete der evangelischen Landeskirche (mit Ausschluß der Provinzen Schleswig-Holstein, Hannover und Hessen-Nassau) 528069 lebende Kinder, und zwar aus rein evangelischen Ehen 452147, aus evangelischen Mischehen 23529 und von evangelischen Müttern außerehelich 52393. Getauft sind 495192 Kinder, also 32 878 weniger als geboren sind. Der Prozentsatz der Getauften \ 93,77 pCt.) ist etwas ge­ringer als im Vorjahre, in welchem er 93,98 pCt. betrug, stimmt dagegen genau mit dem des Jahres 1882 überein. Von den Kindern aus rein evangelischen Ehen sind 95,51 pCt. getauft; am größten ist der Prozentsatz in Schlesien mit 98,25 und in Westfalen mit 98,04, am geringsten in Brandenburg mit 94,50 und in Berlin mit 84,99 pCt. Von den Kindern aus Mischehen wurden 40,98 PCt. evangelisch getauft; die meisten in Berlin (54,01) und Posen (48,31), die wenigsten in Westfalen (31,16 pCt.). Von den unehelichen Kindern evangelischer Mütter wurden in Pommern 89,99 pCt., in Westfalen 89,92 pCt. und in Schlesien 89,53 pCt. getauft; in Rheinland und Westfalen (teilweise), dagegen nur 79,75 und in Berlin 72,35 pCt. Bezüglich der Gesamtheit aller Kinder steht Pommern mit 96,32 pCt. Getauften oben an, dann folgen Schlesien mit 95,76, Posen mit 95,58, Rheinland und Westfalen (teilweise) mit 64,44, Ost- und Westpreußeu mit 93,89, Sachsen mit 93,33, Brandenburg mit 93,22, Westfalen mit 86,06 und Berlin mit 84,66 pCt. Unter einzelnen Großstädten heben wir hervor Posen mit 91,37 pCt. Taufen, Breslau mit 93,37 pCt., Danzig mit 91,09, Königsberg i. Pr. mit 86,39, Stettin mit 85,70 und Magdeburg mit 78,38 pCt. lieber die Gefängnis­arbeit finden wir imDüss. Anz." folgende, wie wir meinen, zutreffende Ausführungen: Auf dem Kongreß deutscher Schuh­machermeister, welcher vor einigen Tagen in Berlin statt- fand, kam auch die Frage der Konkurrenz zur Sprache, welche die Beschäftigung der Gefangenen in den Straf­anstalten den freien Arbeitern macht. Die ungünstige Lage, in welcher sich das Schnhmachergewerbe befindet, wurde zum Teil auch auf diese Konkurrenz zurückgeführt und beschlossen,bei der Staatsregierung dahin zu wirken, daß in den Strafanstalten gewerbliche Arbeiten nur für den eigenen Bedarf der Anstalt, sowie für sonstige Sfaais-

Geschichtskalerrder.

27. Juli.

1519. Feierliche Eröffnung der 17täg. Disputation zu Leipzig zwischen Dr. Luther und Dr. Eck.

1598. Ereignete sich in der Stadt Sontra ein seltenes Glück im Unglück: der erst seit vierzig Jahren, nach dem großen Brande von 1558, wiederhergestellte Kirchturm stürzte ohne äußere Veranlassung zusammen, und begrub im Falle den Türmer und die fünf Glocken des Turmes. Als man den Schutt aufräumtc, wurden die Glocken unbeschädigt und der Türmer lebendig unter den Trüm­mern hervorgezogen.

1743. Das verbündete österreichisch-englische Heer siegt bei Dettingen über die Franzosen und treibt sie über den Rhein zurück.

1830. Die drei Julitage (27.-29.) entscheiden über das Geschick der franz. Bourbonen.

Im Schatten des Lebens.

Roman von P. Felsberg. (Fortsetzung.)

Tie Neigung des Königs für Valentine war bald nur noch ein öffentliches Geheimnis bei Hofe, und als daher Frau von Hochberg eines Tages für sich und ihre Tochter die Königin um einen längeren Urlaub bat, erteilte ihn diese um so bereitwilliger, als sie innerlich erfreut war, dadurch den Gegenstand der Liebe ihres Sohnes zu beseitigen und damit die Möglichkeit unangenehmer Verwickelungen, viel­leicht selbst betrübender Ereignisse, zu entfernen. 8118 Vor­wand für die Abreise der beiden Damen ward bei Hofe verbreitet, daß eine Luftveränderung für Fräulein von Hochberg, deren Krankheit noch frisch im Gedächtnis war,

eine Notwendigkeit geworden. Einige entgegenstehende Ge­rüchte, die auftauchten, verstummten bald, da das hohe Ansehen der Baronin in den Hof kreisen ein zu begründetes war.

Frau von Hochberg beeilte selbst die Abreise nach Behrungen und traf dort an einem herrlichen Maitage mit Valentine ein. Für die Gräfin Biela war dieser Tag ein Festtag, denn sie hatte eine gieße Zuneigung für beide Damen, namentlich für das junge Mädchen gefaßt.

Den uniäugbar tiefsten Eindruck aber hatte Valentine auf Fritz Golmann gemacht: er glaubte seine Schwester Emilie vor sich zu sehen, als diese etwa 18 Jahre alt ge­wesen, Fritz war durch Alfred vollständig in alle Verhält­nisse eingeweiht; er wußte, daß im Augenblick noch eifrige Nachforschungen nach seiner Nichte getroffen wurden. Schon seit mehreren Tagen verfolgte ihn auf Schritt und Tritt der Gedanke, Valentine müsse Alfreds und Emiliens Tochter fein; die Aehnlichkeit war zu frappant, und je mehr er ein sehr ähnliches, um jene Zeit gemaltes Bild seiner Schwester betrachtete und bann bei frischem Eindruck die junge Boroneffe Hochberg wieder sah, um so fester faßte der Glaube in ihm Wurzel, daß er sich nicht irre.

Doch was sollte er thuns An den Grafen Alfred nach W. schreiben und ihm seine Mutmaßung mitteilen ? Es war fast vorauszusehen, daß dieser ihm antworten würde, eine bloße Aehnlichkeit sei zu trügerisch und man könnte darauf hin keine direkten Recherchen unternehmen.

Sollte er es der alten Gräfin mitteilen? Er wußte, daß auch sie von dem lebhaftesten Wunsche beseelt war, ihrem Sohne fein Kind zurückgegeben zu sehen, und sie konnte am Ende besser als jeder Andere die nötigen Er- forschungen anstellen. -

Eines Morgens, als er der Gräfin Bericht erstattete, nahm er sich ein Herz und fragte:Verzeihung, gnädigste

Gräfin, ist Baronesse Valentine wirklich die leibliche Tochter der Fran von Hochberg?*

Nein, Golmann", erwiderte Gräfin Biela;sie ist von ihr, so viel ich weiß, adoptiert.*

Und ist Ihnen bekannt, Frau Gräfin, wer die Eltern der jungen Baronesse waren? . . . ."

Weshalb diese Frage, Golmann?" sagte nun die alte Dame, der die näheren Verhältnisse der Auffindung Valen- tinens unbekannt waren.

Weil ich, bis ich eines Besseren belehrt sein werde, die feste Ueberzeugung habe, daß das junge Mädchen Ihre Enkelin ist, die Tochter des Herrn Grafen und meiner Schwester Emilie!

Golmann!" rief die Gräfin, sich in ihrem Fateuil hoch aufrichtend.Welche Beweise haben Sie für das, was Sie sagen?"

Für j-tzt nur einen, gnädigste Frau Gräfin, und ich wünschte wohl diesen Ihnen vorsühren zu dürfen. Gestatten Sie mir, ihn zu holen?"

Gewiß schnell!"

Golmann ging und kehrte nach einigen Minuten mit dem Porträt seiner Schwester zurück.

Die Gräfin konnte beim Erblicken desselben einen Ausruf der höchsten Ueberraschung, man könnte sagen freudigen Schrecks, nicht unterdrücken. Lange und mit großer Auf­merksamkeit betrachtete sie das Bild, schloß dann die Augen wie um in der Erinnerung sich das Bild Valentinens recht zu vergegenwärtigen, und sagte bann:

Golmann, haben sie schon zu irgend Jemandem von Ihrer Vermutung gesprochen?"

Nein, Fran Gräfin."

Wollen Sie mir das Bild hier für heute überlassen? Gewiß."