Einzelbild herunterladen
 

Slr. 17«

Marburg, Sonntag, 25. IM 1886,

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 21/. Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). JusertionSgebübr für die gespaltene Zeile 10 Psg. «eflamcn für die Zeile 25 Pfg.

(Olicrljfffifdjr Jcitmiii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Gaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,Münchenund Köln; G. L. Daube und Go. n rantfurt a. $t., B< rl n, Ha nover u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition> Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Für die Monate August und September nehmen alle Postanstalten, unsere Agentur in Kirchhain und unsere Expedition Bestellungen aus die

Oberhessische Zeitung

nebst deren Beiblätter

entgegen.

»Mf- Im Geschichtskalender werden auch die Gedenk­tage der Jahre 1870/71 aufgeführt.

Abonnements - Preis für 2 Monate bei der Post (frei ins Haus).....Mk. 1,94.

Bei unserer Agentur in Kirchhain . 1,74.

Bei unserer Expedition ... 1,50.

Neu zugehende Abonnenten erhalten die Zeitung vom Tage der Bestellung an bis zum 1. August gratis.

Wochenschau.

Das Ereignis der sonst recht, ereignisarmen Woche war die Kaiserreise durch Bayern, Kaiser Wilhelms Fahrt von der Insel Mainau nach Wildbad Gastein. Ein ge­radezu überwältigender Jubel, wie er aus dem tiefsten Herzen emporquillt, ist dem greisen Herrn entgegengebraust, in allen Städten, die er nur in Bayern berührte. Stunden­weit war sogar die Bevölkerung herbeigeströmt, nur um den kaiserlichen Extrazug vorübereilen zu sehen. In Lindau, in Augsburg, in München, überall war der greise Herrscher der Gegenstand und Mittelpunkt begeisterter Ovationen, es war, als ob sich das Bayernvolk nach den bekannten trau­rigen Ereignissen wieder ausjubeln müsse. Die ungemein herzliche Begrüßung zwischen dem Kaiser und seinem Vetter, dem Prinz-Regenten Luitpold von Bayern, kann als Be­siegelung des guten Einvernehmens zwischen dem Reich und Bayern angesehen werden, sie, sowie die ganze Kaiserreise, sind die besten Bürgschaften dafür, daß seit dem Tode Ludwigs II. die Beziehungen zwischen Bayern und dem Kaiserreich sich nicht verschlechtert, sondern nur verbessert haben. Mag es fortdauern für alle Zeiten.

Wohlbehalten ist Kaiser Wilhelm über Salzburg und Lend in Wildbad Gastein eingetroffen, das der Monarch seit mehr denn zwanzig Jahren besucht und dort festlich empfangen worden. Der Kuraufenthalt ist auf drei Wochen bemeffen. Während der gleichen Zeit verweilt die Kaiserin Augusta in Schlangenbad. In Gastein wird der Kaiser zu Anfang August, wie alljährlich, mit seinem hohen Ver­bündeten, dem Kaiser Franz Joseph von Oesterreich, eine Zusammenkunft haben. Liegt auch im Moment nicht der geringste Anlaß vor, dem Frieden zu mißtrauen, so erweckt die (Safteiner Kaiserentrevue doch auch jetzt wieder ein frohes Gefühl, bildet sie doch einen der ersten Marksteine für die Beständigkeit des Friedens. Der Kaiserzusammen­kunft vorausgegangen ist die zwischen dem Reichskanzler Fürsten Bismarck in Kissingen und seinem österreichischen

Kollegen, dem Grafen Kalnoky. Ueber die speziellen Be­sprechungen wird dies und jenes gemeldet, manche Zeitungen wollen haarklein wiffen, was verhandelt wird. Besieht man die Sache genau bei Licht, so wiffen sie gerade so viel, wie jeder andere Mensch, nämlich gar nichts. Der Reichskanzler ist bekanntlich nicht für dasAusplauschen" zu ungelegener Zeit. Später wird wohl auch der russische Minister Herr von Giers den Reichskanzler aufsuchen. Die Visite war verlegt wegen der Wolke, welche die Batum- frage am politischen Horizont hervorgerufen hatte

Ziemliches Aufsehen hat die Nachricht von dem bald bevorstehenden Rücktritt des französischen Botschafters in Berlin, des Baron de Coureel, erregt. Der Botschafter ist ein durchaus ruhiger Mann, dem die Aufrechterhaltung guter Beziehungen zwischen Berlin und Paris ehrlich am Herzen liegt. Hinter den Kulissen scheint sich aber in Paris manches seit dem Hervortreten der radikalen Rich­tung abgespielt zu haben, was dem Botschafter sein Amt sehr erschwert hat. Er ist jedenfalls fest entschlossen, aus dem diplomatischen Dienst zu scheiden. Dasselbe wird übrigens von dem deutschen Botschafter in Paris, Grafen Münster, gemeldet. Es heißt, derselbe solle durch den Grafen Hatzfeldt ersetzt werden, während Graf Herbert Bismarck als Botschafter nach der englischen Hauptstadt geht.

Steuer-Konferenzen haben zwischen den süddentschen Finanzministern stattgefunden. Man sagt, die Herren hätten sich mit einem neuen Branntweinsteuergesetz be­schäftigt, das in der Ausarbeitung begriffen sei und dem Reichstag in der nächsten Session zugehen werde. Daß ein neues Branntweinsteuer Gesetz kommt, ist wohl zweifellos.

Boulanger! Damit ist eigentlich schon die ganze Wochen- Uebersicht von Frankreich gegeben. Der Kriegsminister General Boulanger ist durch fein unblutiges Duell mit dem orleanistischen Baron Lareinty, bei dem die Luft ein paar neue Löcher bekam, der Nationalheros von Frank­reich. Er wird rein vergöttert. Wo eine Zeitung etwas gegen diese Hanswurstiade zu sagen wagt, werden ihr die Fenster eingeworfen, wie es in Marseille einem orlea- nistischen Blatt wiederholt ergangen, wo die Polizei Ein­greifen mußte. Jedenfalls ist Boulanger Hahn im Korbe, und verläßt ihn fein Glück nicht, so ist er der nächste Präsiden^ der französischen Republik. Revanchereden hat es wieder einmal gegeben in Nouart, wo ein Denkmal für den General Chanzy enthüllt worden ist. Den Fran­zosen kann man das ja kaum übelnehmeii, aber wunderbar ist es, daß auch der russische Militärbevollmächtigte in Paris, welcher der Feier beiwohnte, ziemlich deutlich in diesen Ton mit einstimmte. Hinterher soll natürlich alles nicht wahr oder nicht so gemeint gewesen fein. Wir kennen aber unsere Pappenheimer unter den russischen Generalen schon! Die Skobelews sind noch lange nicht ausgestorben.

Ihren Ministerfrack hübsch an den Nagel gehängt haben in London Herr Gladstone und seine Kollegen. Das Kabinett hat infolge des Wahlreinfalles seine Entlassung gegeben und die Königin Viktoria hat dieselbe angenommen. Der konservative Lord Salisbury ist mit der Neubildung der Regierung betraut worden. Wer weiß aber, ob nicht in allzulanger Zeit Gladstone seinen Ministerrock wieder aus dem Schrank hervorholen kann? Die englischen Vartei- Verhältnisse sind noch lange nicht geklärt genug, um eine sichere Negierung zuzulassen. Aus Birma lauten die Nachrichten andauernd schlecht, die Aufständischen gewinnen mehr und mehr Terrain.

Sehr lebendig ging es wieder bei den heißblütigen Magyaren zu. Der Korpskommandeur Baron Edelsheim- Giulay in Pest ist in den Ruhestand getreten und hat zu zu seinem Nachfolger den Grafen Pejacsevich, den man dort nicht recht leiden tarnt, erhalten. Dazu wurde schon der Mund schief gezogen. Nun ist aber noch der von den Magyaren aufs bitterste gehaßte General Jansky zum Divisionsgeneral in Josephstadt ernannt, und darüber wollte man in Pest rein aus dem Häuschen fahren. Ministerpräsident Tisza soll sogar mit seinem Abschied ge­droht haben. Es wird aber keine Suppe so heiß gegessen, wie sie gekocht ist. Auch in Pest wird man die Jansky- Suppe sich abkühlen lassen und sie dann tapfer hinunter­schlucken. Die Cholera dauert sowohl in Südösterreich, wie in Italien an, flößt aber keine Besorgnisse wegen Weiterverbreitung mehr ein. In Graz ist ein deutsches Turnfest mit großer Begeisterung gefeiert worden. Acht­hundert sächsische Turner, welche demselben beiwohnten, er­hielten einen prächtigen Empfang.

Schade, schade, daß die Serben in dem bulgarischen Kriege nicht noch etwas mehr Hiebe bekommen haben, ge­lernt haben sie wenigstens nichts, das beweist die Thron­rede, mit welcher König Milan die Skuptschina (Volks­vertretung) in Nisch eröffnete. Darin wird ganz unver- holen gesagt, daß die Feindschaft mit Bulgarien nach wie vor fortbestehe, und daß der Gedanke an eine Vergrößerung Serbiens noch lange nicht aufgegeben ist. Uebrigens dürften die Tage des jetzigen Ministeriums Garaschanow gezählt fein und ein aus den verschiedenen Oppositions- Parteien zusammengesetztes Kabinett an's Ruder kommen.

Dettttch-s Reich.

Berlin, 23. Juli. Eine kaiserliche, von Mainau datierte Verordnung wird publiziert, betreffend die Errichtung einer Kommission für die Herstellung des Nord-Ostsee- Kanals, welche die BezeichnungKaiserliche Kanalkom- miffion" führen und alle Rechte und Pflichten einer Reichs­behörde haben soll. Den Sitz, die Zusammensetzung und den Geschäftsgang der Kommission bestimmt der Rekhs-

Geschichiskaleuder.

25. Juli.

1179. Heinrich der Löwe von Friedrich Barbarossas aus dem Reichstage zu Goslar geächtet.

1215. Friedrich 11. der Hohenstause zu Aachen zum Kaiser gekröm.

1261. Michael Paläologus erobert Konstantinopel und macht damit dem lateinischen Kaisertum ein Ende.

1349. Kaiser Karl IV. wird nach Abdankung GüntherS von Schwarzburg nochmals gewählt und gekrönt.

1491. Heftiger Orkan, welcher in vielen Gegenden die größten Verwüstungen anrichtete und in Hessen unter andern in dem Dorfe Langendorf bei Gemünden die Kirche, sowie alle Häuser, SLeunen und sonstigen Gebäude gänz­lich zertrümmerte, mit Ausnahme eines einzigen geringen Häuschens, in welches man die Kinder des Dorfes in Sicherheit gebracht hatte.

1564. Kaiser Ferdinand I. stirbt, ihm folgt als Kaiser sein Sohn Maximilian IL

1625. Wallenstein, zum Herzog von Friedland ernannt, wird zum kaiserlichen Obergeneral erhoben.

1792. Der Herzog Ferdinand von Braunschweig erläßt als Bundesfeldherr der ersten Coalition zwischen Oesterreich, Preußen und Sardinien ein drohendes Kriegsmanifest gegen das französische Volk.

1850. Die Dänen siegen über die Schleswig - Holsteiner bei Idstedt.

26. Juli.

1581. Die vereinigten Staaten der Niederlande sagen sich förmlich von der spanischen Krone los.

1659. Kam das letzte Beispiel einer Wegelagerung in Hessen vor, welche freilich damals mit Recht nur für einen gemeinen Straßenraub geachtet und als solcher bestraft wurde. Der Fall trug sich zwischen Helsa und Rommerode zu; die Wegelagerer waren ein hessischer in hannöverischen Kriegsdiensten stehender Edelmann in Gesellschaft zweier

nicht hessischer Edelleute; der Raub betraf einen Juden. Der hessische Wegelagerer starb übrigens, wenn er auch für dies Vergehen mit genauer Not dem Tod durch Henckershand entging, doch eines gewaltsamen Todes: er wurde, toenn gleich erst 30 Jahre später, von einem niederstürzenden Baume erschlagen.

1757. Die Franzosen siegen über den Herzog von Cumber­land bei Hastenbeck an der Weser.

1866. Zwischen Preußen und Oesterreich kommt durch Ver­mittelung Napoleons ul. der Waffenstillstand zu Nikols«, bürg zu Stande.

Im Schatten des Lebens.

Roman von P. Felsberg.

(Fortsetzung.)

Die Gräfin, Alfred, Hedwig und das Gefolge fuhren nach der nahen Station und von dort nach ihrem Ziele, der Residenz B. Dort, im Biela'schen Palais, war nach vorheriger Benachrichtigung die gesamte Familie zum fest­lichen Empfange versammelt; Herr und Frau von Bergen, Gräfin Helene, mit ihrem jungen Sohne und Waldemar Heimbeck mit seinen drei Kindern.

Die alte Gräfin ward inmitten ihrer zahlreichen Ange­hörigen in ihre Zimmer geführt; hier umarmte sie zum ersten Mal ihre vier Enkel. Von allen Seiten ward ihr der aufrichtigste, freundlichste Empfang zu Teil. Mit herz­lichster Freude begrüßte und küßte sie namentlich den der- einstigen Erben ihres Sohnes und Namens der doch wenigstens aus einerstandesgemäßen Ehe" hervorgegangen war: dieser Gedanke stieg doch noch unwillkürlich in ihr auf.

Nach einigen Tagen geleiteten Alfred und Helene mit Fritz dieGroßmama" nach Behrungen, wo der alten Dame ein ganz ähnlicher Enifang bereitet war. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter wollten noch einige Tage dort zur Gesellschaft der Mutter bleiben, um bann nach W. zu gehen. Auf die dringende Bitte der Gräfin entschlossen die Eltern

fich, toenn auch schwer, ihr den jungen Grafen dort zu lassen, und Alfred gab einer weiteren Bitte seiner Mutter bereit» willigst Gehör, die darin bestand, ihr zu gestatten, daß fie die Baronesse Hochberg, nebst deren Tochter Valentine zum Besuch in Behrungen einlade.

Aber beste Mama," entgegnete ihr der Graf,Du bist hier absolute Monarchin und hast in jeder Hinsicht zu be­fehlen; Fritz Golmann ist Dein Intendant und Schatzmeister und Du selbst hast carte blanehe für alles! Also ihn', tote Dir beliebt."

Graf Alfred, der selbst seit langen Jahren nicht auf dem Stawmschloffe seiner Familie gewesen, das ja die schmerzlichsten Empfindungen in ihm wachrufeu mußte, hatte während einiger Tage mit seinem Schwager des Geschäft­liche» viel zu besorgen; während dem lebte seine Mutter förmlich wieder auf im Umgang mit ihrer liebenswürdigen Schwiegertochter und ihrem Enkel. Die herrliche, milde Frühlingsluft wirkte aufs Wohlthätigste auf die Gräfin, ebenso das Bewußtsein, nun wieder im Vollbesitz ihrer Rechte und nicht mehr nach dem entlegenen Bolkensteinverbannt" zu fein. Sie war vollständig gekräftigt und unternahm weite Spaziergänge mit Helene und ihrem Enkel. Behrungen war von jeher ihr Lieblingsaufenthalt gewesen und hätten nicht damals das Leiden ihres Gemahls die Uebersiedelung nach der Schweiz zur unabweisbaren Notwendigkeit gemacht, so würde sie auch das Stammschloß der Familie schwerlich anders, als für einige Wintermonate verlassen haben. Da­zwischen kam dann die Genfer Katastrophe und als Ende des Familien-Dramas ihr Exil, Schloß Bolkenstein.

Endlich kam die Stunde der Trennung. Alfted verließ Behrungen mit seiner Gemahlin nach einem ebenso herzlichen wie schmerzlichen Abschiede; ließen sie doch ihr einziges Kind dort zurück!

* *

Gleich nach der Abreise ihres Sohnes hatte die Gräfin der Frau v. Hochberg geschrieben und sie dringend um ihren